NZZ Folio 12/09 - Thema: Guten Appetit!   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Hätten Sie’s gewusst?

© Patrick Rohner, Zürich
Das Menu: Chicken Nuggets, Ravioli, Chips, Salat aus dem Beutel, Ketchup, Cornflakes, Eistee. Linktext
Nichts geht uns im wahren Sinn des Wortes näher als unsere Nahrung. Zeit, mehr darüber zu erfahren.

Von Reto U. Schneider

Kürzlich wurde mir meine Unwissenheit in Sachen Nahrung drastisch vor Augen geführt. Mein fünfjähriger Sohn erlaubte mir, eines seiner Chicken Nuggets zu verspeisen. Als ich hineinbiss, merkte ich sofort, dass damit etwas nicht stimmte. Mein ganzes Leben hatte ich geglaubt, Chicken Nuggets seien fritierte Stücke von Pouletbrust, doch was da in meinem Mund zerfiel, war bestimmt kein ganzes Stück Fleisch.

Eine kleine Recherche brachte es an den Tag: Chicken Nuggets bestehen ­heute normalerweise aus mehreren Dutzend Zutaten, von denen Pouletfleisch einfach nur jene ist, die sich am einfachsten aussprechen lässt. Das Rezept dazu stammt nicht aus einem alten Kochbuch, sondern aus dem Universitätsbulletin «Agricultural Economics Research» Nr. 111 vom April 1963 der Cornell University in New York. Dort hatte es ihr Erfinder Robert Baker das erste Mal publiziert.

Zu meiner Ehrenrettung liesse sich anführen, dass ich nicht der Einzige bin, der nicht mehr weiss, was er isst. Viele unserer Lebensmittel kommen aus ­Maschinen, mit denen wir uns noch weniger auskennen als mit Apfelbäumen und Milchkühen. Dass heute Stadtkinder glauben, die Milch werde in der Fabrik gemacht, ist erst der Anfang unserer Beziehungskrise mit der Nahrung; morgen werden Landkinder glauben, Ketchup sei der Saft der süsssauren Ketchupfrucht, die auf den Heinzschen Inseln in der Südsee wachse.

Wir haben diese und andere Erfindungen der Lebensmittelindustrie zum Thema dieses Hefts gemacht, weil wir nichts so nahe an uns herankommen lassen, ohne etwas darüber zu wissen, wie sie. Oder hätten Sie gewusst, dass Pringles keine Kartoffelscheiben sind, Ketchup zu einem grossen Teil aus Essig besteht und die Luft im Beutelsalat keine normale ist? In diesem Folio erfahren Sie es. Guten Appetit!

Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.




Leserbriefe:

Zu Editorial -- Hätten Sie’s gewusst? - NZZ-Folio Guten Appetit! (12/09)

Eine schöne Nummer, passend zu den Festtagen, während denen ja jedes Jahr wieder Völlerei angesagt ist. Ich bin auch nach der Lektüre der Meinung, dass es weniger drauf ankommt, was man isst, als wie viel man davon konsumiert. Ab und zu eine Portion Chicken Nuggets, ein Sack Chips oder Ravioli aus der Büchse hat wohl noch nie jemandem geschadet. Junkfood im Übermass ist bestimmt schädlich und macht dick. Aber ich glaube nicht, dass die Mehrzahl der Übergewichtigen ihre überflüssigen Kilos dem Junkfood verdanken. Es ist eine Tatsache, dass die meisten von uns schlicht zu viel vertilgen.
Elisabeth Meister, per E-Mail




Zu Editorial -- Hätten Sie’s gewusst? - NZZ-Folio Guten Appetit! (12/09)

Habe das Heft sofort am Stück ausgelesen - jede Zeile ein Genuss. Brillianter Journalismus ohne Vorurteile (und ohne den moralischen Bio-Zeigefinger) - wo gibt es das noch?
Matthias Wyrwoll, Frankfurt am Main D



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