Auch der Hauswart sollte den Neuen, von dem er nicht viel mehr wusste, als dass er relativ jung war und Zigarren rauchte, schon bald einmal kennenlernen. Kaum hatte der neue Konzernchef sein Amt angetreten, wurde dem Hauswart nämlich kundgetan, dass er im obersten Stockwerk ein grosses Sitzungszimmer einzurichten gedenke und deshalb wünsche, dass die Säule, die sich in diesem Raum befinde, entfernt werde. Der Hauswart machte den Chef darauf aufmerksam, dass diese Säule tragende Funktion habe und deshalb nicht entfernt werde könne. Doch der insistierte: «Die Säule muss weg!»
Als er vorgestellt worden war, hatte der neue Chef gesagt, dass er auf die Verantwortung jedes einzelnen zähle, und insofern verstehe er sich nicht als Patron, sondern als Coach. Der Hauswart musste somit mit seinem Problem selber fertig werden. Er konsultierte also einen Bautechniker, der zum Schluss kam, dass das Problem nur mit einer neuen Tragkonstruktion gelöst werden könne, was allerdings nicht ganz billig sei. Und so geschah es: Die Säule wurde durch eine Tragkonstruktion ersetzt, und die Kosten von einigen hunderttausend Franken wurden unter «ausserordentlicher Aufwand» verbucht. Der Neue hatte das Sitzungszimmer, das er sich wünschte. Was ihn nicht daran hinderte, nach wenigen Monaten zu einem noch grösseren Konzern zu wechseln.
Die Geschichte ist keineswegs frei erfunden, und sie mag zeigen, dass sich auch moderne Top-Manager nicht den ganzen Tag lang nur mit Gewichtigem wie neuen Unternehmensstrategien, Restrukturierungen und Mega-Deals befassen. Die Hybris der Macht äussert sich auch in Entscheiden und Anordnungen, die kaum an die Öffentlichkeit dringen.
Weder graue Managementtheorie noch die jüngsten Schlagzeilen des Big Business stehen im Vordergrund dieses Hefts, sondern der Alltag in den Chefetagen, von dem in der Wirtschaftsberichterstattung kaum je die Rede ist: die verborgenen Nöte der Bosse, die Insignien, mit denen sie sich umgeben, der Weg, den sie hinter sich haben. Eine Annäherung an die Macht auch in Bildern: Für das Heft hat Christian Känzig eine Reihe von Bossen fotografiert. Nicht im Sitzungszimmer, sondern in ihrem Büro.