Alpiner Skisport: in der Schweiz einst verbreitete, heute ausgestorbene Fortbewegungsart im Winter. Ehemals verwendetes Material: pro Extremität je ein Behelfsmittel (2 Ski, 2 Stöcke). Ehemals bedeutende Schweizer Skifahrer: Adolf Rösti, Annerösli Zryd, Heini Hemmi.
Der letzte klassische Skifahrer wurde im Schweizer Alpenraum kurz vor der letzten Jahrtausendwende gesichtet. Man sagt, der Mann sei am Lauberhorn aus Versehen über die Minsch-Kante gesprungen und dann auf Nimmerwiedersehen im Österreicherloch verschwunden. Seither gehört der Schweizer Schnee restlos den Snowboardern, den Heli-Ski-Hedonisten und anderen Off-Track-Desperados, den Hängegleitern und ähnlich mörderischen Outlaws.
Längst hat die Pistenpolizei die Flinte in den Tiefschnee geworfen. Alle herkömmlichen Beschränkungen und Verhaltensvorschriften sind infolge objektiver Sinnlosigkeit aufgehoben. Heute gibt es in unseren Alpen nur noch schwarze Pisten, auf denen nicht Rechtsvortritt, sondern das Faust- bzw. das Fäustlingsrecht gilt: Recht hat immer der, der am gnadenlosesten geradeaus fährt.
Trotz diesem rapiden Niedergang des einst sittsamen Skifahrens kann seine historische Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden. Vor kaum 100 Jahren galt das Aufkommen des Skis quasi als die zweite Erfindung des Rads. Nachdem die Topographie der Schweiz für unsere Vorfahren jahrhundertelang nur ein Hindernis, ein Ärgernis dargestellt hatte, wurde durch die kühne Idee des Hinabfahrens nun selbst der steilste Hang zur Spielwiese. Plötzlich schien winters jede Wegstrecke bloss noch halb so weit, jedes Hinab ging (nach dem mühseligen Hinauf) zehnmal so schnell und machte zehnmal mehr Spass.
Damit wurde der Skisport dem Schweizer, was der Automobilrennsport dem Italiener, die Schifffahrt dem Portugiesen und die Faustfeuerwaffe dem Amerikaner ist: Sinnbild einer neuen Identität. Hätten die alten Eidgenossen seinerzeit schon Stöckli-Latten oder wenigstens Attenhofer gekannt, sie hätten die Habsburger bei Morgarten auf Skiern niedergebrettert. Immerhin fehlte es auch in jüngerer Zeit nicht an Gelegenheiten, sich fürs Vaterland in Abgründe zu stürzen. Schon in den allerersten Abfahrten der Sportgeschichte spielten wir eine tragende Rolle, als Teilnehmer wie als Veranstalter.
In «Stadion Schweiz», dem bis heute unerreichten Standardwerk der helvetischen Sportgeschichte (Zürich 1947), ist nachzulesen, dass anno 1924 das sogenannte Parsenn-Derby «wie ein Morgenstern die heraufbrechende Dämmerung im alpinen Skikampfsport ankündigte», worauf «die Abfahrtsrennen fast wie Pilze aus dem Boden» schossen.
Ehrensache, dass die Schweiz diese neuen alpinen Wettbewerbe in der Folge nach Belieben dominierte. Ob Slalom, «Riesen» oder Abfahrt – kraft unseres uneinholbaren Vorsprungs an Bergerfahrung stellten wir die herrlichsten Sieger. Wenn wir hie und da vereinzelte Teilerfolge von Ausländern zuliessen, war das mehr als noble Geste gegenüber potentiellen Hotelgästen zu sehen. Und auch die schmerzliche Niederlage unserer eidgenössischen Delegation an den Hitler-Winter-Games von 1936 hatte politische Gründe: In Garmisch-Partenkirchen wurden unsere besten Kräfte nämlich gar nicht erst zugelassen, weil die Organisatoren behaupteten, dass unsere Berufsskilehrer «keine reinrassigen Amateure» seien.
Ab dem Zweiten Weltkrieg gab es indessen kein Halten mehr! Nachdem der spätere Sportminister Adolf Ogi anno 1950 mit acht Jahren jüngster Direktor des Schweizerischen Skiverbands geworden war, wurden während Jahrzehnten weltweit alle wichtigen Wettkämpfe von Schweizern gewonnen. Endlos ist die Liste unserer ruhmreichen Skirennfahrer: Karl Molitor, Hedy Schlunegger, Othmar Schneider, Toni Sailer, Roger Staub, Yvonne Rüegg, Jean-Daniel Dätwyler, Jean-Claude Killy, Marie-Theres Nadig, Bernhard Russi und wie sie alle heissen.
Der absolute, wenn leider auch letzte Höhepunkt waren die Skiweltmeisterschaften 1987, als Pirmin Zurbriggen, Erika Hess & Co. in Crans-Montana alle 30 Medaillen gewannen. Im selben Jahr wurde Adolf Ogi in den Bundesrat weggewählt; danach ging es mit dem Schweizer Abfahren naturgemäss nur noch abwärts.