NZZ Folio 06/10 - Thema: Die Ärzte   Inhaltsverzeichnis

Immer am Limit

Viel Arbeit und wenig Lohn: Obwohl 90-Stunden-Wochen heute untersagt sind, haben Assistenzärzte ein enormes Pensum zu bewältigen. Neuer Unmut regt sich.

Von Andreas Heller

Das hatte er sich alles etwas anders vorgestellt. Jan Mettler* entschied sich für ein Medizinstudium, weil er Gutes für die Menschen tun wollte und weil ihn die Aura des Arztberufes faszinierte. Heute arbeitet er als Assistenzarzt auf der inneren Medizin an einem Re­gionalspital und kann seine Enttäuschung nicht verbergen: «Ich dachte, Empathie sei das Wichtigste in diesem Beruf. Doch dafür ist im Spitalalltag nur wenig Platz. Um die Patienten kümmern kann ich mich kaum. Es herrscht eine Kultur des Egoismus und der Missgunst.» Er zitiert einen Chefarzt, der einmal zu ihm sagte: «In der Ausbildung geht es mir vor allem darum, Ihre Frustrationstoleranz zu erhöhen.» Diese Haltung sei weit verbreitet. «Es wird erwartet, dass wir uns alles gefallen lassen.»

Mettler ist nicht einer, der grundsätzlich Mühe hat mit Hierar­chien und Autoritäten, er selber ist Offizier in der Schweizer Armee. Was ihn aber empört, sind die Sturheit und das Machtgehabe gewisser Chefärzte, die gar kein Interesse an der Ausbildung des medizinischen Nachwuchses hätten. Als «besonders krass» bezeichnet er die Zeit, als er in der Wintersaison auf der Chirurgie in einem kleinen Spital in den Bergen arbeitete. Da habe er auch schon mal 36 Stunden am Stück gearbeitet, und prompt seien ihm auch einige Fehler unterlaufen: Einmal übersah er auf einem Röntgenbild eine Halsfraktur, ein anderes Mal dosierte er ein Medikament nicht richtig. Zum ­Operieren sei er praktisch nur ausserhalb der regulären ­Arbeitszeiten angeleitet worden, je nach Laune des Vorgesetzten. «Man kann nicht schrittweise Verantwortung übernehmen, sondern wird ins kalte Wasser geworfen.»

Assistenzärzte müssen untendurch. Um den begehrten Facharzttitel zu erlangen, der zu selbständiger Tätigkeit berechtigt, absolvieren sie eine mehrjährige Ochsentour durch verschiedene Spitäler. Dazu brauchen sie einen langen Atem und eine dicke Haut, alles in allem eine ziemlich robuste Konstitution für lange Arbeitstage und noch längere Nachtschichten. Zwar ist die wöchentliche Arbeitszeit seit dem 1. Januar 2005 – nach mehreren Streiks, Aktionswochen und zahlreichen politischen Vorstössen – auf 50 Stunden limitiert worden. Trotz dieser Verbesserung ist die Arbeitsbelastung der Spitalärzte noch immer hoch. Es gibt weiterhin 12-Tage-Schichten, und Überstunden werden massenweise kumuliert.

Anna Brügger, Assistenzärztin im Fachbereich innere Medizin an einem kleinen Kantonsspital, hat in einem halben Jahr 270 Überstunden angesammelt, ein Kollege hat es in zwei Jahren auf über 600 gebracht. Erlaubt wären nach dem Arbeitsgesetz pro Kalenderjahr höchstens 140. «Wir sind konstant überlastet», sagt die zierliche Ärztin. «Kaum ist eine Kollegin krank, hat man sofort zwei Funktionen. Wir haben absolut keinen Puffer.»

Sie liebe ja ihren Beruf, betont Anna Brügger. Sie mache gerne Nachtdienst auf der Intensivstation, obwohl das oft sehr stressig sei. Der Dienst dauert 14 Stunden, von 20 Uhr abends bis 10 Uhr morgens. Die meiste Zeit sei sie dann mehr oder weniger auf sich allein gestellt – der Oberarzt ist auf Pikett. Das sei sehr lehrreich. Und an die langen Präsenzzeiten, sagt sie, habe sie sich mittlerweile gewöhnt. «Mehr Mühe habe ich damit, wenn mir nach einem 12-Stunden-Tag noch Sekreta­riatsarbeiten aufgehalst werden.»

Wehrten sich die Assistenzärzte in den 1990er Jahren primär gegen Arbeitswochen mit 80 bis 100 Stunden und 60-Stunden-Schichten, so sind die Gründe der Unzufriedenheit heute diffuser. Nach wie vor bemängeln sie den bescheidenen Lohn – um die 7000 Franken brutto pro Monat –, mehr noch aber die geringe Wertschätzung durch die Vorgesetzten. Assistenzärzte machen rund 50 Prozent aller Spitalärzte aus, sie erbringen einen wesentlichen Teil der Grundversorgung. Trotzdem gelten sie als Ärzte dritter Klasse, als Diener in Weiss.

«Alles bleibt an uns hängen», klagt eine Assistenzärztin. Dazu zählen neben Nacht- und Wochenenddiensten auch undankbare Büroarbeiten. 50 bis 70 Prozent ihrer Arbeitszeit verbringen sie in der Regel mit dem Schreiben von Krankengeschichten und Rapporten. «Meine beste Investition in meiner langen Ausbildung war, dass ich im Gymnasium das Zehnfingersystem lernte», sagt Jan Mettler. Für die medizinische Ausbildung bleibe derweil viel zu wenig Zeit. In der Theorie sollten von den 50 Arbeitsstunden pro Woche 8 Stunden für die Ausbildung reserviert sein, in der Praxis sieht dies jedoch meist ganz anders aus – vor allem in den kleineren Spitälern und in Fachgebieten wie der Chirurgie.

Sandra Gyr ist Assistenzärztin in der Chirurgie – und sie kämpft täglich dafür, dass sie auch wirklich zur Chirurgin ausgebildet wird, dass sie selber operieren darf. Denn den Facharzttitel bekommt nur, wer während der sechsjährigen Ausbildung den sogenannten Operationskatalog erfüllt hat. Bei kleineren Eingriffen wie dem Entfernen von Abszessen oder Krampfadern dürfen alle Jungärzte schon einmal das Skalpell führen; bei anspruchsvolleren Operationen dürfen nur die vom Chef Auserwählten ran. Am Spital, an dem Sandra Gyr arbeitet, sind in der Chirurgie 20 Assistenzärzte tätig, aber nur für 5 gibt es Ausbildungsplätze. Die Folge, sagt sie, sei ein «totaler Konkurrenzkampf» unter den Jungärzten. «Jeder schaut für sich, keiner wehrt sich, weil wir ohnehin am kürzeren Hebel sitzen. Man schiebt Nachtschichten, macht zusätzlich Pikettdienste, steht auch nach einem 12-Stunden-Arbeitstag noch am Operationstisch. Und wenn man aufbegehrt, heisst es: Aber du willst doch Chirurg werden?» Als Frau, die vielleicht auch einmal eine Familie haben möchte, sei es in einer solchen Machokultur sehr schwierig, sich durchzusetzen. Teilzeitpensen sind praktisch nicht möglich, es werde erwartet, dass alles dem Beruf untergeordnet werde.

Der Arztberuf wird als Berufung verstanden. Dieses Selbstverständnis hat eine lange Tradition, doch kontrastiert es mehr und mehr mit den gesellschaftlichen Entwicklungen und den Gegebenheiten auf dem Gesundheitsmarkt. Immer weniger junge Leute sind in der Lage oder willens, die hohen Anforderungen zu erfüllen. Nur etwa ein Drittel der am Arztberuf Interessierten schaffen die erste Hürde: den Zulassungstest zum Medizinstudium. Immer mehr scheitern im Studium oder brechen es ab, immer mehr gehen nach dem Arztdiplom in die Forschung oder in die Indus­trie.

Die Folge ist ein eklatanter Mangel an einheimischem Nachwuchs. Mittlerweile haben rund die Hälfte der Assistenzärzte ein ausländisches Ärztediplom, die meisten stammen aus Deutschland. In einigen Fachbereichen wie Psychiatrie und Psychotherapie, orthopädischer Chirurgie sowie Gynäkologie sind Assistenzärzte mit ausländischem Diplom sogar in der Mehrheit. Diese Entwicklung hat sich in den letzten sechs Jahren mit einer Zunahme von 40 Prozent deutlich beschleunigt, und nichts deutet darauf hin, dass sich daran etwas ändern wird. Ausländer seien eben noch schlechtere Arbeitsbedingungen gewohnt und liessen sich auch leichter unter Druck setzen, kommentieren die einheimischen Kolleginnen und Kollegen die Entwicklung. Allerdings seien mittlerweile in Deutschland die Arbeitsbedingungen besser geworden, weshalb vermehrt Assistenzärzte aus Osteuropa rekrutiert werden müssten.

Rosmarie Glauser verfolgt als Sekretärin des Verbandes der Schweizerischen Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte seit zwanzig Jahren die Situation in den Schweizer Spitälern an vorderster Front. Man habe mit der Unterstellung der Assistenzärzte unter das Arbeitsgesetz einiges erreicht, sagt sie, doch liege noch manches im Argen: 12 Arbeitstage am Stück, viele Pikettdienste, bei denen nur der effektive Einsatz im Betrieb als Arbeitszeit gilt. Viele leisten laut Glauser auch gratis Überstunden. Sie weiss von Chefärzten, die den Jungärzten empfehlen, sie sollten nach der regulären Dienstzeit ausstempeln und dann weiterarbeiten, damit sie zum Beispiel auf die für den Facharzttitel nötige Zahl an Operationen kommen.

Die hohe Arbeitsbelastung sei unverantwortlich, denn sie erhöhe nachweislich das Fehlerrisiko. «24 Stunden ohne Schlaf entsprechen einem Alkoholpromille», sagt sie. «Autofahren darf man da nicht mehr, operieren schon.» Für sie ist klar: Die Spitäler profitieren von den Assistenzärzten. Ihr Stundenlohn, hat sie ausgerechnet, betrage im Durchschnitt nur gerade 33 Franken.

Bei solchen Arbeitsbedingungen erstaune es nicht, dass es überall an Nachwuchs fehle. «Wir müssten den Assistenzärzten mehr Sorge tragen», sagt sie. Doch dazu fehle der politische Wille. Zudem hätten die Spitäler noch nicht darauf reagiert, dass immer mehr Frauen den Arztberuf ergreifen. Für Ärztinnen ist es nach wie vor schwierig, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Bereits eine maximale Arbeitszeit von 9 Stunden pro Tag während der Schwangerschaft oder das Verbot von Nachtarbeit in den letzten 8 Wochen vor der Geburt seien im Spital kaum durchzusetzen. «Da zieht es mancher Chefarzt vor, der Assistenzärztin noch rechtzeitig zu kündigen.»

Als Massnahme gegen den Ärztemangel schlägt Rosmarie Glauser vor, die Zahl der Studienplätze zu erhöhen, bessere Arbeitsbedingungen und mehr Teilzeitstellen zu schaffen und den 2002 erlassenen Zulassungsstop für Arztpraxen aufzuheben – damit die Assistenzärzte auch wieder eine Berufsperspektive hätten. Der nach den bilateralen Verträgen zwischen der Schweiz und der EU durch­gesetzte Zulassungsstop sollte eine Invasion von Ärzten aus anderen europäischen Ländern verhindern. Die Fachärzte schützten sich damit vor unliebsamer Konkurrenz.

«Wir haben keine so gute Lobby», sagt die Assistenzärztin Anna Brügger. «Wie sollten wir auch lobbyieren? Wir sind ja immer am Arbeiten.»

*Alle Namen der Assistenzärzte geändert.

Andreas Heller ist NZZ-Folio-Redaktor.



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