BEI EINEM VERBRECHEN, das viele begehen, ist jeder verdächtig. Weiss der User eigentlich, wie kostbar Code ist? Software wird nicht in mühseliger Kleinarbeit von handverlesenen Programmierern in abhörsicheren Räumen erzeugt, unter strengster Qualitätskontrolle in klimatisierten Labors auf hochwertige CDs gepresst und in wunderbar bunten Schachteln ausgeliefert, damit irgendwer daherkommt und die hochwertigen CDs kopiert oder nachgemachte Schachteln ausliefert. Und damit das klar ist, liegen die papierenen Konvolute mit den kryptischen Copyright-Vermerken und den unverhohlenen Strafandrohungen immer obenauf. So wird auch der unbescholtene Käufer vor Freude nicht gleich verrückt, wenn er die Verpackung aufreisst.
Es wäre keinesfalls verkehrt, die CDs zunächst einmal zu rahmen und an die Wand zu hängen: Das Urheberrecht macht keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Software und Kunst, und als Kunst ist Software grundsätzlich eine Leihgabe. Der Code gehört dem Software-Mogul. Der Kunde bekommt für sein Geld eine Lizenz zum Benutzen. Trotzdem zeigt die Praxis des illegalen Kopierens, dass sein Rezeptionsverhalten gelinde gesagt respektlos ist. Wie alle Kunstwerke im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit leiden auch Microsoft Word, Adobe Photoshop oder Flight Simulator V unter einem entsetzlichen Mangel an Aura.
Deshalb konnte es nicht bei den papierenen Konvoluten bleiben. Die Software-Industrie lobbyiert, kampagnisiert, betreibt Aufklärung auf Teufel komm raus. Weiss der User eigentlich, wie einfältig achtlose Vervielfältigung ist? Bis zum Jahr 2001 könnten in der Schweiz statt 20 477 Arbeitsplätze im Bereich Standardsoftware 33 446 entstehen, würde die Raubkopierrate auf 27 Prozent gesenkt. So genau und genau so steht es auf der Schweizer Homepage der weltweit agierenden Business Software Alliance (BSA), zu der sich die mächtigsten Softwarefirmen zusammenschlossen. Nebenan, in Österreich, sieht dieselbe BSA in der Schweiz statt 9199 Arbeitsplätzen exakt 15 015 heraufdämmern. Daraus lässt sich fürs Leben lernen, dass die Grösse eines Problems vom Blickwinkel abhängt.
Wen der zwanglose Zwang solider Argumente nicht überzeugt, dem hilft ein Denunziations-Service auf die Sprünge: Man kann bei der BSA anonym melden, wer oder was verdächtig ist. Ein Anruf genügt, schon ist die Aura wiederhergestellt. Die Handschellen schnappen ein, während sich beim Rezipienten, wie es moderner Kunst wohl ansteht, ein leiser Schauer regt.