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Und das Beste: keine Blasen
Wie viele Paar Schuhe braucht man, um zu Fuss von Berlin nach Moskau zu wandern? Eines reicht, wenn es das richtige ist.
Von Wolfgang Büscher
Wer einen weiten Weg geht, der sollte einen guten Schuhmacher kennen. Ich kannte keinen, als ich daran dachte, zu Fuss nach Moskau zu gehen, von Berlin aus. Als ich so weit war, ernst zu machen, irgendwann im Frühjahr 2001, da gab mir der Überdruss am eigenen Reden darüber den letzten Tritt. Nicht dass ich viel davon gesprochen hätte, aber auch das wenige konnte ich nicht mehr hören. Ich winkte ab, wenn Freunde mich fragten, wann es denn losgehe und wie es um meine Vorbereitungen stehe. Ich mochte nicht mehr reden, ich wollte einen Sommer lang mit mir allein sein und mit dem Land, durch das ich ging. Ein Freund allerdings, der Paul, stellte mir keine Fragen, er sagte nur: «Du brauchst Schuhe. Ich sag’s dem Meier in München.»
Dem Meier in München? Paul instruierte mich knapp über das Schuhmacherhaus gegenüber der Residenz und dessen Patron. Ein paar Wochen später kam Post aus München. Peter Eduard Meier bot mir an, die Schuhe für den Marsch zu machen, zwei Paar zum Wechseln, unter der einzigen Bedingung, dass er das meistgetragene Paar wiederbekäme, wenn ich es geschafft haben sollte, in Moskau anzukommen. Ich flog nach München, und wir verbrachten einen Nachmittag im Geschäft. Alles mögliche wurde probiert und verworfen. Dann holte Herr Meier ein Paar braune glattlederne, wadenhohe Schnürstiefel herbei, liess mich hineinsteigen und zog mit dem Finger eine leicht geschwungene, zur Ferse hin abfallende Linie überm Knöchel entlang: «Die schneiden wir da ab, die sind’s.»
Wiederum Wochen später kamen mehrere Pakete aus München, darin waren zwei Paar Kurzstiefel – eines glatt, eines wildledern – und Unmengen von Zubehör: Sprays zum Weichmachen, Schuhcrème, Schnürsenkel für eine halbe Kompanie. An den Stiefeln war weitergearbeitet, es war über sie nachgedacht worden, es waren nicht die langen Stiefel, bloss abgeschnitten. Dicke und, wie ich feststellen würde, ziemlich unablaufbare Sohlen hatten sie nun und eine neue Schnürung.
Was mir Sorgen machte, war die knappe Einlaufzeit. Ich war spät nach München geflogen, der Tag, an dem ich losgehen wollte, lag nicht mehr fern, und nun, da ich die nagelneuen Stiefel in Händen hielt, stand er bevor. Ich wählte das glattlederne Paar, zog es an und ausser zum Schlafen nicht mehr aus. Ich hatte den Eindruck, es könne gehen. Das andere Paar liess ich daheim.
Wegen der robusten Spezialsohle hatten die Stiefel ihr Gewicht. Ein zweites Paar nur so mitzuschleppen, wo doch eines reichen würde an den Füssen, das ging nicht in jenem heissen, kontinentalen Sommer. Über diese Entscheidung war ich sehr froh, als ich Wochen später über Chausseen lief, die keine preussischen oder napoleonischen Buchen, Eichen, Platanen in schattige Alleen verwandelten – zehn, zwölf, vierzehn Stunden am Tage unter der prallen Sonne Polens, Weissrusslands, Russlands.
Immer wieder, wenn ich die heissen Füsse aus den Stiefeln holte, abends, um sie auf dem Steinboden einer Unterkunft, oder tagsüber, um sie in einem Bach zu kühlen, wunderte ich mich, wie das angehen konnte: Heiss waren die Füsse schon, aber in Massen. Nicht geschwollen, keine Schmerzen, und was das Beste war: keine Blasen. Es waren, wie gesagt, keine leichten Schühchen, es waren durchaus schwere Stiefel, und ich trug, diesen Rat hatte mir Herr Meier gegeben, richtige Wollsocken darin. Ein Irrsinn in dieser Hitze, hätten Laien gesagt, aber es war das Richtige. Und mit der Zeit wuchsen Füsse und Stiefel zusammen – die sahen nun nicht mehr so nagelneu und makellos aus, sondern vom Weg gezeichnet. Der manchmal knöchelhohe Sommerstaub der russischen Wege war, was im Herbst der Matsch und Morast sein würde und im Winter das Eis.
Als der Sommer sich neigte und die Tage kälter wurden und die Nächte, in die ich nicht selten hineinlief, weil sich keine Unterkunft fand, empfindlich kalt, da mussten es die Stiefel mit dem russischen Regen aufnehmen, der in dem weiten, flachen Land eine Totalität ist, der nichts und niemand entgeht. Es regnet, als werde es niemals enden. Auch diese Probe bestanden die Stiefel. Niemals habe ich nasse Füsse gehabt, nie haben die Sohlen mich aus der Balance gebracht und in den nächsten Tümpel geworfen – ausser ganz wenige Male durch eigenes Ungeschick.
Als ich das Ortsschild von Moskau passierte, an einem hellen, kalten Oktobertag, der Winter lag in der Luft, da waren Stiefel und Füsse längst miteinander verwachsen. Und weil ich ja wusste, ich würde nun meinen Teil des Vertrages erfüllen und sie hergeben müssen, habe ich sie weitergetragen in den Wochen, die uns noch blieben. In Moskau und dann in Berlin, bis zu dem Tag, an dem ich sie reinigte, in Seidenpapier schlug, in einen Karton packte und schweren Herzens zur Post trug.
Manchmal, wenn ich in München bin, gehe ich inkognito am Geschäft vis-à-vis der Residenz vorbei und schaue sie mir noch einmal an, sie sind dort ausgestellt. Wie ein altes Jagdgewehr, dessen weich gegriffener Schaft einem in der Hand liegt, wenn man nur daran denkt. Wie ein Notizbuch, das sich seinem Schreiber von selbst aufblättert, fährt er mit dem Finger über die Ränder der mürbe gegriffenen Seiten. Dann mache ich auf dem Absatz kehrt und wende mich zur Maximilianstrasse. Pacta sunt servanda.
Wolfgang Büscher ist Autor der «Zeit»; er lebt in Berlin. Von ihm erschien das Buch «Berlin–Moskau. Eine Reise zu Fuss» im Rowohlt-Verlag (2003).
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Berlin - Moskau
Wolfgang Büschers grosse Reportage über seinen dreimonatigen Fussmarsch von Berlin nach Moskau.
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