Schwebende Container in Alugrau und Kupferrot, windschiefe Pilotis, Glaswände, Feuerleitern: Die Villa dall'Ava, die der 48jährige Rotterdamer Stararchitekt Rem Koolhaas 1991 zwischen die braven Bürgerhäuser des Pariser Nobelvororts Saint-Cloud stellte, gibt sich chaotisch. Deliriös wie ein Videoclip sendet sie visuelle Informationen aus. Sie signalisieren die Komplexität dieses provozierenden Fremdkörpers, erzeugen aber auch jene optische Bewegung, die das Statische der Baukunst um eine von Katastrophentheorie und Chaoslehre gefärbte Dimension erweitern.
Ausgehend von Erfahrungen als Journalist und Filmer, setzt der Exzentriker Koolhaas auf das Prinzip der Collage und auf schnelle Schnitte. Der theatralische Einsatz disparater Versatzstücke macht diese Villa zur faszinierenden Architekturvision zwischen klassischer Moderne, Fünfziger-Jahre-Nostalgie und Science-fiction. Doch was wie ein Objekt von einem fremden Stern wirkt, ist weniger ein neues Machwerk des bereits etwas obsoleten Dekonstruktivismus als vielmehr eine zeitgenössisch raffinierte Antwort auf örtliche Gegebenheiten.
Indem Koolhaas Haus und Garten als Einheit konzipierte, übte er Kritik an der in diesem städtisch engen Villenquartier gepflegten Bauweise, die keine Rücksicht nahm auf die einst arkadische Gegend. Ähnlich wie in dem nicht ausgeführten Projekt des Villette-Parks unterteilte er das nur 650 Quadratmeter messende Grundstück in Längsstreifen. Auf den mittleren - quer zur Strasse - stellte er einen transparenten, von Grün umgebenen Glaspavillon, über dem zwei Wohnkuben schweben. Die den strassenseitigen Kubus stützenden Pilotis werden zum künstlichen Wald, der die in der Gartenkunst wichtige Funktion eines die Tiefenwirkung verstärkenden Repoussoir wahrnimmt. Dadurch wird die lange Gartenachse nicht zerstört, vielmehr in ihrer Wirkung noch gesteigert, und es entsteht ein an klassische Parks gemahnender Durchblick bis hin zu einer sich im Grün verlierenden Treppenanlage.
Aus der Tiefe des Gartens geht der Blick zurück in den perspektivisch gedehnten Pavillon. Halb manieristische Raumflucht und halb Aquarium, beweist der eigenwillige Raum, dass diese Villa mehr ist als eine gewagte Verschmelzung zweier Kronjuwelen der Moderne: Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon und le Corbusiers - messerscharf sezierte - Villa Savoye. Solch hintergründige Architektur wirft aber auch ein Licht auf den Bauherrn, der Koolhaas den Auftrag erteilte, als dieser zusammen mit dem 1975 gegründeten Office for Metropolitan Architecture noch am ersten Hauptwerk, dem Tanztheater in Den Haag, arbeitete. Er erwies sich als geeignet, um auf dem schwierigen Grundstück den Traum von einem transparenten Wohnpavillon und je einem kleinen Apartment für Ehepaar und Tochter zu verwirklichen.
Entstanden ist ein asymmetrisches, optisch labiles, dennoch aber spannungsvolles dreigeschossiges Ensemble, das - obwohl Ausdruck einer extrem intellektualisierten Architektur - poetisch-surrealistische Assoziationen weckt. Der Balanceakt erweist sich als theoretisch und technisch zugleich: Wie in Koolhaas' Projekt der Bibliothèque de France fordern hier schwebende Kuben, gestützt nur von Mikadostäben, dem schwachen Rückgrat einer durchbrochenen Betonmauer und verborgenen Pfeilern, die Schwerkraft heraus. Zustande brachte dieses Bravourstück der Ingenieur March Mimram, bekannt als Planer der neusten Pariser Seinebrücke.
Ein auf Le Corbusier verweisender gewundener Weg führt zwischen den Pilotis zur zweigeschossigen Eingangshalle, von der aus man das Haus durchblickt, ja draussen in den Baumkronen gar das Elternapartment gewahrt. Eine Wendeltreppe führt zur innern Aussichtsgalerie mit dem Essplatz und weiter zum Wohnbereich der Tochter, der wie jener der Eltern aus Schlafraum, Bad und Büro besteht. Eine die Hanglage andeutende Rampe führt entlang einer Holzwand, die die tragenden Säulen verbirgt, zum Salon. Japanisch mutet hier die Verschmelzung von Innen- und Aussenraum an. Schiebefenster öffnen den Wohnbereich zum Garten. Blenden aus feinem Lochblech oder dickem Bambus halten die Sonne ab, und im Nu verwandeln lange Bahnen aus gelber Wildseide den transparenten Raum in eine intime Bühne.
Hinter einer gekurvten, zartgelben Kunststoffwand, die den Wohnraum vom Essplatz trennt, befindet sich die Küche. Die in bewusst einfachen, aber sinnlich präsenten Materialien ausgeführten Installationen wirken wie Kunstobjekte. So auch die Stahltreppe zwischen dem Salon und dem Gemach der Eltern. Diese ist mit dem Schlafraum der Tochter durch eine Aussenpasserelle verbunden, von der man auch zu dem im Dach versteckten Pool gelangt. Dieser Schwimmkanal, in dem sich Türme und Kuppeln von Paris spiegeln, verweist auf die nahe Seine; und ein orangefarbener Bauzaun schafft einen eigenartig verfremdeten Bezug zum «Schiffsdeck» der Villa Savoye. Es ist das verblüffende Spiel mit Materialien und Formen, das aus diesem Gebäude ein phantastisches Zwitterwesen macht: rationales Haus und extravagante Skulptur in einem.