ICH NEHME DEN UMWEG über die Ulmen-Strasse, weil ich im Schaufenster des Friseursalons Waltraud die Katze sehen will. Vorher, in der Pestalozzi-Strasse, gehe ich an der Bäckerei Schlesinger vorbei und schaue von draussen die Verkäuferin an. Sie ist ganz jung, sie arbeitet noch nicht lange hier, sie kann sich vielleicht nicht recht erklären, warum sie plötzlich nicht mehr in der Schule ist und statt dessen Brot, Brötchen und Kuchen verkauft. In einem der Brotregale hat sie einen Kassettenrecorder versteckt. Wenn der Laden leer ist, drückt sie die Play-Taste, setzt sich auf den Stuhl neben der Kommode und hört Beatles-Lieder. Erst vor ein paar Tagen habe ich ihr gesagt, dass sie den Kassettenrecorder wegen mir nicht abstellen muss. Darüber hat sie sich gefreut.
Die Katze ist wieder da! Das Schaufenster des Friseursalons Waltraud ist schmal. Die Katze liegt der Länge nach hingestreckt zwischen Spraydosen, Reklameschildchen und Parfumfläschchen. Mit den Hinterpfoten berührt sie die Wand links, mit den Vorderpfoten die Wand rechts. Am schönsten ist, wenn sich durch das regelmässige Atmen das Fell leicht öffnet und wieder schliesst. Ich wundere mich, dass nicht mehr Leute vor dem Schaufenster stehen. Nein, eigentlich ist es mir recht, dass nur ich es tue. Ich habe schon festgestellt, dass ich leider ein wenig eifersüchtig werde, wenn ich einen Anblick mit anderen Personen teilen muss. In diesem Fall habe ich Glück. Die Leute haben Schaufenster von Friseursalons aus ihrer Aufmerksamkeit einfach gestrichen.
In der Leibniz-Strasse geht ein nach Sandelholz duftender Inder an mir vorbei. Ihm folgt ein junger Mann, der sich während des Gehens mit einem kleinen Kamm den Oberlippenbart kämmt. Beide beobachten ein paar Schüler an einer Bushaltestelle. Einer von ihnen hat eine Freundin und knutscht sie, zwei andere ohne Freundin schauen dabei zu, halb neugierig und halb verlegen. Die Verkäuferin in der Bäckerei Schlesinger sitzt auf ihrem Stuhl und spielt mit zwei Fingern in ihrem Haar. Aus der offenen Tür der Bäckerei dringt HELP! HELP! HELP! auf die Strasse heraus. In der Kennedy-Strasse muss ich auf die Post. Ich habe dort nichts zu tun, jedenfalls heute nicht, aber ich kann kaum durch die Kennedy-Strasse gehen, ohne mich zwei oder drei Minuten in der grossen Schalterhalle der Post umzusehen. Genauer: umzuhören. Schalterhallen der Post sind die einzigen allgemein zugänglichen Räume, in denen öffentlich und echt gestöhnt wird. Heute ist ein günstiger Tag. Vor den Schaltern haben sich lange Schlangen gebildet, die Ungeduld ist mit den Händen zu greifen. Da ist es soweit! Vor dem Eilboten-Schalter stöhnt ein Herr eindrucksvoll in die Halle. Auch vor dem Postbank-Schalter spitzt sich die Lage zu. Ältere Personen schauen sich hilfesuchend um, greifen nach ihren Brillen und können dennoch nicht die kleinen Schrifttafeln über den Schaltern lesen. Jetzt! Eine nervöse Frau stöhnt ihre Nervosität spitz nach vorne gegen den Schalter.
Im Platanen-Weg schaue ich von aussen in das Schaufenster des Cafés Rosalia. In diesem Café befindet sich nur ein einziger, noch dazu kleiner Garderobenständer. Das bedeutet, dass die meisten Gäste ihre Mäntel und Jacken auf den Stühlen neben sich zusammenknüllen oder übereinanderstauen. Diese merkwürdigen, meist dunkelfarbigen Knäuel und Klumpen sehen von aussen aus wie kleine verhüllte Lebewesen, so dass der Raum momentweise anmutet wie ein Café für Tiere. Manchmal sitzt auch mein Freund Walter in diesem Café. In seiner kleinen Wohnung in der Moritz-Strasse fällt oft die Heizung aus, und da er es müde ist, sich mit Monteuren auseinanderzusetzen, ist er dazu übergegangen, mit Mantel, Mütze und Schal zu arbeiten. Er sagt, im Mantel habe er das Gefühl, von allem weit entfernt zu sein, besonders von sich selbst. Ausserdem gefällt es ihm, im Mantel an das Fenster zu treten und eine Bekannte auf der Strasse zu grüssen, zum Beispiel Elvira, die nicht weit von hier wohnt, übrigens ebenfalls in einer kleinen Wohnung.
Elvira absolviert eine schwierige, lang andauernde Tanzausbildung; sie passt zu ihr, denn auch Elvira ist schwierig und hat diverse Sonderwünsche, die ihr das Leben zusätzlich erschweren. Zum Beispiel möchte sie als Figur «irgendwie» in einem meiner nächsten Bücher «auftreten». Dieser Wunsch macht mich ratlos. Deswegen möchte ich Elvira zurzeit lieber nicht begegnen. Ich rechne damit, dass sie ihren Wunsch wieder vergisst wie manchen anderen auch. Ich möchte aber nicht darauf verzichten, durch die Moritz-Strasse zu gehen. Denn hier befindet sich das Geschäft von Ludwig Baalke. Er ist einer der letzten Kohlenhändler der Stadt. Im Vorgarten seines Anwesens steht ein kleiner Schaukasten, in dem tatsächlich nichts weiter ausgestellt wird als sieben oder acht Briketts, die sich pyramidenförmig in der Mitte des Schaukastens erheben. Ich finde diese Kargheit grotesk und lächerlich, aber auch radikal und kühn. Einmal habe ich versucht, Elvira auf die Ausserordentlichkeit der Briketts aufmerksam zu machen, aber sie hatte keinerlei Verständnis für diese total anti-extraordinäre Schaustellung. Wunderbar! Abends sind sie sogar angeleuchtet. Man sieht von weitem einen kleinen hellen Kasten, man fühlt sich angelockt und neugierig, und dann entdeckt man nichts als acht Briketts! Vermutlich weiss auch der Kohlenhändler nicht, wie frech es ist, in der heutigen Zeit nichts als Briketts anzubieten.
Jetzt will ich die Moritz-Strasse schnell wieder verlassen, weil ich Elvira nicht doch noch in die Arme laufen will. Vorher schaue ich aber noch rasch das unglaublich flackernde Neonlicht in der Änderungsschneiderei Pasqualetto an. Wie jeden Tag sind Herr und Frau Pasqualetto über ihre Nähmaschinen gebeugt. Über ihnen zuckt das Licht mehrerer defekter Neonröhren. Manchmal wirkt es wie ein aufkommendes Gewitter, aber Herr und Frau Pasqualetto arbeiten ungerührt Tag für Tag. Ich verlasse die Moritz-Strasse, Elvira ist mir nicht begegnet. Durch die Pestalozzi-Strasse gehe ich nach Hause und komme wieder an der Bäckerei Schlesinger vorbei. Schon aus einiger Entfernung höre ich A HARD DAY'S NIGHT aus dem Laden dringen. Weil mir der Rundgang geglückt erscheint, werde ich mir ein Stück Torte kaufen. Im Winkel von nahezu neunzig Grad gehe ich auf die Bäckerei zu; so kann die Verkäuferin ohne Hast und ohne Schreck erkennen, dass sie den Kassettenrecorder nicht abschalten muss. Das Mädchen ist freundlich und fast immer ein wenig verlegen. Ich sage, dass ich ein Stück Schokoladentorte möchte, und sehe der Verkäuferin dabei zu, wie sie sich einen Pappdeckel für das Stück Torte zurechtlegt.
Da fragt sie mich, ob sie das Tortenstück auf den Pappdeckel legen darf oder ob es aufgestellt bleiben muss. Eine derartig einfühlsame Frage habe ich in einer Bäckerei noch nie gehört. Die Frage rührt mich und macht auch mich verlegen. Ich habe nicht einmal gewusst, dass eine solche Frage überhaupt gestellt werden kann. Deswegen weiss ich auch keine Antwort, jedenfalls nicht so schnell. Ich gebe einen ausweichenden Laut von mir, den die Verkäuferin offenbar so auslegt, dass ich vielleicht nur aus Scheu nicht sagen will, dass ich ein aufgestelltes Stück Torte bevorzuge. Ich schweige und bewundere die Handgriffe, die nötig sind, ein Stück Torte von einer Kuchenplatte zu lösen und es aufrecht und ohne irgendwelche Schäden und Einbussen auf einen Pappdeckel zu heben.
Wilhelm Genazino, Schriftsteller, lebt in Frankfurt/M. Zuletzt erschien von ihm «Obdachlosigkeit der Fische».