Forschungsarbeit beginnt oft im Archiv, weshalb es angezeigt war, im grossen, fremden Haus die Toilette aufzusuchen. Auf dem Spülkasten im Badezimmer der ersten Etage lagert das kollektive Gedächtnis der studentischen Wohngemeinschaft Zübe93. Vier sogenannte Klo-Bücher sind vollgeschrieben, ein fünftes ist in Gebrauch; ein Schulheft mit gelb kariertem Umschlag, chlorfrei. Der jüngste Eintrag handelt, wie sich aus den vorangehenden schliessen lässt, von einem für die hier Ansässigen offenbar essentiellen Thema: den Katzen Miez und Löffel.
«Miez führt zeitweise ein glückliches Leben!» – «Zeitweise!» Ein früherer Eintrag: «Kommt der NZZ-Folio-Onkel eigentlich mal?»
Der Onkel hatte sich bei der studentischen Wohngenossenschaft Zürich (Woko) nach einer WG erkundigt, deren Alltag er über ein paar Monate hinweg begleiten könnte. Zur Auswahl standen viele, die Woko vermietet rund 1200 Zimmer in Studentenhäusern und Wohnungen. Aber keine ist wie die Zübe93.
Zürichbergstrasse 93. Nobler sind nur wenige Adressen in der Stadt und stattlicher nur wenige Häuser. Die WG ist in der früheren Villa Wegelin untergebracht, einer 1909 erbauten Privatresidenz mit Aussicht und Umschwung. Ein Haus, wie einer Kontaktanzeige eines emeritierten Professors entsprungen («gehobene Ansprüche», «gepflegter Lebensstil») – aber bewohnt von einer Horde Menschen am andern Ende der akademischen Hierarchie. Schon lange bevor die Studenten einzogen, war ihm die Aura des Bessergestellten abhanden gekommen; die Zürichbergvilla hatte zeitweise als Heim für Ungarnflüchtlinge gedient.
Die Nutzung in der heutigen Zweckbestimmung lässt wenig Platz für Sozialneid: Jeder Raum ist bevölkert, das Haus voll vom Keller bis unter das Dach. Im einstigen «Salon» wohnt Chris, im «Speisezimmer» Susie, in der «Kinderstube» Iris, im «Zimmer des Herrn» Carole und im «Zimmer des Fräuleins» Alex, ausgerechnet. Sogar im niedlichen, aber winzigen Gartenhäuschen meldet sich jemand auf Klopfzeichen: Nina, die 24-jährige Germanistikstudentin, die ihre Matratze tagsüber gegen die Wand lehnt, damit sie wegen der Feuchtigkeit nicht zu schimmeln beginnt; das schafft ausserdem ein bisschen Beinfreiheit.
«Ich will in diesem Buch Unterhaltung, keine Klagen! Let me entertain you!» – «Am allerkrassesten finde ich die Bemerkung zur Unterhaltung. Geht’s noch? Life is not a picnic!»
Theoretisch bevölkern 18 Studenten das Haus. Das heisst, so viele sind bei der Woko gemeldet; je nach Grösse des Zimmers zahlen sie eine Monatsmiete zwischen 270 und 600 Franken. Aber die Ausnahme ist die Regel. Immer ist jemand auf Reisen, im Auslandsemester, schon ausgezogen, noch nicht eingezogen, mit der Freundin da oder mit dem Freund weg. Kaum meint man, alle Eingeborenen zu kennen, sitzt ein unbekanntes Wesen am Küchentisch und löffelt ein Joghurt aus dem Kühlfach, das man für jenes von Alex hielt, dem katzenvernarrten Germanistikstudenten. «Hallo, ich bin Mascha, seine Cousine. Ich wohne vorübergehend hier.» Ein Bienenhaus ohne Königin. Aber immerhin mit René, dem Hausverantwortlichen.
Der Wirtschaftsstudent im 4. Semester («Ich studiere, weil ich das Studentenleben geniessen möchte und eine solide Ausbildung nützlich ist») ist im Juli 2003 dort eingezogen, wo ehemals «Waschküche/Bügelzimmer» war, und macht für ein kleines Entgelt den Drecksjob des Saubermanns. Er treibt die Semesterbeiträge ein, organisiert die Ämterverteilung, verwaltet die gemeinsame Kasse, die trotz Verlust am letzten WG-Fest ein Plus von Fr. 582.20 ausweist. Die Zübe93-Anlässe geniessen in den jungakademischen Kreisen der Stadt Zürich einen gewissen Bekanntheitsgrad, nicht nur der exklusiven Lage wegen. Dank einer Erfindung der hier ansässigen ETH-Studenten wird an den «Konsum-Parties» der Alkoholverbrauch jedes Gastes elektronisch registriert, jede Stunde bekommen die drei Meistkonsumierenden eine Belohnung. Summa cum gaudi, so wird eine profane Fete zur Leerveranstaltung an der Theke.
Studenten feiern und saufen eben nicht einfach so, sondern auch mit dem Drang zum empirischen Erkenntnisgewinn, woraus der auch immer bestehen mag. Aber an der Uni ist der Nutzen auch nicht immer auf Anhieb ersichtlich. «Welchen Sinn hat Geschichtsschreibung?» lautete eine Frage an der Zwischenprüfung, die Romy, 22, im September absolvierte. Da aus drei Aufgaben gewählt werden durfte, entschied sie sich gegen das Grundsatzschwere und für die konkrete Quellenkritik an einem historischen Text über Alternativmedizin. Er war wie die Einträge im Klo-Buch undatiert.
«So, jetzt mal Klartext: Ich finde es eine Sauerei, wenn man einfach meine Privatapotheke plündert und in einem Chaos irgendwo verteilt zurücklässt!»
Hausvorstand René arbeitet neben dem Studium zu 50 Prozent im Wealth Management der UBS, die er von einem Praktikum her kennt. Doch manchmal befällt ihn eine präventive Wehmut. Dann würde er lieber klassisch als Aushilfskellner oder Platzanweiser im Kino jobben, «weil man das nach dem Studium ja nicht mehr macht». Aus ihm, das merkt man, will einmal etwas werden. Doch vorher kostet er die Freiheiten aus und, sofern sie sich im Zaum halten lassen, die Turbulenzen des Studentenlebens. «Eng wird es nur, wo alle dasselbe tun wollen: vor dem Fernseher, im Badezimmer und in der Gemeinschaftsküche.» Der angehende Ökonom zwischenbilanziert in einer zärtlichen Kosten-Nutzen-Rechnung: «Die Belastung in einer so grossen WG ist sehr viel kleiner als das, was man dafür bekommt. So viele Impulse aus dem Leben anderer.»
«Art. 60 Abs. I Ziff. 1 OR – ist das korrekt, oder kann man auch OR 60 I Ziff. 1 schreiben?» – «Beides geht.»
Die Bewohner der Zürichbergstrasse 93 gehören zu der Generation, die noch weiss, dass der Schokoriegel «Twix» ursprünglich «Raider» hiess, aber nicht mehr, wer Bruno Stanek ist. Es dauerte Äonen, bis jemand den Mitbewohner Ganymed auf seinen Vater ansprach, den Raumfahrtexperten, der 1969 die Mondlandung im Schweizer Fernsehen kommentiert hatte. Ganymed («Ich studierte, weil ich Elektroingenieur werden wollte») füllt sein Zimmer in Kisten ab, mit 24 hat er das Studium in Elektrotechnik und Informationstechnologie schon abgeschlossen und reist nun an die Universität von Santa Cruz, um die Diplomarbeit zu schreiben; anschliessend absolviert er in Kalifornien ein Praktikum bei Apple. Auch Ganymed spricht vor seinem Bildungshintergrund von «Synergien», die sich in der WG ergäben; sie bestanden etwa darin, dass zwei Modedesignerinnen, die hier wohnten, die Stilberatung sicherstellten. Im Gegenzug steuerte er seine Computerkenntnisse bei. «Es war wunderschön in diesem Haus. Aber einmal ist immer Zeit für etwas Neues.»
Die Nachfolge wird demokratisch geregelt. Wer auf genommen werden will, muss sich zur Wahl stellen: Präsentation am WG-Abend, dann wird nach radikal subjektiven Kriterien über die Kandidatur abgestimmt. Diesmal sind auch übergeordnete Interessen im Spiel; ein Teil der Bewohner möchte nicht noch mehr ETH-Studenten im Haus haben, da sie, beansprucht durch das strenge Studium, mehr Zeit im Labor verbringen als an der Zürichbergstrasse und damit weniger zum Gemeinschaftsleben beitragen können als die notorisch unter Bohèmeverdacht stehenden Phil-Einer.
«Übst du Schostakowitsch?» – «Nein, es ist Dvorák.» – «Der Haydn klingt traumhaft!»
Wer viel da ist, ist nicht zwangsläufig faul. Iris zum Beispiel beweist es hörbar jeden Tag. Die 27-jährige Cellostudentin («Ich studiere, weil ich immer Musik studieren wollte») verzaubert das Haus regelmässig mit klassischen Klängen, bei denen sogar die vollgestellte Eingangshalle ihre einstige Erhabenheit wiedererlangt. Bricht die Musik ab, hört man das Surren des Computers, der das Entrée bereichert. Die WG-Bewohner, die meisten mit Laptops ausgestattet, haben dank Wireless LAN Internetzugang sogar im Garten; der hauseigene Server steht in der Rumpelkammer.
Nina im Gartenhäuschen mochte bisher nicht herausfinden, wie bei ihr der kabellose Anschluss an die digitale Welt funktioniert. Es kümmert sie auch wenig. Sie kommt innerhalb der Peergroup vom Zürichberg dem Prototyp der Geisteswissenschafterin am nächsten, die stets das Gute will und stets das Dösen schafft. Aber das Leben, denkt man darüber nach, ist ja wirklich kompliziert. Das Architekturstudium brach Nina ab, weil es ihr zu strukturiert war, am derzeitigen Germanistikstudium zweifelt sie, weil es ihr zu unstrukturiert ist, an der Uni fühlte sie sich lange fremd, vor dem Gruppendruck einer WG hatte sie Angst – und jetzt kommt sie von ihrer Zwerg-Dépendance aus den ihr irgendwie exotisch erscheinenden Menschen behutsam näher.
Und klar, Nina gehört zur Klischeefraktion, die immer knapp bei Kasse ist. In einem anthroposophischen Heim begleitet sie auf dem Klavier den Eurythmieunterricht, jobbt hie und da hier und dort – genug zum Leben, zu wenig zum Ausgeben. Andere Bewohner sind dank einträglicheren Nebenjobs oder familiären Zuwendungen finanziell besser ausgestattet, was sich an den Feriendestinationen und dem Einkaufsverhalten ablesen lässt. Es offenbart sich in der Gemeinschaftsküche, wo jeder ein eigenes Lebensmittelregal hat. Bei den einen ballen sich die Aktionspackungen Teigwaren wie abgeworfene Hilfsgüter, bei andern thront ein Flacon edlen Balsamico essigs über dem distinguierten Kolonialwarensortiment.
Das Wohlstandsgefälle wird unter diesen nach 1968 Geborenen kaum thematisiert, und wenn, dann ohne klassenkämpferischen Groll. «Andere essen im ‹Rosaly’s›, ich in der Mensa – was soll’s!» sagt Carole. Als Geschichtsstudentin weiss sie, dass sich die ungleiche grosse Welt in der ungleichen kleinen spiegelt. Sie erforscht momentan das Thema «Migration» anhand der «Binationalen Ehen zur Zeit des Gotthardtunnelbaus von 1872 bis 1882». Das ist gottlob nicht nur mit dem Lesen wissenschaftlicher Literatur verbunden, das sie bei schönem Wetter immerhin auf der WG-Terrasse betreiben kann, sondern führt sie auch vor Ort in den Kanton Uri. «Dieses Projekt ist ein Highlight. Sonst hockt man meist allein hinter seinen Büchern oder mit fünfzig andern Studis und einem Professor im Seminar.»
«Und wieder tropft der linke Hahnen. Ich nehm jetzt dann Fingerabdrücke!» – «Und wieder brennen nachts um 3.40 Uhr sämtliche Lichter in Bad und 1. Stock.»
Natürlich ist das Zusammenleben von 18 Menschen auf stilvollem, aber engem Raum ein ewiger Seiltanz über der Müllhalde. Volle Abfallsäcke und leere WC-Rollen, das Haus steckt voller Überraschungen: die Damenbinde in der Waschmaschine, die eine Trommel Männerkleider rosa färbte; die fette Nacktschnecke, die über dem Gasherd klebte und Hausvorstand René zu einem Rundmail veranlasste: «Ich finde, die Hygiene in unserer Küche ist unter jeder Sau. Und ich hoffe wirklich, dass das jeder hier annähernd auch so sieht!»
Chaos und Tohuwabohu in einem zittrigen Gleichgewicht des Schreckens. Doch wenn man hört, wie schwierig es für sieben Bundesräte sein muss, schon nur eine Morgensitzung gesittet abzuhalten – immerhin eine Lizentiatin, ein Lizentiat, ein Fürsprech/Notar, zwei Doktoren, ein Ehrendoktor und ein Professor –, dann darf man die 18-köpfige Wohngemeinschaft als Leuchtturm des Anstands und der Ordnungsliebe sehen.
Sitzungen finden sporadisch auch hier statt, damit ein paar Dinge kollektiv ins Lot gebracht werden können. Weil der Onkel vom NZZ-Folio an der letzten grossen Aussprache verhindert war, bat er Alex, die Ereignisse zu schildern. Der 25-jährige Germanistikstudent («Ich studiere, obwohl ich eigentlich lieber Koch geworden wäre») hat eben entnervt die Korrektorenstelle beim «Blick» gekündigt und schreibt nebenbei für eine Sportjournalistenagentur. Hier sein Bericht:
«Hausversammlungen sind wie Familienfeste. Keiner möchte hingehen, und am Ende tun es dann doch die meisten. Diesmal sind wir zwölf. Keine schlechte Quote. Eine halbe Ewigkeit diskutieren wir über Bratpfannen, Toilettenpapier, Partylärm und Schneckenkörner. Die Müllentsorgungsequipe wird von ihrem Amt befreit; in Zukunft werden die stinkenden 110-Liter-Kolosse von einem wöchentlich wechselnden Team zum Container getragen. Weg sollen die beiden Staubsauger, die nur noch als nächtliche Stolpersteine taugen, die herrenlosen Plastictüten im Garten und die Kuriositätensammlung auf dem Wohnzimmerregal. Dort gibt es alles Mögliche und Unmögliche. Vom selbst aufgezeichneten James-Bond-Video über pyramidenförmige Bienenwachs kerzen bis zur grossen Gesellschaftsspielsammlung aus den 70er Jahren.
Die Stromspardiskussionen zwischen der Rohstoffschützerfraktion und den Leuten, die nachts beim Gang auf die Toilette nicht wie narkotisierte Maulwürfe im Dunkel tappen wollen, bleiben auch diesmal nicht aus. Doch noch mehr erhitzt die Geschirrfrage die Gemüter. Die einen wollen eine Kamera in der Küche installieren, um die Abspülmoral zu heben, die anderen hoffen auf das Gute in sich und ihren Mitbewohnern. Die Kamerabefürworter müssen sich nach der Abstimmung von ihrem Big-Brother-Projekt verabschieden – und Meister Proper wird weiter einen Bogen um unsere Küche machen, wenn er nach Zürich kommt, um reinliche Hausfrauen mit einem kräftigen Händedruck für ihre Mühen zu belohnen.»
Eine WG wie jede andere? In den kleinen Dingen enthüllt sich das intellektuelle Fluidum, das die studentische von der kommunen Kommune unterscheidet. Die Katze Löffel zum Beispiel: Sie hat nicht bloss einen Namen, sie hat eine Nomenklatur. Ursprünglich hiess das Sheba-verwöhnte Tier «Josephine», was im mündlichen Alltagsausdruck zu «Josy» verkürzt oder in einer inzwischen abgestorbenen Verästelung zeitweilig von «Luchs» verdrängt wurde; dann setzte sich aufgrund eines auffälligen anatomischen Merkmals «Flauschig» durch, das später mittels fremdsprachlicher Artikelerweiterung zu «Le Flauschig» veredelt wurde; durch Verkürzung und Lautverschiebung, die von einem signifikanten Teil der Sprechgemeinschaft vollzogen wurde, entstand schliesslich die aktuell gültige Bezeichnung «Löffel» – angewandte Linguistik für die Katz.
«Kann es sein, dass du schnarchst? Oder war das dein Freund? Oder beide? Im Duett?»
In der Regel wird auffallend unakademisch geredet und auffallend selten über Universitäres. Zum Teil weiss der eine nicht einmal, was die andere studiert. Das Studium, ohnehin kein stabiler Aggregatzustand, ist nur ein Teil des Lebens. Wichtig für das spätere, nicht alles beherrschend im jetzigen.
Von Susie («Ich studiere, weil ich Montag-Freitag-8-17-Uhr-Jobs nicht ausstehen kann») bekommt man eher mit, dass sie der bizarren Tanzgattung des Lindy-Hop frönt, als dass sie Anglistik studiert (was sie intensiv tut). Biochemikerin Corinne pendelt zwischen ETH, Sportplatz und ihrer Heimat Wallis und wurde dieses Jahr Zehnte bei den Schweizer Meisterschaften im Siebenkampf («was nicht sehr gut ist – ich werde noch einen Wettkampf machen und zeigen, dass ich es besser kann»); Geschichtsstudentin Romy hilft in Überstunden bis nachts um eins ein Modelabel aufzubauen und jettet mit der Kollektion regelmässig nach Paris, London, Stockholm … Carole kümmert sich in der Pfadi des Kantons Solothurn um PR, engagiert sich bei Amnesty International, sitzt im Studierendenrat und verdient ihr Geld mit Administrativem in der Gegenwelt der ETH.
«Wann machen wir wieder mal Gummitwist? Das war doch total lässig.» – «Ich spiele nicht mit Rothaarigen. Das hat mir Mutti verboten, die sind böse.»
Wenn das Haus eine akademische Villa Kunterbunt ist, dann ist Regina ihre domestizierte Pippi Langstrumpf. Die 31-jährige Rothaarige wirbelt voller Tatendrang durchs Leben und durch die WG, kaum zu fassen. Weil sie einmal Opernhausdirektorin werden wollte, wovon sie mittlerweile absieht, studierte sie Musikwissenschaft, Betriebswirtschaft und Immaterialgüterrecht, im Moment schreibt sie an ihrer Dissertation über «Geschichte und Wirksamkeit des Schweizer Musikrats», bei dem sie teilzeitangestellt ist. Sie bildet sich zur Schwimmsportleiterin aus, ist im Vorstand der CVP-Frauen Zürich, spielt in mehreren Orchestern Fagott und fährt auch mal den Klausenpass mit dem Minivelo hinauf. Auch die RS hat sie gemacht.
Von ihrem akkurat aufgeräumten Zimmer aus hat sie beste Sicht auf die Nachbarvilla. Es ist die Privatresi denz des Gastrounternehmers Rudi Bindella, den Regina einzig um den Swimmingpool beneidet. Ansonsten stellt sie sich das Leben materiell erfolgreicher Menschen als eher öd vor. «Ich habe lieber Zeit zum Entspannen.»
«Entzündetes Zahnfleisch!» – «Mit Salzwasser gurgeln, das lindert! Oder auch Kaffeerahm!»
Die Drohung stand immer wieder ins Haus, diesmal scheint es ernst zu sein: Der WG ist auf den nächsten Sommer gekündigt worden. Die Stadt will Land und Liegenschaft für 3,3 Millionen Franken verkaufen. Sie verhandelt mit dem Tobias-Haus, das direkt gegenüber eine sozialtherapeutische Arbeits- und Bildungsstätte für geistig Behinderte betreibt und mehr Platz braucht. Die Studenten haben sich überlegt, ob sie für ihr Bleiben kämpfen sollen. Aber, wie Romy sagt: «Gegen Behinderte kann man nicht demonstrieren.»
Zürichbergstrasse 93. Einige streben danach, später an eine solche Adresse zurückzukehren, mit Frau und Kind und ohne Ämterplan an der Küchentür. Andere werden zwar zugeben, am Zürichberg gewohnt zu haben, aber ein Leben lang Wert darauf legen, dass es «nur eine WG» gewesen sei. Als der NZZ-Folio-Onkel sich ein letztes Mal verabschiedete, war er aus Gründen, die sich mit Fussnoten nicht belegen lassen, auffallend beschwingt sowie zuversichtlich, was die intellektuelle Zukunft des Landes betrifft. Mira, 21, Architekturstudentin im 2. Semester, sagte einmal: «Ich studiere, weil viel Wissen das Leben viel interessanter macht.»
Andreas Dietrich ist NZZ-Folio-Redaktor.