NZZ Folio 09/10 - Thema: Die Welt von morgen   Inhaltsverzeichnis

Du musst dich vorsehen

© Felix Scheinberger
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Altern heisst, man weiss nicht mehr, wogegen man sich wehren soll.

Von Wilhelm Genazino

Ich kann mich gut an das Ende des vorigen Winters erinnern, als ich bemerkte, dass der Stoff meiner beiden Manteltaschen zuerst fadenscheinig und dann brüchig wurde. Innerhalb weniger Tage bildeten sich in beiden Taschen kleine Risse und Löcher, die bald so gross wurden, dass ich die Hände durchschieben konnte.

Ich bat Ina, die Manteltaschen zu flicken, obwohl ich wusste, dass meine Bitte vergeblich sein würde. Ina sagte, wir sind seit mehr als dreissig Jahren zusammen, ich mag nicht mehr deine Hilfsschwester sein. Ich soll meinen ­Mantel in die Änderungsschneiderei bringen, sagte sie. Das wollte ich auch tun, schob die Sache dann aber immer wieder hinaus. Ich kann kaum ertragen, dass irgendetwas kaputtgeht. Und wenn es schon kaputtgeht, sollte es wenigstens zu Hause wieder repariert werden. Ich war leider nicht mehr jung, ich litt an wachsender Überempfindlichkeit. Schon ein halb zerstörtes Plakat, das irgendwie flehend von einer Hauswand herunterhing, beschäftigte mich länger, als mir lieb war.

An diesem Nachmittag lief ich in der Herrenartikelabteilung eines Kaufhauses umher und empfand etwas zu deutlich meine Verzagtheit. Altern heisst, man weiss nicht mehr, wogegen man sich wehren soll. In meiner Not griff ich nach drei Paar Herrensocken und stopfte sie in meine Manteltaschen. Ich hatte in diesen Augenblicken vergessen, dass ich keine Manteltaschen mehr hatte. Die Socken fielen tief hinab bis zum Mantelsaum.

Ich machte eine beunruhigende Entdeckung: Es gefiel mir, dass ich mich unrechtmässig bereichert hatte; es gefiel mir sogar, dass ich die Socken im Mantelsaum umhertrug. Ich beschloss, mit Ina nicht über meine merkwürdigen Abenteuer zu sprechen. Das Mantelversteck funktionierte auch in der Wohnung. Niemals kam Ina auf den Gedanken, den Mantelsaum nach irgendetwas abzugreifen.

Schon bald lief ich wieder in allerlei Geschäften umher und hielt Ausschau nach nicht allzu schweren, brauchbaren, wenn auch von mir nicht benötigten Dingen. In der Schmuckabteilung eines anderen Kaufhauses sah ich Armbanduhren, Manschettenknöpfe, Armreife, Goldketten, Krawattennadeln, Zigarettenetuis, Ohrringe. Ich war erneut erstaunt, wie einfach es war, sich hier zu vergreifen. Es gab zu wenig Verkäuferinnen. Es gab auch zu wenige Kaufinteressenten. Zum ersten Mal wurde mir die prekäre Lage der Kaufhäuser deutlich. Sie waren nicht mehr wie früher die Brennpunkte des gewöhnlichen Begehrens. Die Verkäuferinnen standen einsam und verlegen hinter Verkaufstheken. Obwohl ich nicht allein lebte, dachte ich: Wer allein lebt, erkennt schnell die anderen Alleinlebenden.

Dieses sonderbar zur Schau gestellte und angehaltene Dasein der Verkäuferinnen erschütterte mich ein wenig. Die Frauen beachteten mich nicht, vermutlich, weil sie jung waren und ich alt. Die Nichtbeachtung begünstigte meine Absichten. Ich fühlte, dass mich das Übersehenwerden kränkte. Plötzlich kam mir mein Diebstahl wie eine angemessene Reaktion auf meine Geringschätzung vor.

Ich liess zwei Armbanduhren und einen Briefbeschwerer in meinen Mantelsaum rutschen. Ich wusste sofort, ob ich beobachtet worden war oder nicht. Ich war nicht beobachtet worden. Die Verkäuferinnen betrachteten ihre Fingernägel oder strichen ihre Kostümjacken glatt. Ich weiss nicht, warum mir kurz darauf eine peinigende Szene aus meiner Kindheit einfiel. Ich beschreibe die Szene nicht, sie ist nicht originell und kommt in fast jeder Kindheit vor.

Als ich das Kaufhaus verlassen hatte, machte mir eine Verstimmung zu schaffen. Nicht einmal zwei Armbanduhren interessierten mich. Ich lief einfach weiter und dachte nichts. Normalerweise ging ich sonst in eine Toilette, schloss mich ein und betrachtete wie ein Kind die neuen Dinge. Es war möglich, dass ich nicht nur an Überempfindlichkeit litt, sondern auch an heranrückender Verstörung beziehungsweise Verrücktheit. Es war erstaunlich, wie gut ich noch denken konnte. Ich wunderte mich, dass ein so kluger Mensch wie ich ein derartig peinliches Hobby hatte.

Da kam ich an einem feinen Glas- und Porzellangeschäft vorbei. Von draussen sah ich, dass für das ganze Geschäft nur eine einzige Verkäuferin angestellt war. Es ging ganz schnell. Ich lief eine Weile in den Geschäftsräumen umher, was nicht auffiel. Vor einem Regal mit schönen Gläsern blieb ich stehen, betrachtete elegante Weingläser und nahm zwei von ihnen in die Hand. Es sollte so aussehen, als wollte ich die Gläser nur in das Regal zurückstellen. In Wahrheit drehte ich mich dabei um und schob die beiden Gläser in meine Manteltaschen, eines links, das andere rechts.

Ohne besondere Eile, aber doch zielstrebig trat ich wieder hinaus in das Blaugrau des verschwindenden Tages. Ein älterer Herr rollte auf einem Kinderroller an mir vorbei. Es erleichterte mich, dass es ausser mir noch andere peinliche Männer gab. Ein Mann und eine Frau blieben stehen und redeten laut. Aus dem Mund des Mannes drang der Geruch von Gurkensalat. Der Mann wollte nach Amerika reisen, die Frau wollte sich einen Hund anschaffen. Ich hatte sofort Freude an dieser verworrenen Auseinandersetzung. Ich vergass, dass ich soeben zwei wertvolle Weingläser gestohlen hatte und dass ich mich noch nicht sehr weit von dem Geschäft entfernt hatte.

Ein Verrückter blieb vor dem Schaufenster eines Kinderwagengeschäfts stehen, hob einen Arm und hielt eine ­kleine Rede. Ein grosses Meer wird kommen, rief er, wir werden alle ertrinken. Solche Sätze sind mir aus meinem eigenen Inneren bekannt, deswegen erschrecken sie mich nicht. Dennoch stieg ein Schmerz meinen Körper hoch und nistete sich hinter meinen Augen ein.

Ich dachte an Inas Gewohnheit, ihren Schlüpfer erst auszuziehen, wenn sie schon im Bett lag. Ihr umständliches Gehabe unter der Bettdecke amüsierte mich oft. Einmal sagte sie: «Ich ziehe meine Unterhose nach Bedarf aus.» Darüber musste ich lachen, was Ina nicht recht verstand. Ein Freizeitartist stand vor einer Hauswand und balancierte eine leere Flasche auf einem Stöckchen, das er zwischen den Zähnen festhielt. Ein paar Leute blieben stehen und schauten. Ich wunderte mich, dass es überall Menschen gab, die sogar ganz schlichte Kunststücke bestaunten.

Jetzt wäre es gut gewesen, wenn ich nach Hause gegangen wäre. Aber ich lief noch ein wenig diese halb verkommene Strasse entlang und sah in der Nähe eines U-Bahn-Aufgangs eine tote Ente liegen. Es war meine erste tote Ente. Eine auf dem Bürgersteig liegende tote Taube konnte ich inzwischen gut ertragen. Aber eine tote Ente: Das war etwas anderes. Besonders schrecklich war ihr verdrehter Hals. Ich wollte den Anblick des umgedrehten Halses sofort rückgängig machen. Doch da war es schon zu spät. Mir wurde ein wenig schlecht.

Endlich kehrte ich um und lief nach Hause. Ich wollte Ina sofort berichten, was ich alles gesehen hatte, aber dann machte ich einen Fehler. Ich zog meinen Mantel etwas zu heftig aus. Die linke Mantelseite schlug gegen die Wand, dabei zerbrach ein Glas.

Hast du ein Glas umgeworfen? rief Ina.

Ich erkannte nicht, dass die Frage tückisch war.

Nein… äh… ja, sagte ich.

Welches Glas denn?

Jetzt hätte mir einfallen müssen, dass in unserem Flur keine Gläser abgestellt waren.

Stattdessen sagte ich: Äh… ja… ein Weinglas.

Ein Weinglas! rief Ina, im Flur stehen keine Weingläser.

Im Flur… nein, sagte ich.

Ina trat aus dem Zimmer in den Flur und sah mich an. Dann schaute sie auf den Boden und sah keine Glassplitter.

Willst du mir etwas sagen? fragte sie.

Ich habe eine tote Ente gesehen, antwortete ich.

Eine tote Ente? sagte sie; Enten gibt es in der Stadt nicht. Du meinst eine tote Taube.

Ja… nein, sagte ich.

Ich merkte, Ina hatte offenbar wirklich noch keine tote Ente in der Stadt liegen sehen. So, wie Ina redete, konnte sie eine tote Ente nicht für möglich halten.

Es gibt Enten, sagte ich, die ahnungslos die Parks verlassen und in der Stadt herumlaufen und dabei umkommen.

Es entstand eine Pause, die ich vorschnell für meine Rettung hielt.

Dann fragte Ina: Wo sind denn die Splitter des eben zerbrochenen Glases?

Natürlich wusste ich jetzt nicht weiter. Es war der Zeitpunkt gekommen, ein Geständnis zu machen. Ich holte mir einen Handschuh aus der Garderobenschublade und sammelte die Splitter aus dem Mantelsaum und legte sie auf das ­Garderobenschränkchen. Ausserdem den Briefbeschwerer und die Socken. Die beiden Armbanduhren liess ich im Mantelsaum zurück.

Das hast du alles mitgehen lassen?

Ja, sagte ich.

Bist du verrückt geworden?

Ja, vorübergehend, in zwei Kaufhäusern, sagte ich.

Bist du jetzt wieder normal?

Ich hoffe, sagte ich.

Warum machst du das? fragte sie; wir haben Gläser genug. Du brauchst weder Socken noch… noch sonst etwas. Soll ich dir sagen, wie viel Paar Strümpfe du hast?

Nein, sagte ich.

Du musst dich vorsehen, sonst wirst du wirklich verrückt, sagte Ina.

Ich schwieg.

Wenn du so weitermachst, steckt man dich in eine Anstalt, weisst du das? Wie stellst du dir eigentlich deine Zukunft vor?

Diese schweren Beschimpfungen, die sich Ina von Zeit zu Zeit erlaubte, waren eigentlich zu viel für mich. Manchmal tat ich so, als würde ich sie verlassen. Als ich mir den Mantel zuknöpfte, wusste ich, dass ich sie nicht wirklich verlassen würde, obwohl ich mal wieder dieses Gefühl hatte. Aber ich ging nur noch einmal zurück zu der toten Ente.

Ich kam gerade noch zurecht, um sie ein zweites Mal zu sehen. Zwei Arbeiter der Strassenreinigung näherten sich mit einem kleinen Wägelchen dem toten Tier. Ich sah, dass einer der beiden Männer ein wenig zusammenzuckte. Der andere Mann nahm eine Schippe und einen Besen und räumte das Tier weg. Der Kopf schlenkerte wie abgetrennt hin und her. Ich überlegte, wie ich Ina dieses Bild beschreiben könnte. Es war unmöglich.

Ich dachte an Inas Gewohnheit, ihren Schlüpfer erst auszuziehen, wenn sie schon im Bett lag.

Zur Biographie von Wilhelm Genazino

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