Wie Rosa Föhn in die Stube tritt, schauen wir beinahe über sie hinweg, so klein ist sie. Klein wohl von Geburt, und klein, wie einen ein 81jähriges Leben machen kann, allerorts, nicht nur hier oben im Bisistal. Verlegen wischt sie die Hand, ehe sie sie uns reicht, an der grossgeblümten Ärmelschürze ab, die sie über dem grünen Pullover und der langen Strickhose trägt. Noch nicht oft wohl ist jemand heraufgekommen, bloss um sie ein wenig über ihr Leben zu befragen, zu fragen, wie es ist, wie es war, 81 Jahre lang in ein und demselben abgelegenen Haus im abgelegenen Tal zu verbringen. «Eh, dere Muulaffe!» sagt sie später, als Manuel sie bittet, sich seiner Kamera zu stellen. Und wie er nach dreimal Abdrücken weitere Male abdrücken will, sagt sie, das eine Mal schon als unstatthaft und überflüssig empfindend und jedes weitere Mal erst recht: «Jetzt chönder höre.»
Den Weg herauf zur Karrenweid, wo Rosa Föhn mit ihrem 57jährigen ledigen Sohn lebt - er sitzt mit uns am Tisch, und wir möchten auch ihn kennenlernen -, hätten wir mit unserem winteruntüchtigen Stadtauto nicht geschafft. Der Mann, der in der verzettelten Schwyzer Gemeinde Muotathal jeweils die Schulkinder einsammelt, hat uns mit dem vierradangetriebenen Fahrzeug gefahren. Im vielleicht anderthalb Stunden entfernten Zürich waren wir vom Winter noch ziemlich weit weg gewesen, in Muotathal unten war es noch grün, doch je weiter wir ins Bisistal vordrangen - in die sich bis zum toten Ende in die Berge flüchtende Fortsetzung des Muotatals -, desto mehr hatte das grobe Reifenprofil zu greifen. Das Bisistal, das Muotatal überhaupt, sei ein Schneeloch, hatte unser Chauffeur gesagt. Auch ein Regenloch, es regne auch mehr als an anderen Orten. Ein richtiges Wetterloch.
Das viele Wetter nimmt in den Gedanken der Menschen hier hinten den Platz von Ereignissen ein. Wohl passiert in diesem Tal, in dem man wie auf einem Pfannenboden lebt, rundum von nahen Bergen umgeben, wohl passiert hier ausser dem Wetter nicht viel. Und wenn eine «Laui», eine Lawine, vom Waldistock niedergeht und der Schneestaub auf der Karrenweid die Fenster vermacht und die Stube verdunkelt, obwohl der Waldistock auf der anderen Talseite steht, dann ist das Wetter Ereignis.
Ein einziges Mal ist Rosa Föhn in der Stadt gewesen, in Zürich; da habe sie derewäg Angst gehabt. Im näheren Luzern war sie nie.
Rosa Föhn wurde 1910 in der Karrenweid geboren. Als sie achtjährig war, starb ihr Vater an der grossen Grippe, zwei Tage bevor er, im ersten grossen Krieg des Jahrhunderts, wieder in den Militärdienst hätte einrücken müssen. Die ältere Schwester war zehn, die jüngere vier Jahre alt. Die Mutter brachte sich und die drei Mädchen mit dem kargen Ertrag des kleinen Bergbauernhofs durch; während des Kriegs hatte sie noch dann und wann Hilfe aus Muotathal unten bekommen, «öppe eso en Halungg», wie Rosa Föhn sagt. Sie hatte damals nicht begriffen und begriff einundzwanzig Jahre danach nicht und wird nie begreifen, was die Männer für das Vaterland Wichtigeres zu tun haben könnten als die Arbeit zu Hause.
Ein zweitesmal hatte die Mutter nicht heiraten mögen, «zwöierlei Gattig Chind» wollte sie nicht.
1931 ehelichte Rosa den fünf Jahre älteren Josef Lienhard Föhn vom Giebel, einem benachbarten Hof, so wie schon ihre Eltern einst Nachbarskinder gewesen waren, soweit die verstreuten Höfe diese Bezeichnung zulassen. So wie man im ganzen Muotatal bis heute nach Möglichkeit nicht aus dem Tal hinaus heiratet und sich nicht sehr oft ein auswärtiges Ehegespons ins Muotatal holt. Davon zeugen die Namen im Telefonbuch. Von den gut 3000 Einwohnern der siebtgrössten Gemeinde der Schweiz teilt sich etwa die Hälfte in fünf, sechs Namen; die Gwerders, Schelberts, Betscharts, Heinzers und Föhns nehmen auf den paar wenigen Telefonbuchseiten ganze Kolonnen ein. Und wer dort verheiratet nicht gleich Gwerder-Gwerder heisst oder Schelbert-Schelbert, der heisst nicht selten doch wenigstens Gwerder-Schelbert, Betschart-Heinzer oder Schelbert-Föhn.
1934 kam Sohn Josef zur Welt, der später auf den Höfen des Bisistals - und viel weiter weg kam er nicht - keine Frau finden sollte. Er blieb ledig, obwohl er gegen ein «Wybervolch» nichts einzuwenden gehabt hätte. Sohn Oswald, vier Jahre später geboren, dagegen hat in Muotathal unten Frau und Kinder, der gelbe Vogel, der im Käfig am Fenster sich ab und zu zwitschernd in unser Gespräch einmischt - ein Feriengast -, gehört einem von ihnen. 1962 starb Josef Lienhard Föhn, Rosas Mann, an einer Lungenentzündung.
Die Karrenweid auf 1164 m ist einer von einem Dutzend Höfen des oberen Bisistals. Drei Kühe, ein trächtiges Rind «und es paar Hüender». Wieviel Land ist zu bewirtschaften? «Sechs Aren - nein: Jucharten. Oder Hektaren.» - Josef weiss das Mass nicht. Was spielt das bei diesem steilen und steinigen Land denn auch für eine Rolle. Es ist jedenfalls zuwenig, als dass man auch bei kleinen Ansprüchen davon leben könnte - Josef hilft, zum Nebenerwerb, das nahe Kleinkraftwerk warten -, und zuviel, wenn es darum geht, es vo Hand zu bewirtschaften. Das Land der Föhns ist das steilste und steinigste rundherum. Während die Nachbarn wenigstens Motormäher haben, muss Josef Föhn alles mit der Sense mähen, jedes Gefährt müsste hier augenblicklich kippen. Früher hat er gern mit der Sense gemäht, da konnte man sein Können noch an dem der anderen messen. Jetzt muss er mit ansehen, wie die anderen schon fertig sind, ehe er richtig angefangen hat; jetzt hat er die Freude am Mähen verloren. Das Heu bringt er wie eh und je mit den Heuseilen ein. Den Aebi-Transporter, ein kleines Zugfahrzeug mit Ladebrücke, kann er nur auf der Strasse benützen. Bisher hat die Mutter, das Zupacken ein Leben lang gewohnt, stets mitgeholfen. Heuer war sie, sagt sie, «nichts mehr wert».
Ein Tal in einem geschlossenen Kranz von Bergen. Ein schöner, stiller Ort. Schön, einen Steinwurf von der Stadt nichts weiter zu hören als einen Bach und die Schreie der Krähen über den Tannen und die Augen nicht anstrengen zu müssen und dennoch nichts zu verpassen. Hierher müsste man sich eine Zeitlang zurückziehen können. Wo man nicht hinaussieht, kann man einem von aussen auch nicht so viel anhaben. Hier sein. - Aber hier bleiben? Ein Leben auf dem Pfannenboden? Wovon träumt man, wenn man nirgendwohin sieht, man keine Ferne erahnt?
Ausser dem einen Mal in Zürich war Rosa Föhn als junges Mädchen ein paarmal in Goldau, ein paarmal in Hausen, «go diene, go heie, go gaume», und schon manches Jahr kaum mehr in Muotathal unten. Josef hat im Militärdienst etwas mehr vom Land gesehen: Rekrutenschule in Airolo, WK im Baselbiet, WK im bernischen Wilderswil. Während der Rekrutenschule war er im Januar 1955 drei Wochen auch in der Kaserne in Zürich, aber in der Stadt war er nie, nur zwei-, dreimal ist er bis zum Bahnhof gegangen. Im Urlaub ist er stets in der Kaserne geblieben, für die Reise ins Bisistal war das Geld zu knapp und die Zeit zu kurz, denn erst seit 1964 führt eine Strasse dort hinauf. Zuvor hatte man quer über die Hänge gehen müssen, gut zweieinhalb Stunden hinauf, etwas weniger durab. Und länger, wenn der Schnee tief lag und mit den Rindern noch kein Weg gebahnt worden war. Manchmal waren die Rinder vom Wegbahnen zum Umfallen müde, sagt Josef Föhn.
Nein, von der Welt träumt er nicht. Von der Welt hat Josef Föhn alles gesehen. Von der Ferne träumt auch seine Mutter nicht; sie hätte sich manchmal «ein bisschen mehr Geld» gewünscht, manchmal war nicht einmal der Rappen zum Umdrehen da.
Nicht dass Josef Föhn nichts über das wüsste, was ausserhalb des Muotatals läuft. Von den Drogensüchtigen in Zürich - uns kommt keine andere Frage gleich schnell in den Sinn, wohl weil sich das Problem hier im Bisistal weder stellt noch auch nur vorstellen lässt und sich die Extreme ja oft berühren -, von den Drogensüchtigen in Zürich etwa hat Josef Föhn schon gehört.
Sie werden, sagt er, halt Sorgen haben, weil es nicht geht, wie es soll.
Er liest manchmal im Bott, im «Boten der Urschweiz», und in der Schwyzer Zytig. Bücher sind ausser der Bibel und dem Katechismus - sie zu haben ist für ihn so «der Brauch» wie sonntags im Schönenboden zur Messe zu gehen - nicht im Haus. Einen Fernsehapparat gibt es hier nicht. Wir haben fast gezögert, danach zu fragen, weil wir uns nicht hätten vorstellen mögen, dass RTLplus und dergleichen die Stille hier störten und der Informationsbrei unvoreingenommene Urteile trübe. So ist denn selbst der Grund dafür, keinen Fernsehapparat anzuschaffen, nicht Voreingenommenheit. Man hat einen Kauf einfach gar nie erwogen. - Dass es einen «Konsumzwang» tatsächlich gibt und man ihm unnötig oft unnötig erliegt, stellt man dort fest, wo er fehlt. Radio hörten wir schon gelegentlich, sagt Josef Föhn, ein Hörspiel vielleicht einmal, wenn auch bei schlechtem Empfang. «S Wätter losed mer», ergänzt die Mutter.
Das Licht in der warmen getäferten Stube schwindet allmählich, es könnte bald wieder schneien. Im Winter sei die Strasse hier herauf oft nicht offen, manchmal sei sie eine Woche lang, zehn Tage lang zu. Da würde wohl auch unsereins um 9 Uhr schlafen gehen, wie es Rosa Föhn und ihr Sohn das ganze Jahr tun. Da kann Josef auch nicht mehr mit dem «Töffli» zum Schönenboden hinunter, wo der einzige Laden im Bisistal ist. Da sind sie von der Welt, die selbst schon abgeschlossene Welt ist, vollends abgeschlossen.
«Solange Gummel (Kartoffeln) da sind . . .», sinniert Rosa Föhn.
«Solange man gesund ist . . .», sagt der Sohn.
«Und sonst stirbt man halt», sagt die Mutter.