AUCH MIT GESTEN kann man heucheln, auch mit einem Lächeln kann man lügen, ja Verrat üben mit einem Bruderkuss. Alle Feinheiten der Lüge aber sind erst mit der Sprache in die Welt gekommen. Der Täuschung gibt sie sich mindestens mit derselben Bereitschaft hin wie der Wahrheit; alle Menschen lügen, wie die Bibel wusste: «Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge» (4. Mose 23, 19).
Mehr als andere Menschen lügen Grabredner, Angeklagte und Politiker. Über Bill Clinton sagte der Sonderanwalt der Republikaner im Repräsentantenhaus: «Der Präsident hat unter Eid gelogen in einem Zivilprozess und vor einer Grand Jury. Er hat sein Volk belogen, sein Kabinett und sogar den Kongress der Vereinigten Staaten. Es ist niemand mehr übrig, den er noch belügen könnte.»
Da ist nun in Frankreich gerade ein Buch mit dem Titel «Offener Brief an die Bewahrer der Lüge» erschienen («Lettre ouverte aux gardiens du mensonge»), verfasst von dem angesehenen Journalisten Thierry Pfister. Er lädt seine Landsleute ein, die Liebe zur Wahrheit als Preis der Demokratie zu akzeptieren - in völliger Abkehr von der Haltung zumal der französischen Eliten, die er so beschreibt: Sie fänden Clintons Lügen ganz selbstverständlich und den Abscheu vor ihnen naiv, intolerant und lächerlich. Sie bewunderten die Eleganz, mit der François Mitterrand das Volk über sein doppeltes Familienleben belogen habe, und hielten überhaupt den kultivierten Umgang mit der Lüge für den Ausdruck einer überlegenen Zivilisation.
Muss uns das erschrecken? Nicht nur Machiavelli hat die politische Lüge angepriesen: Wahrheitsliebe zu beteuern, das sei gut, schrieb er - doch solle der Fürst sie nicht etwa haben, sondern sich nur den Ruf verschaffen, sie zu besitzen (abgewandelt zu der sprichwörtlichen irischen Kaufmannsregel: «Das Geheimnis des Geschäftserfolgs ist Ehrlichkeit. Wer sie vortäuschen kann, ist ein gemachter Mann»). Abseits von allem Zynismus aber: «Der Politiker ist kein Lyriker», sagt der spanische Philosoph Ortega y Gasset; «Lügen, mindestens innerhalb gewisser Grenzen, ist seine Pflicht.» Die deutsch-amerikanische Philosophin Hanna Arendt ging so weit, im Leugnen von Tatsachen dieselbe Phantasie am Werk zu sehen, wie der Politiker sie brauche, um die Wirklichkeit zu verändern.
Dem Lügengespinst, in dem Bill Clinton sich verfangen hat, kommen solche Einsichten freilich nicht zugute: Er hat ja nicht zugunsten seines Volkes gelogen, nicht für seine Partei, nicht zur Durchsetzung politischer Ziele, sondern zum Selbstschutz. Doch eben dabei hat er das getan, was die meisten von uns mit der Wahrheit tun: Wir frisieren sie, verfälschen sie, vertuschen sie, wann immer sie durchfällt bei unserer Abwägung zwischen zwei Gefahren - der Lüge überführt zu werden oder uns mit der Wahrheit zu schaden.
Würden wir uns nicht wundern über jeden Mann, der, öffentlich befragt, ob er mit Frau X ein sexuelles Abenteuer gehabt habe, ungebremst mit Ja! antwortete? Eine solche Frage ist eine Aufforderung zur Selbstentblössung, der ein durchschnittlicher Mensch nur unter äusserstem Druck oder gar nicht nachkommt; zweimal nicht, wenn er sich in herausgehobener Position befindet; dreimal nicht, wenn er damit seiner Frau eine schlimme Kränkung zufügen müsste. Der bürgerliche Anstand gebot es geradezu, weder die Pflichten gegenüber der eigenen Familie noch die Kavalierspflicht gegenüber der Geliebten durch überschäumende Wahrheitsliebe zu verletzen.
Alle zwischenmenschlichen Beziehungen würden zusammenbrechen, wenn wir uns nicht hundertfältig aufgerufen fühlten, zu beschönigen, zu täuschen. Höflichkeit lässt selten mehr als die halbe Wahrheit zu: Wer einer Gastgeberin seine subjektive Wahrheit über ihr missratenes Menu vorhielte, wäre ein grober Klotz, und wer von der Rede eines Goldenen Hochzeiters über das Glück seiner Ehe die Wahrheit erwartete, ein Narr.
Clinton hat nur einen Fehler begangen und ein schreckliches Pech gehabt. Sein Fehler war, dass er ganz und gar nicht elegant gelogen hat, wie Mitterrand nach dem Urteil vieler Franzosen, sondern verbissen und mit der peinlichen Wortklauberei, aus der Einseitigkeit der Geschlechtsbeziehung zu folgern, dass eine solche eigentlich nicht vorgelegen habe. Sein Pech war, dass die Anwälte der gegen ihn klagenden Paula Jones die abstruse Macht besassen, ihm einen Eid aufzunötigen. Erst durch diese Tücke des amerikanischen Rechtssystems wurde aus dem Kavaliersdelikt der Lüge das Staatsverbrechen des Meineids.
Eid! Wer immer ihn leisten soll, der wird einer ungeheuerlichen Zumutung unterworfen. Obwohl doch alle Menschen Lügner sind (siehe auch Psalm 116 und Paulus an die Römer) und obgleich die Sprache von jeher in ungleich höherem Grade als der Wahrheit dem Gebet, der Beschwörung, der Verfluchung diente, dem Befehl, der Täuschung, dem Geschwätz - soll nun ein Mensch ausgerechnet die Wahrheit sagen, auch wenn sie ihn und andere ins Unglück stürzt! Schmuddelsex im Ovalbüro betreiben, das darf man; ihn aber vor den Scheinwerfern der öffentlichen Rede verbergen, das darf man nicht. Erst die Worte konstituieren die Kriminalität. Wer will, darf darin einen frischen Beleg für die immer wieder erstaunliche Macht der Sprache sehen.