NZZ Folio 03/98 - Thema: Die Geburt   Inhaltsverzeichnis

Böse Tante

Eine nicht wirklich kinderliebe Geschichte.

Von Greta Breitenmoser

MIT FÜNF bekam ich eine kleine Schwester, mit zwölf hatte ich sieben Jahre lang auf sie aufgepasst. Sie hatte sich rasch und instinktsicher zu einer kleinen Schlampe entwickelt, piesackte mich, wenn wir allein waren, und brüllte wie am Spiess, wenn die Eltern nahten. Die liebten sie heiss und waren in ständiger Sorge um sie. Dazu hatten sie, wie ich zugeben muss, auch allen Grund. Irgendwie fiel sie aber immer ganz weich, wenn ich sie im Kinderwagen den Abhang hinunterliess oder den Hund vor den Wagen spannte, der dann wie von der Tarantel gestochen damit losdonnerte.

Mit der Zeit begann sie mir einigen Respekt abzugewinnen. Und zwar hatte ich festgestellt, dass sie sich vor nichts mehr fürchtete als vor elektrischem Strom, auch in der relativ milden Form, wie ihn der Viehhütezaun unseres Nachbarn abgab. Wenn die Eltern in sicherer Distanz waren, nahm ich die kleine Schwester gern an der Hand und berührte den geladenen Zaun. Wer auch nur noch eine schwache Erinnerung an den Physikunterricht hat, weiss, dass die stärksten Schläge der letzte in der Reihe zu spüren bekommt. Ich hatte das ohne Physikunterricht rausgekriegt, so wie meine kleine Schwester auf ihre Art auch. Schmächtig und anderthalb Köpfe kleiner als ich, hatte sie keine Chance gegen mich, dachte ich, bis sie begann, aus den Liebesromanen, die ich mit elf verschlang, die letzten vier Seiten mit dem Happy-End herauszureissen und die Toilette hinunterzuspülen.

Mit sechzehn war ich schwanger. Ich erfuhr es vom Arzt, den ich aufsuchte, um mich von ihm über Verhütungsmethoden aufklären zu lassen, wie es mir der Liebhaber, mein erster, nach dem ersten einschlägigen Kontakt auf dem Rücksitz seines Autos aufgetragen hatte, eines der ersten im Dorf. Als Ehemann und Vater von drei Kindern hatte er mir da an Kenntnissen natürlich einiges voraus. Irgendwie schaffte ich es, die Sache rückgängig zu machen.

Mit achtzehn war ich zweifache Patin, mir waren also keine zehn Jahre ohne verwandte Kleinkinder vergönnt. Meine zwei grösseren Schwestern hatten geheiratet und sofort Kinder gekriegt und für diese eine Patin gebraucht, die nicht selber schon Kinder hatte und daher kaum Lust, sich noch mit weiteren zu beschweren. Ich hatte auch keine Lust, aber ich war gar nicht gefragt worden, oder aber man hatte nicht zugehört, als ich Nein sagte, so genau weiss ich das nicht mehr. Ich strickte höflich Babysöckchen aus weisser Wolle. Bis ich jeweils zwei beieinander hatte, die sich einigermassen glichen, musste ich mindestens vier davon stricken. Und bis sie fertiggestrickt waren, waren sie sowieso alle schwarz, und die Kinder gingen zur Schule.

Diese Söckchen, jedenfalls in dieser Farbe, waren die letzten Geschenke, die die Kinder nicht bereits hatten, wenn sie sie von mir bekamen. Von da an konnte ich mir zu den Geburtstagen und zu Weihnachten nämlich einfallen lassen, was ich wollte, sie hatten es tags zuvor oder schon vorher von sonst irgend jemandem bekommen. Als sie sechs waren, begann ich ihnen aus Verzweiflung Nützliches für den späteren Haushalt zu schenken, Kochtöpfe, Fleischwölfe und so. Sie rächten sich mit selbstgebackenen Weihnachtsplätzchen, von denen ich lieber nicht wusste, was da alles an Rückständen aus der Nase mit hineingeraten war, und mit selbstgezogenen Kerzen. Jahr für Jahr liessen sie sich noch Schrecklicheres einfallen, mit fünfundzwanzig hatte ich den Keller voll davon. Ich hätte immer viel lieber etwas Geld geschenkt bekommen, aber wie sollte ich ihnen das sagen, wenn sie es nicht selber merkten.

Mit neunzehn war ich Au-pair-Mädchen in Paris, in einer frommen katholischen Familie mit ziemlich vielen Kindern, alle irgendwie gleich alt, so um die drei Jahre. Der Vater war Entwicklungshelfer in einer staatlichen Organisation. Er gab sich bei mir alle Mühe damit, und dennoch habe ich nicht wirklich Französisch gelernt. Man gab mir nicht genug zu essen, aber jeden Abend kam ein Priester ins Haus, und ich hörte sie im Nebenzimmer zum lieben Gott beten. Mir gefiel es nicht besonders bei ihnen, aber sie liessen mich erst gehen, nachdem ich einmal ein paar ihrer Kinder in der U-Bahn vergessen hatte.

Als ich zweiundzwanzig war, hatten fast alle meine Freundinnen Kinder und ich sehr bald fast keine Freundinnen mehr. Ich hatte mein Pulver jeweils schon im Spital verschossen und wusste bereits beim ersten Besuch zu Hause nicht mehr, was sagen, wenn sie mir schon wieder ihre Babies vorführten. Und lügen soll man ja nicht. So verabschiedeten wir uns zum gegenseitigen Nutzen voneinander, ich mich von ihnen für die nächsten zwanzig Jahre und sie sich für immer von mir.

Es blieb leider immer noch genug Gelegenheit, die Fortschritte etwelcher Kleinkinder in Echtzeit erzählt zu bekommen, und keine Konsistenz von Windelinhalten blieb mir fremd. Was habe ich nicht an Tischen gesessen und stundenlang mit nach innen gerichtetem Blick und steifem Kinn kleckernde Babies angegrinst. Was habe ich nicht von nachdenklicher Trauer umschattete Blicke von Vätern auf mir gespürt, wenn es mir nicht gefiel, dass ihre Sprösslinge die Füsse in meiner Suppe hatten. Manchmal habe ich mich gerächt und den einen oder andern ein bisschen an den Haaren gezogen oder ihm einen kleinen Tritt versetzt, wenn gerade keiner hinschaute.

Mein Leben hat mir auch ein paar Reisen beschert. Ich bin auch ein paarmal geflogen, auch ein paarmal nachts. Einen Nachtflug erkennt man daran, dass kurz nach dem Abflug ein Kleinkind zu schreien anfängt und bis zur Landung nicht mehr aufhört damit. Das ist mit ein Grund dafür, dass man in Flugzeugen die Fenster nicht aufmachen kann.

Ich habe ja nie verstanden, weshalb solche Eltern solchen Kindern nicht einfach etwas ins Essen tun. Aber einmal hat eine Mutter mir Respekt abverlangt, als sie ihren tropfenden Säugling, der wie am Spiess schrie, dem schimpfenden Nadelstreifenherrn in der Reihe hinter ihr kurzerhand in die Arme drückte und ihn während des ganzen Fluges dort liess. Der fand während der ganzen Zeit die Sprache nicht mehr.

Das fand ich gut. Ich weiss da die Prioritäten schon richtig zu setzen.

Jetzt bin ich alt und eine glückliche Frau. Ich lese noch jeden Tag die Zeitung und gehe an warmen Tagen in den Stadtpark spazieren und schaue gerne den kleinen Kindern zu, wie sie lustig herumtollen und lustig spielen und ab und zu von einem freundlichen Onkel ein Bonbon annehmen.

Man wird eben milde im Alter.


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