NZZ Folio 09/98 - Thema: Japan   Inhaltsverzeichnis

Richtig leben mit Geri Weibel -- Die Gegentrendfrage

Von Martin Suter

RICHTIG LEBEN MIT GERI WEIBEL Die Gegentrendfrage

AN EINEM ANDEREN TAG, an dem es nicht schon am Morgen nach Herbst riecht und ein kalter Nieselregen den Spätnachmittag verdunkelt, hätte Geri Weibel die Bemerkung von Robi Meili kaum zu denken gegeben. Sie lehnen an der SchampBar, jeder mit einem unberührten Sandeman neben dem Ellbogen, und schauen zu, wie sich langsam der Schirmständer füllt. Ein Bild, das Robi Meili an London erinnert, denn er sagt: «In London tragen die Kids jetzt Birkenstock statt Nike.»

«Ich weiss», antwortet Geri, wie immer, wenn ihn Meili mit einer Trendmeldung überrascht. Aber anstatt sie in seinem inneren Archiv für Trendmeldungen griffbereit abzulegen und zum nächsten Thema überzugehen, hängt er ihr noch nach, als ihn Meili längst an der Bar hat stehenlassen. Und vielleicht zum erstenmal, seit er sich mit dem Neuen beschäftigt, wird ihm bewusst, wie eng auch in Trendfragen das Werden mit dem Vergehen verbunden ist. Der Gedanke deprimiert ihn.

So wird es denn auch etwas später an diesem Abend und folglich auch am nächsten Morgen. Das trägt Geri Schwierigkeiten mit Hofer ein, seinem Linienvorgesetzten, dem er schlecht erklären kann, dass ihn die Nachricht von der Ablösung von Nike durch Birkenstock in der Gunst trendbewusster Londoner Jugendlicher in eine Sinnkrise gestürzt hatte, die er mit verschiedenen raren Destillaten zu überwinden versuchte. Hofer gehört zu den Leuten, die modische Trends aussitzen, bis sie, wenn sie nach Jahren wiederkehren, erneut von ihnen ergriffen werden. Wahrscheinlich trägt er zu Hause Birkenstöcke. Noch und wieder.

Das Wetter bleibt regnerisch und verhindert vorerst ein Übergreifen des Londoner Birkenstocktrends auf das europäische Festland. Aber es nährt Geris Melancholie, die ihm jedesmal das Herz schwer macht, wenn er dem Nike-Zeichen auf einem nassen Turnschuh oder einer triefenden Nylonjacke begegnet. Wehmütige Reminiszenz eines Frühlings voller Hoffnungen, eines Sommers voller unerfüllter Träume.

Aber dann erwischt er Freddy Gut mit einem Rivella. Zwar weder im Fisch&Vogel noch in der SchampBar, sondern im Tea-Room Gubler. Trotzdem, einer wie Freddy Gut tut nichts zufällig. Einer, dessen einzige Art, sich auszudrücken, die modische ist, bestellt kein Rivella, ohne damit ein Zeichen setzen zu wollen. Auch nicht auf neutralem Boden. Wenn Freddy, Red- Bull-Pionier, Almdudler-Promoter und Alkopops-Kenner, riskiert, mit einem Rivella angetroffen zu werden, und sei es auch nur im Gubler, dann ist das ein Signal.

Geri ist ein geübter Deuter von Freddys Signalen und braucht nicht lange, um die Botschaft zu entschlüsseln: Rivella ist der Birkenstock unter den Softdrinks. Freddy Gut ist dabei, das Terrain für den Londoner Birkenstocktrend vorzubereiten.

Dieses Anzeichen dafür, dass die Stagnationsphase zwischen zwei Trends vorüber ist und die Dinge wieder in Bewegung geraten, reisst Geri aus seiner Melancholie. Er vergisst das Vergangene und wendet sich wieder dem Kommenden zu. Wie ein abgebrühter Trendwatcher prüft er Möglichkeiten, wie er dem Birkenstocktrend zuvorkommen kann, indem er ihn auf einer anderen Ebene variiert, ohne Freddy Guts Rivella-Variante zu kopieren.

Bei der Durchsicht seines Schranks stösst er auf: 1 Paar Frotteesocken, hellblau; 1 Lederkrawatte, weinrot; 1 Niedriglohnland-Seidenhemd, petrol; 1 Blazer, senfgelb; 1 Jeansmütze; 1 Calida-Pyjama, dunkelblau mit grauen Borten. Letzteres legt er unter das Kopfkissen, fest entschlossen, dessen Wirkung zu testen, falls es sich ergeben sollte, dass er diesen Abend die SchampBar in Begleitung verlässt. Ein einigermassen kalkulierbares Risiko.

Die übrigen Anlehnungen an Birkenstock legt er in den Schrank zurück. Für die Testphase des Trends sind sie ihm noch etwas zu plakativ. Er verlässt das Haus mit zwei diskreteren Accessoires aus der Birkenstock-Welt: einer Rolf-Knie-Bankkarte und einer Michel-Jordi-Ethno-Uhr.

Geri wartet lange auf eine Gelegenheit, sein Trendsignal zu setzen. Erst spät abends in der SchampBar sagt Robi Meili: «In London tragen die Kids jetzt Birkenstock statt Nike.»

Freddy Gut, die Modeautorität, nickt. «Das geht. Aber nicht eins zu eins. Als Bruch. Als ironisches Zitat, wie damals Adidas oder Swiss Ethno.»

Geri holt mit der Linken weit aus und schaut auf seine edelweissverzierte Uhr wie jemand, für den es langsam Zeit wird.

«Bei gewissen Leuten», fährt Freddy Gut fort, «wirkt es einfach zu authentisch.»


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