NZZ Folio 09/92 - Thema: Der Krieg auf dem Balkan   Inhaltsverzeichnis

Portrait -- Stéphane Roger

Blauhelm.

Von Peter Haffner

«Seit ich klein war, wollte ich in die Armee. Jetzt, da ich in der Armee bin, will ich drin bleiben.» Stéphane Roger lächelt. Er ist zwanzig Jahre alt, Franzose. In Garchizy, einem Nest bei Nevers in der Bourgogne, wo er herkommt, ist nicht viel los. Eben ist er aus Gracac zurück, «aus Serbien», wie er sagt. Gracac liegt aber im Süden von Kroatien. Stéphane Roger hat die Nepalesen da hingefahren. Wie sie, ist auch er ein Blauhelm, ein Angehöriger der Unprofor, der UN Protection Forces; einer jener ersten 14 000 Friedenssoldaten, die der Uno-Sicherheitsrat im Frühjahr nach Kroatien geschickt hat. Nun wartet er im Uno-Hauptquartier in Zagreb auf eine neue Mission. «Es ist ein Job wie ein anderer. Im Krieg gibt es Risiken, aber im Leben gibt es die auch. Man kann bei einem Autounfall sterben. Je mehr man riskiert, desto grösser ist die Gefahr. Aber das ist das Leben!»

Noch ist Stéphane Roger nicht Berufssoldat. Doch er ist fest entschlossen, es zu werden. Im Oktober 1991 ist er in die Armee eingezogen und bei den Übermittlungstruppen eingeteilt worden. Seit dem 4. April dieses Jahres, als er in Rijeka vom Schiff ging, tut er Dienst in dem Land, das einmal Jugoslawien hiess. Er hat sich freiwillig gemeldet. «Ein Tapetenwechsel», sagt er, und, natürlich: «Ein Abenteuer.» Ende September, wenn die Ersatztruppen kommen, wird er nach Frankreich zurückkehren. Er hat einen Vertrag unterzeichnet, der ihn nach den obligatorischen zehn für weitere zwölf Monate Armeedienst verpflichtet. Unteroffizier will er werden. Stéphane Roger, gelernter Autospengler, ist als Waisenkind in einer Pflegefamilie mit sieben «Geschwistern» aufgewachsen. In der Armee fühlt er sich aufgehoben, da ist ihm wohl.

Das mit fast 3000 Mann stärkste Uno-Kontingent der Franzosen ist innerhalb der internationalen Friedenstruppen vorab für die Logistik zuständig. Das heisst für den Fahrer Stéphane Roger, dass er schon in ganz Jugoslawien herumgekommen ist. Er hat Uno-Truppen in die verschiedensten Schutzzonen transportiert, nach Drvar in Bosnien-Herzegowina, nach Vukovar in Slawonien, nach Daruvar und Benkovac in Kroatien - und auch nach Sarajewo. Der Name der Stadt, die zum Symbol für den Irrsinn dieses Krieges geworden ist, geht ihm nicht ohne Stolz über die Lippen. Sarajewo war die Feuertaufe. Einen Monat war er in der von serbischen Freischärlern und Soldaten eingekesselten, einem ununterbrochenen Bombardement ausgesetzten bosnischen Hauptstadt. Er hat Hilfsgüter für das Uno-Flüchtlingswerk UNHCR transportiert und war anschliessend zum 53. Infanterieregiment für Schutzaufgaben abkommandiert. Er hat den Kommandanten der Uno-Friedenstruppen von Sarajewo, General Lewis MacKenzie, zu den Verhandlungen eskortiert und zum Flughafen. «General MacKenzie war in einem Fahrzeug neben dem meinen, wir machten ihm den Weg frei.» Er hat den serbischen Ministerpräsidenten gesehen, den bosnischen, die gekommen sind, den Waffenstillstand zu unterzeichnen, an den sich dann niemand gehalten hat. Die Namen der Politiker sind Stéphane Roger nicht geläufig. «Die sind zu kompliziert», sagt er. «Aber das war eine gute Mission.»

In Sarajewo hat er auch Szenen gesehen, an die er sich weniger gern erinnert. «Einmal haben sie das Feuer auf ein Dutzend Kinder eröffnet . . . Man weiss nicht, welche Partei geschossen hat . . . Sie haben auf Kinder geschossen! Man hat sie von der Strasse weg ins Gebäude geholt. Ein Mädchen war tot, drei Kinder schwer verletzt. Wir haben sie sofort mit dem Camion ins Spital transportiert.» Den Anblick des Kindes, dem der Schädel eingeschossen war, das Bein weg, will er vergessen. «Jener Abend war schrecklich. Ich will versuchen, meinen Kopf von diesen Bildern zu leeren.» Eine Erklärung, warum Menschen so etwas tun, hat er nicht. «Für die ist es ein Spiel, Zivilpersonen zu töten. Sie schiessen auf alles, was sich bewegt.» Auch er selber ist zweimal ins Feuer geraten. Er glaubt nicht, dass sie treffen wollten. Sie hätten über ihre Köpfe hinweggeschossen, und er habe sich auf den Boden geworfen. «Sie versuchen uns zu erschrecken, aber das führt zu nichts.»

Ob er denn nie Angst hatte? «Doch», sagt er, dessen Hände kräftig sind, die Fingernägel abgekaut. Er hat das Bombardement des Unprofor-Kommandopostens in Sarajewo miterlebt. «Es begann um 5 Uhr 30 morgens. 26 Stunden später haben wir den Keller verlassen können.» Wie fühlt man sich, wenn man so etwas zum erstenmal erlebt? Zu Beginn mache es Angst, meint er, nachher werde es zur Gewohnheit. Man esse, man schlafe, als ob nichts wäre. Am Schluss hätten sie Witze gerissen und auf die Granaten nicht mehr achtgegeben. «Bis eine genau neben uns einschlug.»

Stéphane Roger kümmert es wenig, dass andere sich Sorgen um ihn machen. Natürlich ängstigt sich die Freundin, «comme tout le monde». Und was denkt sie? «Sie denkt, ich sei verrückt.» Sie liebt ihn? «Mais oui!» Und er sie? «Mais oui!» Sie lasse ihn ihre Angst nicht spüren. «Ich denke aber schon, dass sie etwas aufgeregt ist.» Und noch mehr die Pflegeeltern. Er hat sie aus Sarajewo angerufen und erzählt, dass er im Moment gerade bombardiert werde. Er sagt es mit vermutlich demselben legeren Stolz, mit dem er es damals am Telefon gesagt haben muss. Sie beklagen sich, dass er hierhergekommen sei. «Aber ich bin zufrieden, hier zu sein.» Zweimal pro Woche schreibt er nach Hause, des öfteren wird telefoniert.

Die Truppenunterkunft beim Flughafen von Zagreb, wo Stéphane Roger auf seinen nächsten Einsatz wartet, liegt auf dem ehemals verminten Gelände, auf dem die serbische Volksarmee ihre Basis hatte, als sie in Kroatien und Slowenien einmarschiert war. Blauhelme aller Nationen sind jetzt hier stationiert. In ihren Kampfanzügen und Stiefeln erwecken sie einen durchaus militärischen Eindruck, auch wenn die Sitten etwas lockerer zu sein scheinen als im gewöhnlichen Armeedienst. Und die weissgestrichenen Lastwagen, Jeeps und gepanzerten Fahrzeuge mit den grossen schwarzen Buchstaben UN sehen wenig martialisch aus, einer Art motorisierter Friedenstauben. In der Kantine herrscht ein ständiges Kommen und Gehen; Soldaten aus Kenya, Ghana, Nigeria, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Kanada. Wenn sie sich zum Essen setzen, bleiben sie je unter sich. Es gehört zur Praxis der Uno-Truppeneinsätze, dass die einzelnen Kontingente nicht vermischt werden. Sie unterstehen dem Oberkommando der Uno, behalten aber ihre nationale Identität.

Wie steht es mit Kontakten zu Kameraden anderer Nationen? Stéphane Roger hat Holländer, Dänen, Kanadier an ihre Einsatzorte gefahren, Kenyaner, Nepalesen, Jordanier, Ägypter. Er transportierte gern Menschen, sagt er. Man erfahre etwas vom Leben anderswo, von der Welt. Während der Zwischenhalte, wenn man aussteigt, versuche man miteinander zu reden, auch wenn die Verständigung manchmal schwierig sei. «Mit den Ukrainern zum Beispiel oder den Nepalesen. Die können kein Englisch.» Aber Stéphane Roger kann auch kein Englisch. Also versucht er, sich so zu verständigen, wie man sich auch mit der einheimischen Bevölkerung verständigt, mit Gesten. Die ersten Fahrten, die er gemacht hat, führten in ungefährliche Gebiete. Die Bevölkerung habe sie willkommen geheissen. «Wenn man in ein kleines Dorf kommt, umringen sie einen.» Um so fassungsloser war er ob all der Zerstörungen, die er gesehen hat. Da seien ganze Dörfer vollständig zerbombt gewesen, die Leute hätten keine Häuser mehr gehabt. Wie denkt er über den Konflikt? Die Ursachen, eine Lösung? Persönlich habe er keine Meinung, sagt er. «Ich bin hierhergekommen wegen der militärischen Hilfe.» Dass die Situation verworren ist, hat er konkret erfahren. Er kann sich an ein Dorf in der Nähe von Sarajewo erinnern und daran, wie unklar es war, wo die Serben, wo die Kroaten und wo die Muslime sind. «Man weiss nie genau, wo man sich befindet.» Deshalb ist für Stéphane Roger da, wo Serben sind, Serbien. In Zagreb werden die Unprofor «Serbofor» geschimpft, weil sie angeblich die Serben bevorzugen. Anderswo ist es genau umgekehrt.

Bis zum nächsten Einsatz wird retabliert, die Wäsche gewaschen, die Ausrüstung in Ordnung gebracht. Im Kantonnement der allesamt jungen Franzosen ist die Stimmung gelöst. Dreimal in der Woche gibt es Ausgang, und am Wochenende muss man nicht wie sonst um Mitternacht, sondern erst sonntags um sechs Uhr früh wieder einrücken. «Manche gehen nach Zagreb, um da die Nacht zu verbringen», sagt Stéphane Roger und setzt ein schüchternes Grinsen auf. «Man amüsiert sich eben. Man profitiert, so viel man kann!» Auch er geht in die Disco. Er trägt das Haar kurzgeschoren mit einem Büschel am Stirnansatz; es scheint Mode zu sein. An den Abenden, an denen er in der Kaserne bleiben muss, schaut er fern, unterhält sich mit Video- und anderen Spielen. Man habe keine Zeit, sich zu langweilen. In der dreieinhalbstündigen Mittagspause liest er Krimis, Comics, Romane. «On s'occupe.»

Und immer bleibt man unter sich, unter Franzosen? Die Holländer, die später gekommen seien, antwortet er, hätten sie geneckt wegen ihrer strengen Kleidervorschriften. So sei man miteinander in Kontakt gekommen. Mit den Holländern spielten sie Fussball und Volleyball, diskutieren. «Die Beziehungen sind gut.»

Er ist zum erstenmal in seinem Leben in Jugoslawien. Die Landschaft gefällt ihm. «Es gibt extrem schöne Gegenden.» Er könnte sich durchaus vorstellen, einmal als Tourist wiederzukommen. Aber er wundert sich, dass es im Norden von Kroatien zurzeit viele Ferienreisende hat, Holländer, Deutsche, Österreicher. «Ich würde da jetzt nicht Ferien machen.» Es sei ein Risiko, selbst wo es ruhig ist. «Ein Attentat, man weiss nie.» Stéphane Roger greift zur Zigarette. Er freut sich lauf seine nächste Mission.


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