WIE VIELE GEFAHREN und Mühsale lagen hinter uns, als wir mitten im Chinesisch-Europäischen Krieg, im Juli MMXCI, nach einer schwindelerregenden Reise durch den reissenden Strom der Aorta an unser Ziel gelangten! Noch immer war die Hälfte der Mannschaft von dem tollen Wirbel jämmerlich seekrank - und es hatte sich auf das bitterste bemerkbar gemacht, dass der tapfere Navigator Chris Narwal mit drei unserer besten Männer im Kampf mit den furchtbaren weissen Blutkörperchen verschollen war . . . und sie ihr finsteres Grab wohl in den ätzenden Säften dieser wolkenförmigen Körperpolizisten gefunden hatten.
Nun aber bemächtigte sich ein frischerer Geist der Edison, ein emsiger Geist, wie er von Dr. Vogts von der Universität Bochum ausging, einem geborenen Organisator. Tauchhelme wurden an die kräftigen britischen Matrosen verteilt, Pickel, Dynamit und die hochwirksamen Kokaintabletten von Dr. Obenius, die 58 Stunden Arbeit am Stück ermöglichten!
Diese chemische Aufmunterung war auch dringend nötig. Immerhin betrug die Temperatur des Elements, in dem die Taucher arbeiteten, lähmende 37 Grad Celsius, und tausenderlei Gefahren drohten: neben den Amöbenangriffen das Ersticken in klebrigem Fibrin, einem tückisches Gerinnungsmittel, oder die Kollision mit scharfkantigen, kristallinen Viren . . .
Aber was für Abenteuer lagen nicht hinter uns! Die Schrumpfung durch X-Strahlen, angetrieben von der gewaltigen elektrischen Energie, die aus tausend mit einem Wald von Antennen gefangenen Blitzen stammte - eine Erfindung von Dr. Ox. In der Reihe kühner Erfinder, die sich Ende des XXI. Jahrhunderts Schlag auf Schlag gefolgt waren - Plummer, Deschamps, Sheng Li -, war Dr. Ox zweifellos der kühnste gewesen: die Magnetbahn, die Jupiterrakete, das Sonnenkraftwerk und die Lösung des Paradoxes der Einzelsocken, alles stammte von Dr. Ox. Er war der grosse Erfinder des wissenschaftlichen Opportunismus. Welches Kind kannte nicht seinen Wahlspruch: «Man muss der Natur folgen, denn sie ist die grösste Erfinderin!»
Ja, in diesen verzweifelten Tagen war Dr. Ox Europas letzte Hoffnung. Von überallher waren die chinesischen Armeen eingedrungen. Russland, Preussen, die Niederlande, Helvetien und das stolze Frankreich waren binnen sechs Monaten überrannt worden, ihre ruhmreichen Armeen zu Staub zerfallen - vernichtet von den tödlichen Strahlen, die der ingeniöse Dr. Wong von der Universität Peking erfunden hatte . . .
Und nun drohte eine tödliche Wucherung an der linken Niere den einzigen Mann niederzustrecken, der das Gehirn hatte, die Strahlen des Dr. Wong zu neutralisieren! Und so war in den Labors in Grönland der verzweifelte Versuch unternommen worden, mittels X-Strahlen das teuerste je erbaute Unterseeboot, die Edison, und die besten Wissenschaftler Europas auf Millimetergrösse zu schrumpfen - um die tödliche Nierengeschwulst des Dr. Ox innerlich zu bekämpfen . . . Wie kann ich ihren Anblick beschreiben! Sie war ungeheuer hässlich: schwärzlich, berggross und von rostroten Adern durchzogen.
«Disgusting», bemerkte Captain Shandy, der in dieses eine Wort seinen ganzen Abscheu legte, mit der typischen Lakonie der englischen Rasse.
«Ein massives Karzinom», nickte der Pariser Nobelpreisträger Pierre Garotte, «mon Dieu!»
«Also zack zack!» sagte Dr. Vogts.
Wer könnte die Schufterei der folgenden Wochen je vergessen! Wer könnte vergessen, wie alle Beteiligten, nur noch von Dr. Obenius' Tabletten wach gehalten, um das Leben von Dr. Ox kämpften! Wie unendlich mühsam war es, im reissenden Blutstrom das kranke Gewebe herauszupickeln! Wie gefährlich erwiesen sich das Dynamit und seine Druckwellen unter Tauchbedingungen! Wer könnte je die furchtbare Stunde vergessen, als eine Explosion Dr. Garotte, Dr. Vogts und zwölf Mann zerriss! Oder den fürchterlichen Spulwurmangriff, der zehn Männer kostete! Aber - was war dies gegen das Entsetzen, als nach zwölf Tagen Arbeit der Blutstrom schwächer wurde und die Giftwerte in Dr. Ox' Blut stiegen und stiegen? Als sich Konferenzen jagten und klar wurde, dass durch einen entsetzlichen Navigationsfehler nicht Dr. Ox' linke, karzinöse Niere, sondern drei Viertel seiner intakten Leber abgebaut worden waren? Als gleichzeitig Klopfzeichen von aussen meldeten, dass die Chinesen nun in Grönland waren?
Und wer beschreibt unsere Gefühle, als wir erfuhren, dass mit unserem Labor der letzte Posten des Vereinigten Europa gestürmt war, das chinesische Jahrtausend angebrochen und alle unsere Freunde ermordet waren, bis auf unseren Patienten, der, dank einer rettenden Leberzirrhose, zitronengelb angelaufen war?
Dr. Ox war schon immer ein genialer Opportunist gewesen.
Übersetzt von Constantin Seibt.