«Ya llegó Fidel.»1
«Die Geschichte wird mich freisprechen», behauptete Fidel Castro 1953 vor seinen kubanischen Richtern, die ihn nach dem misslungenen Überfall auf die Moncada-Kaserne zu 15 Jahren Haft verurteilten. Gemessen an dem Vorhaben des jungen Revolutionärs - mit einer Handvoll Freunde hatte er den kubanischen Staat umstürzen wollen -, erschien die Strafe mild. Die kubanische Regierung war an solche «Jugendstreiche» romantischer Studenten gewöhnt. Sie gehörten zum Alltag einer lateinamerikanischen Diktatur. Die Aufständischen hatten, wie fast immer in solchen Fällen, keine Kontakte zur Armee aufbauen können. Kurz danach gab der Diktator Fulgencio Batista persönlich dem jungen Anwalt recht, der seinen aussichtslosen Umsturzversuch mit so grossen Worten kommentiert hatte. Der ehemalige Unteroffizier sprach Fidel Castro zwar nicht frei - das überliess er einer Geschichte, deren Urteil noch lange nicht feststeht -, Batista beschränkte sich darauf, den angehenden Helden zu amnestieren.
Als Anfang 1959 Fidel Castro und Ernesto Che Guevara, zusammen mit den anderen Kommandanten, vom Volk bejubelt in Havanna einmarschierten, schien ihr Platz in der Geschichte gesichert. Nachdem der amerikanische Kongress alle Waffenlieferungen an die kubanische Regierung verboten und Präsident Eisenhower ihr auch jede weitere finanzielle und diplomatische Unterstützung versagt hatte, flüchtete Batista. Sein korruptes Regime brach überraschend zusammen, und die Revolutionäre aus der Sierra Maestra konnten kampflos die Macht über das ganze Land übernehmen.
Nachdem Fidel und seine im mexikanischen Exil rekrutierten Freunde mit der «Granma», einem kleinen Motorschiff, 1956 in der Provinz Oriente an Land gegangen waren, waren sie genug beschäftigt mit ihrem eigenen Überleben. «Das war keine Landung», gab der argentinische Arzt Ernesto Che Guevara später zu, «das war ein Schiffbruch.» Batista war genauestens über das Vorhaben der Revolutionäre informiert. In einem Zuckerrohrfeld wurden sie von seinen Soldaten fast völlig aufgerieben. Von 82 Revolutionären überlebten nur gerade 16, die Zuflucht in den Bergen fanden. Aber diese 16 gaben nicht auf.
Dass Fidel Castro heute noch gerne aus Schillers «Wilhelm Tell» zitiert, ist nicht verwunderlich - seine Siege im Innern des Landes entbehrten jeder militärischen Bedeutung. Den Guerilleros gelang es kaum, Rückhalt bei den Bauern und «Macheteros» zu finden. Den romantischen jungen Männern und den in militärisches Olivgrün gekleideten Frauen, die ihre Überfälle auf Kasernen und Plantagen nur sporadisch durchführen konnten und sich hauptsächlich in der Sierra Maestra versteckt hielten, räumten die Landarbeiter keine wirklichen Erfolgsaussichten ein. Die Angst vor den grausamen Repressalien der Regierungssoldaten entmutigte sie zusätzlich. Die bärtigen Kämpfer wurden zwar wie eine moderne Robin-Hood-Bande bewundert, aber die Unterstützung der Plantagenarbeiter blieb aus. Die armen Leute auf dem Land hatten wenig zu verlieren. Aber dieses wenige war entscheidend. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in Lateinamerika fast unüberbrückbar, die revolutionären Akademiker und Studenten blieben für die Landarbeiter Reiche aus der Grossstadt.
Die Tatsache, dass es auf dem Subkontinent nur selten grosse Rassenunterschiede gibt, hindert die nationalen Bourgeoisien nicht daran, das Volk zu ignorieren. Hingegen stammen die Regierungssoldaten in den Ländern Lateinamerikas gewöhnlich aus den Reihen der Armen, die Landarbeiter sind ihre Verwandten. Die Gefahr, denunziert zu werden, fürchteten auch die Rebellen in der Sierra Maestra. Nichts deutete darauf hin, dass es Castro und seinen Freiheitskämpfern besser ergehen würde als ihren Vorgängern.
In anderen iberoamerikanischen Ländern hatte es schon seit Jahrzehnten Versuche gegeben, die Zentralregierungen zu stürzen. Die Geschichte jener Niederlagen ist heute vergessen, die Bücher, die von diesen ungleichen Bürgerkriegen erzählen, sind auf billigem Papier gedruckt und längst vergilbt. Camilo Torres aus Kolumbien, Luis Blanco aus Peru oder der Chilene Luciano Cruz - sie liegen unter einem riesigen Haufen von Staub und neueren Leichen begraben. Nur in Kuba haben die «Comandantes» gesiegt. Fidel Castro fühlte sich von der Geschichte freigesprochen und erklärte den 26. Juli zum kubanischen Feiertag. Es ist der Tag seines gescheiterten Angriffs auf die Moncada-Kaserne im Jahr 1953.
Gründe für eine Niederlage zu finden ist den Menschen nie schwergefallen. Bekanntlich ist das Verschwinden der Dinge ihr Pathos. Vielleicht versetzt uns deshalb nur ein Sieg in Erstaunen. Fidel Castros Feind war keine rätselhafte Figur. Batista, der Unteroffizier, der es zum General gebracht hatte, war kaum mehr als ein Strohmann, höchstens ein Statthalter jener Kreise, die seit der Entdeckung Amerikas neben ihren eigenen die Interessen der jeweiligen Kolonialherren vertreten haben.
In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre wütete der kalte Krieg. Soeben war das koreanische Abenteuer mit einer halben Niederlage der Amerikaner zu Ende gegangen. Diesseits der Berliner Mauer waren die Regierungen der panischen Täuschung verfallen, dass sich der Eroberungszug des östlichen Kommunismus nur schwer aufhalten liesse. Wer das Wort «Sozialismus» auch nur schüchtern in den Mund nahm, machte sich sofort verdächtig. Heimlich gaben viele, vor allem Angehörige der bürgerlichen Intelligenz, den Sozialisten recht, ungeachtet der Schüsse am «sozialistischen Schutzwall». Es handelt sich um einen tiefen, uneingestandenen Minderwertigkeitskomplex.
Die Rebellen in Kuba hüteten sich davor, in den Augen der Weltöffentlichkeit mehr anzustreben als Demokratie und soziale Gerechtigkeit. Obwohl antiamerikanische Töne in Lateinamerika zum politischen Geschäft gehören, gelang es den Guerilleros jahrelang, ihre Feindseligkeit gegen den nördlichen Nachbarn zu verbergen. Das Resultat liess nicht lange auf sich warten. Einflussreiche Teile der amerikanischen Intelligenz und die demokratische Öffentlichkeit fanden Gefallen an den bärtigen Helden. Es kam zu geheimen Geldsammlungen und Waffenlieferungen. Castros erste Anhänger waren nicht in Osteuropa oder in China zu finden; sie waren keine Kommunisten. Hemingway, der ein Anwesen auf Kuba besass, geriet wegen seiner Beziehungen zu den Aufständischen bei den amerikanischen Behörden ins Zwielicht; die CIA bespitzelte den Nobelpreisträger.
Auch die bevorstehende Präsidentschaftswahl in den USA spielte Castro in die Hände. Eisenhowers Vizepräsident, Richard Nixon, konnte gewiss nicht als Sympathisant Castros bezeichnet werden. Auf einer Reise durch Lateinamerika war er eben noch mit Eiern und Steinen beworfen worden. Die demokratischen Präsidentschaftskandidaten Adlai Stevenson und John F. Kennedy waren sich der Vorteile bewusst, die sie daraus ziehen konnten, wenn sie den demokratischen Bestrebungen in den lateinamerikanischen Ländern Gehör verschafften. Nur die Demokratisierung Lateinamerikas und seine ökonomische Entwicklung hätten eine politische Zukunft, argumentierten sie. Andernfalls sei ein Sieg des Kommunismus im südlichen Subkontinent so gut wie sicher. Amerika müsse aufhören, auf die grausamen und korrupten Tyrannen zu setzen. Washington konnte sich Batista und seine Freunde aus der amerikanischen Mafia nicht weiter leisten. Die USA entledigten sich Batistas. Fidel Castro siegte auch in den Medien. Die ganze Welt jubelte.
Worin unterschied sich die Lage auf Kuba von der in anderen Ländern? Ich glaube, dass sich gegen Ende der fünfziger Jahre auf Kuba etwas ereignete, was die Welt bis dahin nicht gekannt hatte. Nie zuvor hatte eine Revolution so massgeblich vom Einfluss der Massenmedien profitiert. Dass der darauffolgende Krieg in Vietnam nicht an der Front, sondern zu Hause, und zwar durch den Einfluss der Medien, verlorenging - daraus haben die Amerikaner erst am Golf die Konsequenzen gezogen. Als Eisenhower beschloss, Fulgencio Batista den Laufpass zu geben, gab er einer dreijährigen, immer massiver werdenden Medienkampagne gegen die kubanische Diktatur nach. Tagein, tagaus konnte damals Amerika, ja die ganze Weltöffentlichkeit, in der liberalen Presse lesen, dass auf Kuba einerseits das Unrecht zum Himmel schrie und anderseits eine Handvoll demokratischer Helden eine für Amerika gefahrlose Alternative darstellten. Die schweigende Mehrheit weigerte sich allmählich, im Fernsehen täglich mit der Tatsache konfrontiert zu werden, dass ihre Regierung einen Batista unterstützte, der nicht nur seine Gegner grausam folterte und niedermetzelte, sondern auch Geschäftspartner der amerikanischen Mafiosi war.
Ob Fidel Castro sich von Anfang an bewusst war, wie unerlässlich die geschickte Beeinflussung der Massenmedien für einen Sieg war, ist schwer zu sagen. Seine «Propaganda der Tat» beschränkte sich auf den Demonstrationseffekt, den wiederholte militärische Aktionen gegen das Regime für die Kubaner haben sollten. Von seinem schwachen Radiosender Radio Rebelde konnte er sich kaum internationale Medienerfolge versprechen. Aber das Aufsehen, das er durch seine blosse Anwesenheit in der Sierra in der Weltöffentlichkeit erregte, hat Castro glänzend ausgenutzt. Er nahm sich vor, die unerwartete Aufmerksamkeit der Massenmedien nicht zu enttäuschen, er empfing ausländische Reporter, denen er mit seiner gewinnenden Art imponierte. Seine demokratische Einstellung überzeugte die Journalisten der Weltpresse, weil sich die Sozialisation des Revolutionärs aus gutem Haus mit der ihrigen deckte. Ausserdem erkannte der Rebell, wie gelegen den Weitgereisten ein romantischer Held kam. Fidel Castro bediente diese Sehnsucht und wurde zu «Fidel»: der Vorname genügte. Bekanntlich ist eine Revolution keine Dinnerparty, bei der man durch Redegewandtheit und Manieren einen guten Eindruck machen kann. Trotzdem gelang es den jungen, gutaussehenden, tapferen Guerilleros, die Grausamkeit ihrer Waffen vergessen zu lassen. Den Krieg führten die anderen, die Soldaten; sie waren die gnadenlosen Mörder, die brutalen Schinder, während Fidel einen gütigen, gutgelaunt hoffnungslosen Odysseus, noch weit von der Heimkehr entfernt, verkörperte. Er wurde für die Welt zur mythischen Gestalt.
Kurzer Exkurs über Odysseus und Co.
Dass ein Mythos eine zeitlose Erzählung ist, die wir der Vergangenheit entnommen haben, um menschliche Verhaltensweisen zu erklären oder zu rechtfertigen, weiss jeder von uns. Es gehört zu einem Mythos, dass er immer neue Wiederholungen erlebt. Insofern ist er die Negation jeder eschatologischen Geschichtsauffassung, die auf den Messias wartet und sich von seinem Eintreffen die Erlösung der Menschheit verspricht. Der Mythos kennt keinen Fortschritt; er kann aber auch nicht sterben. Der Beweis seiner fortwährenden Gültigkeit liegt eben darin, dass ihn der Mensch durch sein Verhalten immer aufs neue ins Leben ruft. Nach griechischem Geschichtsverständnis verlief die Menschheitsgeschichte in sich immer wiederholenden Kreisen. Ihre Mythen waren für die alten Griechen eine logische Folge dieser Auffassung.
In unserer fortschrittsgläubigen jüdisch-christlichen Kultur hat die Literatur die Funktion übernommen, das Wiedererscheinen der Mythen zu ermöglichen. Es ist ihr gelegentlich sogar gelungen, vergessene oder gar fehlende Mythen zu entdecken. Ihre Jagdreviere sind der Wahn und das Verbrechen. Manchmal kommt es einem vor, als wären auch die griechischen Mythen ursprünglich nur Kriminalerzählungen gewesen. Der Erzähler verkürzt unsere riesige Entfernung von den griechischen Mythen und lässt sie sich in unserem Nachbarhaus, neben uns im Bett wiederholen. Fast verschwände der Mythos ganz im Alltag, wenn uns die Schreie des Opfers nicht wachrüttelten. Angst, Bestürzung und Trauer verkleiden den Mythos in der literarischen Erzählung. Wir erkennen seine Gestalten nicht wieder und verfallen der Täuschung, wir hätten es mit einer einmaligen, unwiederholbaren, unveränderlichen Geschichte zu tun. Aus einem solchen Spiel mit falschen Spiegeln besteht die Literatur.
Die Massenmedien haben unsere Entfernung von den alten Mythen weiter verkürzt. Wir konsumieren als Nachricht verpackte Mythen, die uns jeden Tag in massenhafter Ausfertigung ins Haus gebracht werden. Scharen von Journalisten bilden sich ein, dass sie die Macht besitzen, Mythen zu erfinden. Jeder zweite Popstar ist für sie eine mythische Gestalt. Der Erfolg hat mythologischen Charakter angenommen. Andy Warhol hoffte, diesem Treiben ein Ende zu setzen, als er sich zur Behauptung verstieg, dass in Zukunft jeder Mensch für fünfzehn Minuten weltberühmt sein könne. Aber der Mythos, der nur den Augenblick des Erfolgs kennt, ist keiner mehr. Nur Odysseus schaffte es heimzukehren. Sonst endet ein Mythos gewöhnlich mit dem gewaltsamen Tod. Daran haben die Medien, wenn die Fallhöhe ausreicht und der Sturz abrupt genug ist, auch durchaus Interesse. Doch wenige ihrer Figuren erfüllen diese Bedingungen. Sang- und klanglos verschwinden die meisten vom Firmament der Instant-Stars, enden in einem Datenspeicher oder ziehen, von uns unerkannt, im Haus nebenan ein.
Ob Fidel Castro die Wiederholung eines alten Mythos verkörpert, sollte uns nicht sonderlich interessieren. Wahrscheinlich hält er sich für einen Herkules. Dabei ist er allenfalls mit Odysseus verwandt. Dass Fidel, wenigstens eine Zeitlang, zur mythischen Figur geworden ist, lässt sich kaum bestreiten. Er war einsam auf einem Berg. Er war jung. Er führte einen aussichtslosen Kampf, um den wir ihn beneideten. Er war an unserer Stelle tapfer. Und er siegte. Er war ein Spätheimkehrer.
«Ein Käfer, der auf dem Rücken liegt.»2
Kaum war die Siegesfeier zu Ende, da bekam die überlebensgrosse Gestalt die ersten Risse. Noch 1960 konnte Castro in Washington mit seiner gewinnenden Art die amerikanischen Abgeordneten von seiner demokratischen Gesinnung überzeugen. Die Politiker stritten sich um die Aufmerksamkeit des jungen, strahlenden Helden. Sie fühlten sich durch die Nähe zu dieser exotischen lebenden Legende bereichert und liessen sich auch durch die ersten beunruhigenden Nachrichten von der Zuckerinsel nicht aus der Fassung bringen.
Der Revolutionär mochte die 1940 abgeschaffte Todesstrafe wieder eingeführt und Tausende von Batistas Funktionären und Soldaten nach beschämenden Schauprozessen an den «Paredón», also an die Wand gestellt haben lassen - die amerikanischen Journalisten glaubten seinem Versprechen, den Erschiessungen bald ein Ende zu setzen. Die Säuberungen seien unvermeidlich, wenn die Demokratisierung Aussicht auf Erfolg haben sollte. Die zum Tod Verurteilten seien ohnehin geständige Mörder. Eindruck auf die Amerikaner machte auch, dass Castro seine eigenen Kämpfer zum Tod verurteilen liess, wenn sie sich eines Verbrechens schuldig gemacht hatten. Wie der Kapitän in Melvilles «Billy Budd» erklärte Fidel den Verurteilten persönlich, warum sie sterben mussten.
Die Sachkundigeren unter den Parlamentariern wussten nur zu gut, dass Fidel auf die physische Liquidierung der Kader Batistas nicht verzichten konnte. Sie hatten noch nicht vergessen, dass sie selbst, die amerikanischen Politiker, Fidel den Weg zur Macht geebnet hatten. Amerika äusserte sogar Verständnis für die Schliessung und Enteignung der Mafiaspielbanken und -hotels in Havanna. Man gab sich mit der Zusicherung zufrieden, dass kein rechtmässig erworbenes amerikanisches Eigentum angetastet werden sollte. Fidel stellte freie demokratische Wahlen in Aussicht. Vor allem war Fidel kein Kommunist; er unterhielt keine Beziehungen zu Moskau. Er befahl ja sogar eine Säuberung der Kommunistischen Partei Kubas. Blas Roca, einer ihrer Führer, wanderte ins Gefängnis.
Dass Amerika Fidels Feind sein musste, das verdrängten die amerikanischen Politiker und Journalisten. Sie übersahen den begründeten Hass der Lateinamerikaner auf den Nachbarn im Norden. Nicht nur das: Sie vergassen auch die stolzeren Abschnitte der lateinamerikanischen Geschichte. Sie nahmen Fidel Castros Bewunderung für Simón Bolivar nicht ernst, den Unabhängigkeitshelden, der die Vereinigung aller südamerikanischen Länder versucht hatte.
Kuba besitzt keine Ölfelder; sie liegen in Venezuela. Auch verfügten die Kubaner nicht über eine ausreichende Lebensmittelproduktion. Fleisch gibt es in Argentinien, Bohnen in Chile. Die Zuckerinsel hat eben nur Zucker. Ohne die kontinentale Vereinigung bleibt jedes südamerikanische Land von den USA abhängig, eine Kolonie. Die Lösung für dieses Problem lag für Castro auf der Hand: Er wollte die revolutionäre Befreiung des ganzen Subkontinents. Der natürliche Feind und zugleich der für die Vereinigung notwendige Faktor war für ihn die Grossmacht im Norden. Inzwischen war Kennedy in Amerika an die Macht gekommen. Er blieb seinem Vorhaben treu, Lateinamerika zu demokratisieren und zu entwickeln. Im August 1960 rief er in Pinita del Este, Uruguay, die Allianz für den Fortschritt ins Leben. Castros Wirtschaftsminister Che Guevara griff dort erstmals die Amerikaner an. Kurze Zeit danach enteignete Fidel Castro alle Besitztümer der Amerikaner auf Kuba.
Die amerikanische Regierung erkannte ihren Fehler und bereitete eine Invasion von Exilkubanern vor. Im April 1961 hiess Präsident Kennedy die militärische Intervention gut und befahl die Landung in der Schweinebucht. Adlai Stevenson musste nachher als Botschafter der USA bei den Vereinten Nationen die Verantwortung für das gescheiterte Unternehmen übernehmen. Die Regierung Kennedys begann mit einer Blamage. Die liberale Intelligenz war ausser sich. Sie stand links und teilte Fidels antiamerikanische Einstellung.
Es war Fidel Castros erster und letzter militärischer Sieg. Seine Niederlage setzte langsam ein, wie eine Dürre. Die Guerilla in Venezuela wurde geschlagen. Castro konnte mit Öllieferungen aus dem Land, das er als «Zweites befreites Territorium Amerikas» vorgesehen hatte, nicht mehr rechnen. Er erklärte, dass er von jeher Kommunist gewesen sei, und wandte sich an die Sowjetunion um Hilfe. Das «sozialistische Mutterland» lieferte ihm Öl gegen Zucker. Kuba war von neuem in politische und ökonomische Abhängigkeit geraten. Die USA brachen ihre diplomatischen Beziehungen zu Kuba ab. Fidel erlaubte die Installation sowjetischer Raketen auf seiner Insel. Im Oktober 1962 beschloss Amerika, über Kuba ein totales Handelsembargo zu verhängen. 1962 kam es zur Kuba-Krise, die mit dem Abzug der sowjetischen Waffen endete. Die grauen Ingenieure aus Prag oder Budapest hatten inzwischen die amerikanischen Touristen ersetzt.
Um die Mitte der sechziger Jahre war die Insel nicht wiederzuerkennen. Die ganze Landwirtschaft war reformiert worden. Auf der Insel gab es keine Analphabeten mehr; Krankenhäuser waren für alle da; die Villen der «Gusanos», der «Würmer», die massenhaft das Exil in Miami wählten, wurden zu Schulen und Altersheimen umfunktioniert, aber auch zu Wohnungen für die Nomenklatura oder für die ausländischen Dauergäste. Castro schickte nicht nur die Dissidenten ins Gefängnis. Er baute auch Konzentrationslager für Zuhälter, Arbeitsunwillige, Drogensüchtige und Homosexuelle. Der italienische Verleger und Freund Castros, Giangiacomo Feltrinelli, drückte dem Máximo Líder persönlich sein Befremden aus. Aber eine Demokratisierung konnte sich Castro nicht leisten. Er hatte ohnehin nie wirklich die Absicht gehabt, freie Wahlen abzuhalten. Er hielt stundenlange Reden, und sein Volk hörte nicht auf, ihm zuzuhören. Er war populär, aber nicht bereit, eine Opposition zuzulassen. Wie fast jeder Führer wurde er mit seiner Revolution identisch. Er begann, sich wie ein Gutsbesitzer zu benehmen. Die kubanische Revolution kam zum Stillstand.
Die linke Intelligenz im Westen hielt trotz diesen tief gewordenen Rissen am Mythos des romantischen Einzelkämpfers fest. Auf merkwürdige Weise bürgerte sich bei den Intellektuellen und Studenten der entwickelten Länder eine Doppelmoral ein. Was Kuba anbetraf, so hielten sie Ungerechtigkeiten und Freiheitsbeschränkungen für zulässig, die sie in ihren eigenen Ländern nie akzeptiert hätten. Auch Castros Unterstützung durch den Ostblock nahmen die linken Kritiker der Sowjetunion in der westlichen Welt ohne weiteres hin. In ihren Augen hatte Castro keine Alternative. Mit einem Ulbricht oder Breschnew hatte der kubanische Held, wie sie glaubten, nichts gemeinsam. Fidel blieb Fidel.
Die Amerikaner warfen Bomben auf Nordvietnam. Der Kampf des Vietcong kam der erlahmenden kubanischen Revolution, wenigstens was die Medien betrifft, zu Hilfe. Kuba und Vietnam galten als Anfang einer weltweiten Rebellion der Armen. Eine neue Idee breitete sich in der Welt aus: die antiimperialistische Weltrevolution. Che Guevara kämpfte, es stand in den Zeitungen, im bolivischen Urwald. Dass Fidels Minister sich ausgerechnet eine Gegend in Bolivien aussuchte, in der die Bauern dank der Allianz für den Fortschritt über eigenes Ackerland verfügten und sich daher privilegiert vorkamen, war für die linke Intelligenz irrelevant. Che war der lebende Beweis dafür, dass die antiimperialistische Weltrevolution in Lateinamerika im Gange war. Aber Che wurde von der kommunistischen Partei Boliviens verraten, er fiel in die Fänge der bolivischen Machthaber und wurde 1967 nach der Gefangennahme kaltblütig ermordet. Das Bild seiner Leiche bekam jeder zu Gesicht. Doch wer sein Tagebuch liest, staunt über die deprimierende Aussichtslosigkeit des revolutionären Unterfangens. Fidel hatte an Che Guevara nie geglaubt, aber seinen Märtyrertod wusste er zu nutzen.
Scharen von Künstlern und Intellektuellen fuhren nach Kuba. Maler schenkten Fidel Castro Bilder, von deren Erlös Waffen erworben werden sollten. Dichter schrieben Gesänge für die lateinamerikanische Befreiung. Die Gäste arbeiteten an der «Zafra», der Zuckerrohrernte mit. Nach ihrer Rückkehr schwärmten sie in den europäischen Zeitungen vom «neuen Menschen auf Kuba», von einer «neuen Kategorie der Arbeit». Die Studentenbewegung in Europa eignete sich diese Begriffe an. Für sie stand fest: Die revolutionäre Gewalt Vietnams und Lateinamerikas würde früher oder später auch auf die spätkapitalistischen Länder übergreifen. Unterdessen sassen die Söhne der Comandantes am Strand und blickten aufs Meer. «Worauf wartet ihr?» wurden sie gefragt. Sie antworteten: «Wir lernen schwimmen.»
Heberto Padilla, ein kubanischer Dichter, schrieb heimlich einen Roman, «In meinem Garten grasen die Helden». Er wurde verhaftet. Als gebrochener Mann übte er öffentlich Selbstkritik und gestand, dass er die Revolution verraten habe. Imperialisten und CIA-Agenten waren an seiner Schande mitschuldig. Diese hiessen aber sonderbarerweise Jean-Paul Sartre und Mario Vargas Llosa. Padilla landete im Irrenhaus, später, viel später durfte er nach New York ausreisen. Die bekanntesten Künstler und Intellektuellen schickten Fidel ein empörtes Telegramm. Wer es unterschrieb, galt in Kuba fortan als Agent des Imperialismus. Damit verscherzte Fidel sich die Gunst der fortschrittlichen Künstler und Intellektuellen. In den Medien erschien er nicht mehr als mythologische Gestalt. Er fiel bei der Presse in Ungnade. Zu ausgesprochenen Gegnern wurden die Intellektuellen jedoch nicht. Ihre Rache bestand darin, dass sie ihren Kuba-Traum vergassen.
Nach Allendes Sturz 1973 in Chile war Fidel endgültig isoliert. Er verkaufte zwar seinen Zucker weiter an die Sowjetunion und bekam dafür Öl. Aber die Misswirtschaft und die ewig kaputten Landmaschinen brachten die Zuckerrohrproduktion zum Stocken, sie sank unter das Niveau der vorrevolutionären Zeit. Kuba musste in Brasilien Zucker kaufen, um seinen Vertrag mit den Sowjets erfüllen zu können. Die Brasilianer wurden mit dem Öl bezahlt, das Kuba von den Sowjets bekommen hatte . . . Nun, da es die Sowjetunion nicht mehr gibt, bekommt Kuba kein Öl mehr. Der Käfer bewegt sich noch, aber er liegt auf dem Rücken.
Nur ein grosser Schriftsteller ist Castro treu geblieben: Gabriel García Márquez. Er schreibt einen Roman über Bolivars Ende. «Der General in seinem Labyrinth» handelt von der letzten Reise des Unabhängigkeitshelden. Bolivar fährt, enttäuscht und todkrank, einen grossen Fluss entlang ins Exil. Fidel ist über die Erzählung seines Freundes empört. Dabei hat García Márquez darauf verzichtet, Bolivars letzte Worte zu zitieren. Sie lauten: «Wir haben das Meer gepflügt.»
1 «Fidel ist zurückgekommen.» Aus einem Volkslied, das die Bevölkerung Havannas bei Castros triumphalem Einzug in die Hauptstadt sang.
2 Vers aus Hans Magnus Enzensbergers Gedicht «Alte Revolution», in: Zukunftsmusik (1991).
Gaston Salvatore, geboren 1941 in Valparaiso, Chile, lebt als Schriftsteller in Venedig.