EINST DUZTEN einander Liebesleute, enge Freunde und Verwandte, Kinder, Arbeiter, Soldaten, Genossen und fahrendes Volk; duzen lassen mussten sich Sträflinge, Lehrlinge und Knechte. Heute sind fast alle Leute unter dreissig hinzugekommen, auch über dreissig die meisten Skifahrer, Fussballfreunde, Kneipengänger, Künstler, Werber sowie Professoren und Studenten, mindestens wenn es sich um Soziologen handelt; und vom Sträflings-Du ist das gelegentliche Hochmuts-Du gegenüber ausländischen Hilfskräften geblieben («Du nix krank!»).
Gott sei Dank gehen wir etwas ungezwungener miteinander um, sagen die einen; die anderen: Hier findet eine traurige Einebnung statt - obwohl wir zwischen Fremdheit und Vertrautheit, zwischen Antipathie und Liebe gern weiter unterscheiden möchten. Wie kam das Abdrängen der gehobenen Anrede in Gang, und was folgt daraus? Was habe ich davon, wenn der Chef statt «Sie Flasche!» nun «Du Flasche!» zu mir sagt?
Ohne Mühe lassen sich ja mindestens fünf typische Arten unterscheiden, wie wir uns zu unseren Mitmenschen verhalten: Wir begegnen dem anderen mit Hass, Angst oder Verachtung; er ist uns gleichgültig, ein bisschen Distanz also willkommen; oder wir wollen Offenheit zum Gespräch signalisieren, oder Sympathie bekunden, oder gar Liebe. Dass sich diese fünf Abstufungen nur in zwei Anredeformen umsetzen liessen, war dürftig genug.
Die Form über dem Du hiess einst Ihr, erhalten in manchen Dialekten und uns aus Floskeln wie «Euer Gnaden» noch im Ohr. Im 18. Jahrhundert wurde unter Adligen und Bürgern das Ihr vom Sie verdrängt. Technisch war und ist das mit einem schlimmen Nachteil behaftet: Die Anrede Sie (Herr Meier) und die Personalpronomina sie (Frau Meier) oder sie (alle Meiers) klingen gleich, und wenn gar zwei von ihnen aufeinanderprallen, dann müssen Schreiber nachdenken und Leser scharf hinschauen, wenn sie den Sinn nicht durcheinanderbringen wollen.
Der Satz «Können SIE SIE sehen?» kann ja nicht weniger als zehnerlei bedeuten: Können Sie Frau Meier / die Meiers sehen? (Sie sie). Kann Frau Meier / Können die Meiers Sie sehen? (sie Sie). Kann Frau Meier Frau Müller - Frau Meier die Müllers - Frau Müller Frau Meier - Frau Müller die Meiers - die Meiers die Müllers - die Müllers die Meiers sehen? (sie sie). Und selbst die Abfolge Sie Sie kommt vor: «Es irritiert mich, wenn Sie Sie sagen.»
Zum Absterben des Sie hat diese kleine Beschwer jedoch nichts beigetragen - eher schon eine andere Mühsal den Tod des Du im Englischen herbeigeführt: Die Angelsachsen betreiben ja, einem populären Vorurteil zuwider, seit dem 19. Jahrhundert das zwanghafte Siezen. Du hiess thou (mit au gesprochen) und zog in dieser sonst so flexionsarmen Sprache eine klangvolle, archaische Endung nach sich: Wo wohnst Du? heisst bei Shakespeare: «Where dwellest thou?», und die Jesus-Frage «Was willst du, was ich dir tun soll?» lautet in der englischen Bibelversion: «What wilt thou that I shall do unto thee?» Noch in einem Roman von 1840 war zu lesen: «Thou wilt confide in me thy sorrows, as thou ever didst - wilt thou not, Leoline?» Nein, Leoline will schon lange nicht mehr, und auf das zwanghafte Siezen der Englischsprachigen ist in den letzten Jahrzehnten unter den Deutschsprechenden das weiterhin zwanghafte Duzen gefolgt. Selbst die schrumpfende Minderheit der Siezer hält es für ein bisschen altertümlich, wenn Thomas Mann seinen Settembrini auf dem Zauberberg sogar gegen das Faschings-Du protestieren lässt: Eine «widerwärtige Wildheit» äussere sich darin, ein liederliches, schamloses Spiel. Auch Traditionalisten beginnen auf Mischformen einzuschwenken, das Siezen mit dem Vornamen: «Das sollten Sie nicht tun, Theo» in Hamburg und «Claude, comment allez-vous?» in Paris. Andererseits geniesst es, einer Umfrage in Deutschland gemäss, die Mehrzahl der Gymnasiasten immer noch, in das Alter einzutreten, in dem die Lehrer sie siezen müssen.
Wie wird es weitergehen? 1993 stellte der «Spiegel» die Diagnose, das Sie sei wieder im Kommen, man ziehe zum Selbstschutz Grenzen; ja richtig böse rückte das Blatt dem Du auf den Leib: «Wie eine Seuche» habe es sich ausgebreitet, als es vor zwanzig Jahren aus seiner angestammten Heimat ausgebrochen sei: den Wohngemeinschaften, Tanzsälen und Jeans-Boutiquen.
Doch dass ein Nachrichtenmagazin mal wieder einen Trend entdeckt, ist ein überaus dürftiges Indiz dafür, dass es ihn auch gibt. Wäre da aber wirklich eine gegenläufige Bewegung im Gange: Sie könnte kaum mehr als ein Zacken in einer sinkenden Kurve sein. Die langfristige Entwicklung ist wahrscheinlich in dem Satz von Robert Walser ausgedrückt, Demokratie sei zu dem Recht geworden, «sich jedem und jeder gegenüber so zu benehmen, als kennte man ihn». Weniger Titel, weniger Vorrechte, mehr Chancen für alle - da wir das bejahen, können wir das Sterben des Sie, das naheliegenderweise damit einhergeht, nicht tadeln. Aber ein bisschen trauern dürfen wir - vielleicht sogar uns heimlich eine Sprache wünschen, in der nicht nur das erste Du ein Fest wäre, wie es das für die Älteren unter uns gewesen ist, sondern in der man über drei, vier Stufen zu einem Grad der Vertrautheit hinabspringen könnte, dem die Sprache sich von jeher verweigert hat.