ER HATTE GLÜCK: die Polizisten zeigten sich sanft und geduldig. Das gewiss, weil sie wussten, dass man in diesem Land, dieser Region, diesem aus Städten und Land bestehenden Ganzen, diesem Gebiet, an diesem Ort die Leute nicht vor den Kopf stossen darf, sondern sie besser nach und nach umgarnt.
Gleichzeitig merkte man wohl, dass sie den festen Vorsatz hatten, nicht von ihrer Beute abzulassen. Sie würden sich die nötige Zeit nehmen. Die Armen! Die guten, eifrigen Arbeiter, die ihrer Sache so sicher waren! Überzeugt, die alten Füchse, er werde schon einlenken, wie die andern, und werde, wie die andern, schliesslich zugeben, was doch offensichtlich war. Eine Tracht Prügel? Das wäre nicht die richtige Lösung gewesen. Aber die Sanftmut würde ebensowenig nützen. Der Mann wusste es. Er wusste, dass seine Verfolger sich umsonst bemühten.
Aber er konnte es ihnen nicht sagen. Er konnte nicht einmal - und das war das Schlimmste - lächeln über ihre sichere Niederlage und seinen künftigen, allzu bitteren Sieg.
- Beginnen wir nochmals von vorn, begann der altgedienteste der Polizisten (er hatte Kurse für Regionalpsychologie besucht). Wohlan, ich lade Sie zu einem Gläschen ein. Wir sind weder Rohlinge noch Barbaren. Haben Sie eine Vorliebe? Burgunder? Bordeaux? Italiener? Spanier? Oder vielleicht ein Wein aus unserer, das heisst aus Ihrer Gegend? Sie kommen ja, glaube ich, aus einem Erzeugerland?
Der Mann zuckte zusammen. Die Falle war subtil.
- Ich würde nicht sagen: ein «Land», murmelte er. Im politischen Sinne des Wortes sind wir zu klein, um dazu berechtigt zu sein; im geographischen Sinn wären wir zu gross, da es noch winzigere Gebilde als das unsere gibt, die sich anmassen, sich Waadtland, Neuenburgerland, Genferland zu nennen. Sagen wir, wir seien ein Erzeugergebiet, ein Erzeugerort. Aber da Sie so überaus liebenswürdig sind und mir die Wahl lassen, nähme ich gern ein Glas Dôle.
- Ich habe Ihre Vorsichtsmassnahmen und Unterscheidungen sehr wohl begriffen, gab der Polizist zurück. Ich registriere sie. Ich wäre sehr daran interessiert, bevor wir auf die Sache zurückkommen, von Ihnen etwas über die Weine zu hören. Wie würden Sie jene charakterisieren, die aus Ihrem . . . aus Ihrem Ort herstammen?
Er hatte, noch indem er sprach, einen Sittener Dôle holen lassen. Der Angeklagte lächelte jedoch bedauernd:
- Unsere Weine charakterisieren? Ach! Sie sind so verschiedenartig, von einer Region zur andern, von einem Tal, von einem «Land» zum andern! Wie könnte ich da allgemeine, vorherrschende Charakterzüge angeben? Sie werden mir entgegenhalten, die italienischen Weine seien ebenfalls sehr verschiedenartig, und die Toscana sei weinbauerisch sehr weit vom Piemont entfernt. Aber verstehen Sie, es gibt da ich weiss nicht welche mysteriöse Einheit, die Ihnen dennoch, sobald Sie ein wenig Kenner sind, erlaubt, die Weine sicher einzuordnen, je nachdem, ob sie aus Italien oder Frankreich stammen.
- Und das soll bei den Produkten Ihres geographisch-sprachlich-historisch-kulturellen Bereichs nicht der Fall sein? fragte der Polizist nicht ohne Schalk. Aber sind die Weine nicht - hier so gut wie anderswo - die menschlichen Blüten der Frucht des Weinstocks, und zeugen sie nicht vom Ort und von seinen Bewohnern zugleich?
Der Angeklagte blieb ernst. Er schien aufrichtig die Wahrheit zu suchen. Und das stimmte: er suchte sie aufrichtig.
- Ich pflichte Ihnen bei. Und ich gebe zu, dass die Kenner auch keineswegs einen Wein aus Italien oder aus Frankreich mit einem Produkt «unserer» Reben verwechseln würden. Aber das Merkwürdige an der Sache ist, dass sie dieses letztere notgedrungen nicht anders werden definieren können als durch das, was es nicht ist. Unsere Weine sind wie der Gott der negativen Theologie. Man kann alles aufzählen, was davon wegzustreichen ist, damit man sich nicht an der Wahrheit versündigt. Aber weiter kann man nicht gehen. Und ich fürchte, dass diese Art von Definition der Administration, deren gewissenhaftes, präzis arbeitendes Organ Sie sind, nicht genügen wird. Wenn Sie einen «unserer» Weine trinken, wie Sie zu sagen belieben, können Sie bestätigen, dass er weder die klare Tiefe der Italiener noch das unendliche Schillern eines Bordeaux, noch die warme Stärke des Burgunders, noch den tiefroten Samt Kaliforniens besitzt; dass er nicht das europäische Gefühl eines im Rhythmus von Schlössern, Palästen, Fresken verkündeten Zeitalters, eines Kunst gewordenen Zeitalters heraufbeschwört; dass er hingegen ebensowenig dieses amerikanische Gefühl der grossartigen Imitation vermittelt, diesen verwirrenden, fast rührenden Eindruck von etwas Altem, das aus Neuem gemacht worden ist; kurzum, er hat keine Geschichte, verrät aber auch nicht das Fehlen von Geschichte oder die Sehnsucht danach.
- Verachten Sie die Weine Ihres Vaterlands?
- Dieser Sittener Dôle ist ausgezeichnet. Aber ich bitte Sie, sagen Sie nicht: mein «Vaterland», denn wenn der Ort, von dem wir reden, kein Land ist, so ist er ebensowenig ein Vaterland. Ich hatte in den vorangegangenen Stunden bereits Gelegenheit, Ihnen das zu versichern. Um auf Ihren Vorwurf zurückzukommen: Täuschen Sie sich nicht. Trotz allen Negationen, die ihn charakterisieren, trotz allen Mängeln, die ihn definieren, ist der Wein meines Ortes in keiner Weise verabscheuenswürdig. Er ist sogar sehr redlich, überaus redlich. Seine Nichtadligkeit ist Rechtschaffenheit. Ich sage bloss, dass er nicht ein Hüter der Zeit, der Kunst und der Geschichte ist, wie das bei den Gewächsen Frankreichs oder Italiens der Fall sein kann.
- Ihre Weine seien redlich, sagen Sie. Ich zweifle nicht daran, dass auch Sie, der Sie aus einem so schwer definierbaren . . . Ort herstammen, diese so vortreffliche und seltene Eigenschaft mit ihnen teilen. Darum rechne ich fest damit, dass Sie noch vermehrte Anstrengungen unternehmen, um mir genugzutun. Auf Ihr Wohl.
Sie tranken langsam.
- Beginnen wir nochmals von vorn, sagte der Inspektor, und lassen wir die Weine. Sie lassen sich also herab, zuzugeben, dass der «Ort», dessen Umrisse wir abzustecken suchen, auf diesem alten Kontinent gelegen ist, der «Europa» heisst. Stimmt das? Wir können also Madagaskar, Hokkaido, Belize, die Jungferninseln, die Inseln Unter dem Winde, den Chomolungma, den Marianengraben endgültig von unseren Ermittlungen ausschliessen?
Der Angeklagte hob, vorsichtig, die Hand und berichtigte mit seiner sanften Stimme ohne jeden Spott:
- Seien wir nie allzu endgültig. Wer weiss, ob an diesem Ort, den ich nicht meinen Ort zu nennen wage, nicht etwas von all den Orten zu finden ist, deren Litanei Sie eben sangen; insgeheim, sehnsüchtigerweise, negativerweise, verträumterweise, aber wirklich? Denken Sie an die negative Theologie: Mein Ort wird, wenn das überhaupt gelingt, durch all das bestimmt, was er nicht ist. Verstehen Sie? Genau weil er eben nicht Madagaskar, Hokkaido, Belize, die Jungferninseln, die Inseln Unter dem Winde, der Chomolungma, der Marianengraben ist, weil er ganz durchdrungen ist von ihrer Abwesenheit, ganz von ihrem Atem und ihren Düften durchweht, ganz bebend davon, sie alle nicht zu sein - aus genau diesem schmerzlichen und subtilen Grund ist mein Ort eben gerade all diese Orte der Welt. Sind Sie nichts? O Wunder: Sie können alles sein.
Der Polizist seufzte:
- Ich habe auf Ihre Aufrichtigkeit gewettet. Aber Sie machen uns die Sache nicht einfach. Unsereiner gehört nicht zu denen, die Schwierigkeiten suchen, wo keine sind, und überall ein Haar in der Suppe finden. Ich habe Frau und Kinder, müssen Sie wissen, Monsieur. Die Arbeit, die ich zu einem guten Ende bringen muss, mache ich nicht aus Spass daran, die Leute zu belästigen, sondern weil man sie von mir verlangt. Ich bin ein Diener des Staates, Monsieur. Eines Staates, der existiert und der seine Existenz durch Steuern, Vorschriften, Gesetze zu spüren gibt.
Der Mann machte eine besänftigende Handbewegung, verzog mitleidig höflich das Gesicht:
- Ich verstehe, dass Sie in einer unangenehmen Lage sind. Sie leiden gewiss mehr als ich, wie der Arzt, der einem Kind lästige und unerlässliche Spritzen verabreichen muss, um es auf ewig gegen den Virus der Nichtexistenz zu impfen. Ich bin bereit, hier, sofort, zur Vereinfachung und Klärung der Diskussion, vor Ihnen zuzugeben, dass das Gebiet, der Bereich, die Region, der Ort, von dem wir sprechen, von dem wir zu sprechen versuchen, nicht zu jenen gehört, die Sie vorhin aufgezählt haben, selbst wenn so viele unter uns von etwas träumen, und nur davon: diesen Ort zu fliehen, um auf jene Trauminseln zu reisen, in jene Tiefen, jene Höhen, wo man wenigstens weiss, warum man stirbt. Und es gehen viele von uns so weit, dass sie den Traum verwirklichen, glauben Sie mir.
Der Polizist seufzte erleichtert, während seine Gehilfen die Schultern zuckten.
- Sie geben also zu, dass Sie in Europa wohnen? Das ist ein erster Punkt, und wir wissen uns mit wenigem zu begnügen. Danke trotzdem. Versuchen wir, weiterzugehen. Was würden Sie sagen, wenn ich Sie bäte, der folgenden Formel zuzustimmen: Ich wohne im Herzen Europas?
Der Mann konnte seinen Ärger nur schlecht verhehlen.
- Verlassen wir uns nicht allzusehr darauf, Monsieur. Das Zentrum ist nicht das Herz. Das Zentrum eines Rades ist der einzige Teil desselben, der wirklich unbeweglich bleibt. So verhält es sich auch mit Wirbeln, mit Galaxien und vielleicht mit den Gedanken. Je weiter Sie vom Zentrum entfernt, das heisst, je exzentrischer Sie sind, desto schneller bewegen Sie sich, desto schneller erschaffen Sie. Wir sind nicht im Herzen, leider, in diesem Herzen, das selbst im äussersten Glied des Körpers noch schlagen kann. Wir sind bescheidener, tödlicher, im Zentrum. Ausserdem darf ich Sie daran erinnern, dass das Zentrum Europas ein Staat ist, vielleicht gar ein Land, das Schweiz, Suisse, Svizzera, Helvetia mediatrix genannt wird. Nicht dieser besondere, merkwürdige Ort, von dem wir uns zu sprechen bemühen. Dieser Ort, der noch zu definieren bleibt.
- Würden Sie bestreiten, dass sich dieser famose Ort irgendwo befindet?
- Ich möchte es nicht beschwören, Monsieur. Verstehen Sie, es gibt so viele Orte, wo wir nicht sind, so viele Orte, die wir nicht sind. Bleibt uns eine Wohnstatt auf der Welt? Wir haben bereits eingesehen, Sie und ich, dass wir kein Land sind, kein Vaterland, kein Staat, keine Region, keine Stadt, kein Kanton. Wenn ich einem andern Angeklagten glauben will, einem meiner Vorgänger, Ramuz Charles-Ferdinand - Sie haben ihn sicher in Ihren Fichen aufbewahrt -, sind wir höchstens eine Provinz, die indessen keine ist. Und unsere Sprache? werden Sie sagen. Unsere Sprache? Nun gut, wir sprechen weder deutsch noch einen alemannischen Dialekt. Wir sprechen nicht italienisch. Wir sprechen nicht rätoromanisch. Aber das ist noch nichts: Wenn ich dem bereits zitierten Angeklagten, Ramuz Charles-Ferdinand, glauben will, so sprechen wir auch nicht französisch.
- Dieser Ramuz war, wie es scheint, ein Extremist. Und alles Masslose ist bedeutungslos.
- Mag sein. Aber wenn er sich getäuscht hat, so in der vielleicht allzu krassen Formulierung einer unbestreitbaren Wahrheit, die ich für mein Teil mit den folgenden Worten zum Ausdruck bringen möchte: die Franzosen reden französisch; wir reden auf französisch. Ohne so weit gehen zu wollen zu sagen, diese Sprache sei in unserem Mund, und das in beiden Bedeutungen des Wortes, entlehnt, behaupte ich, dass wir uns diese Sprache besehen, sie uns ein wenig entreissen müssen, um sie zu beherrschen. Und wenn wir sie uns nicht besehen . . . kurz, sie ist ein Werkzeug, nicht unser Ambiente. Unsere Hand, wenn Sie wollen, nicht unser Leib als Ganzes. Die Hand, das ist am Ende schon viel.
Der Polizist begnügte sich damit, die Schultern zu zucken.
- Also, fuhr der Angeklagte fort, kein Ort, keine Sprache des Orts. Die Äste unserer Bäume, die Blumen auf unseren Feldern reden nicht französisch, ganz im Gegensatz zu jenen in der Touraine oder im Berry. Was nicht besagen will, dass unsere Felder und unsere Wälder von einer anderen Sprache rauschen, und wäre es die Mundart. Es bedeutet bloss, dass sich zwischen uns und unsere Sprache die feine, furchtbare Klinge des Zweifels schieben kann.
- Sie haben keine Sprache . . . Wenn ich Ihnen diesen Unsinn zugestehen sollte, geben Sie wenigstens zu, einen Charakter zu haben?
- Einen Charakter? Reden wir doch davon. Verzeihen Sie, ich werde mich einmal mehr als negativer Theologe ausdrücken müssen. Sind wir an unserem Ort, der kein Ort ist, langsam oder schnell? Nervös oder gesetzt? Leidenschaftlich oder phlegmatisch? Kurz, sind wir aus dem Norden oder aus dem Süden? Wir sind nicht aus dem Norden: zu wenig ernsthaft, zu wenig methodisch dafür. Aber es ist nicht weniger offensichtlich, dass wir auch nicht aus dem Süden sind: zu ernsthaft, zu methodisch dafür. Wir finden die Nordländer geheuchelt oder gefährlich tiefgründig, die Südländer übertrieben gestikulierend und eitel. Wir fürchten das Schweigen des Nordens und das Reden des Südens. Die zusammengebissenen Zähne der einen, den offenen Mund der andern. Wir finden die deutsche Sprache hart und herablassend; wir finden die romanischen Sprachen gurrend und labil; und das Französische Frankreichs schnöde und spitz. Ich wage Ihnen nicht zu sagen, wie dafür all jene reagieren, über die wir so urteilen.
- Versuchen Sie es, ich bitte Sie. Vielleicht wird uns das ein paar Anhaltspunkte liefern.
- Ich wage . . . nein, ich kann es nicht. Sie reagieren nämlich, schlicht und furchtbar, nicht. Damit hat sich's. Sie spüren sehr wohl, dass wir nicht sind, was sie sind, ohne deswegen ihr Gegenteil zu sein. Sie können uns also weder lieben, weil wir ihnen etwa gleichen würden, noch können sie uns verabscheuen, wie man sein umgekehrtes Bild verabscheut. Es soll vorkommen, dass man sein Gegenstück liebt und seinen Doppelgänger verabscheut? Zweifellos, aber aus dem erwähnten Grund tun sie das ebensowenig. Die Franzosen lieben oder hassen die Deutschen, und umgekehrt. Die Deutschen existieren also, und die Franzosen auch. Wir haben nicht dieses Glück.
Der Polizist stiess einen tiefen Seufzer aus, überlegte und beschloss, dass der Augenblick gekommen sei, zum entscheidenden Streich anzusetzen:
- So weigern Sie sich also. Sie weigern sich, nacheinander Ihre Weine, Ihren Raum, Ihre Sprache und Ihr Temperament zu definieren. Sie kneifen jedesmal. Ich stelle Ihnen also eine letzte Frage, der Sie sich nicht werden entziehen können. Es handelt sich diesmal darum, dass Sie von Ihren Werken sprechen. Von den Werken Ihres Orts.
Zum erstenmal seit dem Beginn des Verhörs schien der Angeklagte wirklich unsicher zu werden, und der Polizist schöpfte wieder Hoffnung.
- Was verstehen Sie unter «Werken»? fragte der Mann wie von einer schleichenden Unruhe befallen.
Der Polizist drehte seinen Stuhl herum, damit er die Unterarme auf die Rücklehne und das Kinn auf die Hände stützen konnte.
Dann wiederholte er langsam, höflich, spöttisch und bestimmt:
- Sie haben genau verstanden, was ich meine. Und Ihre Verlegenheit verrät Sie. Denn Sie wissen wie ich: Jeder Ort der Welt, und wenn man sich auch weigert, ihn durch die Geographie, die Sprache oder die politischen Grenzen zu definieren, wird durch diejenigen definiert, die dort einst zum Bewusstsein erwachten. Die ihn von innen her erlebten, ihn in ihrer Empfindsamkeit, ihrer Intelligenz, ihrem Gemüt, ihrem Innersten empfingen. Jeder Ort wird durch jene definiert, die dort ihre Kindheit erlebten, die Liebe erlebten, Freude und Leid erlebten; und die, nicht zufrieden damit, dass sie erlebten, auch ausdrückten, was sie dort erlebten. Kurz, jeder Ort wird durch die Werke definiert, zu denen er wohl oder übel Anlass gab. Es ist der Augenblick, mein Lieber, sich dieser Offensichtlichkeit zu stellen. Erzählen Sie mir von Ihren Werken, von den Werken dieses Ihres Orts. Sagen Sie mir, welches die Werke Ihres Ortes sind, und ich sage Ihnen, was Ihr Ort ist.
Der Mann holte mühsam Luft.
- Ich habe nichts zu melden.
Der andere drohte ihm freundlich mit dem Finger, während seine Gehilfen, die immer noch dastanden, mit den Augen zwinkerten und mit vielsagender Umständlichkeit die Ärmel hochkrempelten.
- Im Ernst, mein Bester, säuselte der Polizist, sind Sie sicher, dass im vorliegenden Fall Halsstarrigkeit angezeigt ist?
Der Angeklagte senkte niedergeschlagen den Kopf.
-Ich werde alles sagen, was in meiner Macht steht. Aber es wird wenig sein. Sehr wenig.
- Unterstellen Sie damit, dass Ihr Land (das keines ist), Ihre Provinz (die keine ist), Ihr Ort (der ein Ort von nirgendwo ist) nie zu einem Werk Anlass gegeben haben? Dass es dort nie einen Schriftsteller, keinen Denker, keinen Philosophen, keinen Künstler gegeben hat?
- Das ist es nicht . . .
- Dummerweise, für Sie, haben wir Namen, die Ihnen vielleicht helfen werden, Ihr schwaches Gedächtnis aufzufrischen. Sollten Sie die Existenz eines gewissen Rousseau Jean-Jacques abstreiten? Eines gewissen Constant Benjamin?
- Ich streite sie nicht ab, murmelte der Mann und liess den Kopf noch tiefer hängen. Ich bin sogar sicher, dass Sie, ausser Ramuz Charles-Ferdinand, den ich selbst aus freiem Antrieb nannte, ebenfalls Verdächtige wie Pourtalès Guy de, Cendrars Blaise, Colomb Catherine, Roud Gustave in Ihren Listen haben, um hier nur die Toten zu erwähnen.
- Bravo, beglückwünschte sich der Polizist. Das nennt sich endlich Mitarbeit. Ich habe tatsächlich all diese Namen in meiner Liste. Ausgenommen diese Colomb Catherine. Denn das ist eine Frau, nicht wahr.
- In Zukunft lassen Sie diesen Namen nicht mehr weg, Monsieur.
- Ausgezeichnet. Ich notiere eifrig und mit Vergnügen. Colomb Catherine. Diese Person nun also ist von Ihrem Ort, oder ist sie nicht von dort?
- Ach, genau das ist ja die Frage. Verzeihen Sie. Colomb Catherine, wie alle Werkverdächtigen, die Sie genannt haben, ist aus ihrem Ort, ohne von dort zu sein. Genauer gesagt sind sie nicht an ihrem Ort, eben weil sie dort sind. Können Sie mir folgen?
- Nein! Nein, ich kann Ihnen nicht folgen. Das sind ja rechte Winkelzüge.
- Ich versichere Ihnen, Gewalt würde daran nichts ändern. Ist es mein Fehler, wenn bei den Autoren, von denen die Rede ist, der Ort immer, immer als Negativprägung erscheint, durch seine Abwesenheit glänzt, durch seine Entfernung, seine Transzendenz? Die Romane der Colomb Catherine haben tatsächlich «ihren Ort» als Rahmen, den meinen, wenn Sie lieber wollen. Was sich jedoch darin abspielt und entfaltet, tut dies weit entfernt von Raum und Zeit; es ist hier, aber es ist nicht hier. Bei Roud Gustave werden die Orte eben durch den Schmerz, den sie hervorrufen, beseitigt. Bei Cendrars Blaise werden sie gemieden und in Abrede gestellt; bei Pourtalès Guy de sind sie die winzige Mandel, aus der, gewaltig, der Baum der europäischen Kultur erblühen wird. Bei Ramuz Charles-Ferdinand werden sie durch die Pflugschar des Wortes umgegraben, durchfurcht, verwüstet; sie erkennen sich in ihm wieder wie die Geliebte in den Portraits des kubistischen Picasso. Finden Sie sich damit ab, Monsieur, finden Sie sich damit ab wie ich. Die Grösse, die Wahrheit unseres Ortes, eine oft trübselige, oft fade, manchmal schöpferische, manchmal erhabene Wahrheit, die Wahrheit unseres Ortes besteht unwandelbar darin, nicht zu sein.
Dieses Schlusswort tat seine Wirkung. So dass es, in der darauffolgenden Stille, dem Angeklagten gelang, die Oberhand zu gewinnen:
- Wenn ich es wagen würde, Monsieur, nachdem Sie mich schon so lange verhört haben, ohne mir glauben zu können, dass ich die Wahrheit sage, wenn ich es wagen würde, einen Augenblick lang die Rollen zu vertauschen, würde ich mir erlauben, meinerseits eine Frage zu stellen.
- Tun Sie's, brummte der andere (der wohl seine Taktik überdachte, so dass ihm diese Ablenkung willkommen war).
- Ich hätte Sie gefragt - wir sind ja, so wie es aussieht, auf einem Polizeiposten der Region, des Landes, der Stadt, kurzum des Ortes . . . Ich hätte Sie respektvoll gefragt, denn schliesslich werden wir ja wohl Landsleute sein, Mitbürger, Mitansässige, Bewohner eines gemeinsamen Fleckchens Erde: Bringen Sie, so wie Sie da vor mir stehen, geschult, gebildet, erfahren, vereidigt, die Identität dieses Ortes, über den Sie mich so hartnäckig verhören, über die Lippen? Können Sie sich auf Ehre und Gewissen Romand nennen?
Der Polizist und seine Gehilfen wechselten ungläubige Blicke. Dann brachen sie alle in ein nervöses, peinlich anhaltendes Gelächter aus. Am Ende wandte sich der Befrager, indem er sich die Lachtränen abwischte, wieder dem Mann von nirgendwo zu:
- Sie stellen mir die Frage! Sie fragen mich, ob ich diesen Ort benennen kann, auf Ehre und Gewissen! Sie könnten mich, wenn Sie schon dabei sind, auch fragen, ob ich die Nase mitten im Gesicht trage! Meinen Sie, ich wisse nicht, was zu bekennen ich von Ihnen verlange? Meinen Sie, das, was auszusprechen ich Sie ersuche, sei in meinen Augen keine Selbstverständlichkeit? Warum, warum nur sprechen Sie mir nicht diese einfachen Worte nach: Die Romandie existiert, ich bin ein Romand! Wie ich selbst, wie wir alle. Sagen Sie es, sagen Sie diese einfachen Worte, und Sie sind frei.
- Unmöglich, antwortete der Mann mit einem Lächeln, das genau das höfliche, bescheidene, diskrete Lächeln eines Romands war.
Etienne Barilier ist Schriftsteller und lebt in Pully VD.