NZZ Folio 09/92 - Thema: Der Krieg auf dem Balkan   Inhaltsverzeichnis

Warten auf den Zug westwärts

Im Flüchtlingslager von Karlovac.

Von Rudolf Gruber

Die Tür fliegt auf, ein Bote wirft einen Stoss Papier auf den Schreibtisch, hinter dem Josip Zaborski sitzt: «Wieder 350, gerade angekommen», sagt der weisshaarige Leiter des Aufnahmelagers für Flüchtlinge in Karlovac. Er überfliegt die Liste; sie enthält lauter muslimische Namen. Nach ein paar ruhigen Tagen droht der grossgewachsene Zaborski vor einer neuen Welle Hilfesuchender aus Bosnien-Herzegowina zu kapitulieren: «Wenn das so weitergeht . . .», hebt er an, aber statt die Konsequenz auszusprechen, folgt nur achselzuckend die Zustandsbeschreibung: «Wir sind voll, einfach voll.»

Bei 35 Grad Aussentemperatur herrscht in der Halle erst recht ein Treibhausklima. Waschräume und Toiletten sind für die 1500 Flüchtlinge zwar ausreichend vorhanden, aber bei dem ständigen Andrang kaum sauberzuhalten. Obwohl die Hitze erbarmungslos gegen die Aussenfassaden der Sporthalle prallt, lagern Frauen, Männer und Kinder dicht gedrängt an den Mauern. Diese Menschen, darunter viele Zigeuner, fanden in der Halle keinen Platz mehr.

An den Glasvitrinen, in denen Urkunden und Medaillen noch von den Höchstleistungen jugoslawischer Sportler künden, gehen erschöpfte Elendsgestalten, die das Rennen ums nackte Überleben gerade noch einmal gewonnen haben, achtlos vorbei. Auf dem Boden der Sporthalle, wo früher Turnmatten lagen, sind jetzt Matratzen ausgebreitet. Die Menschen hier haben fast alles verloren; ihr Lebensraum ist auf ein Matratzenviereck zusammengeschrumpft. Der ganze Besitz steckt in Plasticsäcken, ausser ein paar Kleidern und ein wenig Geschirr haben ihnen ihre Peiniger nichts gelassen. Weinend betrachten Frauen Familienphotos. Ihre Finger streicheln die darauf abgebildeten Ehemänner, Väter, Söhne und Brüder.

Die Sporthalle von Karlovac, einer 70 000 Einwohner zählenden Industriestadt 40 Kilometer südwestlich der kroatischen Kapitale Zagreb, zieht die Flüchtlinge magisch an. Bis in das hinterste bosnische Karstnest hat sich das Gerücht verbreitet, die ehemalige Habsburger Türkenfestung sei ein Schlupfloch in den Westen. Alle glaubten, von Karlovac aus könnten sie einfach nach Deutschland weiterfahren, klagt Zaborski. Die deutschen Behörden hatten mit ihrer begrenzten humanitären Aktion, in deren Verlauf 10 600 Vertriebene aufgenommen worden waren, unter den Flüchtlingen grosse Hoffnungen geweckt. Die Zurückgebliebenen fühlen sich übergangen und wollen nicht glauben, dass nicht täglich ein Zug von Karlovac Richtung Deutschland abfährt.

Sie warte auf den Zug aus Deutschland, antwortet denn auch prompt Lejla, eine junge Muslimin, auf die Frage, wohin sie denn wolle. Sie will ihren vollen Namen nicht nennen, weil sie Angst hat, das Leben ihrer Eltern zu gefährden, die in einem Dorf bei Banja Luka «von den Tschetniks» festgehalten würden. Seit über einer Woche harrt Lejla mit zwei Kleinkindern auf ihrem Matratzenlager aus und lässt sich nicht davon überzeugen, dass sie wahrscheinlich vergebens wartet. «Was ich habe, ist das bisschen Hoffnung, wenigstens das kann mir niemand nehmen.» Sie war noch nie im Ausland, sie hat in Deutschland auch keine Verwandten. Aber lieber gehe sie in ein unbekanntes Land als zurück nach Bosnien. Die Nachbarinnen nicken zustimmend, alle denken wie Lejla. Nicht einmal das nahe gelegene schattige Parkwäldchen des Hotels Korona suchen die Flüchtlinge auf, aus Angst, sie könnten den Bus verpassen, der sie zum Bahnhof bringt.

Der Krieg und die bosnische Grenze sind nur eine Autostunde entfernt. Und nur einen Steinwurf hinter dem Hotel Korona liegt die nächste serbische Stellung, aus der die Granaten auf Karlovac abgefeuert worden waren. Hier verläuft die Frontlinie, die sich fast mit der ehemaligen Militärgrenze zu Zeiten der österreichischen Monarchie deckt.

Eine abenteuerliche Flucht durch die Schluchten des Balkans hat der Bauer Matija Mandic hinter sich. Er kommt aus dem nordbosnischen Bosanski Samac und lebt jetzt im ostkroatischen Djakovo, 45 Kilometer von der Grenze entfernt, bei seinem Bruder. Mit dem Auto wäre diese Strecke in einer knappen Stunde zu bewältigen, aber Mandic war drei Tage und drei Nächte unterwegs, weil er nur auf dem Umweg über die Adriastädte Split und Rijeka nach Ostkroatien gelangen konnte. Auf seiner Flucht habe er 65 niedergebrannte Dörfer gezählt. «Dort gibt es keinen Hund mehr.» Ein Panzer hat seinen Hof in Brand geschossen. Dabei habe in Gornica «kein einziger Serbe» gelebt, den die serbische Armee hätte schützen müssen. Mandic hat neun Kinder; von seinen fünf Söhnen sind zwei an der Front, drei seiner vier Töchter fanden in Österreich Zuflucht. Der Bauer Ante Maric aus Derventa musste mit seinen 69 Jahren erst Traktor fahren lernen, ehe er mit seiner 67jährigen Frau Maria zu seinem Sohn Marian nach Slovonski Brod flüchten konnte. Es sei nicht schlecht gegangen, scherzt der alte Mann; über sein braungegerbtes, von weissen Bartstoppeln übersätes Gesicht ziehen sich Falten wie Ackerfurchen. Er nimmt einen kräftigen Schluck vom selbstgebrannten Slibowitz, während Maria Tränenströme vergiesst.

Jeder Flüchtling kann eine «Bestätigung» der «Srpska Republika Bosna i Hercegovina» vorzeigen, die in zynischer Amtssprache festhält, dass er auf allen Besitz «freiwillig» verzichte und «freiwillig» das Land verlasse. Es sind immer die gleichen Geschichten von unschuldigen Opfern einer serbischen Vertreibungspolitik mit dem Ziel, zwei Drittel des Territoriums von Bosnien-Herzegowina ethnisch von Muslimen und Kroaten zu «säubern». Nur Namen und Orte ändern sich. Der junge Feriz aus der Sporthalle in Karlovac erzählt, wie die Armee ihr Dorf bei Bosanski Novi niedergebrannt habe. «Wir wurden auf einer Brücke zusammengetrieben. Dann sind Soldaten gekommen und haben jedem das Geld abgenommen.» Es seien vielleicht 300 Leute gewesen. Ein paar hätten sich geweigert; sie seien sofort erschossen worden. Er habe gesehen, wie sie einem Mann 5000 Mark weggenommen hätten. «Viele Leute wurden brutal geschlagen. Auf dem Marsch zur Grenze habe ich in einem Dorf 65 Leichen gezählt, alle wiesen Messerstiche auf.»

Die Frage nach Beweisen macht die Männer fast zornig. Der 32jährige Essad bekam wiederholt Schläge mit dem Gewehrkolben in den Unterleib, er kann kaum gehen. Ausserdem hätten ihm seine Peiniger mehrmals einen Löffel in den Schlund gesteckt. Der 18jährige Edin zeigt blutunterlaufene Stellen an seinem Oberkörper, ebenfalls Spuren von Stössen mit dem Gewehrkolben. Die Männer erzählen von Dutzenden von «Konzentrationslagern», eines davon sei auch in Bosanski Novi. Gesehen hätten sie keines, aber alle Leute wüssten das.

Den Schutztruppen der Vereinten Nationen (Unprofor) wird immer wieder vorgeworfen, sie unterstützten die serbische Vertreibungspolitik. Die Blauhelme hätten ihren Abtransport regelrecht organisiert, erzählt der 29jährige Franjo, ein Kroate aus dem nordbosnischen Städtchen Doboj. Ein serbischer Kommandeur habe, nachdem alle Häuser geplündert und niedergebrannt worden seien, befohlen: «Ihr müsst weg!» Busse und Lastwagen standen bereit. «Aber ohne die Anwesenheit der Unprofor wären viele von uns umgebracht worden», räumt Franjo ein.

Die jungen Männer sind die Sorgenkinder des Lagerleiters Zaborski, denn Wehrpflichtige dürften eigentlich nicht bleiben. Aber sie wollen nicht zurück. Die bosnische Regierung verlangt, dass alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren zurückgeschickt werden. Die Massnahme beträfe die Hälfte der Flüchtlinge in der Sporthalle von Karlovac. Sie fürchten täglich das Erscheinen der kroatischen Militärpolizei. Sie würden schon zurückgehen, sagt der 48jährige Osman, ein Schlosser, der einer aufgeriebenen muslimischen Territorialeinheit bei Bosanski Novi angehört hat. «Aber nur, wenn wir Waffen bekommen.» Sie wissen, dass sie keine Waffen bekommen. Also werden sich die Männer gegen die Abschiebung wehren? Lagerchef Zaborski fürchtet einen Aufstand. Der junge Feriz beteuert: «Wir wollen ja kämpfen, aber wir haben nur unsere Schusswaffen von zu Hause.» Mit Pistolen hätten sie auf Panzer gefeuert, während Mig-Jets Streubomben über die Dörfer abgeworfen hätten. Sie hätten keine Chance gehabt.

Der Kommandant der kroatischen Verteidigungskräfte (HVO) in Nordbosnien, Vinko Begic, bestätigt das eklatante Ungleichgewicht der Bewaffnung. Deshalb seien die Städte Derventa, Odzak, Modricka und Brcko sowie unzählige Dörfer in Trümmer geschossen worden, während die Welt gebannt auf Sarajewo geblickt habe. Nordbosnien sei leergefegt, sagt Begic, der Bürgermeister in Derventa war, ohne Gefühlsregung. Der Rest seiner versprengten und dezimierten Truppe, 3200 Elendsgestalten, strandete in der Grenzstadt Bosanski Brod, vor der einzigen noch intakten Savebrücke, dem letzten Fluchtweg aus der bosnischen Hölle. Mit Sack und Pack harrten die Männer zwei Wochen in der Julihitze aus, täglich aus nahen serbischen Stellungen mit Granaten beschossen. Schliesslich durften die Männer über die Brücke einreisen, weil sie einen gewaltsamen Durchbruch androhten. Die überaus nervös agierende kroatische Polizei hatte bereits einen leichten Schützenpanzer in Stellung gebracht. Inzwischen wurden die Männer zurückgeschickt, «in sichere Gebiete», wie es offiziell hiess.

Stipe Ivankovic, der Bürgermeister von Odzak, will seinen Zorn auf die eigene Regierung nicht verhehlen: Sie hätten immer auf Waffen gewartet, aber Sarajewo habe in den letzten sieben Monaten nichts von sich hören lassen. Die «serbische Armee» habe alle Telefonleitungen zerstört, in zehn Tagen hätten die Panzer aus Odzak ein Vukovar gemacht. All diese Menschen müssten nicht fliehen, wenn sie sich verteidigen könnten, sagt der Bürgermeister wütend. In dem Städtchen mit seinen 31 000 Einwohnern lebten 56 Prozent Kroaten und 20 Prozent Muslime. Dreiviertel der Bevölkerung wurden vertrieben oder getötet, weil 20 Prozent Serben die Stadt für sich beanspruchen wollten.

Flüchtlinge kroatischer Nationalität kommen meist privat bei Verwandten unter, doch die überwiegend muslimischen Vertriebenen müssen in den fünf Lagern im Land versorgt werden - mittlerweile sind allein in Kroatien fast eine halbe Million muslimischer Bosnier.

Das grösste Lager befindet sich im Dorf Gasinci bei Djakovo, wo, was nicht eben von viel Feingefühl zeugt, auf einem ehemaligen Kasernengelände ein Zeltdorf errichtet wurde. So werden die 3200 Flüchtlinge ständig an die frühere «Volksarmee» erinnert, von deren marodierenden Truppen sie grausam vertrieben worden sind. Zeltgassen bahnen sich durch einen schattigen Mischwald, in einem Zelt müssen 14 Menschen Platz finden.

Die meist bäuerliche Bevölkerung aus der Posavina, dem fruchtbaren Landstrich südlich der Save, galt als wohlhabend. Jetzt fühlen sich diese Menschen auf eine für sie unvorstellbar primitive Lebensform zurückgeworfen. Bei jedem Gespräch fällt der Satz: «Wir haben unser ganzes Leben lang umsonst gearbeitet.»

Mit einer verzweifelten Geste deutet Asmira Ceremagic, eine junge muslimische Frau aus Modrica, auf eine Feuerstelle aus zwei Ziegeln, darauf kocht sie in einer Zehn-Liter-Konservenbüchse ihre einzig verbliebenen Wäschestücke. Gleich daneben braut sich ein knochenhagerer Mann in einer kleinen Konservendose einen «Türkischen».

Trotz allen widrigen Umständen findet man auch lachende Gesichter: Vor einem Zelt sitzen vier Frauen auf schmalen Brettern beim Schwatz. Die Fröhlichkeit stirbt allerdings augenblicklich ab, wenn sie von ihrer Flucht erzählen. Die 59jährige Sakiba Mujkic vermisst seit Wochen ihre beiden Söhne. Vielleicht seien sie gar nicht mehr am Leben. Ihren Mann und den 20jährigen Sohn vermisst auch Mujesiva Mehmetovic, nur der kleine Hussein ist ihr geblieben. Der Krieg hat Tausende von Familien zerrissen und die Seelen dieser Menschen zerrüttet.

Das grösstes Problem wird für das Lager der bevorstehende Winter sein. Branko Vukojka, einer der Lagerleiter in Gasinci, weiss nicht, wo er die 3200 Flüchtlinge unterbringen soll, wenn die Nächte bald wieder kühler werden. Die meisten Menschen haben nur leichte Kleidung, viele Kinder nicht einmal Schuhe. Er bekommt zwar viele Hilfsgüter aus Europa, aber Winterkleidung war bisher kaum dabei.

Damir Zoric, der Generalsekretär des staatlichen Flüchtlingsbüros in Zagreb, vermutet hinter dem Zustrom der Flüchtlinge eine Strategie der serbischen Regierung in Belgrad. Früher hätten die Serben ihnen die Armee geschickt, um Kroatien zu zerstören, jetzt schickten sie ihnen Flüchtlinge, um die Wirtschaft zu ruinieren. Umgerechnet dreieinhalb Millionen Franken täglich kostet Kroatien das Flüchtlingsproblem, zusätzlich zu den rund 21 Milliarden Dollar an Kriegsschäden. Der Serbensturm treibt nach Schätzung von Zoric noch mindestens 400 000 vor sich her. Diese Flüchtlinge aus Innerbosnien würden jetzt «wie Sklaven» für Erntearbeiten eingesetzt. Zu Beginn der kalten Jahreszeit, wenn die Unterbringung kritisch werde, würden diese Massen dann wohl freigelassen. Kroatien werde jeden Flüchtling einreisen lassen, aber unverzüglich an die westlichen Grenzen weiterschicken.

Rudolf Gruber ist freier Journalist in Wien.


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