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NZZ Folio 06/08 - Thema: Perlen aus dem Internet   Inhaltsverzeichnis

Und jetzt die Vorhersage für morgen

© Anna-Lina Balke, Zürich
Die Multi-Billionen-Dollar-Frage. Linktext
Die Zukunft verschwindet hinter einer Wolke: Cloud Computing heisst das Zauberwort, das Ihren Arbeitsplatz ins Internet verlagern wird.

Von Stefan Betschon

Ein beliebter Zeitvertreib der Computerbranche besteht darin, Computer zu sagen und etwas anderes zu meinen. Es ist ein Zaubertrick, den zurzeit niemand besser beherrscht als Nicholas Carr. Der amerikanische Journalist stellte in einem Artikel die kecke Frage: «Does IT matter?» Die Antwort lautete: nein. Doch was genau war die Frage? IT steht entweder für «es» oder für Informationstechnologie, also Computer. Laut Carr sind Computer wie Stromgeneratoren oder Wasseraufbereitungsanlagen etwas Wichtiges, aber nicht etwas, worum sich jede Firma und jeder Einzelanwender selber kümmern müsste.

Aus Carrs Artikel wurde mit demselben Titel ein Buch, aus dem Buch ergab sich kürzlich ein zweites, mit demselben Thema, denselben Argumenten, aber mit einem anderen Titel: «The Big Switch». So wie zu Zeiten Edisons der Aufbau eines landesweiten Stromnetzes die Firmen davon befreit habe, sich selber um die Energiegewinnung zu kümmern, so mache heute das Internet eine firmeninterne IT-Abteilung überflüssig. Mit triumphierendem Lächeln zeigt Carr seine leeren Handflächen, lüftet die Jacke, nichts mehr da. Eben noch Mittelpunkt einer Multi-Billionen-Dollar-Industrie, ist der Computer weg, hat sich in Luft aufgelöst. Zurück bleibt nur eine Wolke. Die Zukunft gehört laut Carr dem Cloud Computing.

Als die «New York Times» am 2. Mai 1892 ein Inserat publizierte – «Computer wanted» –, ging es nicht um Apple oder IBM, sondern um einen Rechenknecht, einen neuen Mitarbeiter für das amerikanische «Nautical Almanac Office». Das Inserat lässt sich im PDF-Format gratis aus dem digitalisierten Archiv der «New York Times» abrufen. Hier werden Zeitungsartikel aus der Zeit aufbewahrt, als Zeitungen noch ohne Computer produziert wurden.

Jene Zeit den Zeitgenossen zugänglich zu machen, die Zeitung vornehmlich am Computerbildschirm lesen, war die Aufgabe, die der Chefprogrammierer der «New York Times» im vergangenen Jahr zu lösen hatte. Bereits waren alle alten Zeitungsseiten eingescannt worden; diese digitalen Bilder von Ausschnitten von Zeitungsseiten galt es nun in der richtigen Reihenfolge zusammenzusetzen und ins PDF-Format umzuwandeln. Mit dieser Aufgabe wären die Rechner der «New York Times» während mehrerer Wochen beschäftigt gewesen. So wurden auf die Schnelle bei Amazon 100 Linux-PC angemietet, die die Arbeit in einem Tag für wenige hundert Dollar erledigten.

Amazon ist bekannt als Internetwarenhaus, als Buchhändler vor allem und als Plattenladen. Zu den Bestsellern des Monats Mai gehörten die neue CD von Madonna und ein Badetuch mit Motiven aus der Pepsi-Cola-Werbung von 1970. Amazon verkauft aber auch Cloud Computing. Vor zwei Jahren präsentierte die Firma einen übers Internet für alle zugänglichen Datenspeicher, Simple Storage Service (S 3) genannt, und seit August 2006 gibt es die Amazon Elastic Compute Cloud (EC 2), ein virtuelles Rechenzentrum, das man via Webbrowser steuern kann, als wäre es im Zimmer nebenan. Um eine Datenmenge zu speichern, der 250 Songs im MP3-Format entsprechen, zahlt man bei S 3 pro Monat 15 Cents. Die Benutzung eines Linux-PC kostet pro Stunde 10 Cents.

Die ökonomischen Motive hinter dem Angebot sind nicht einfach zu verstehen: Ist Jeff Bezos, der für seinen Geschäftssinn berühmte Gründer und Chef von Amazon, daran, ein lukratives Geschäftsfeld zu besetzen? Oder geht es nur darum, seinen teuren Maschinenpark, der ausserhalb der hektischen Vorweihnachtszeit unterfordert ist, besser auszulasten? Finanzanalytiker glauben nicht, dass sich mit diesem Service Geld verdienen lässt. Laut «Wall Street Journal» setzt Amazon mit Cloud Computing pro Jahr ein paar Dutzend Millionen Dollar um. Das ist nicht viel im Vergleich zum Gesamtumsatz von knapp 15 Milliarden Dollar im Jahr 2007. Die Kunden, die sich in der Elastic Compute Cloud von Amazon eingenistet haben, sind meist Jungfirmen, die für die Anschaffung von Hardware wenig Geld zur Verfügung haben und die auch nicht abschätzen können, wie sich die Nachfrage nach ihren neuartigen Dienstleistungen entwickeln wird.

Google ist neben Amazon die zweite grosse Firma, die mit Cloud-Computing-Dienstleistungen Erfahrungen hat. Während sich dank Amazon die Anschaffung von Hardware erübrigt, hilft Google, bei der Software zu sparen. Warum für Textverarbeitung oder Tabellenkalkulation Geld bezahlen, wenn entsprechende Werkzeuge auf der Website von Google gratis benutzt werden können? Sie sind flink, bieten alle gängigen Funktionen, erlauben es zudem, Dokumente gemeinsam mit anderen zu bearbeiten. Überall, wo es einen Internetzugang gibt, kann man mit dem Browser auf diese Dokumente zugreifen. Neuerdings geht es sogar ohne Internetzugang: Google speichert auf der lokalen Festplatte Kopien und sorgt dafür, dass die offline durchgeführten Änderungen in die Originale auf den Servern von Google übertragen werden, wenn man wieder online geht.

Dass an Cloud Computing etwas dran ist, beweist die Tatsache, dass sich nun auch Microsoft nach diesem Trend ausrichten will. Mit der Ende April angekündigten Dienstleistung Live Mesh soll es möglich werden, Dateien zwischen mehreren PC via Internet abzugleichen. Microsoft verdankt seine Existenz der Idee von Bill Gates, Software (auch ohne Hardware) zu verkaufen. Es ist vielleicht kein Zufall, dass der Übergang zu einem Geschäftsmodell, bei dem Software als Dienstleistung verschenkt wird, jetzt erfolgt, wo Gates daran ist, sich aus dem operativen Geschäft zurückzuziehen.

Gemäss Google-Trend – einem Dienst von Google, der über die Häufigkeit von Suchanfragen informiert – ist Cloud Computing erst im letzten Quartal 2007 zu einem Thema geworden. Doch die Vorstellung, dass man Rechenleistung und Speicherkapazität so einfach nutzen kann wie Wasser oder Strom, ist ein alter Traum. Als im September 1969 die ersten beiden Internetknoten zueinander fanden, geschah dies exakt aus den Gründen, aus denen Carr heute den Firmen zu Cloud Computing rät: um Komplexität zu reduzieren, die Informatik zu vereinfachen, Geld zu sparen.

Seither haben Hunderte von Millionen Rechner die Urzelle des Internets erweitert, es gibt bereits mehr Computer als Menschen. Es ist ein weltumspannendes Netz entstanden, es gibt eine Vielzahl von Informationsdiensten, Programmen, Schnittstellen, Applikationen, Applets, Widgets. Und mit der Vielfalt wächst der Wunsch, das alles hinter irgendwelchen Abstraktionen verschwinden zu lassen. Niemals war die Sehnsucht nach dem, was jetzt Cloud Computing genannt wird, grösser als heute. Doch man sollte sich nicht täuschen lassen: Durch diese neue Spielart der Nutzung von Computerleistung wird die Informatik nicht einfacher, sondern komplizierter. Bereits gibt es Firmen wie Rightscale oder Enomaly, die anderen Firmen bei der Nutzung des Cloud Computing zur Seite stehen.

Als Mitte des 20. Jahrhunderts die ersten Computer gebaut wurden, die statt mechanischen elektronische Komponenten verwendeten, viele Tonnen schwere Maschinen mit Tausenden von Elektronenröhren, soll der IBM-Chef Thomas J. Watson gesagt haben, es brauche davon weltweit höchstens fünf Stück. Diese Prognose war falsch. Es braucht weltweit nicht fünf Computer, sondern nur gerade einen. Einen, der die ganze IT hinter einer Wolke verschwinden lässt.

Stefan Betschon ist Redaktor für Medien und Informatik bei der NZZ.


Zusatzinformation: Wie das Internet die Rolle des Computers übernahm

Daten und Programme werden zunehmend im Netz verwaltet, nicht mehr auf dem eigenen PC.

Von Stefan Betschon

Vor zehn Jahren war der Büro-PC beige, heute ist er grauschwarz. Was hat sich sonst geändert? Der Prozessor ist schneller geworden, die Software langsamer, das Arbeitstempo bleibt. Hat also alle ­Innovation nichts bewirkt? Doch, der Computer, der einst so etwas wie ein Schatzkästchen war, in dem man seine elektronischen Dokumente versorgte, ist zur Durchreiche geworden, hinter der eine riesige Ablagefläche zu erkennen ist. Dutzende von Firmen – Amazon, Apple, Box.net, EMC Mozy, Iomega Xdrive usw. – offerieren im Internet Festplattenplatz. So können nun die Aktenstapel, die zuerst den Tisch und nach und nach auch den Boden bedeckten, über die ganze Welt sich ausbreiten.

Vor zehn Jahren gehörte es zu den Lieblingsbeschäftigungen von Computerbenutzern, Möglichkeiten zu finden, wie sie Termine und Adressen und Pendenzen, die sie in den PC eingegeben hatten, auf einem anderen Rechner oder unterwegs auf einem mobilen Gerät nutzen konnten. Noch immer geben einige PC-Programme nur ungern her, was ihnen einmal anvertraut worden ist. Sie werden aber heute nur noch mit Kopien der persönlichen Daten gefüttert, die im Internet zentral gelagert werden. Dutzende von Firmen – Apple, Google, Plaxo, Zoho usw. – offerieren Möglichkeiten zu deren dezentraler Verwaltung. So legen wir nun rund um die Welt Datendepots an: Termine lagern im Google-Calendar, der sie an Microsoft-Outlook, den Apple-Kalender oder ans Handy weiterreicht. Notizen speichern wir im Google-Notizbuch, wo wir sie mit jedem Browser öffnen können. Für Adressen, Tabellen, Textdokumente, Fotos, Songs, 3D-Grafiken, Liebesbriefe gibt es dort draussen hinter der Durchreiche geeignete Ablageorte.

Unzählige Speichereinheiten und Prozessorkerne, um die Welt verteilt und durch Internetverbindungen zusammengehalten, bilden einen weitverzweigten Raum, in dem nicht nur Daten, sondern auch Programme frei flottieren. Wer ein Quentchen mehr Rechenleistung braucht oder eine Prise mehr Speicherplatz, bezieht das als Dienstleistung aus dem Internet. Daten, Informationsdienste, Programme, Hardware, Software – das ist Material, das man nach Bedarf aus dieser Urwolke herausfischt und zu einem System zusammenbaut, das schon bald wieder zu einem anderen System umgebaut wird.

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