NZZ Folio 09/03 - Thema: Diplomaten   Inhaltsverzeichnis

Finden Sie heraus, ob Sie der Ehrengast sind

Auf dem diplomatischen Parkett gilt: nie die Regeln des Protokolls unterschätzen.

Von Viviane Manz

Landgut Lohn, Kehrsatz bei Bern. Eine zierliche Person im blauleuchtenden Deux-pièces balanciert auf schmalen Absätzen über das Pflaster vor der Villa, versucht, eine heimtückische Welle im roten Teppich glattzudrücken. Es ist Sylvia Pauli, Protokollchefin im EDA. Vor der Villa stehen Bundespräsident Couchepin und Aussenministerin Calmy-Rey, ihnen gegenüber ist die militärische Ehrenformation postiert, zwei Dutzend Soldaten im Kampfanzug, links eine Militärkapelle, rechts ein mit Kordeln abgegrenztes Stück Vorplatz für die Presse. Auf ein Zeichen setzt Musik ein, Mercedes-Limousinen fahren die Allee entlang durch den Park. Eine hält genau vor dem roten Teppich. 27. Juni 2003, Auftritt Hamid Karzai, Präsident Afghanistans.

Die Protokollchefin schüttelt ihm die Hand, dirigiert ihn diskret an seinen Platz wie eine Regisseurin, die ein Drehbuch im Kopf hat und die Protagonisten in unsichtbare, aber minutiös vorbereitete Bahnen lenkt. Sylvia Pauli wirkt angespannt. Nationalhymnen, Abschreiten der Ehrenformation, alles läuft plangemäss.

Es gehört zu den Aufgaben des Protokolls, offizielle Besuche ausländischer Staatschefs in der Schweiz zu organisieren. Die von Pauli geleitete Abteilung ist die Hüterin der Zeremonien und Formen, der Sitz- und Kleiderordnung, der Benimm- und Begrüssungsregeln: des Protokolls eben, wie man den internationalen diplomatischen Verhaltenskodex nennt. Bei Staatsbesuchen, den protokollarischen Höhepunkten des Jahres, kümmert sich die Abteilung um alles, vom Empfang im Bundeshaus über das Menu beim Staatsbankett bis zum Geschenk für den hohen Gast. Die Schweiz schenkt oft ein Stück nationale Handwerkskunst, etwa eine Tischuhr oder eine Musikspieldose – sie sollen die Kultur des Gastgeberlandes repräsentieren. Die USA überreichten Heinemann einmal ein Stück Mond, der heutige deutsche Bundespräsident Rau bekam letztes Jahr in Mali zwei lebende Widder, der frühere japanische Ministerpräsident Mori schenkte Putin vor zwei Jahren den Roboterhund Puti. Puti bellt die russische Nationalhymne, wenn man ihn streichelt.
 
Die Protokollabteilung jedes Staates ist auch die erste Kontaktstelle für neu angekommene ausländische Botschafter, bevor sie ihr Beglaubigungsschreiben dem Staatsoberhaupt überreichen. Dies geschieht vor allem in Monarchien noch heute nach einer traditionellen Zeremonie. In Spanien etwa fährt man wie vor zweihundert Jahren im Zweispänner zum Palast. Erst danach können die Botschafter offiziell ihre Arbeit aufnehmen und die ersten Höflichkeitsbesuche bei Kollegen und hohen Beamten machen. Die Besuche sind die erste Gelegenheit für die vielleicht wichtigste Aufgabe der Diplomaten: Beziehungen pflegen.

Beziehungen pflegen: das ist auch Zweck von Staatsbesuchen, Arbeitsmittagessen, Empfängen der Botschaften an ihrem Nationalfeiertag, aber auch der Einladung der japanischen Kaiserfamilie zum duck netting, der Entenjagd, und zu den Diners in den Residenzen. Diesem glitzernden Arbeitsumfeld verdanken die Diplomaten das Image von Cüpli- und Häppchenjongleuren. Entgegen dem allgemeinen Eindruck seien diese Anlässe eher formell, heisst es von Diplomatenseite, es seien Arbeitsinstrumente, um mit den richtigen, wichtigen Leuten ins Gespräch zu kommen. Gerade ein Schweizer Botschafter, der ständig gegen seine politische Unwichtigkeit ankämpft, muss seine Einladungen den gewünschten Gesprächspartnern mit einer attraktiven Auswahl der Gäste, seinem besonders einnehmenden Charme oder einem exzellenten Koch schmackhaft machen. Vorbild ist Talleyrand, der überzeugt war von der politischen Zauberkraft eines exquisiten Diners: Sein Koch, Antonin Carême, der am Wiener Kongress die Gäste in das Haus des französischen Chefdiplomaten lockte, wurde kurz darauf vom britischen Prinzregenten abgeworben; später kochte er für den Zaren und für den Banquier Rothschild.

Sollten Sie je zu einem Diner oder Empfang in der Residenz eines Botschafters eingeladen sein, hier der diplomatische Knigge-Crashkurs: Kommen Sie nicht zu früh, aber auch nicht viel später als auf der Einladung angegeben. Das Erste wird in Japan zwar häufig praktiziert, zwingt aber den Gastgeber (oder, seltener, die Gastgeberin) samt Mitarbeitern dazu, schon eine halbe Stunde vorher am Eingang auf die Gäste zu warten, und ist deswegen höchst unbeliebt. Wenn Sie allzu spät ankommen, ist die receiving line am Eingang schon wieder aufgelöst, und Sie haben Mühe, den Gastgeber ausfindig zu machen. Das ist doppelt unangenehm, da Sie grundsätzlich kein längeres Gespräch beginnen sollten, bevor Sie den Gastgeber begrüsst haben – mit der Anrede «Herr Botschafter» beziehungsweise «Frau Botschafterin», notfalls auch mit «Exzellenz».

Handküsse stehen auf der Liste der bedrohten Umgangsformen und sollten, wenn schon, dann unbedingt korrekt ausgeführt werden, das heisst möglichst nahe am Handrücken, ohne ihn zu berühren. Wenn Sie Glück haben, wird Sie ein Mitarbeiter der Botschaft bei anderen Gästen einführen. Stellen Sie bei der Gelegenheit fest, dass Sie mit Khakihose und blauem Hemd underdressed sind, liegt es daran, dass Sie den Hinweis auf der Einladung missverstanden haben: Informal bedeutet dunklen Anzug. Formal ist in Diplomatenkreisen nur der Smoking. Als Frau muss man wissen, dass man bei einer Einladung in Anwesenheit der spanischen Königin auf keinen Fall Weiss tragen sollte – das ist wie an einer Hochzeit, bei der Weiss für die Braut reserviert ist.

Bei einem dîner assis wird Ihnen die Tischordnung den Platz weisen. Fehler machen kann hier höchstens der Gastgeber, der die Gäste nach der «préséance», der diplomatischen Hackordnung, placiert. Neben der guten Kinderstube ist bei Tisch zu beachten, dass niemand nach Hause geht, bevor sich der Ehrengast verabschiedet hat. Finden Sie rechtzeitig heraus, ob Sie der Ehrengast sind, damit Sie nicht die ganze Gesellschaft bis spät in die Nacht festhalten.

Der Ehrengast sitzt gegenüber dem Gastgeber oder auch neben ihm. Mit dem Ehrengast und den wichtigsten Geladenen beginnt der Gastgeber mit Vorteil, wenn er die Tischordnung gestaltet, der Rest ist wie Kreuzworträtsel lösen – plötzlich passt es. Es ist von höchster Bedeutung, dass die Rangfolge beachtet wird: Je näher bei Ehrengast und Gastgeber, desto wichtiger, je weiter unten am Tisch, desto rangniedriger. Dort sind dafür die Unterhaltungen am lustigsten. Dessen ungeachtet gibt es hin und wieder einen Botschafter, der die Residenz umgehend verlässt, wenn er den Eindruck hat, nicht den ihm zustehenden Platz erhalten zu haben.

Fortgeschrittene Gastgeber ordnen die Tafelrunde mit besonderem politischem Raffinement und setzen zwei nebeneinander, die sich offiziell nicht verabreden können. So placierte Marianne von Grünigen, damals Schweizer Botschafterin in Kairo, die Frau des israelischen Botschafters neben einen arabischen Vertreter – natürlich nicht ohne diskrete Vorsondierungen.

Die «préséance» ist im Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen von 1961 festgelegt und in der Schweiz durch das Protokollreglement spezifiziert: Nach den Botschaftern kommen die Geschäftsträger, dann die Botschaftsräte mit Ministertitel, die Botschaftsräte usw. Unter Botschaftern richtet sich die Rangfolge nach dem Tag der Überreichung des Beglaubigungsschreibens.

Eine strenge internationale Rangfolge festzulegen, war notwendig geworden, weil sich die Grossmächte über Jahrhunderte über den Vorrang ihrer Botschafter gestritten hatten. Der Disput zwischen Spanien und Frankreich eskalierte am 30. September 1661 in einer Strassenschlacht in London – es ging darum, welcher Botschafter direkt hinter der königlichen Kutsche fahren durfte. Spanien gewann zwar die Schlacht, lenkte aber kurz darauf ein, als Frankreich mit Krieg drohte. 1761 einigte man sich schliesslich in einem Vertrag, dass jener Botschafter den Vorrang hat, der als Erster eintrifft.

Noch heute hat das Protokoll die Aufgabe, klare Verhältnisse zu schaffen, einen reibungslosen Ablauf zu garantieren und zu verhindern, dass Rangeleien aufkommen. Gerade bei Besuchen von Staats- oder Regierungschefs will man jede Überraschung vermeiden. Zur Vorbereitung auf das erste Treffen zwischen Reagan und Gorbatschew 1985 in Genf reiste eine amerikanische Delegation von über hundert Personen an. Unter anderem verlangten sie Fotos von den Bundesweibeln in Uniform, damit Reagan diese nicht mit einem Bundesrat verwechsle (was er dann doch tat).

Bundeshaus West, Bern. Ein Weibel in grüner, goldbeknopfter Uniform geleitet die Besucherin in das Büro der Protokollchefin. Vom Empfang aus ist das eine Strecke von zehn Metern. «Halbbatzig zu arbeiten, hat keinen Sinn», sagt Sylvia Pauli über ihre Aufgabe. «Sie macht alles perfekt», sagt jemand aus dem EDA. «Aber sie macht alle verrückt.» Sicher einige Pressefotografen, die immer auf der Suche nach dem optimalen Winkel für ein Foto sind, der nicht immer im ihnen zugedachten Stück Vorplatz liegt. Die Wächterin über die formstrenge Zeremonie ist ihr natürlicher Feind. Umgekehrt tangiert es das Perfektionsstreben der Protokollchefin, dass manche Pressevertreter einen nur rudimentär ausgeprägten Sinn für repräsentable Tenuegepflogenheiten haben.

In Protokollfragen ist Improvisation eine nur im Notfall erwünschte Tugend und führt im unglücklichen Fall zum Eclat. Wie 1999 beim Bankett anlässlich des Staatsbesuchs des damaligen chinesischen Präsidenten, Jiang Zemin. Sylvia Paulis Vorgänger hatte sich in der Seite geirrt und den Präsidenten zuerst an den falschen Platz geführt, so dass Jiang Zemin um die ganze Tafel herumgehen musste. Nach den tibetischen Demonstranten vor dem Bundeshaus und Bundesrätin Dreifuss’ Bemerkungen zu den Menschenrechten genügte das (von aussen betrachtet läppische) Versehen, dass Jiang Zemin erwog, das Bankett wieder zu verlassen.

Zufälle sind in der Diplomatie selten. Auf dem Höhepunkt der deutsch-amerikanischen Verstimmung nach dem Irakkrieg besuchte der hessische Ministerpräsident Roland Koch im Mai 2003 den US-Vizepräsidenten Cheney. Präsident Bush platzte ins Büro und unterhielt sich mit dem potentiellen Rivalen von Bundeskanzler Schröder. Hätte Bush Koch offiziell eingeladen, wäre dies eine schwere Verletzung des Protokolls gewesen. Durch den «Zufall» war die Form gewahrt, doch ein diplomatischer Affront gegenüber Schröder blieb es – was der «Spiegel» unter dem Titel «Der Protokoll-Krieg» ausführlich kommentierte.

«Wenn es um die Sache geht, kann man die Regeln etwas dehnen», sagt die Alt-Botschafterin Marianne von Grünigen. «Doch ich sagte immer zu jungen Diplomaten: Unterschätzen Sie nie das Protokoll.»


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