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Wein und Sein -- Werner Koblet, Önoarchäologe
© Caspar Martig
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| Forscher im Unruhestand: Werner Koblet im Weinbaumuseum in Au (ZH). |
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Von Peter Rüedi
POSITIVE MENSCHEN sind Langweiler, Prediger oder, angesichts des Laufs der Welt, Lügner. Dachte ich, bis ich an einem hochnebelgedeckelten Wintertag im kleinen Weinbaumuseum auf der Halbinsel Au Werner Koblet traf. Der hat Jahrgang 1932, ist ein bisschen weise, durchaus ein positiver Mensch und alles andere als langweilig. Ein Prediger ist er auch nicht, ein Lügner schon gar nicht. Zu seiner positiven Denkart gehört die Fähigkeit, seine eigene Lebensleistung nicht unter den Scheffel zu stellen, sie aber auch nicht über den grünen Klee zu loben.
Wo andere fünf Jahre nach der Pensionierung die Vergangenheit ins Glanzvolle verklären, gesteht er gelassen Fehler ein oder zumindest Irrtümer: «Wir waren früher oft Symptombekämpfer, wir hätten weiter vorausschauen sollen. Wir hatten aber das Personal nicht, und wir waren auch ein Produkt unserer Erziehung, unseres Umfelds.»
Werner Koblet, aufgewachsen auf einem (rebenlosen) Bauernhof in Eidberg bei Winterthur, an der ETH zum Ingenieur-Agronom ausgebildet, durch einen Zufall nach Kalifornien und in den Weinbau geraten (1961) und bald in die Heimat zurückgerufen, übernahm an der Eidgenössischen Forschungsanstalt in Wädenswil 1971 die Abteilung Weinbau und leitete diese bis 1997.
Er hatte eine Dissertation geschrieben und sich an der ETH habilitiert. Er war ein Forscher. So untersuchte er etwa, welche Blätter für die Rebe im Lauf des Jahres die wichtigsten sind (und welche die entbehrlichsten: wann also wo der Schnitt anzusetzen ist). Aber weil der grösste Teil seiner Mitarbeiter bäuerlicher Abstammung war wie er selbst, «waren wir, zumindest in der Abteilung Weinbau, mehr Versuchs- als Forschungsanstalt». Im Klartext: an der Praxis orientiert.
Und aus der kamen oft genug die Anstösse für die Forschung, so sehr, dass Wädenswil als eine Art Serviceagentur für die Ostschweizer Weinbauern funktionierte. Der Kellermeister beriet einen ratlosen Bauern stundenlang und kostenlos. Anderseits forschte die Anstalt im Feld und nicht nur im eigenen Rebberg. Keiner sah das allzu eng, und am Ende, meint Werner Koblet, hat sich das gesamtvolkswirtschaftlich vielleicht sogar gerechnet.
Inzwischen ist eine grosse Reorganisation ins Land gegangen, auch in Wädenswil. Die Forschungsanstalt ist geblieben, aber der Sektor Weinbau wurde stark reduziert wie auch die Ausbildung der HTL-Ingenieure der Hochschule. Beides, Forschung und Ausbildung, gingen an Changins, das welsche Schwesterinstitut. Das erfüllt den ehemaligen Sektionschef mit kaum eingestandener Melancholie. Er entsentimentalisiert sie umgehend: «Eine gewisse Logik hat das ja auch. Es gibt nun mal mehr Reben in der welschen Schweiz, in dem Bereich sind wir die Minderheit, und es ist gar nicht schlecht, dass die mal was haben, wo sie grösser sind.» Da argumentiert Koblet staatspolitisch.
Spricht er von seiner wissenschaftlichen Arbeit, bleibt er mit beiden Füssen auf dem Boden und schwingt sich doch, nun ja: zu einer Art Evolutionsphilosophie auf. «Ich wollte wissen, wie die Rebe reagiert, wenn man sie plagt, indem man zum Beispiel Hagel simuliert und die Blätter am Stock verschnetzelt.»
Das Ergebnis: Bevor die Blüten befruchtbar sind, wird alle Restenergie in die Mutterpflanze investiert, damit sie die abgeschlagenen Triebe durch neue ersetzen kann. Wird die Rebe nach der Befruchtung gestresst, mobilisiert sie die Restenergie für die Samen, die Kinder sozusagen, und vernachlässigt eher sich selbst. Stresst man sie, wenn die Kerne reif sind, geht die Restenergie wieder an die Mutter, die den nächsten Winter überstehen muss. «Eigentlich schade, bin ich pensioniert worden», sinniert Koblet und ruft sich subito zur Ordnung: «Für uns als Forschungsanstalt waren solche Arbeiten wohl etwas an der Grenze, für den Weinbauern vielleicht interessant, aber nicht gerade das Nötigste.»
Das Licht schwindet vor den Fenstern des kleinen Weinbaumuseums an der «Pfnüselküste». Auf den Tisch kommt eine der nur gerade 300 Flaschen des «Museumsweins», der auch eher interessant ist als nötig. Im historischen Rebberg hinter dem Haus stehen rund 200 Rebstöcke mit alten Sorten: Elbling, Completer, Hitzkircher oder Brieger, roter und weisser Räuschling, Blauer Thuner, Schwarzer Erlenbacher, Mörchel – all dies wurde zusammengekeltert zu einer historischen Rekonstruktion. So etwa müssen Zürichseeweine vor 150 Jahren geschmeckt haben, als in den Rebbergen ein wüstes Durcheinander von Sorten stand. Was wir trinken, hat kaum Frucht, aber ein würzig-heuiges Bouquet mit etwas Zitronenduft. «Es wäre schon interessant zu wissen, was das alles ist, womit die önoarchäologischen Reben verwandt sind», sagt Koblet. «Vielleicht finden wir etwas Geld, das zu untersuchen. Nur müssen wir dann die Referenzen kennen, und das ist eine mühselige Arbeit.» Dem Werner Koblet wäre sie noch immer willkommen.
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