NZZ Folio 01/06 - Thema: Statistik   Inhaltsverzeichnis

Merkel:Kanzler; Saddam: Knast

Im Bestseller «Der Bibelcode» wird behauptet, das Alte Testament enthalte Prophezeiungen. Doch die Statistik zeigt: Der geheime Code ist nur eine Laune des Zufalls.

Von Stefan Schmitt

Bisher kennen nur wenige Leute das Geheimnis: Wer das NZZ-Folio richtig zu lesen weiss, kann in die Zukunft blicken. Bereits 1997 – vier Jahre vor dem Grounding – prophezeiten wir zum Beispiel den Niedergang der Schweizer Luftfahrt. Mit denselben Methoden, mit denen Esoteriker geheime Botschaften aus Bibeltexten lesen, fanden wir im Buchstabenwald unseres Archivmaterials die Worte SWISSAIR und PLEITE in unmittelbarer Nachbarschaft.

Im Bestseller «Der Bibelcode» behauptete Michael Drosnin 1997, im Alten Testament alle möglichen Prophezeiungen aufgespürt zu haben. «Dallas» und «Präsident Kennedy» etwa oder Hinweise auf den Mord an Yitzhak Rabin. In der Fortsetzung «Der Bibelcode 2» sagt er unter anderem für 2006 den Weltuntergang durch Atomkrieg oder Kometeneinschlag voraus. Da Gott selbst Moses die Genesis diktiert haben soll, betrachteten viele Codegläubige die Bibel als eine Art Quelltext einer Datenbank Gottes, die Botschaften aus der Zukunft enthält.

Wie aus dem Text des Buchs Genesis ein Orakel wird, haben zuerst 1994 die israelischen Wissenschafter Doron Witztum, Eliyahu Rips und Yoav Rosenberg vorgemacht: «Äquidistante Buchstabensequenzen» (equidistant letter sequences, ELS), so schrieben sie im Fachjournal «Statistical Science», gelte es zu suchen. Nach der mathematisch simplen Methode müsse man die Heilige Schrift nur in den richtigen Intervallen lesen. So zeigt sich im Ländernamen «Russland» das codierte Wort «USA», wenn man gleichlange Abstände («Äquidistanzen» mit dem Wert von zwei Buchstaben) überspringt: «rUsSlAnd». Von Hand ist das mühsam, doch ein Computerprogramm scannt auch grosse Texte flink auf solche Muster, indem es von beliebigen Startpunkten aus Sprünge von einem bis zu Tausenden Buchstaben Länge durchrechnet. Die Forscher mussten ihm dazu nur Suchbegriffe – wie etwa USA – vorgeben.

Witztum, Rips und Rosenberg wählten die Namen 66 berühmter Rabbis und deren Geburts- und Sterbedaten und behaupteten, fündig geworden zu sein. Das Alte Testament habe lange vor den Lebzeiten der Gelehrten schon deren Termin in der Geschichte gewusst. Später misslang es allerdings anderen Mathematikern, mit gleicher Methode und Material diese Ergebnisse zu reproduzieren. Eine hochkarätig besetzte Kommission zur Überprüfung des Streits trennte sich im Streit, ohne dass sie einen Beleg für das tatsächliche Rabbi-Orakel hätte liefern können. Akademisch gilt der Bibelcode als erledigt – was aber seine Popularität unter Prophezeiungsgläubigen nicht schmälert. Drosnin hat über 20 Millionen Bücher verkauft.

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Der australische Mathematiker Brendan McKay bekämpft seit einem Jahrzehnt den Bibelcode-Mythos. Nicht indem er versucht, Drosnin Manipulation nachzuweisen, sondern indem er mit dessen Methode überall Botschaften findet. Er war es auch, der auf Bitten der Redaktion die «Prophezeiung» der Swissair-Pleite aus aneinandergereihten Folio-Artikeln von 1997 fischte.

Als sein erstes Buch erschien, sagte Michael Drosnin im Nachrichtenmagazin «Newsweek»: «Wenn meine Kritiker eine Nachricht über die Ermordung eines Ministerpräsidenten in ‹Moby Dick› verschlüsselt finden, glaube ich ihnen.» McKay liess sich nicht zweimal bitten. Er speiste den englischen Klassiker mit dem weissen Wal in seinen Computer und fand prompt Todesnachrichten für Indira Gandhi, Rene Moawad, Leo Trotzki, Martin Luther King und Robert Kennedy.

Im Hebräischen ist es noch einfacher, Botschaften zu finden: weil es keine Vokale kennt, eine Schreibweise somit für unterschiedliche Worte stehen kann; weil auch Zahlen und Daten durch Buchstaben ausgedrückt werden; weil es in Rechtschreibung und Grammatik Spielräume lässt.

Menschen haben grundsätzlich ein schlechtes Gefühl für Statistik, deshalb glauben viele, die aus den Texten herausgelesenen Botschaften könnten nie und nimmer zufällig entstehen. Sie vergessen dabei, dass der Computer jede denkbare Kombination ausprobiert, der Leser aber bloss die wenigen Treffer erfährt, nicht jedoch die Millionen Fehlschläge.

Auch unsere Geheimbotschaft von der Swissair-Pleite ist statistisch keine Überraschung. Die rund 630 000 Buchstaben der verwendeten Artikel boten eine Fülle von Kombinationsmöglichkeiten. Brendan McKay fand im NZZ-Folio auch die Wortpaare SADDAM und KNAST, MERKEL und KANZLER und das Triplett KATE, MOSS und KOKS. «In einem Text von der Länge eines Buchs könnte ich die Codierung von allem möglichen finden.»

Dass Treffer erwartbare Zufallskombinationen statt göttlicher Fingerzeige sind, zeigt der proportionale Zusammenhang zwischen der Länge der Suchwörter und der Textmenge: «Zehnmal mehr Text bedeutet rund hundertmal mehr darin codierte Wörter», sagt McKay. Andererseits nimmt mit jedem Buchstaben Länge des Suchworts die Trefferwahrscheinlichkeit um den Faktor zehn ab – nichts als schiere Statistik also.

Für den April dieses Jahres hat Drosnins Verlag den dritten Band seiner Serie angekündigt, «Bible code, the quest» (Bibelcode, die Suche). Darin die Wortpaare «zu viel» und «Fantasie» zu finden, wird nur eine Frage von Fleiss und Rechenkraft sein.

Stefan Schmitt ist Mitarbeiter des Magazins «Zeitwissen»; er lebt in Hamburg.


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