NZZ Folio 01/94 - Thema: Pleiten   Inhaltsverzeichnis

Interview -- Wie wurde Knigge zum Knigge? -- Sybil Schlepegrell, Benimm-Spezialistin

Von Lilli Binzegger

Dr. Sybil Schlepegrell, geb. Gräfin Schönfeldt, in Nassau an der Lahn aufgewachsen, wurde 1944 als letzter Jahrgang zum Reichsarbeitsdienst nach Oberschlesien eingezogen. Nach dem Krieg studierte sie Germanistik und Kunstgeschichte und promovierte 1951 in Wien. Sie ist seit ihrer Studienzeit journalistisch und als Übersetzerin tätig, hat zahlreiche Jugendbücher sowie kulturhistorische und pädagogische Fachbücher verfasst, darunter das Standardwerk «1×1 des guten Tons» (Mosaik-Verlag, München 1987). Sybil Schlepegrell wurde verschiedentlich ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Erzählerpreis und dem Deutschen Jugendbuchpreis; seit 1981 ist sie Vorsitzende des Arbeitskreises für Jugendliteratur. Sie lebt mit ihrem Mann, mit dem sie zwei Söhne grossgezogen hat, in Hamburg.

Benimmbücher nennt man gemeinhin «Knigge». War aber nicht Freiherr von Knigges Buch «Über den Umgang mit Menschen» etwas ziemlich anderes?

Knigge war ein Revolutionär, der die Ideen der Französischen Revolution in eine eigentlich politische Verhaltenslehre umsetzte. Sein Ziel war es unter anderem, den Bürgern beizubringen, sich auf dem glatten Parkett des Hofes inmitten der spöttischen Hofschranzen richtig zu benehmen. Ein wackerer, ehrbarer Bauer sollte nicht sofort in die Fallen treten und sein Anliegen gar nicht zur Sprache bringen können. Knigges 1788 erschienenes Buch war ein allgemein lebenspädagogisches Werk, das tatsächlich nicht sehr viel mit den seither herausgegebenen «Knigges» gemein hat.

Wie ist es denn zum «Knigge» geworden?

Es wurde zum «Knigge», der sagt, ob man Fisch mit Gabel und Messer essen darf oder nicht, weil sein Schwiegersohn und seine Tochter feststellten, dass sich das wunderbare philosophische Buch schlecht verkaufte. Sie verhackstückten und verkleinlichten es und machten daraus ein spiessbürgerliches Nachschlagewerk.

Noch mit Wissen des Freiherrn?

Nein, er war schon tot.

Dient Benehmen nach einer festgelegten Übereinkunft nicht auch dazu, seine Herkunft nicht gleich erkennbar zu machen?

Das ist nur ein Teil. Der andere ist, dass ein Konsens über das Benehmen in einer immer dichter besiedelten Welt auch der Verständigung dient. Das ist wie im Strassenverkehr: ohne Regeln herrschte auf den Strassen ein Chaos, jeder würde den andern anschreien und massenweise Beulen am Auto produzieren. Die Verkehrsregeln hemmen den Menschen, sich wie ein Wolf unter Wölfen zu benehmen.

Im Unterschied zu den Benimmregeln sind die Verkehrsregeln festgeschrieben, und Regelverstösse sind einklagbar.

Aber sie beruhen beide auf derselben Vernunft: dass gar nichts anderes übrigbleibt, als sich auf Regeln zu einigen. Einklagbar sind genau besehen letztlich beide: ein Mensch, der schlecht behandelt wird, klagt auch.

Welchen Einfluss auf das sogenannte gute Benehmen haben gesellschaftliche Aufbrüche wie etwa jener der Achtundsechziger?

Der Einfluss der achtundsechziger Bewegung wird erst allmählich sichtbar. Die Kinder der antiautoritären Achtundsechziger werden jetzt selber zu Eltern und können ihren Kindern nicht sagen, wie man sich benehmen soll, weil man es ihnen auch nie gesagt hat. Dabei wären die heutigen jungen Leute eigentlich ganz wohlwollend. Zwar bieten sie kaum mehr einer Frau oder einer älteren Person im Tram von sich aus den Sitzplatz an. Wenn man sie aber darum bittet, dann überlassen sie ihn einem meistens mit grosser Liebenswürdigkeit.

Es ist sozusagen eine Übermittlungslücke entstanden?

Ja, so wie sie in Deutschland schon während der Nazizeit und des Krieges entstanden war. Nach 1945 hatte man dann einfach die alten Regeln wieder hervorgekramt; ich erinnere mich, dass in Österreich ein absurdes Buch mit Fotos darüber herausgebracht wurde, wie man den Knicks richtig macht.

Durch diese Übermittlungslücke sind zum Glück ja auch völlig sinnlose Regeln auf der Strecke geblieben. Oder gilt am Ende heute noch, dass man zum Beispiel Salat nicht mit dem Messer schneiden soll? Bei grossen Salatblättern und halben Tomaten eine reine Schikane.

Ich schneide den Salat gnadenlos klein, damit ich ihn vernünftig essen kann. Ich finde es auch völlig egal, ob man die Gabel nun so oder anders hinlegt. Hauptsache, man kann damit essen, man kleckert sich nicht voll und bietet keinen grauslichen Anblick. Die Frage sollte nicht sein: wie tue ich's richtig, sondern - wie Knigge sie gestellt hat - was tue ich. Dann ergibt sich das andere von selbst.

Wie hat sich die Frauenemanzipation auf die Benimmregeln ausgewirkt?

Es gibt bekanntlich viele junge Frauen, die pfeifen darauf, dass die Männer, die Herren, oder wie man sie nennen will, ihnen die Kavaliersdienste von einst anbieten. Und die reissen dem unglücklichen Mann, wenn er ihnen in den Mantel helfen will, denselben rüde aus der Hand. Das Schlimme daran ist, dass es der Mann vielleicht nie wieder tut, und ich, die ich mir gern in den Mantel helfen lasse, weil ich die Ärmel nie finde, ich habe dann das Nachsehen.

Wie ist es mit den Bevorzugungen, die nichts mit Handreichungen zu tun haben? Dass den Frauen im Restaurant stets der Platz mit Meersicht - der bessere Platz -zukommt und dergleichen?

Er kann Sie anschauen, ist das nicht der bessere Platz?

Das kann er doch auch auf dem Platz mit der Meersicht.

Nun, ich denke, diese reinen Privilegien sind keine Regel mehr, aber sie sind immer noch eine Geste von Freundschaft oder von Liebe. Und sie haben auch nicht allein mit Geschlechterrollen zu tun. Wenn ich mit einer älteren Dame ausgehe, dann versuche ich auch, die beschützende, die fürsorgliche Rolle - eigentlich die Rolle des Mannes - zu übernehmen.

Zum Du: Die Regel sagt, die Frau trägt es dem Mann an. Was aber, wenn der Mann der Vorgesetzte der Frau ist?

Auch dann an sich noch: die Frau dem Mann. Ich würde ihr aber raten, es bleiben zu lassen. Ganz allgemein finde ich, das Sie gewähre eine gewisse wohltuende Distanz. Das hat nichts mit Zuneigung und Freundschaft zu tun.

Hat der Mann, dem ich das Du antrage, denn auch das Recht zu sagen: lassen wir es doch beim Sie?

Das wäre sehr beleidigend - erst recht ein Grund, zu zögern, es einem Vorgesetzten anzutragen.

Als Frau darf ich's aber?

Die Regel heisst: ich kann jemandem das Du anbieten, und der andere darf Nein sagen. Diese Regel besteht, also kann man sie grundsätzlich auch benutzen. Das setzt freilich voraus, dass man sich seiner selbst so sicher ist, dass es einen nicht um die Fassung bringt, wenn jemand Gebrauch davon macht.

Seiner selber sicher sein - das ist ein hehrer Vorsatz.

Ja, und man erfüllt ihn sein Leben lang nicht. Aber ein wenig näher kommt man ihm jeden Tag.

Wo haben denn die jungen Leute noch die Möglichkeit, Benimmregeln auszuprobieren? Und wer korrigiert sie?

Offensichtlich ist heute tatsächlich vielen Eltern das Leben zu kompliziert geworden. Sie sind froh, wenn die Kinder aus dem Haus sind und irgend etwas tun, egal was, solange sie nicht gleich Hasch rauchen. Ich selber weise meine dreissigjährigen Kinder bis heute zurecht. Wieviel Freude macht es doch jemandem, wenn man sich um ihn kümmert. Denn das ist das Benehmen ja.

Benehmen ist kümmern? Das gefällt mir gut.

Auf höherer Stufe trifft sich Benehmen ja mit der Moral. Dass man sich im Umgang mit den Menschen verfeinert, hat uns von Barbaren zu zivilisierten Menschen gemacht. Wie kurz allerdings der Weg zurück ist, das haben wir in der Nazizeit erlebt und erleben es seither immer wieder. Es ist ein dünner Film, der den Menschen vom Barbaren trennt.

Sie haben einmal gesagt, dass Benimmregeln bewirken, dass man bei Leuten besteht, die man nicht mag und nicht mögen muss. Heisst das, dass man sich bei Freunden schlechter benehmen darf?

Nein, ganz im Gegenteil; aber den zeremoniellen Zierat kann man weglassen. Ist man zu einer Verabredung zu früh, dann klingelt man bei guten Freunden selbstverständlich, während man bei Fremden nochmals um den Block geht, auch bei Eiseskälte. Benehmen beruht auf Übereinkunft, es ist nichts für ewig Festgeschriebenes. Zum Beispiel kommt man heute bei Einladungen meist so, wie man gerade ist. Weil es vernünftig ist, wird es auch allgemein gebilligt.

Manchmal wird man unhöflich behandelt. Wie begegne ich Unhöflichkeiten?

Mit äusserster Höflichkeit.

Was tue ich, wenn etwa Gäste nicht mehr gehen wollen, was ich als ausgesprochen unhöflich empfinde? Schicke ich sie weg, kann ich das in einem noch so liebenswürdigen Ton tun - es bleibt doch eine Unhöflichkeit?

Das ist Selbstschutz, nicht Unhöflichkeit. Früher - und da sieht man einmal, wie sinnvoll die Regeln doch auch waren -, da wusste man, wann man zu gehen hatte. Da galt: um halb elf Uhr ist die Stunde der Diplomaten, l'heure des ambassadeurs. Um halb elf verabschiedeten sich die Ehrengäste, halb elf war der Glockenschlag, bei dem der Aufbruch begann.

Wann hat die Abendgesellschaft, die um halb elf endete, denn begonnen?

So gegen 7 Uhr.

Man spreche bei Tisch nicht über Geld, Politik und Krankheit, hiess es früher . . .

. . . da wurde ich schon gefragt: worüber haben sich die Leute denn früher unterhalten . . .

. . . gilt das noch?

Nein, das beherzigt keiner mehr. Aber wenn man darüber nachdenkt . . . Zwei politisieren wie die Streithähne miteinander, der Rest sitzt da und schweigt. Und Geld: die Leute sind sowieso so gierig, sie sollen nicht auch noch bei Tisch über die Piepen reden. Und Krankheit: auch die schönste Operation ist als Tischgespräch für manche eher eklig.

Gibt es nicht auch die Höflichkeit am falschen Platz? Wenn mir jemand ein Kompliment macht, wenn ich eine Laufmasche habe und mir die Haare zu Berge stehen?

Der Mensch ist ein erbärmliches Wesen, das manchmal Erbarmen braucht. Diese Schmeicheleien nimmt ja keiner wirklich ernst, es sei denn, er sei so strohdumm, dass bei ihm Hopfen und Malz verloren ist. Und vielleicht sehen Sie ja tatsächlich toll aus, vielleicht ist es gerade der Glanz der Schüchternheit, den Sie mit Ihrer Laufmasche und den zu Berge stehenden Haaren abstrahlen, der den andern mit Zärtlichkeit erfüllt - der ihn sagen lässt: du armes Wurschtl, du siehst so schön aus in deiner armen Wurschtligkeit. Weiss ich denn, ob's gelogen ist?


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.