SPRACHEN BESTEHEN AUS LÖCHERN. Wenn man eine Sprache von aussen betrachtet, fehlen ihr so viele Wörter, die man braucht. Man kann kaum glauben, dass man überhaupt in dieser Sprache eine Geschichte erzählen kann. Wenn man sich aber innerhalb einer Sprache bewegt, fallen diese Löcher nicht auf. Sie sind nur von aussen sichtbar.
ALS ICH ANFING, Deutsch zu sprechen, fehlten mir viele Wörter, die ich unbedingt brauchte. Es ist schwer, was man auf japanisch gedacht hat, auf deutsch zu sagen. Eine direkte Übersetzung findet man selten. So muss man eine Umschreibung finden, die einen ähnlichen Inhalt vermittelt. Nach und nach sammelte ich nützliche Beispiele für Umschreibungen, aber es gab einige japanische Wörter, die einsam und verlassen auf der Strecke blieben, ohne ihre deutschen Entsprechungen gefunden zu haben. Bald begann ich, auf deutsch zu schreiben, und dabei fiel mir noch stärker auf, dass mir einige Schlüsselwörter fehlten.
Wie übersetzt man zum Beispiel die japanischen Wörter futo und omowazu ins Deutsche? Damals hatte ich noch das Gefühl, dass ich ohne diese Wörter entscheidende Momente in einer Erzählung nicht beschreiben könnte. Früher, als ich noch ausschliesslich auf japanisch schrieb, beachtete ich diese Wörter nicht besonders. Sie waren notwendig und unsichtbar wie Sauerstoff. Jetzt musste ich über sie nachdenken und selbst neue Bilder erfinden, die diese Wörter ersetzen.
Der Ausdruck futo, der in der japanischen Literatur sehr häufig vorkommt, markiert den Augenblick, in dem man aus unbekannter Ursache plötzlich auf etwas aufmerksam wird. Es kann sich um einen Gegenstand, eine Person oder auch eine Idee handeln. Das Wort futo holt das, was man beschreibt, in die Gegenwart der Wahrnehmung. An so einer Stelle, an der das Wort futo eine Zäsur setzt, kann man im Japanischen auch das Tempus vom Präteritum zum Präsens wechseln. Der Erzähler verliert in dem Moment die Distanz zu der erzählten Vergangenheit und erlebt das Vergangene als Gegenwart noch einmal.
In meinem japanisch-deutschen Wörterbuch steht keine direkte Übersetzung für das Wort futo. Statt dessen werden einige mögliche Umschreibungen angeboten: «Als ich gerade hinsah . . .», «durch reinen Zufall», «Ehe ich es bemerkte . . .», «Als ich so ging, kam plötzlich . . .», «Da fällt mir gerade ein . . .», «Ich tue es ohne besondere Absicht» und so weiter. Man versucht hier, die futo -Wahrnehmung als «reinen Zufall» zu erklären, weil man den Grund nicht weiss, warum man etwas «plötzlich» wahrnimmt. Dabei ist es sicher kein Zufall, wenn man in einem bestimmten Augenblick etwas sieht. Daher wollte ich nicht einen deutschen Satz bilden wie etwa: «Als ich zufällig ohne besondere Absicht hinsah, bemerkte ich plötzlich, dass die Blätter an den Bäumen schon längst alle gelb geworden waren.» Allein der Nebensatz «Als ich hinsah . . .» klingt etwas hilflos und überflüssig. Im Deutschen sollte man wahrscheinlich am besten nur schreiben, dass die Blätter gelb geworden sind.
Aber ich habe das Bedürfnis, einen besonderen Augenblick der Wahrnehmung einerseits deutlich als solchen, andererseits als einen Teil des Alltags darzustellen, und dafür brauche ich ein kurzes, schönes Wort.
Weil es dieses Wort nicht gibt, muss ich immer wieder über Fragen nachdenken, die mir in Japan nicht einmal einfielen: Warum sah man gerade in dem Augenblick auf die Blätter? Und warum ausgerechnet auf die Blätter? Ist die veränderte Farbe der Blätter entscheidend? Ein anderes überraschendes Sehen tritt nicht ein, wenn Absicht, Pläne, Rationalität oder Disziplin zu stark im Vordergrund stehen. Vielleicht hat es mit Erinnerungen zu tun, die normalerweise nicht zugänglich sind.
Mit dem Ausdruck omowazu verhält es sich ähnlich. Eine wörtliche Übersetzung lautet «unwillkürlich». Ich werde manchmal gefragt, warum dieses merkwürdige Wort «unwillkürlich» so oft wiederholt wird, wenn man japanische Literatur ins Deutsche übersetzt. Das deutsche Wort wirkt sperrig und unorganisch, so dass man es eigentlich nicht zu häufig wiederholen soll. Man erlebt aber oft das Phänomen, dass der Körper schnell und heftig handelt, bevor man sich entscheidet, etwas Bestimmtes zu tun oder nicht zu tun.
Es gibt eine verbreitete Geste unter den Menschen, die mehrere Sprachen beherrschen. Sie rollen genussvoll bestimmte Wörter auf der Zunge und betonen ihren «unübersetzbaren» Wert. Gleichzeitig stellen sie sich selbst natürlich als Kenner dar. Auf diese Weise steigern sich der Wert der «beherrschten» Sprache und der des «beherrschenden» Menschen gegenseitig. Mich interessiert eher, welche Wörter in einer Sprache fehlen. Ich suche nach Lücken, Löchern und Rissen, aus denen literarische Lebendigkeit herausspringt.
SEITDEM ICH VIEL auf deutsch schreibe, kommen mir die Adjektive der japanischen Sprache immer mächtiger vor. Im Deutschen sind die Adjektive Schmarotzer der Substantive. Wenn ein Substantiv feminin ist und im Dativ auftreten will, muss das Adjektiv sich feminin schminken und seinen Körper dativ beugen.
Ein japanisches Adjektiv hingegen passt sich nicht an, es kann sogar allein das Tempus des Satzes bestimmen und sagen: akakatta (war rot). Denn es enthält das Sein-Verb im eigenen Körper. Dadurch ist das Rot-Sein nicht eine zusätzliche Information über eine Blume (hana), sondern es wirkt wie eine Aktivität.
Ich denke oft darüber nach, ob nicht die Härte eines Steins oder die Wärme einer Hand Aktivitäten sind wie der Flug eines Vogels. Man macht normalerweise die Bewegung daran fest, dass sich etwas von einem Punkt zu einem anderen Punkt bewegt. Aber wenn es zum Beispiel «hell» ist, gibt es zahllose Teilchen in der Luft, die blitzschnell herumfliegen. Ein Buch ist «interessant», wenn seine Sprache Gedanken des Lesers bewegt.
Als ich meine erste Reise durch Deutschland machte, hörte ich in den Jugendherbergen oft eine Frage, die die Jugendlichen gerne stellen: «Wie sagt man <Ich liebe dich> in deiner Sprache?»
Die wörtlichste Übersetzung heisst: Watashi wa anata wo aishite imasu. Dieser Satz kommt aber nur in der übersetzten Literatur vor. Eine geläufige Umschreibung lautet: Watashi wa anata ga suki desu. Wenn man diesen Satz wiederum wörtlich ins Deutsche zurückübersetzt, heisst es: «Was mich betrifft, bist du begehrenswürdig.» Das Verb «lieben» kommt in diesem Satz nicht vor, und das Satzsubjekt ist nicht das Ich.
Am Anfang des Satzes wird zwar das Ich als Thema des Satzes provisorisch angekündigt (Linguisten bezeichnen es als Topic), aber es ist kein Subjekt. Vielmehr spüre ich mitten in dem Adjektiv die Existenz eines Subjektes, das die Begehrenswürdigkeit der anderen Person entdeckt und sie in die Mitte stellt.
WAS DAS SUBJEKT BETRIFFT, gibt es einen grossen Unterschied zwischen den beiden Sprachen. Ein interessantes Beispiel dafür ist das deutsche Wort «ich», für das es im Japanischen keine beziehungsweise zu viele Übersetzungsmöglichkeiten gibt. Das schon erwähnte Wort watashi ist nur eines der vielen Wörter, mit denen man sich selbst bezeichnen kann.
Ein kleines Kind bezeichnet sich selbst oft mit dem Eigennamen. Dann fangen die Mädchen an, das Wort atashi zu benutzen und die Jungen boku . Wenn die Jungen grösser werden, benutzen einige von ihnen ein etwas freches Wort, ore. Später kommen ein offizielles Wort, watashi, oder ein sehr höfliches Wort, watakushi, hinzu. Diese Wörter können von beiden Geschlechtern gebraucht werden.
In Dialekten gibt es Wörter wie ora, wate oder uchi. Das Wort chin darf nur ein Kaiser benutzen. Man verwendet auch oft eine Bezeichnung einer Funktion anstelle dieser Wörter. Mütter sagen auch zu ihren erwachsenen Kindern: «Mutter geht jetzt einkaufen», anstatt zu sagen: «Ich gehe jetzt einkaufen.» Meistens wird gar kein Subjekt genannt.
Ein Lehrer spricht auch in Deutschland im Unterricht als Lehrer. Er wird mit seiner Grossmutter ganz anders sprechen. Aber das Wort, das er benutzt, ist immer das eine «ich». Im Japanischen ist die Haltung und die Position des Sprechers schon in das Wort, das «ich» bedeutet, eingeschrieben. Neulich las ich in der Autobiographie eines japanischen Schwulen, dass er in der Kindheit vor allem mit dem Wort «ich» Schwierigkeiten hatte. Der Junge spürte starken emotionellen Widerstand gegen das Wort boku und sagte immer atashi wie ein Mädchen. Interessant ist, dass er das Wort boku nicht sagen konnte, obwohl er sich noch gar keine Gedanken über unterschiedliche Formen des sexuellen Begehrens machte. Es ist ein Zeichen dafür, dass Kinder die gesellschaftliche Funktion der einzelnen Wörter ohne Hilfe eines analytischen Denkens wahrnehmen können. Umgekehrt gibt es nicht wenige Mädchen, die wie ein Junge das Wort boku benutzen und später zu atashi übergehen. Dieses Phänomen ist in den achtziger Jahren bekannt geworden.
Auch ich hatte grosse Schwierigkeiten mit der Selbstbezeichnung in der Kindheit. Ich konnte weder atashi noch boku sagen und empfand es als eine Zumutung, so etwas sagen zu müssen. Wenn ein anderer Mensch mich als Mädchen behandelte oder mit einem Jungen verwechselte, war es für mich kein Problem. Denn jeder macht sich ein anderes Bild von mir. Aber ich wollte nicht als Mädchen oder als Junge sprechen. Zum Glück braucht man meistens kein Subjekt im Japanischen. Aber es gab doch hin und wieder Situationen, in denen ich klarmachen musste, dass ich mich selbst meinte. Im Notfall benutzte ich das Wort kochi, das «diese Seite» bedeutete. Ich fühlte mich dann wie ein Ufer, das zu dem gegenüberliegenden Ufer spricht. Als ich zwanzig Jahre alt wurde, konnte ich das Wort watashi annehmen. Denn dieses Wort kennt kein Geschlecht, sondern es besagt nur, dass man als ein erwachsener Mensch spricht. Ich akzeptierte das Wort, blieb ihm gegenüber aber vorsichtig und distanziert. Auch dieses Wort könnte mich unter Umständen in eine Rolle zwingen.
Zwei Jahre später kam ich nach Hamburg, und das deutsche Wort «ich» wirkte auf mich wie ein Wunder. Denn dieses Wort ist ganz leer und federleicht, frei von jeder gesellschaftlichen Bedeutung. Jeder darf «ich» sagen, unabhängig davon, mit wem man spricht, wie und wo man spricht, wie alt man ist, welchen Dialekt man spricht, ob man der Kaiser ist oder nicht. Frauen sowie Männer, Erwachsene sowie Kinder, Intellektuelle sowie Kriminelle benutzen dasselbe Wort und meinen damit sich selbst.
Dieses Wort zeigt mit seinem durchsichtigen Zeigefinger auf den Sprecher. Das Ich hat in dem Moment kein Geschlecht, kein Alter, keinen Status, keine Geschichte. Es besteht allein aus dem, was es spricht, und vor allem, dass es spricht. «Ich» wurde zu meinem Lieblingswort. Mir gefällt ausserdem, dass das Wort mit einem «I» beginnt, ein einfacher Strich wie der Ansatz eines Pinselstriches, der das Papier antastet und gleichzeitig die Eröffnung einer Rede ankündigt.
Auch «bin» ist ein schönes Wort. Im Japanischen gibt es ein gleich klingendes Wort, bin, das eine Flasche bedeutet. In eine Flasche kann alles mögliche hineinfliessen. Wenn ich mit den beiden Wörtern «ich bin» eine Geschichte zu erzählen beginne, öffnet sich ein grosser Freiraum vor meinen Augen. Es ist noch nichts gesagt, denn das Ich ist nur ein Pinselansatz, und die Flasche (bin) ist noch leer.
Yoko Tawada ist Schriftstellerin und lebt in Hamburg.