Stupsnase, ganz viele Sommersprossen, ein bisschen Verrücktheit in den braunen Augen, in der ganzen Erscheinung etwas Jungenhaftes, so sehen die Macherinnen der Amöbe aus, stellt man sich vor. Und sie sind jung.
Jung ist das Einzige, was stimmt. In Wirklichkeit sind ho-la, das sind Sabine Leuthold (Jahrgang 1972, grüne Augen) und Jacqueline Lalive d'Epinay (Jahrgang 1974, blaue Augen), fast klassisch schön. Und sie sind nicht frischfrech, eher überlegt, und nicht stürmisch, eher zurückhaltend. Trotzdem muss etwas Heisseres als Blut in ihren Adern fliessen. Denn ihre Kompromisslosigkeit setzt Unerschrockenheit voraus, Hartnäckigkeit, Leidenschaft.
Kennengelernt haben sie sich vor drei Jahren dank einem Negativerlebnis: Nach der Ausbildung (Sabine: Höhere Schule für Gestaltung in Lausanne, Jacqueline: Kingston University in London) bewarben sich beide bei einem Zürcher Designbüro, und beide wurden nicht genommen.
Beim darauf folgenden Mittagessen haben sie schnell gemerkt, dass sie zusammenpassen, denn in ihren Köpfen war «Ähnliches am Schnurren»: Die Dinge, die sie machen wollen, sollen Ausstrahlung haben und eine Persönlichkeit. All diese nüchternen, zu Tode reduzierten Möbel in nüchternen, zu Tode reduzierten Wohnungen finden sie mutlos. Standard-Industriedesign interessiert sie nicht. Die perfekte Ausführung ist wichtig, aber wichtiger ist die zündende Idee. Und die finden sie eher in ihrem Alltag als in der Designgeschichte.
Wie das in der Praxis aussieht und was dabei herauskommen kann, erzählen Leuthold und Lalive im perfekten Pingpong perfekt harmonisierender Partner, das unterbrochen wird höchstens dadurch, dass die eine in irgendeiner Schublade des hellen, hohen Atelierraums an der Zürcher Zeughausstrasse irgendein Bild sucht zur Illustration des eben Gesagten oder die andere einen Schluck aus dem Wasserglas nimmt.
Da wäre der Rolland zum Beispiel. Rolland, die Schlafmatte aus mehreren Teilen, die man zusammengerollt auch als Hocker verwenden kann, entstand, weil die eine von ihnen einen asiatischen Tuchwickel gesehen hatte. Sie kam aufgeregt ins Atelier, und die andere sagte: «Da müssen wir was draus machen.» Sie hatten sich also nicht vorgenommen, für eine Gästematratze zu recherchieren, sondern da waren einfach diese Tuchwickel, und die liessen sie nicht mehr los.
Und wie entstand Amöbe? Im Zug war es (nach Frankfurt am Main, an die Textilmesse), die ho-la hatten beide den Skizzenblock auf dem Schoss und zeichneten und redeten. Eine Zürcher Badeanstalt wollte ein Loungemöbel für ihre abendliche Bar. Ein Möbel für eine Badi muss aus einem wasserfesten, farbfesten und leicht zu verräumenden Material sein, das war schon mal klar. Vielleicht aus Styropor? Sie zeichneten. Eigentlich, sagten sie sich, sollte ein Möbel für eine Badi etwas mit Baden zu tun haben. Aber zugleich soll es etwas Neues und Eigenständiges sein. Irgendwann kamen sie auf ihre ersten Schwimmversuche zu sprechen. Flügelchen. Schwimmring. Schwimmring? Ein Schlauch. Warum nicht etwas mit einem Schlauch machen? Zum Beispiel mit einem Lastwagenschlauch? Der sieht einem Schwimmring ähnlich, ist aber um einiges grösser, Material und Farbe sind anders. Mit der Form, nun ja, mit der Form müsste noch etwas passieren. Hm. Sie zeichneten. Und auf einmal war auf dem Blatt von Sabine ein in der Mitte von einem Gummiband taillierter Schlauch. Heureka! Das war's. Beide hatten nicht den leisesten Zweifel.
Auch den Leuten von der Badeanstalt gefiel das Ding. Die ho-la machten weiter. Sechs Monate mindestens betrug die Entwicklungszeit. Sie gingen in dieser Zeit zwar auch noch je ihrem Brotjob als Grafikerinnen nach, aber einen Abend pro Woche haben sie bestimmt aufgewendet, um einen Schlauch zu finden, der a) nicht abfärbt, b) nicht stinkt, c) hitzebeständig ist, d) eine harmonisch-schöne Form ergibt und e) ergonomisch perfekt sitzt und die richtige Höhe hat. Man soll sich ja schliesslich nicht setzen und dann nicht mehr hochkommen können. Als man endlich, endlich den idealen Schlauch gefunden hatte - es ist einer, wie man ihn für die Räder von Baumaschinen braucht -, mussten einigermassen vorteilhafte Konditionen ausgehandelt werden. Denn ein bisschen verdienen wollten sie schon. Am Anfang hatten sie Garage um Garage abgeklappert und um kaputte Schläuche gebeten. Mit Hilfe eines Badewännchens suchten die Ladies diese nach den lecken Stellen ab, flickten sie, verarbeiteten sie weiter. So konnten sie die ersten fünf Modelle aus rezykliertem Material verkaufen und das verdiente Geld in die Weiterentwicklung investieren.
Nun der Gurt. Am Anfang war er zusammengeleimt, dann aber wurde mal ein falscher Leim geliefert. Von da an wurde genäht statt geleimt. Eine sauberere Lösung, die Panne hat die Amöbe weitergebracht. Dann der Gummi des Gürtels. Er war zu dick. Das war ästhetisch unbefriedigend, der Gurt scheuerte am Gummi. Auf die Idee, einen dünneren Gummi zu nehmen, den aber doppelt laufen zu lassen, musste man erst kommen. Mit ihr kam auch die Idee mit der Gurtschnalle. Die erfüllt einen Zweck, ist ein schönes Detail und ausserdem der beste Platz für das Logo.
Weil das Möbel, das ursprünglich für draussen konzipiert war, in Richtung Innenmöbel weiterentwickelt werden sollte, versuchte man eine textile Einkleidung. Es war eine kurze Verirrung. Das sah ja fast aus, als ob man sich des Gummis schämen würde, fanden die ho-la und liessen ab davon.
Und jetzt überlegen sie sich, ob die genähte Version nicht vielleicht sicherer wäre als die Schnalle, die aufgehen kann. Und wie die Amöbe mit bedrucktem Gummi aussähe. Und man sucht ein Label, das den Vertrieb übernimmt; im Moment tragen Sabine und Jacqueline noch jede Amöbe, die bei ihnen bestellt wird, persönlich zur Post.
Amöbe hat den zwei Frauen einen Sonderpreis der Schweizer Möbelmesse 2000 eingebracht und die Einladung an zahlreiche Designausstellungen. Die grosse Amöbe (180 cm × 80 cm) kostet 488 Franken, Amöbe baby (120 cm × 80 cm) 466 Franken.
Man mag Amöbe, oder man mag sie nicht, dazwischen ist nichts. Man assoziiert mit ihr, wie eine kleine Umfrage ergab: Frauenlippen, afrikanische Lippen, geschwollene Lippen, Blutwurst mit Wespentaille, Amöbe, Zellen bei der Zellteilung, Kaffeebohne, Gummiboot, Sadomaso-Tisch, Doppelzwetschge, Leistenbruch, vergewaltigte Weiblichkeit, einen Zeppelin kurz vor dem Absturz, Coco de mer, ein spanisches Nüsschen.