NZZ Folio 05/93 - Thema: Schönheit   Inhaltsverzeichnis

ABC der Kellerkunst -- W wie Weinmetaphorik

Von Andreas Heller

WEIN, SAGT MAN, ist nicht einfach ein Getränk; Wein ist auch Gegenstand der Konversation und Quelle der Inspiration. Hatte nicht bereits Aristophanes den Wein als göttliches Getränk verehrt, als «Milch der Aphrodite» nämlich? Und wird dieses Elixier nicht seit ewigen Zeiten nicht nur geschluckt, sondern liebevoll erschnüffelt, geschlürft, umzüngelt - und, vor allem, wenn nicht gar besungen, so doch wortreich kommentiert?

«Komplexe Erscheinung, geballte, üppige Nase, perfekt vinifiziert, fleischiges Extrakt»; «sehr reiche Frucht, viel Körper und Substanz, Struktur, dicht, tief, konzentriert, kompakt, Tannin, sehr komplex und nuancenreich»; «ein massiver, mächtiger, tiefdunkler Wein mit intensivem Bukett von reifer Cassis-Frucht, vermischt mit Düften von heissem Teer, Sojasauce und Eichenholz-Vanillin». So klingt es heute, wenn drei renommierte Degustatoren und Kommentatoren versuchen, Wein in Worte zu fassen.

Alles klar? Nun ja, dass es sich bei dieser nüchternen Beschreibung um ein und denselben Wein handelt, ist wohl auf den ersten Blick kaum ohne weiteres zu erkennen . . .

Im Widerspruch zur um Objektivität bemühten Weintheorie pflegen gerade die Weinprofis ihren ganz persönlichen Stil der Kritik. Gewiss, es gibt Leitlinien, wie die subjektiven Eindrücke in Worte zu fassen sind; Kriterien einer professionellen Degustation sind etwa die verschiedenen sinnlichen Manifestationen eines Weins: sein optisches Erscheinungsbild (seine Tiefe und seine Farbe), sein Geruch (seine Frucht, sein Entwicklungsgrad) und schliesslich sein Geschmack (Körper, Tannin, Säure, Entwicklung und Harmonie). Und zweifellos hat sich im Laufe der Zeit so etwas wie eine Weinsprache, ein Jargon, herausgebildet, ohne den das Fachsimpeln nur halb so erquicklich wäre. Für den Fachmann und für die Expertin ist demzufolge ein Rotwein niemals einfach rot, sondern vielmehr purpur, purpurrandig, rubinrot, ziegelrot, braunrandig, rotbraun oder mahagonirot; seinen Körper wiederum wird er/sie als sehr leicht, leicht, mittelgewichtig, schwer oder - falls er/sie eine poetische Ader hat - als brandig, fett, seidig, fleischig, nervig oder geschmeidig bezeichnen. Zum gebräuchlichen Vokabular gehören ferner Duftassoziationen wie Efeublatt, Eukalyptus, Johannisbeere, Rote Beete, Maulbeere, Crème brûlée oder Sattelgeruch. Im Grund genommen hat aber auch die Weinmetaphorik ein unbegrenztes Repertoire. Welche Bilder jemand mit seinem Weinerlebnis assoziiert, bleibt ihm überlassen. Nur sollte er sich im klaren sein, dass er sich mit seiner Wortwahl ein Stück weit selber preisgibt, so wie der Dichter in seinem Wortrausch.

Ein konservatives, gewissermassen aristokratisches Verhältnis zum Wein offenbart, wer sich der klassischen französischen Weinsprache bedient. Vornehm wird er in diesem Falle ein Gewächs beispielsweise als «noblen Herrn» bezeichnen, sein «schönes Gewand», seine «schöne Nase», seine «kräftigen Schenkel» loben und schliesslich vermerken, dass dieser Wein, so scheine es ihm, beim Abgang «den Pfauenschwanz» gemacht habe. (In nüchternem Weindeutsch dürfte dies soviel heissen, dass der Wein eine schöne Farbe hat, gut duftet, Struktur aufweist und einen nachhaltigen Abgang hat.)

Die moderne Weinsprache, die sich an der amerikanischen Weinliteratur orientiert, ist im Gegensatz dazu sehr viel direkter; ihre Metaphorik entstammt Alltagserfahrungen, kraft deren der Wein wohl von seinem göttlichen Olymp gestossen werden soll. Wegbereiter dieses Stils ist der amerikanische Weinjournalist Robert Parker. In einem Wein ortet er schon einmal Düfte von «Hackfleisch» oder dann Noten von «Kaffee, Rahm und Schokolade». Einer von Parkers Lieblingsweinen ist der Château Mouton-Rothschild des Jahrgangs 1982 - denn der erinnere ihn an köstlichstes «Smörrebröd».

Und was hält man von einem Wein, der laut René Gabriel (Autor des Buches «Bordeaux à jour») ein Bukett aufweist wie der Geruch einer «Lackfabrik» und am Gaumen «Polyestergeschmack»? Von einem Wein mit einem «mineralischen Fleischgeschmack» und einem Duft nach «Blut und Jod»? Ungefähr soviel wie von jenem Wein, der bei einem besonders findigen Weinpoeten unlängst die Assoziation «Iltisurin» weckte. «Iltisurin, genau so», warf er in die Runde. Und keiner wollte widersprechen; wie sollte er auch.




Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.