NZZ Folio 07/94 - Thema: Zum Mond   Inhaltsverzeichnis

Schein und Sein

Was der Mond mit wem macht.

Von Herbert Cerutti

Die Natur lebt von der Sonne. Die Sonne spendet Wärme und Licht. Ohne sie gäbe es weder Pflanzen noch Tiere. Deshalb war die Sonne dem Urmenschen göttlich. Aber auch das andere Licht am Himmel, der Mond, nahm Denken und Fühlen der frühen Menschen gefangen. Statt gleissend und verbrennend eher sanft und silbern, begleitet und verzaubert sein Licht inmitten der Nacht. Und während die Sonne in immer gleicher Gestalt da ist oder eben nicht, zeigt der Mond im Laufe der Tage ein wechselhaftes Bild: Sein rundes Gesicht wird schmaler und schmaler, bis nur noch eine dünne Sichel am Himmel hängt. Dann gibt es ihn überhaupt nicht mehr. Bis er neugeboren wieder als Sichel erscheint, fetter und fetter wird, um schliesslich wieder als glänzendes Rund den Nachthimmel zu dominieren.

Nicht verwunderlich, wurde der Mond zum Sinnbild für Werden und Vergehen, für Leben und Tod. Die ägyptische Fruchtbarkeitsgöttin Isis trägt die Mondsichel im Haar; die griechische Mondgöttin Selene verwaltet Friedhof und Grab. Der Mond empfängt sein Licht von der Sonne; die Frau empfängt durch die männliche Zeugungskraft. Von den Eiszeitjägern bis zu den Ägyptern und Griechen findet sich die Verbindung von Stier, Mond, Frau und Schwangerschaft. Die Stierhörner werden zur Mondsichel. Die Jungfrau Maria steht noch heute auf dem heidnischen Sichelbogen.

Das lunare Werden und Vergehen geschieht im Takt von 29,5 Tagen. Im Rhythmus von durchschnittlich 28 Tagen bereitet sich der Körper der Frau auf das Fruchtbarsein vor. Früheren Kulturen war offensichtlich, dass der weibliche Monatszyklus mit dem Gang des Mondes gekoppelt sei. Der moderne Mensch suchte nach wissenschaftlicher Bestätigung. Schon 1898 legte Arrhenius eine Studie vor, die bei einer grossen Anzahl Frauen eine deutliche Häufung des Menstruationsbeginns in einer bestimmten Mondphase zeigte. Spätere Forscher konnten zwischen Menstruation und Mondphasen keinen statistischen Zusammenhang finden. 1979 wies Cutler an der Universität Pennsylvania wiederum nach, dass ein Fünftel der Studentinnen (die ihren Zyklus nicht künstlich regulierten) eine Zyklusdauer zwischen 28,5 und 30,5 Tagen hatten, wobei der Menstruationsbeginn überwiegend in die Zeit von einer Woche vor bis eine Woche nach Vollmond fiel. Der Eisprung erfolgte also in der Woche vor oder nach Neumond. Da der moderne Mensch in seiner Schlafumgebung aber kaum mehr dem Mondlicht ausgesetzt ist, vermutete Cutler als lunaren Taktgeber eine verstärkte Schwerkraft, also eine auf den menschlichen Organismus wirkende «Springflut», oder durch den Mond verursachte elektromagnetische Veränderungen auf der Erde.

Damit die Hühner mehr Eier legen, lassen manche Bauern nachts im Stall das Licht brennen. Dies brachte die Ärzte Dewan und Rock 1969 auf die Idee, «unfruchtbaren» Frauen mit stark unregelmässigem Monatszyklus mit einem künstlichen Vollmond zu helfen. Sie liessen die Patientinnen jeweils vom 14. Tag nach Menstruationsbeginn an für drei Nächte bei Licht schlafen. In vielen Fällen pendelte sich nach einiger Zeit die Zykluslänge auf ungefähr 29 Tage ein. Und etliche der Frauen wurden endlich schwanger. Die Amerikanerin Louise Lacey hat daraus eine populäre «Lunaception» gemacht, eine neue Variante natürlicher Schwangerschaftskontrolle: Verdunkle dein Schlafzimmer gut und stelle jeweils in der 14., 15. und 16. Nacht nach Beginn der Periode eine Lampe so ins Zimmer, dass du den Schein nur indirekt siehst. Mittels Messen der Körpertemperatur beobachtete Louise Lacey ihren eigenen Eisprung. Schon nach wenigen Monaten synchronisierte sich die Periode mit dem Mondrhythmus. Der Eisprung erfolgte jeweils in der zweiten «Lampennacht», die bald schon mit der Vollmondnacht zusammenfiel. Dass die Studentinnen Pennsylvaniens für ihren Eisprung nicht den Vollmond, sondern die Zeit um den Neumond bevorzugen, ergibt allerdings ein gegenteiliges Bild.

Weitverbreitet ist der Glaube an den Einfluss des Mondes auf den Geburtstermin. Dies musste vor bald vierzig Jahren auch der junge Berner Mathematiker Peter Wilker erfahren. Sein Kind sollte zu Hause zur Welt kommen; die Hebamme wurde avisiert. «Gottlob ist in nächster Zeit nicht Vollmond. Ich hätte bei Vollmond im Spital alle Hände voll zu tun und könnte an solchen Tagen keine Hausgeburt übernehmen», meinte sie beim ersten Besuch. Als der Mathematiker solch lunaren Einfluss anzweifelte, entgegnete die Frau leicht indigniert, sie müsse dies nach langer Berufserfahrung wohl wissen. Wilker liess die Hebammenweisheit keine Ruhe. 25 Jahre später gab ihm die moderne Datenverarbeitung die Möglichkeit, der Sache systematisch auf den Grund zu gehen. Mit zwei Kollegen untersuchte er sämtliche vom Bundesamt für Statistik in den Jahren 1977 bis 1979 hierzulande registrierten Geburten - immerhin 217 460 insgesamt. Die detaillierte Analyse ergab in der Tat markante Abweichungen unter den durchschnittlich täglich 200 Schweizer Geburten: Auf den Sonntag fielen etwa 25 und auf den Samstag 10 Prozent weniger Geburten; Ende April und Ende September lag die Geburtenhäufigkeit weit über dem Durchschnitt. Während die fehlenden Geburten am Wochenende die Gepflogenheiten in den Spitälern widerspiegeln, sind die saisonalen Höhepunkte wohl sexuell bedingt.

Und der Vollmond? Für jeden Wochentag wurde gesondert untersucht, wie oft sich Geburten in den drei Tagen um Vollmond ereigneten. An fünf Wochentagen lag die Geburtenhäufigkeit leicht über, an zwei leicht unter dem Mittel. Die Abweichungen betrugen zwischen eins und acht Geburten auf 200 und lagen klar innerhalb der normalen statistischen Zufallsschwankungen. Ein allfälliger Mondeinfluss auf die Geburtenhäufigkeit wäre also derart gering, dass er von der einzelnen Hebamme nicht bemerkt werden könnte. Für die Berner Mathematiker gehört deshalb der Mond als Geburtshelfer ins Reich des Aberglaubens. Ähnliche statistische Untersuchungen sind aus Deutschland und den USA bekannt, wobei einige Forscher einen Einfluss des Mondes auf die Geburten gefunden haben wollen, andere wiederum nicht. Eine der neuesten Arbeiten stammt von 1984 aus dem Universitätsspital Zürich. Gegen 6000 Geburten wurden auf äussere Einflüsse untersucht. Einmal mehr ergab sich kein Einfluss der Mondphasen auf den Zeitpunkt. Dafür lag die Geburtenhäufigkeit einige Stunden nach Beginn einer ausgeprägten Schönwetterlage oder nach einem Wetterumsturz deutlich höher. Versank indes Zürich in der winterlichen Nebelsuppe, sackten auch die Geburtenzahlen auf Tiefstwerte.

«D Boone steckt mer im Obsigänt, d Rüebli sät mer im Nidsigänt.» Oder auch: «Im zuenämende Mon pflanzt me, was uf dr Ärde, im abnämende, was unger dr Ärde söll wachse.» Die beiden Bauernregeln aus dem Zürcher Oberland und aus dem Bernbiet sind Beispiele einer langen Reihe überlieferter Mondregeln. In unserem Jahrhundert hat dann die Lehre der «biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise», wie sie Rudolf Steiner in seinen «Geisteswissenschaftlichen Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft» 1924 erstmals darlegte, dem Mond eine systematische und tiefgreifende Wirkung auf die Pflanzenwelt zugesprochen.

Im anthroposophischen Weltbild Steiners steht alles irdische Geschehen in engem Kontakt zum Kosmos. Dem Mond kommt dabei eine besondere Rolle als Mittler zwischen den fernen Gestirnen und der Erde zu. Wichtig für die Art der zu einem bestimmten Zeitpunkt auf die Erde einwirkenden Sternenkräfte ist deshalb nicht die Mondphase, sondern der Ort, wo der Mond im Tierkreis steht. Denn wie die Sonne das Band der zwölf Tierzeichen einmal im Jahr durchläuft, zieht der Mond im Laufe von 27,3 Tagen ebenfalls durch alle zwölf Zeichen. (Die Zeit zwischen zwei Vollmonden ist jedoch gut zwei Tage länger, weil die Erde während eines Mondumlaufs ebenfalls ein Stück weit auf ihrer Bahn um die Sonne vorwärtsschreitet.) Und wie der tägliche Bogen der Sonne am Himmel von Dezember bis Juni laufend höher wird und im zweiten Halbjahr wieder abnimmt, wandert auch der Scheitelpunkt der Mondbahn während 14 Tagen immer höher und dann 14 Tage lang tiefer und tiefer. Dieses «aufsteigend» und «absteigend» (obsigänt und nidsigänt) hat also nichts mit den Mondphasen, dem zunehmenden und abnehmenden Mond, zu tun. Die Bauernregeln - man lese nochmals die beiden Beispiele - verwischen diesen Unterschied jedoch häufig.

In jahrzehntelanger Arbeit haben die Mathematisch-Astronomische Sektion des Goetheanums in Dornach und der Forschungsring für Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise in Darmstadt mit Pflanzversuchen dem kosmischen Walten nachgespürt. So wurden Saatkästen auf einem in der Ebene der Sternenbahnen drehenden Rad montiert und damit die keimenden Samen immer der «Strahlung» des gleichen Tierkreiszeichens ausgesetzt. Und in unzähligen Feldversuchen kombinierte man Aussaat, Umpflanzen sowie Düngen mit Kieselpräparaten für die unterschiedlichsten Pflanzenarten mit den verschiedenen astronomischen Konstellationen. Die sehr komplexen Ergebnisse in Kürze: Steht der Mond in den Sternzeichen Stier, Jungfrau oder Steinbock, sind dies Wurzeltage. Sie sind besonders günstig für Bodenbearbeitung, Aussaat und Ernte von Wurzelgemüsen wie Rettich, Rüben, Kartoffeln und Zwiebeln. Zwillinge, Waage und Wassermann fördern die Blütenpflanzen (Ölfrüchte, Sonnenblumen, Schnittblumen). Den Blattpflanzen (Salate, Kohlarten, Futterpflanzen) behagen Krebs, Skorpion und Fische. Den Fruchtpflanzen (Bohnen, Mais, Tomaten, Getreide) schliesslich sind Löwe, Schütze und Widder wohlgesinnt.

Solche Behauptungen haben die akademische Welt verschiedentlich zu Überprüfungen herausgefordert. So machte Hartmut Spiess am Institut für Biologisch-Dynamische Forschung in Bad Vilbel langjährige Versuche mit Winterroggen, Radieschen und Karotten. Sein Ergebnis: Der Pflanzenertrag wird vor allem vom saisonalen Aussaattermin bestimmt. In der statistischen Auswertung über mehrere Jahre können jedoch auch Einflüsse von Mondzyklen gesehen werden. Ein bis drei Tage vor dem Vollmond gesäte Karotten brachten gegenüber dem Mittel einen 14 Prozent höheren Ertrag; Aussaaten im abnehmenden Mond lieferten bis zu 9 Prozent weniger. Auch waren die vor dem Vollmond gesäten Karotten nach der Ernte deutlich besser haltbar. Die von den Anthroposophen postulierten Mond-Tierkreis-Rhythmen liessen sich jedoch nicht bestätigen.

1977 nahm sich auch die ETH Zürich des Themas an. Drei Jahre lang untersuchte Ursula Graf den Einfluss kosmischer Konstellationen auf das Wachstum von Kartoffeln im Freiland und von Radieschen in der Klimakammer. Das Fazit: Pflegt man Boden und Pflanzen biologisch-dynamisch, «ergibt sich der Hinweis, dass ein Einfluss von Mond-Tierkreis-Konstellationen auf Wachstum und Ertrag bestehen kann», während sich bei konventioneller Bewirtschaftung keine entsprechenden Einflüsse zeigten. Für jeden wackeren Biologisch-Dynamischen wohl wenig überraschend.

Die Meinungen und Fakten über den Einfluss des Mondes auf das Pflanzenwachstum sind also recht unterschiedlich und widersprüchlich. Nicht so bei den Meeresbiologen. Denn dort, wo der Mond mit Ebbe und Flut am handgreiflichsten auf die Erde einwirkt, reagiert auch die lebende Natur deutlich. Zweimal täglich steigt und fällt der Meeresspiegel - bei Monddurchgang wirkt die Anziehungskraft des Mondes, einen halben Tag später eine erhöhte Fliehkraft (weil Erde und Mond sich um ihren gemeinsamen Schwerpunkt drehen, der zwar noch innerhalb der Erdkugel, aber doch in Richtung Mond verschoben liegt). Die Kreaturen, die im Gezeitenbereich der Küste leben, passen sich dem Kommen und Gehen der Fluten an: Die meisten Tiere verkriechen sich beim Zurückweichen des Wassers und werden erneut aktiv, wenn es wieder kommt. Austern öffnen ihre Schalen bei Flut und schliessen sie bei Ebbe. Bringt man Austern in ein Aquarium, behalten sie erstaunlicherweise auch ohne Ebbe und Flut ihren Gezeitenrhythmus bei. Und wenn man das Aquarium auf einen andern Längengrad transportiert, passen die Muscheln den Rhythmus bald schon dem neuen, unsichtbaren Gezeitentakt an. Wie die Tiere wissen, wann der Mond über ihrem Lebensort steht, ist ein Rätsel.

Sehr zahlreich sind die Beispiele, wie die verschiedenen Mondphasen das Leben im Wasser beeinflussen. Schon Plinius wusste vor fast 2000 Jahren, dass die Langusten «zur Zeit des Vollmondes besonders fett werden, weil dieses Gestirn durch seinen linden Schein die Nacht lau macht». Aus neuerer Zeit sind Dutzende von Forschungsergebnissen bekannt, die den Mond vor allem mit der Fortpflanzung der Meerestiere in Verbindung bringen. Geradezu phantastisch ist das Beispiel des Palolowurms, der in den Korallenriffen vor Samoa lebt. Ende Oktober oder Anfang November, jeweils genau am Tag des abnehmenden Halbmondes, kriechen die Würmer in riesiger Schar aus ihren Röhren im Riff und schwimmen zur Oberfläche, um dort die prall mit Spermien oder Eiern gefüllten Hinterenden abzustossen. Wenn diese schliesslich platzen, kann die Befruchtung stattfinden. Die Wasseroberfläche wimmelt in diesen Stunden dann von schlängelnden Wurmteilen. Für die Inselbewohner ein Freudenfest. Alles rudert hinaus, um das Geschenk des Meeres mit Körben oder von blosser Hand von der Wasseroberfläche zu fischen. Die Delikatesse wird über dem Feuer gebacken, am liebsten aber direkt aus dem Wasser roh in den Mund gesteckt. Die Europäer haben sich schon vor hundert Jahren gewundert, warum sich die Einheimischen genau zum richtigen Zeitpunkt, noch vor dem Erscheinen der ersten Tiere, für den Fang bereit machten. Bis sie von den Leuten den Trick mit dem Mond erfuhren. Warum aber der Palolowurm just diese Mondphase für sein Fortpflanzungsgeschäft auswählt, wissen noch heute weder die Südseeinsulaner noch die westlichen Forscher.

Häufiger Taktgeber für marines Leben sind auch die Springgezeiten. Bei Voll- oder Neumond stehen Sonne, Erde und Mond ungefähr in einer Linie. Dann werden Anziehungskraft des Mondes und Fliehkraft der gemeinsamen Erd-Mond-Rotation durch die solare Anziehung verstärkt - die Gezeiten steigern sich zu Springflut und Springebbe. Diesen vierzehntäglichen, niedrigsten Wasserstand nutzt die Zuckmücke (Clunio marinus), die am unteren Rand der Gezeitenzone im Felswatt um Helgoland lebt, um sich fortzupflanzen. Im Rennen gegen die Gezeitenuhr haben die geflügelten Männchen nur wenig mehr als eine Stunde Zeit, aus der Puppenhülle zu schlüpfen und die ungeflügelten Weibchen zu suchen. Hastig packen sie das in der Hülle steckende Weibchen für die Begattung aus. Und noch ehe das steigende Wasser die soeben befruchteten Eier bedeckt, sind Weibchen und Männchen gestorben.

Pünktlich zu Voll- und Neumond erscheint von März bis August auch der kalifornische Grunion, ein Angehöriger der Familie der Ährenfische. Er lässt sich bei Springflut nachts weit auf den Sandstrand hinauftragen. Mit dem Schwanz voraus graben sich die Weibchen bis zur Brustflosse in den feuchten Sand und legen ihre Eier. Vier bis fünf Männchen winden sich um das Weibchen. Sie befruchten das Gelege, indem sie die Samenmilch dem Körper des Weibchens entlang in den Sand fliessen lassen. Die zurückweichende Flut trägt die Fische wieder ins Meer zurück. Und die nächste Springflut schwemmt auch die Larven ins tiefere Wasser.

Dass ein Mondrhythmus auch im Süsswasser ausserhalb der Gezeitenzone wirken kann, hat schon vor 40 Jahren der Fischereibiologe Günter Jens nachgewiesen. Noch ohne Computer, in mühsamer Handarbeit, suchte er in den Fischereistatistiken nach der Bestätigung der alten Fischererfahrung, die das Meerwärtsziehen der Aale mit dem Mond in Zusammenhang bringt. Nachdem sich die jungen Aale in den europäischen Flüssen etwa sieben Jahre fett gefressen haben, brechen sie nämlich bei beginnender Geschlechtsreife zur grossen Wanderung über den Atlantik auf, um Tausende Kilometer weiter westlich im Sargassomeer zu laichen. Jens wertete die Aufzeichnungen der Fischer am Oberrhein über neun Jahre aus. Dabei ergab sich für jeden Monat jeweils ein Anwachsen der Fänge von einem Tiefwert bei zunehmendem Halbmond bis zum Maximum beim abnehmenden Halbmond. Der Anstieg der Fangkurve war in den Nächten vor dem Halbmond sehr steil, und das Maximum betrug das Vierfache der Minimalwerte.

Und die unbelebte Natur? «Weht's bei Neumond her vom Pol, bringt es kühlen Regen wohl. Gewitter in der Vollmondzeit verkünden Regen weit und breit.» Eine Wetterregel, wie sie schon im alten Griechenland kursierte. Fragt man den Fachmann bei der Schweizerischen Meteorologischen Anstalt nach der Berechtigung solcher Sprüche, verweist er auf die Studie von Brier und Bradley aus dem Jahre 1964. Die beiden sammelten Daten von über 1500 Wetterstationen der USA aus den Jahren 1900 bis 1949, um abzuklären, wie sich die niederschlagreichsten Tage eines Monats zeitlich verteilen. Die Statistik ergibt eine deutliche Periodizität von 14,765 Tagen - was exakt der Hälfte der Zeit zwischen zwei Vollmonden entspricht. Die Kurve der niederschlagreichsten Tage zeigt jeweils vier Tage nach Neu- und nach Vollmond ein Maximum; an diesen beiden Tagen sind starke Niederschläge rund 20 Prozent häufiger als im langjährigen Mittel. In der Woche nach dem zunehmenden oder abnehmenden Halbmond sind die niederschlagreichsten Tage dagegen etwa 10 Prozent seltener.

So deutlich der Effekt statistisch auch ist, über die Ursache lässt sich nur spekulieren. Eine Hauptrolle dürften minime atmosphärische Druckschwankungen vom Bruchteil eines Millibars spielen, die Sonne und Mond in der Lufthülle verursachen. Für die tägliche Wetterprognose ist der Mond als Wettermacher indes kein Thema, denn sein Wirken wird von den vielen anderen lokalen und grossräumigen Wetterfaktoren völlig überdeckt. Hingegen zeigt die Statistik der Erdbeben in Kalifornien der Jahre 1933 bis 1980 bei Voll- und Neumond ein Maximum. Und wenn alle 18,6 Jahre Sonne, Erde und Mond genau auf einer Linie liegen (der Vollmond ist dann dort, wo die Mondbahn jeweils die Ekliptik schneidet), gibt es nicht nur Sonnen- und Mondfinsternisse, sondern auch besonders viele Erdbeben. Auch beim Erdbebeneffekt kann die Anziehung durch die Himmelskörper als Erklärung dienen: Die feste Landmasse steigt ebenfalls zweimal täglich, zwar nicht wie das Wasser um Meter, aber immerhin um etliche Zentimeter, wobei sich die Erdgezeiten bei Voll- und Neumond ebenfalls zu «Springfluten» steigern.

Es ist tröstlich, dass der Mond selbst jenen Leuten ins Handwerk pfuscht, die mit einer gigantischen Maschinerie dem Rätsel der Geburt des Universums auf die Spur kommen wollen. Im Cern bei Genf lassen die Physiker in einem 27 Kilometer langen Ringbeschleuniger Elementarteilchen fast mit Lichtgeschwindigkeit aufeinanderprallen und tasten sich so bis auf Bruchteile einer Milliardstel Sekunde an jenes Geschehen heran, das vor 15 Milliarden Jahren aus einem unvorstellbar mächtigen Feuerball das Universum entstehen liess. Schon länger war nun den Wissenschaftern aufgefallen, dass die Bewegungsenergie der kreisenden Teilchen im Laufe des Tages ganz minim, aber, angesichts der extrem hohen Genauigkeit des Experimentes, doch sehr störend schwankt. Man kam dem Rätsel schliesslich auf die Spur, als man merkte, dass die Kurve der Energieschwankungen genau der Kurve der Erdgezeiten folgte: Der Monddurchgang über Genf verformt die 27 Kilometer lange Rennstrecke um einen Millimeter, was die Bahnlänge und damit die Energie der im hochpräzisen Takt kreisenden Teilchen um den beobachteten Wert verschiebt.

Herbert Cerutti ist Wissenschaftsredaktor der NZZ.


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