NZZ Folio 06/92 - Thema: Fremdenangst, Fremdenhass   Inhaltsverzeichnis

Schlüsselsätze -- Das Beste für die Brut

Von Cora Stephan

Auch so ein Spruch von toten weisen Männern wie Homer, Platon oder Cicero, wonach sich Gleiche gerne mit Gleichen zusammentäten! Der Zeitgeist weht heute ganz anders und verordnet Differenz. Jedenfalls in aufgeklärten Kreisen an den amerikanischen Universitäten, aber auch gemäss den feministischen Schulen: Gleichheit ist repressiv und nützt höchstens weissen übergewichtigen Männern christlichen Glaubens; Vielfalt und Differenz sind alles und zukunftsträchtig.

Abendländische Universalien haben ausgedient, an ihre Stelle setzt der ethnische oder sexuelle Diskurs einen politischen Werterelativismus, wonach der Ungleichheit die grössere Würde zukomme. Diese Politik stellt den Schutz der Minderheit über den schlichten Mehrheitsentscheid, der ja tatsächlich für Ästheten eine rechte Zumutung ist: das Prinzip «one man, one vote» macht uns alle, alle gleich - Hans Müller wie den legitimen Nachfolger von Oscar Wilde. Da loben wir uns doch das Differenzierungsvermögen.

Zumal dann, wenn uns Gesellschaft vor Gemeinschaft geht, Geselligkeit lieber ist als die Nesthockerei Gleichgesinnter. Was ist dann noch dran an der alten Behauptung, gleich und gleich gesellten sich gern? Impliziert sie nicht letztlich keineswegs nur die Gleicherklärung bzw. Gleichberechtigung sonst Ungleichartiger, sondern vielmehr die biologistische Attitüde, wonach mit gewissen ähnlichen Merkmalen ausgestattet sein muss, wer friedlich miteinander leben will?

Ich für meinen Teil habe diese Behauptung in der Jugend nur in ordnungshüterischer Absicht kennen- und deshalb bald verachten gelernt. Noch in den siebziger Jahren war dieser Schlüsselanhänger humanistischer Bildung nichts anderes als ein Argument des Heiratsmarktes: als Frau heirate man tunlich nicht unter dem eigenen Stand, auch «unter Niveau» genannt. Zur Entschuldigung solch biologistisch untermauerter kleinbürgerlicher Ängste kann man ihren Urhebern nur zugute halten, dass sich niemand damals das Ausmass künftiger upward mobility vorzustellen vermochte.

Die Eltern hatten, wie immer, stets nur das Beste für ihre Brut im Auge: in korrekter Einschätzung des Schwierigkeitsgrades des mit Liebe nur kurzfristig verbrämten Unterfangens Ehe und Familie trachteten sie danach, Reibungspunkte zu minimieren. Ihnen schwebte wahrscheinlich das Bild zweier im Gleichtakt von Existenzgründung und Kinderaufzucht am gemeinsamen Strick ziehender und schon ziemlich entsexualisierter Gralshüter der Keimzelle des Staates vor. Wenn man tatsächlich davon träumte, hatten sie unzweifelhaft recht. In Anbetracht dieser hehren Ziele schadet zuviel Ungleichheit.

Aber «gesellt sich gern»? Gesellig war dieses Prinzip der Minimierung von Reibungsenergie ohne Zweifel nicht. Der erotischen Spannung, so verkündete der Gegenentwurf bald, diene die Differenz entschieden eher, Geselligkeit als Begegnung einander fremder Anderer fasst Gleichheit höchstens im Sinne gleicher Rechte oder gleicher Verfügung über einen Regelkanon, der die Begegnung strukturiert. Im übrigen ist alles dem Überraschungsmoment überantwortet. Zumindest theoretisch.

Faktisch ist die Welt natürlich keineswegs mit erotischen oder anderen Flaneuren bestückt, die offenen Auges des Fremden, Unbekannten harren. In der Alltagswelt begnügen wir uns nicht ungern mit den raschen Verständigungen unter Gleichgearteten - das erleichtert doch so vieles und beschleunigt das Leben ungemein. «Wir sprechen die gleiche Sprache!» ist der moderne Euphemismus für prompte Abwicklung geworden, der immerhin noch vage an die alte Bedeutung einer lingua franca erinnert.

Dennoch würde der moderne Mensch so etwas nur unter Pression zugeben. In Deutschland etwa, dem ehemaligen Land der Volksgemeinschaft, wünscht man gerade einer solchen heutzutage beileibe nicht anzugehören. «Ausländer», lasst uns mit diesen Deutschen nicht allein!», verkündet man dort allen, die es wissen, und vielen, die es nicht wissen wollen. Vom Narzissmus ist das ziemlich entfernt, jener angeblich so weit verbreiteten modernen Krankheit, wonach ein jeder sich im anderen wohlgefällig spiegelt, im Fremden lediglich sich selbst erkennt und wütend höchstens dann reagiert, wenn der andere kein so schönes, ebenmässiges, glattes und modernes Bild zurückwirft, wie der Narziss ins Spiel gebracht zu haben glaubt.

Denn Selbsthass ist mindestens ebensoweit verbreitet - was der Gegenthese entspricht, die da heisst, dass einander am meisten hasst, wer sich ähnlich ist. Unziemliche Zeitgenossen leiten aus dieser Grundtatsache spezifische Abneigungen etwa gegen das Schwein als Haus- und Nutztier ab - das Schwein zieht Verachtung und Abscheu auf sich, nicht weil es so augenscheinlich anders ist als der Mensch, die Krone der Schöpfung, sondern weil es ihm in positiver wie negativer Hinsicht so nahe steht. Die besten Versuchskarnickel für Medikamente sind Schweine, sie fressen alles, wie der Mensch, und sie sind intelligent, anhänglich und gut in der Liebe, was man wiederum nicht von jedem Homo sapiens behaupten kann.

Gleich und gleich gesellt sich gern? Eher nicht. Gegensätze ziehen sich an? Nur manchmal. Was bleibt? Alles ist relativ.


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