|
|
Schlaue Bauern
© Markus Bühler-Rasom
|
| Umgesattelt von Kühen auf Rösser: Annina Speerli, Geschäftspartnerin von Hans Hutmacher, auf einem Achal Tekkiner aus eigener Zucht. |
|
 |
Seit der Milchpreis im Keller ist, müssen die Bauern über ihren eigenen Schatten springen, um zu überleben. Erstaunliche Geschäftsmodelle von hellwachen Träumern aus Weisslingen.
Von Adrian Krebs
«Ewige Liebe ist ein bisschen hoch gegriffen für dich, ich würde eher den Leo nehmen», sagt Claudia Nägeli am Telefon. Was nach einer Beratung in Liebesdingen klingt, ist die Besprechung des Unterhaltungsprogramms für eine Familienfeier Ende Mai. Claudia Nägeli ist Bäuerin im Weisslinger Farzel, «Ewige Liebe» ist ein Jodlerchörli und Leo ein Komödiant im Nebenamt. Claudia und Samuel Nägeli sind zwar hauptamtlich Milchbauern, daneben aber betreiben sie einen Partyservice und einen Hofladen; im Winter fällt Samuel Bäume für die Waldkooperation Weisslingen, und Claudia betreibt mit zwei anderen Bauern einen Skilift im Dicki auf der gegenüberliegenden Seite des Dorfes. In der Summe bringt dieser Bauchladen an Aktivitäten einen Fünftel ihres Einkommens ein. Nägelis sind keine Ausnahme. Die Bauern in Weisslingen arbeiten nebenbei im Wald, auf dem Bau, fahren Bus und Lastwagen oder handeln mit Computern.
21 bäuerliche Betriebe gibt es noch im Dorf, um 1800 waren es etwa 250 Höfe. Gut die Hälfte der Bewirtschafter waren Besitzlose, Landarme und Selbstversorger, die zum Leben zu wenig hatten und zum Sterben zu viel. Die Zahl der Landwirte sank. 1955 gab es noch 108 Betriebe, 20 Jahre später 72, Tendenz sinkend. Gleichzeitig stieg die Fläche pro Betrieb rapide. Heute bearbeiten die 21 Weisslinger Landwirte durchschnittlich 30 Hektaren, vor 100 Jahren war es nur ein Zehntel davon. Trotzdem ist das Metier ein rauhes geblieben.
Samuel Nägeli blättert im Ordner mit den Milchabrechnungen und sieht besorgt aus. Der Preis sinkt im Monatsrhythmus. Vor 15 Jahren lag er bei 1.07 Franken pro Kilo, heute sind es noch gut 60 Rappen. Mit der Milch erwirtschaftet die Familie noch rund die Hälfte des Einkommens. Natürlich seien die Direktzahlungen hinzugekommen, räumt Nägeli ein (pro Hektare Land bekommt ein Milchbauer eine fixe Summe pro Jahr direkt vom Staat, die Zahlungen machen gut 30 Prozent seines Einkommens aus). Aber jede Erhöhung der Direktzahlungen, sagt Nägeli, werde sofort mit einer Milchpreissenkung kompensiert.
Um dies abzufedern, entwickeln sich die Nägelis nun also zu Eventmanagern auf der eigenen Scholle: Neuzuzügerapéro, Abschiedsfest der Kindergärtler, Gulaschznacht, Countrynight und «Comedy auf dem Nägelihof». Mit Erfolg. Bis zu 120 Menschen versammeln sich zu den geselligen Abenden in der Scheune. Hauskomödiant «Dä Hans» tritt bereits zum dritten Mal in Weisslingen auf, demnächst mit einem Best-of-Programm für seine Fangemeinde; hauptberuflich ist «Dä Hans» Maler in Dällikon, seine Auftritte sind mittlerweile finanziell selbsttragend. Für die Countrynight hingegen sucht Nägeli gerade Sponsoren. «All das ist Neuland für mich», sagt der besonnen wirkende Bauer und lacht. «Aber es ist auch gut für die Seele», fügt seine Frau hinzu, «man lernt neue Leute kennen.»
Der Bauer Hans Hutmacher aus dem Weiler Lendikon geht einen anderen Weg. «Ich war schon immer ein bisschen ein Aussenseiter», sagt der kräftige Mann, und sein Blick verrät, dass er das keineswegs bedauert. Früher war er oft und lange auf Reisen, fuhr Motorradrennen und boxte Amateurkämpfe. Als er zwanzig war, starb sein Vater – der Sohn konnte seine Hobbies vergessen. «Zum Heiraten hatte ich auch nie Zeit», sagt er. Er wurde keiner, der alles so macht wie die Altvorderen.
Vor fünf Jahren verkaufte er die letzten Kühe und das Milchkontingent und stellte den Betrieb auf Pensionspferde um. Hutmacher hat investiert, neue Ställe gebaut, eine Reithalle. Knapp 1000 Franken im Monat kostet eine Box mit Auslauf und Privatweide auf dem Lindenhof. Hutmacher und seine Geschäftspartnerin Annina Speerli beschränken sich auf das Füttern; geritten und betreut werden die Tiere von ihren Besitzern. Nebenbei gibt Hutmacher Reitstunden, seine Kundschaft rekrutiert der leidenschaftliche Musiker zum Teil an illustrem Ort. «Ich gehe gern in die Oper und habe dort Sängerinnen kennengelernt, die jetzt Reitstunden bei mir nehmen», sagt er und zeigt auf eine Fotografie der Diven, die in seinem Reiterstübli hängt – neben kleinasiatischen Landschaftsidyllen und einer Tatarenuniform.
Mit seinem Pensionsstall hält sich der Rosswirt so gut über Wasser, dass er sich heute wieder ein Hobby leisten kann: die Zucht von seltenen orientalischen Pferderassen. Hutmacher ist Spezialist für die turkmenischen Achal Tekkiner und die Karabach-Pferde aus der gleichnamigen aserbeidschanischen Enklave in Armenien. Die Nachzucht, von der er sich trennen kann, verkauft er an Liebhaber in Europa und manchmal in die USA. Hutmacher macht einen zufriedenen Eindruck. «Zuerst hat man mich belächelt und gemeint, ich gehe bald ein», erinnert er sich, aber jetzt sei er etabliert, und die ersten seien schon neidisch.
Gut etabliert hat sich auch Bruno Schmitz. Vor zehn Jahren, als der Milchpreis seine Talfahrt so richtig begann – weil die Milchpreise nicht länger gestützt wurden, die Bauern unabhängig von der Produktion Direktzahlungen erhielten und der Markt den Milchpreis bestimmte –, übernahm Schmitz von den Eltern den Hof im Weiler Schwendi, am hügeligen Übergang ins Tösstal. Er suchte nach Alternativen zur Milchwirtschaft: «An der Landwirtschaftsschule sagte mir der Lehrer eines Tages: Du könntest doch Schafe melken.» Zuerst habe er nur gelacht, aber dann alles durchgerechnet, und plötzlich erschien der Weg vielversprechend – umso mehr, als ihm die Schafe schon immer sympathisch waren, «wegen ihrer ruhigen Art».
Aus dem Anfangsbestand von 15 Lämmern wurde mittlerweile eine stattliche Herde mit 120 Muttertieren. Der Absatz ist gesichert, die Nachfrage des Abnehmers im Zürcher Oberland steigend. Daneben betreibt Schmitz einen florierenden Brennholzhandel. Der Betrieb ernährt nicht nur Schmitz’ Familie, sondern auch die Eltern. Trotzdem hat er die Nase voll von der Landwirtschaft.
Im Lauf des Jahres will er die Milchproduktion einstellen und auf den 15 Hektaren Land nur noch ein paar Schafe weiden lassen. Er wolle nicht mehr 15 Stunden täglich arbeiten – für immer weniger Geld, sagt Schmitz. «Die Preise sinken, die Kosten steigen, und dauernd werden die Vorschriften verschärft, selbst die Stallgrösse wird vorgeschrieben.» Um sein Einkommen zu erwirtschaften, müsse er ständig mehr arbeiten, einen Mitarbeiter könne er sich nicht leisten: «Wir kommen ja selber kaum auf die 3000 Franken Mindestlohn für einen landwirtschaftlichen Angestellten.» Deshalb sei ihm das Stellenangebot einer Haustechnikfirma gerade recht gekommen. Der gelernte Elektromonteur Schmitz will demnächst dort anheuern.
Nägelis beruflicher Einfallsreichtum ist auch aus der Not entstanden. «Als wir vor zehn Jahren nur noch 400 Franken für eine Metzg-Kuh erhielten, dachten wir uns, das können wir selber verkaufen, ohne viel zu verlieren», erinnert sich Samuel. So beschlossen die Nägelis, einen eigenen kulinarischen Anlass auf die Beine zu stellen: den Gulaschznacht. Sie entstaubten ihre alte Remise, fanden viele freiwillige Helfer, schrieben Schilder und kochten in grossen Töpfen. Zum Essen spielten die «Kyburgörgeler» Ländler. Am Ende des schönen Abends erklärten die Musiker, sie kämen nächstes Jahr wieder, «da konnten wir nicht anders als weiterfahren», sagt Samuel. Der Anlass wurde zur Tradition auf dem Nägelihof, auch wenn sich die Kuhpreise wieder etwas erholt haben, wie der Landwirt anfügt.
Das Interesse der Berufskollegen am ausserlandwirtschaftlichen Engagement des Nachbarn ist bescheiden. Der einzige regelmässige Besucher ist Walter Trüb, mit dem Nägeli auch einige Maschinen gemeinsam besitzt und gewisse Arbeiten teilt. Sowieso haben die Bauern in Weisslingen nur wenig Kontakt untereinander. Die Höfe sind übers Land verstreut, Nägelis nächste bäuerliche Nachbarn leben gut einen Kilometer entfernt. Seit 1992 die Sammelstelle für die Milch geschlossen und auf Hofabfuhr umgestellt wurde, sieht man sich noch seltener. «Jeder schaut für sich selbst», sagt Rosswirt Hutmacher.
Eher distanziert verhalten sich die Weisslinger Bauern auch im Umgang mit der übrigen Bevölkerung. Man trifft sich in Nägelis Hofladen oder beim Volg. Stinkende Gülle und lautstarkes Geläut durch weidendes Vieh sind oft Stoff für Nachbarschaftskonflikte in Gemeinden mit vielen Einfamilienhäusern in der Nähe der Landwirtschaftszone. «Bei uns gibt das keine Probleme», sagt Samuel Nägeli, «ich gülle nie am Wochenende und immer mit Schleppschläuchen.» Dadurch wird die Gülle direkt auf den Boden ausgebracht, versickert schneller und stinkt weniger. Auf die Kuhglocken verzichtet Nägeli in der Nacht sowieso, «ich kann selber nicht schlafen, wenn es vor dem Schlafzimmer bimmelt».
Der 37-jährige Schmitz wird demnächst die Konsequenzen ziehen und die Landwirtschaft als Haupterwerb verlassen. Seine Kollegen denken nicht daran. Nägeli ist 49 Jahre alt, Hutmacher 52. Sie wollen weitermachen, obwohl beiden unklar ist, ob sie Nachfolger finden. Die Mentalität habe sich gewandelt, sagt Nägeli: «Unsere Vorfahren haben nur für die nächste Generation gebauert.» Nägelis haben drei Töchter – die älteste ist Floristin, die zweite ist im dritten Coiffeuse-Lehrjahr, die jüngste wird Arztgehilfin. Das sind nicht gerade grüne Berufe. Immerhin melke die Älteste derzeit in einem Praktikum in Neuseeland täglich 500 Kühe, sagt Nägeli, aber ob sie dann einmal übernehmen will, das weiss er nicht. «Es kommt halt auch drauf an, was für einen Mann sie findet.»
Das Leben auf dem Hof hat sich radikal verändert, die Rollen- und Arbeitsteilung der Grosseltern taugt schon lange nicht mehr als Vorbild, und der Generationenkonflikt konzentriert sich auf engstem Raum. Auch für Claudia Nägeli ist das Leben unter einem Dach mit den Schwiegereltern nicht immer ein Zuckerschlecken gewesen. Aber mittlerweile habe sich vieles beruhigt, schon allein, weil sich ihr Mann ganz auf ihre Seite gestellt habe. «Er ist ein sehr geduldiger Mensch», sagt Claudia Nägeli und schaut ihn zufrieden an.
Claudias grosse Stärke sei es, sagt Samuel, den Leuten zuzuhören und ihnen Rat zu geben – Kindern in schwierigen Lebenslagen zum Beispiel, die Claudia Nägeli temporär bei sich aufnimmt, wenn die Organisation «SOS Familie» Plätze für Kinder sucht. «Manchmal arbeitet sie fast zu viel», sagt Samuel. Doch Claudia und Samuel Nägeli werden weitermachen müssen als gut funktionierendes Team. Ihr Alltag ist reich befrachtet und die Planung rollend. Sie funktioniert mit Hilfe einer gemeinsamen Agenda und zahlreichen Post-it-Zettelchen, die manchmal verloren gehen.
Adrian Krebs ist NZZ-Redaktor im Ressort Zürich.
Leserbriefe:
Zu Schlaue Bauern - NZZ-Folio Das Dorf (05/07)
Mit zehn Artikeln über die 3000-Seelen-Gemeinde Weisslingen, die exemplarisch für viele andere Dorfsiedlungen gelten kann, hat das Redaktorenteam von NZZ-Folio sowohl die verschiedensten Facetten des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenlebens als auch die globalen Verquickungen der Industrie durchaus lebendig aufgezeigt. Die Gemeinde Weisslingen, die im „Magnetfeld“ der Ballungszentren Winterthur und Zürich, aber doch etwas abseits auf den Hügeln liegt, besteht zu 41,3 Prozent aus Wäldern, die das Dorf und die umliegenden Gemeindeteile sehr schön umgeben. Wenn im Artikel über die „schlauen Bauern“ deren wirtschaftliches Ueberleben vorwiegend als Einzelkämpfertum der Familien dargestellt wird, hat man leider ausser Acht gelassen, wie sehr die Weisslinger Landwirte und Waldbesitzer in den letzten Jahren in zwei Bauentscheiden, die echt zu reden gaben, gemeinsam für ihre eigene Lösung und zu ihrem Vorteil erfolgreich gekämpft haben. In der ersten Hälfte der 1990er vermochten sie sich in der Gemeinde beim Bau des Gemeindeverwaltungszentrums mit ihrem Antrag zum Bau einer Holzschnitzelheizung schliesslich durchzusetzen. In einem ähnlich gelagerten Fall des Jahres 2005 ging es darum, dass die Mehrheit der Schulpflege, motiviert durch ein Ingenieurbüro, eine Holz-Pelletsheizung im Schulhaus Schmittenacher I einbauen wollte. Der damalige Gemeindeförster Karl Meier und Leute des Privatwaldverbandes fanden es gar nicht gut, dass Pellets von weither mit Lastwagen herangekarrt werden sollten und folglich das reichlich vorhandene Energieholz der Gemeinde liegen geblieben wäre. An der entscheidenden Gemeindeversammlung erschien verabredungsgemäss die „Holzschnitzellobby“ der Gemeinde so zahlreich, dass ebenfalls die etwas teurere, jedoch heute als sinnvoll erachtete Holzschnitzelheizung beschlossen werden konnte. Aehnliche Aktionen in verschiedenen anderen Zürcher Gemeinden lassen grüssen. Richard Spoerri, Meilen
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|