SIE GERATEN leicht aneinander, wenn sie im selben Computer wohnen. Man hört da so ein Gurgeln, als würde auf der Festplatte jemand gewürgt. Dann poppt in Windows plötzlich ein Dialogfenster auf, das gewöhnlich die Hiobsbotschaften verkündet. Ein gekränkter Netscape Navigator tritt auf den Plan und bittet um das Privileg, ab sofort Standard-Browser sein zu dürfen. Wenn man ihm die Freude macht, nimmt beim nächstenmal sein Pendant aus dem Hause Microsoft Haltung an und meldet gehorsam: «Internet Explorer ist momentan nicht Ihr Standard-Browser. Möchten Sie ihn als Standard-Browser einrichten?»
Stell dir vor, es ist Browser-Krieg, und keiner geht hin. Seit fünf Jahren spielt der Club der Internet-Milliardäre Armageddon, zu ebener Festplatte wie in den lichten Höhen amerikanischer Bundesgerichte. Wer den Browser diktiert, beherrscht das Internet, und deshalb beherrscht sich keiner. Ans Tageslicht kamen E-Mails, in denen sich der Netscape-Chef James Barksdale als Churchill vorstellte, der gegen einen neuen Hitler kämpft. Der, den er dafür hält, gab unter Eid einen liebenswert harmlosen Onkel Bill, zu dessen Erinnerungslücken ein langer, weisser Bart gut gepasst hätte. Es durfte kurz gelacht werden, danach ging's wieder ab an die Front. Denn der Browser-Krieg ist eine Veranstaltung, an der man nicht nicht teilnehmen kann.
Einfach einschalten, schon ist man Soldat. Wer sich mit dem Programm von Bill Gates durch das Internet bewegt, attackiert mit jedem Mausklick den Börsenkurs von Netscape. Wer den Navigator installiert hat, landet auf der anderen Seite, derjenigen mit der Adresse home.netscape.com. Der Browser befördert einen automatisch dorthin. Als kleine Nummer marschiert man dann in einer Parade grosser Zahlen vor den Anzeigenkunden auf, ob man will oder nicht. Richtig ist nämlich nur, dass die Browser kein Geld kosten; umsonst waren sie nie.
Es wird Zeit für einen Kranz am Denkmal des unbekannten Entwicklers und für eine Haager Konvention. Das Web Standards Project, ein Zusammenschluss kriegsmüder Veteranen, hat die Kosten des Rüstungswettlaufs berechnet: Demnach macht der Autismus zeitgenössischer Kommunikationssoftware das World Wide Web um 25 Prozent teurer. Explorer mögen kein Netscapeianisch, Communicatoren sind gegen alles Microsoftische allergisch, und Standards werden von beiden ohne Vorwarnung niederkartätscht. Wer in solchem Kreuzfeuer die Fahne der Allgemeinverständlichkeit hochhält, muss kläglich in Überstunden enden: Als Massenvernichtungsmittel für Arbeitszeit haben sich die scharfgemachten Browser bestens bewährt.