Eines Nachmittags im Jahre 1979 trat meine damals über sechzigjährige Mutter auf die Terrasse unseres Hauses und hörte von der anderen Strassenseite her die Schreie einer Frau. Überrascht sah sie sich um und bemerkte aus den Fenstern des Hauses gegenüber Rauchschwaden aufsteigen. Wenig später wurde Hardeep Kaur, eine junge verheiratete Frau aus der Nachbarsfamilie, in Laken gehüllt aus dem Haus getragen und ins Krankenhaus gebracht.
Fünfzehn Tage später war Hardeep Kaur tot. Aber bevor sie starb, konnte sie der Polizei und dem Untersuchungsrichter noch erzählen, dass ihre Schwiegerfamilie versucht hatte, sie umzubringen und den Mord als Brandunfall zu tarnen. Der Grund: Ihre Mitgift sei nicht gross genug gewesen. Für meine Mutter wurde Hardeeps Tod zum Schlüsselerlebnis. Sie begann sich in der Frauenbewegung zu engagieren und ist ihr seit nunmehr über zwanzig Jahren als lautstarke Aktivistin treu geblieben.
Hardeep ist nur eine von ungezählten Frauen, die bis heute in Indien einem sogenannten Mitgifttod zum Opfer gefallen sind. Diese Todesfälle sind zu einer Art Dauerthema der journalistischen Berichterstattung über Indien und indische Frauen geworden, und es ist in der Tat schockierend, dass Frauen in einem modernen und demokratischen Land wie Indien bis heute einer solchen Gewalt ausgesetzt sind.
In gewisser Hinsicht symbolisieren die Todesfälle im Zusammenhang mit Mitgiftstreitigkeiten auch das Besondere an Indien, einem Land, von dem es heisst, dass es in mehreren Epochen gleichzeitig lebe, einem Land, das von vielen Widersprüchen zwischen Tradition und Moderne gezeichnet ist, einem Land, wo man an einem Ort extreme Gewalt gegen Frauen vorfindet und an einem anderen auf starke, emanzipierte Frauen trifft, die aktiv ihr Leben gestalten.
Die Mitgift ist ein Brauch, der unter den Eliten angeblich schon lange existiert - wenngleich niemand genau weiss, wie weit er wirklich verbreitet war - und der in jüngster Zeit sehr moderne, konsumorientierte Züge angenommen hat. Dieser «Brauch» hat seinen Ursprung vermutlich in dem legitimen Bedürfnis der Eltern, ihren Töchtern bei der Heirat etwas mit auf den Weg zu geben - seien es Geschenke, Geld oder was auch immer. Und da es ein Brauch der Eliten war, wurde er bald von den unteren Klassen nachgeahmt, denn wer seiner Tochter eine Mitgift ausrichten konnte, durfte für sich einen höheren Status geltend machen. Doch mit dem Übergang von der Feudal- zur Geldwirtschaft und der rasanten Entwicklung Indiens zu einer Konsumgesellschaft wurde die Mitgift für eine wachsende Zahl arbeitsloser junger Männer zu einem probaten Mittel, rasch zu Wohlstand zu gelangen und damit womöglich den Grundstein für eine eigene Karriere zu legen.
Die Praxis der Mitgift ist heute nichts anderes als eine extreme Form der Gewalt gegen Frauen, wie sie in allen patriarchalen Gesellschaften ausgeübt wird, und der Verweis auf «Tradition» und «Brauchtum» dient lediglich ihrer Legitimation. Die Mitgiftjäger können sich auf einige Stellen in alten Hinduschriften berufen, die Frauen diskriminieren, und schlachten diese Texte natürlich zu ihrem Vorteil aus. Hinzu kommen die allgemeine Korruption und ein männertümelndes Vorurteil bei Polizei und Justiz. Nicht zuletzt ereignen sich die allermeisten dieser Todesfälle innerhalb der privaten vier Wände, wo es oft ausserordentlich schwierig ist, die Wahrheit ans Licht zu holen oder eindeutige Schuldbeweise beizubringen.
Für die Frauenbewegung der frühen achtziger Jahre war die Mitgift eines der ersten wichtigen Themen, und es blieb ein Politikum, das mehrere Generationen von Frauen motivierte, sich zu engagieren. Sie stolperten zunächst über die vielen Zeitungsberichte über frisch verheiratete Frauen, die zu Hause gestorben waren, weil ihr Kleid bei der Küchenarbeit «Feuer fing», wie es regelmässig in den Blättern hiess. Nachforschungen ergaben, dass diese Tode verdächtig häufig mit Konflikten über die Mitgift einhergingen und dass die Frauen entweder sich selbst das Leben nahmen oder ermordet wurden, weil sie nicht genug Vermögen in die Ehe eingebracht hatten.
Dass Frauen entbehrlich waren, wenn mit ihnen kein Geld zu holen war, war für die Feministinnen eine ernüchternde Erkenntnis, und während sie versuchten, das Problem mit Massenprotesten, Blockaden und einer Veränderung des öffentlichen Bewusstseins in den Griff zu bekommen, fragten sie sich natürlich auch, woher dieses Phänomen stammte und wie es zu so beängstigenden und gewalttätigen Auswüchsen kommen konnte.
Solche Fragen sind in einem Land wie Indien mit seinen vielfältigen Kulturen, Traditionen und Religionen, seinen verschiedenen Entwicklungsstadien und seiner geographischen Ausdehnung nur schwer zu beantworten. Am Anfang schien es, als seien die Mitgift und die damit zusammenhängende Gewalt vor allem unter den Hindus verbreitet, die vier Fünftel der indischen Bevölkerung ausmachen. Aber mit der Zeit wurde deutlich, dass sie auch unter Muslimen, Christen und Sikhs gang und gäbe waren. Selbst wenn also die Mitgift in einigen religiösen Büchern der Hindus erwähnt wird (und damit eine gesellschaftliche Sanktionierung erfuhr), wie sollte man ihr Vorkommen in den anderen Religionsgemeinschaften erklären?
Nun sickert natürlich so manches, was in der einen Religionsgemeinschaft oder Gruppe oder Kultur Anerkennung findet, früher oder später auch in andere Gemeinschaften ein. Die alte indische Tradition der Bevorzugung von Söhnen vor Töchtern und die Tatsache, dass viele Frauen Ehe und Familiengründung als ihre höchsten Ziele ansehen, während Scheidung und Trennung nur zu Verachtung Anlass geben, sind vielerorts anzutreffen. Und es sind diese Vorstellungen, die nach wie vor erheblich zur Entwertung der Frauen beitragen.
Für die Aktivistinnen der Frauenbewegung, die sich für die Abschaffung der Mitgift einsetzten, war das Problem der Gewalt gegen Frauen nicht neu. Viele hatten sich bereits auf nationaler Ebene an einer Kampagne gegen Vergewaltigungen beteiligt, und dort war deutlich geworden, dass das Stigma der Vergewaltigung eher dem Opfer als dem Täter anhaftete - worin sich Indien nicht wesentlich von anderen Ländern unterschied.
Ein Gerichtsfall, der später als Mathura Rape Case bekannt wurde, hatte 1980 die Aufmerksamkeit der Feministinnen auf das Problem der Vergewaltigung gelenkt. Mathura, eine junge Frau aus Maharashtra, war von zwei Polizisten vergewaltigt worden, die vom obersten Strafgericht für schuldig befunden, aber vom höchsten Gericht Indiens in der Berufung wieder freigesprochen wurden. Daraufhin verfassten vier Anwälte einen offenen Brief an den Vorsitzenden dieses Gerichts, in dem sie gegen die Entscheidung protestierten. Die landesweite Protestwelle, die sie damit auslösten, war so massiv, dass die Regierung sie nicht ignorieren konnte, und als Folge der Kampagne wurde das Strafgesetz in Bezug auf Vergewaltigung überarbeitet und novelliert.
Obschon Mathuras Fall in gewisser Hinsicht die politische Energie verschiedener Frauengruppen bündelte, gab es in jenen Jahren noch eine Anzahl weiterer Vergewaltigungsfälle, bei denen die Feministinnen sowohl auf lokaler wie auf nationaler Ebene mobil machten. Als in Haiderabad eine arme muslimische Frau vergewaltigt und ihr Mann ermordet wurde, kam es zu einem Schulterschluss zwischen Frauengruppen und den Armen von Haiderabad. Der Fall wurde zu einem nationalen Thema, so dass sich sogar die Regierung zu einer Stellungnahme genötigt sah.
Die Kampagnen gegen die Mitgift und gegen Vergewaltigung markieren den Anfang dessen, was gemeinhin als die jüngste Phase der indischen Frauenbewegung gilt. Ihre erste Blüte hatte die Bewegung in der Zeit vor der Unabhängigkeit, als eine grosse Zahl von Frauen Gandhis Ruf zur Teilnahme an der nationalen Befreiungsbewegung folgte. Die Jahre nach der Unabhängigkeit werden oft als die «stillen Jahre» beschrieben, in denen sich die Frauen im guten Glauben an das Gleichstellungsversprechen des Staates von der öffentlichen Arena fernhielten.
Aber bis in die späten sechziger Jahre staute sich viel Enttäuschung an, und 1975 brachte die Veröffentlichung eines Berichts mit dem Titel «Auf dem Weg zur Gleichheit» das Fass zum Überlaufen. Der Bericht dieses von der Regierung bestellten «Ausschusses zur Stellung der Frau» stellte fest, dass sich die Lebensbedingungen der Frauen trotz allen Versprechungen aus der Zeit der Unabhängigkeit nur verschlechtert hatten. Die Veröffentlichung dieses Berichts führte zu einer neuen Welle von Aktivismus.
Die siebziger und achtziger Jahre werden heute als Höhepunkt der Bewegung betrachtet. Die Frauen agitierten gegen steigende Preise und protestierten gegen ungerechte Gesetze. Sie kämpften gegen Kastendiskriminierung und setzten sich für den Umweltschutz ein. Während manche Gruppen die verordnete Unterbindung denunzierten und für die Selbstbestimmung in der Frage der Reproduktion kämpften, konzentrierten sich andere auf das Recht der Frauen auf Nahrung, Wohnung und Ausbildung.
Die Aktionen wurden von den Medien enorm unterstützt. Wo man auch hinkam, die Zeitungen berichteten über eine Demonstration nach der anderen, lichteten belagerte Politiker ab, druckten Memoranden und Forderungskataloge, schilderten Blockaden vor Polizeiposten, Gerichten und Wohnungen von Tätern. Die Atmosphäre war voller Hoffnung und Euphorie. Die Frauen machten sich keine Illusionen darüber, dass sie enorme Schwierigkeiten zu überwinden hätten, aber sie glaubten fest daran, dass sie mit Enthusiasmus und Engagement zu bewältigen seien.
Viele Initiativen wurden sofort unterdrückt, und in manchen Landesteilen waren die Frauen einem beträchtlichen Mass an Gewalt ausgesetzt. Aber sie liessen sich nicht beirren, und die Bewegung gewann an Boden. Frauenzeitschriften entstanden, ein Frauenverlag wurde gegründet, Frauengruppen begannen, ihre eigene Literatur zu produzieren. In den verschiedenen Kampagnen wurden neue, kreative Ausdrucksformen ausprobiert, die sich schnell grosser Beliebtheit erfreuten: Strassentheater, Frauenlieder, Pamphlete und Poster breiteten sich über das ganze Land aus.
Und allmählich begann sich der Staat ein wenig zu bewegen. Eine Reihe von Gesetzen wurden mit Rücksicht auf die Geschlechterfrage abgeändert, ein Frauenministerium eingerichtet, Fördergelder für Frauenprojekte bereitgestellt, und die politischen Parteien begannen die Frauen als ernst zu nehmende Wählergruppe zu begreifen. Der vielleicht wichtigste dieser Entwicklungsschritte war eine Ergänzung der indischen Verfassung im Jahr 1992 (das 73. Amendment, das Rajiv Gandhi einige Jahre zuvor angeregt hatte), die für alle politischen Ämter auf Dorf- und Gemeindeebene eine Frauenquote von mindestens 33 Prozent vorschrieb. Und so nahmen dank den reservierten Sitzen mit jeder Wahl nach und nach über eine Million Frauen auf Gemeindeebene politische Führungspositionen ein.
Schon bald waren erste Veränderungen zu erkennen. Viele Frauen nutzten ihr natürliches Talent oder die Führungsqualitäten, die sie in den Kursen der Frauengruppen erworben hatten, um im ländlichen Indien einen gesellschaftlichen Wandel einzuleiten. Unter ihnen waren solche aus den untersten sozialen Schichten, sogenannte Dalits oder Unberührbare. Sie bekamen oft die Anerkennung von Frauen und Kindern, aber in vielen Fällen auch die Gewalt und Repression der Männer zu spüren. Als die Frauen wenige Jahre später dieselbe Quotenregelung für das nationale Parlament durchsetzen wollten, wurde dieses Ansinnen wiederholt von Männern aus praktisch allen politischen Parteien abgeschmettert - ganz unabhängig davon, ob sich ihre Parteien frauenfreundlich gaben oder nicht.
Doch allmählich begannen andere Probleme und neue politische Entwicklungen das Leben der Frauen zu beeinflussen. In den frühen neunziger Jahren gab Indien dem Druck der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds nach und öffnete seine bislang weitgehend abgeschottete Ökonomie dem ausländischen Kapital. Die Globalisierung hat auch für die Frauen eine Reihe von Veränderungen mit sich gebracht. Multinationale Konzerne machten sich die weiblichen Arbeitskräfte als Heimarbeiterinnen zunutze, während die internationalen Medien noch den letzten Haushalt mit Hunderten von Konsumbotschaften bombardierten. Während arme Frauen früher kleine Ersparnisse für die Ausbildung ihrer Kinder oder andere wichtige Dinge zur Seite legten, wird heute jeder Einnahmenüberschuss für den Kauf von Konsumgütern verwendet. Wie Anandhi, eine Heimarbeiterin aus Tamil Nadu, sagt: «Früher konnte ich Geld für Schuluniformen beiseite legen oder für Reparaturen am Haus, jetzt muss ich alles für die Nike-Schuhe meines Sohnes ausgeben.»
Mit den wirtschaftlichen wandelten sich auch die politischen Verhältnisse. Die Kongresspartei, ehedem die Königsmacherin der indischen Politik, erlebte einen steilen Niedergang und wurde durch ein Konglomerat von Parteien ersetzt, die von rechtskonservativen Politikern aus der Bharatiya Janata Party (BJP) angeführt werden. Dieser Wechsel bedeutete auch eine Verschiebung von einer säkularen zu einer religiösen Politik, denn die BJP und die anderen Mitglieder ihrer «Familie» von religiös begründeten Parteien stehen dem säkularen Indien und seinem Bemühen, unterschiedliche Kulturen und Religionen unter einem Dach zu vereinen, völlig ablehnend gegenüber. Ihre Philosophie besagt, dass Indien das Land der Hindus sei und dass jede dort lebende Minderheit sich nach den Regeln und Massstäben der Mehrheit zu richten habe.
Diese Art von nichtsäkularer, nationalistischer Hindu-Politik hatte direkte Auswirkungen auf das Leben der Frauen, denn sie wurden von den selbsternannten Bewahrern der Hindu-Identität und Hindu-Nation als die eigentlichen Träger der Hindu-Kultur auserkoren. Das war nichts grundsätzlich Neues: Überall auf der Welt betont die Rechte die Einzigartigkeit der betreffenden Kultur und führt sie auf die «Nation» und auf die Frauen zurück. Dasselbe passierte nun in Indien. Während man kulturell auf dem hinduistischen Charakter Indiens bestand, öffnete man die Grenzen für das ausländische Kapital.
Da den Frauen in der neuen Ideologie eine zentrale Bedeutung zukam, begann man sie in grosser Zahl zu mobilisieren, und ironischerweise bediente man sich dazu der Strategien und der Sprache der Frauenbewegung. Rechtsgerichtete Aktivistinnen sprachen mit den Opfern häuslicher Gewalt und versprachen ihnen freie Rechtsberatung und psychologischen Beistand, aber im Gegensatz zu den Frauengruppen stellten sie das Patriarchat nie in Frage. Stattdessen wurde der «Feind» woanders gesucht. Es seien die Männer und Frauen der «anderen» Gemeinschaften, die die eigentliche Bedrohung darstellten und die notfalls mit Gewalt zur Raison gebracht werden müssten.
Propaganda war eine der Waffen, die von diesen rechtsgerichteten fundamentalistischen Parteien eingesetzt wurden. Gewalt war eine andere. Viele feministische Gruppen wurden von der Tatsache überrascht, wie leicht sich Frauen zur Teilnahme an gewalttätigen Handlungen bereit fanden und wie schnell sie gegen andere Frauen aufgebracht werden konnten. Denn einer der zentralen Glaubensartikel der Frauenbewegung war die Annahme gewesen, dass Frauen eine Solidar- und Interessengemeinschaft bildeten, die allein in ihrem Frausein gründe und die quer zu allen Klassen-, Kasten- und Rassenzugehörigkeiten verlaufe.
Die Frauenrechtlerinnen beobachteten diese Veränderungen, während ihnen der Boden unter den Füssen entglitt. Sie konnten nicht mehr von einer allgemeinen Frauensolidarität ausgehen, ihre Sprache und ihre Aktionsformen wurden ihnen von den neuen Gruppen streitig gemacht. Eines der Ziele, für das sie immer gefochten hatten, war der Zugang der Frauen zum öffentlichen Raum und die Kontrolle über ihr eigenes Leben. Aber genau das nahmen nun die militanten Frauen von rechts aussen für sich in Anspruch: Sie gingen auf die Strasse und demonstrierten und forderten Dinge für ihre Gemeinschaft und ihre Männer; aber nichts von alledem stellte die familiären Machtstrukturen in Frage, denn dieselben Frauen kehrten nach den Protesten nach Hause zurück und verwandelten sich dort in brave Ehefrauen und Mütter.
Die Frauenbewegung hatte Mühe, mit der neuen Realität zurechtzukommen. Die Aktivistinnen merkten, um wie viel schwieriger es geworden war, wie früher zum Widerstand aufzurufen und zu agitieren. Und je mehr Frauen sie an gewalttätigen Demonstrationen teilnehmen sahen, desto drängender stellte sich die Frage, wie sie diesen Frauen begegnen sollten, wenn sie wegen häuslicher Schwierigkeiten in die Beratung kamen. Oder anders gesagt: Wie gehst du als Frau mit einer Frau um, deren politische Ideologie dir zuwiderläuft?
Heute steht die Frauenbewegung in Indien an einem Wendepunkt. Es ist mittlerweile überdeutlich, dass die Annahme einer allgemeinen Frauensolidarität, wie sie die frühen Aktivistinnen noch selbstverständlich voraussetzten, mit der wachsenden Polarisierung der indischen Gesellschaft hinfällig geworden ist. Sowohl innerhalb wie ausserhalb der Bewegung mussten die Aktivistinnen mit Differenzen leben lernen. Sie mussten nicht nur lernen, mit unterschiedlichen Kastenidentitäten und Religionszugehörigkeiten umzugehen, sondern vor allem auch, wie man diese Barrieren überwindet. Eine Demonstration durchzuführen und ein paar Transparente durch die Gegend zu tragen in der Hoffnung, dass die Dinge sich auf wundersame Weise zum Besseren wenden, ist heute keine gangbare oder glaubwürdige Strategie mehr.
Die Probleme müssen auf mehreren Ebenen gleichzeitig angegangen werden. Das ist nicht leicht, aber die Frauenbewegung hatte, wie ihre Aktivistinnen nur allzu gut wissen, schon immer mit vielen Widerständen zu kämpfen. Die Bewegung mag sich verändert haben und komplexer geworden sein, aber sie ist weder verschwunden, noch hat sie an Energie verloren. Mehr als jede andere soziale oder politische Bewegung hat die Frauenbewegung es verstanden, die Realitäten Indiens zu erkennen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen.
Ich sprach zu Beginn von der Hinwendung meiner Mutter zum Feminismus. Auch heute, zwei Jahrzehnte danach, sind und bleiben Frauen wie sie und zahllose andere der Bewegung und ihren Zielen treu. Die Lebenswirklichkeit von Frauen in Indien mag sich nicht spürbar verändert haben, aber dass Frauen in diesem Land zu wichtigen Akteuren geworden sind, lässt sich nicht mehr bestreiten. Wenn sich bereits heute eine Million Landfrauen in Machtpositionen befinden, so ist nicht einzusehen, weshalb sich diese Zahl in den kommenden Jahren nicht vervielfachen sollte. Da die Frauen einmal politisiert und mit der Macht in Berührung gekommen sind, werden sie sich schwerlich wieder davon fernhalten lassen. Und genau darin liegt meine Hoffnung für die Zukunft.
Urvashi Butalia ist Schriftstellerin und lebt in Delhi; sie ist Mitbegründerin von Women's Khali Press, dem ersten feministischen Verlag in Indien.