NZZ Folio 01/92 - Thema: Entsagung   Inhaltsverzeichnis

Im Schneesturm am Achttausender

Aus dem Tagebuch der Manaslu-Besteigung (vom 15. 3. bis zum 6. 5. 1984).

von Marcel Rüedi

15. März 1984. Heute habe ich schweren Herzens meine Frau und Kinder verlassen. Ich war froh, als ich endlich allein war auf dem Flughafen und mich wieder innerlich auffangen konnte. Dieses Jahr fiel es mir ganz besonders schwer, meine Familie allein zurückzulassen.

16. März. Bis Damaskus konnte ich gut schlafen. Vier Flugzeugsitze standen mir zur Verfügung. Aber nachher wurde das Flugzeug ziemlich voll mit Fremdarbeitern aus Bangladesh.

17. März. Hier in Katmandu ist es schon sehr heiss. Ich muss heute die vielen Karten erledigen. Es sind ca. 400 Stück von mir zu beschreiben, und zu unterzeichnen gibt es ca. 1500. Um 22 Uhr gehe ich mit dem Krampf in den Fingern ins Bett.

18. März. Wir gehen zu Ongdi Trekking und richten unser Material. Es fehlen immer noch zehn Lasten. Wir beschliessen, trotzdem morgen aufzubrechen.

19. März. Die Träger sind schon fort mit dem Material. Mit unserem Restgepäck fahren wir nach Gorkha. Hier stellen wir unser erstes Camp auf. Nach einem super Nachtessen haben wir noch angeregte Gespräche mit Vinc, unserem Arzt.

20. März. Wir steigen zum ältesten Palast Nepals auf. Es wird schnell heiss. Einen herrlichen Blick haben wir hier auf die ersten Schneeberge. Bei schönstem Wetter geht es über Bergrücken Richtung Osten. Gewaltige Hänge, von unten bis oben terrassiert; es sind sehr fleissige Bauern, die hier die schwere Arbeit tun.

21. März. Um 13 Uhr sind wir in Arughat. Es ist das letzte grosse Dorf. Wie immer, wenn eine Expedition kommt, läuft die ganze Dorfbevölkerung zusammen. Viele Kinder umringen uns.

22. März. Heute morgen verliessen wir früh Arughat, von nun an geht der Weg immer dem Buri Gandaki entlang. Der Himmel ist bedeckt, es ist sehr schwül, Knochenarbeit für unsere Träger, die uns folgen. Manche tragen mehr als ihr Körpergewicht und sind sicher erst 13, 14 Jahre alt. Für uns erbringen sie eine unvorstellbare Leistung.

23. März. Auf und ab durch eine imposante Gegend. Trotz der Steilheit der Hänge arbeiten immer noch Leute fleissig in den auf Terrassen angelegten Siedlungen. Wir haben die heutige Etappe kurz gehalten, damit sich alle Träger erholen können vom gestrigen Gewaltsmarsch.

24. März. Schnell ist jetzt die Landschaft enger geworden. Solche Täler drücken auf meine Stimmung. Immer wenn ich allein für mich gehe, möchte ich hier herauskommen, hoch oben sein und in die Weite blicken. In grosse Distanzen zu sehen gibt mir ein Gefühl der Freiheit. Heute fühle ich mich aber eingeschlossen. Gestern habe ich noch in R. Messners Buch «K 2» gelesen. Es stimmt mich immer traurig, weil er viel über den Tod schreibt. Irgendwie möchte ich diese Gedanken immer in den Hintergrund drängen.

25. März. Jeden Tag kommen wir näher an die chinesische Grenze. Hier hinten ist das Land nicht mehr so fruchtbar, und man sieht nur noch selten den terrassierten Anbau. Die Hänge sind sehr steil und felsig, mit dem schwarzen Stein sehen sie sogar abschreckend aus.

26. März. Wir überqueren den Fluss Buri über eine gute Brücke. Nach jeder Talbiegung hoffe ich einen Blick auf schneebedeckte Gipfel zu erhaschen. Aber nichts dergleichen. Das Tal hat sich immer wieder beängstigend verengt.

27. März. Heute um Mitternacht hat der Wind gewechselt, es hat weit heruntergeschneit und ist empfindlich kalt geworden. Fünf von sieben Tagen Anmarsch sind wir jetzt in dieser Schlucht gefangen. Vor einer Stunde sahen wir einen Schneegipfel, den Shringi, 7100 m ü. M. Endlich ein Blick aus dem Tal! Bei einem Tempel machen wir Rast. Es stehen viele steinerne Gebetstafeln herum. Ich nähme gerne eine schöne Platte mit. Aber ich will die Götter nicht erzürnen.

28. März. Zum erstenmal den Manaslu gesehen, die gewaltige Südostwand! Der ganze Berg steht jetzt wie eine Pyramide vor mir, grosse Windfahnen sind am Nordostgrat zu sehen. Hoffentlich lassen uns die Leute in Samagon durchgehen, damit wir mit unseren Trägern bis zum Base Camp kommen. Immer wieder geht mein Blick zum Manaslu. So viele Tage sind wir anmarschiert, bis wir unseren Koloss zum erstenmal sahen. Heute nacht schlafe ich nicht im Zelt, sondern im Schlafsack unter einem grandiosen Sternenhimmel. Der Manaslu schaut jetzt auf uns herab. Meine Gedanken sind zu Hause.

29. März. Heute früh passieren wir Samagon, den früheren tibetischen Hauptort. Kaum sind wir durch, werden wir angehalten. Wir müssen unsere Träger auswechseln, für die letzte Etappe ins Basislager müssen wir Samaträger einstellen.

30. März. Die erste Nacht im Basislager verbracht. Momentan sind wir alle am Schreiben. Der harte Wind schlägt ans Zelt.

31. März. Heute sind wir neun Stunden mit unseren 25 Kilogramm schweren Rucksäcken aufgestiegen auf rund 5300 Meter. In dieser Höhe haben wir unser Lager I. errichtet. Die Last und das Lager ausschaufeln haben uns sehr zugesetzt. Um 16 Uhr beginnt es zu stürmen. Den vier Sherpas geben wir den Auftrag, Vinc entgegenzugehen und ihn wieder zum Basislager hinunterzubringen, weil er sicher einen viel zu schweren Rucksack hat und das erstemal in so grosser Höhe ist. Zu unserem Erstaunen stapft Vinc im Schneetreiben doch noch bei uns an. Das hätte ins Auge gehen können! Denn er sei zwei- oder dreimal eingeschlafen. Er hat sich dann allein durch die gefährlichen Spalten zu uns heraufgekämpft.

1. April. Vinc ist heute morgen apathisch und total erschöpft. Er muss sofort hinunter, jede Stunde länger hier oben kann sich verheerend auswirken. Er ist ein Himalaja-Neuling und muss noch lernen, dass hier andere Gesetze gelten.

2. April. Nach einem guten Frühstück, das wir heute erst um 8 Uhr einnahmen, grosse Wäsche gehabt. Ich geniesse heute den Ruhetag.

3. April. Das Wetter lässt zu wünschen übrig. Es regnet, ich liege im Zelt.

4. April. Es schneit. Wir liegen in den kleinen Zelten im Basislager. Hoffentlich bessert das Wetter bald.

5. April. Traditioneller Sherpa-Bettag. Erste blaue Stellen zeigen sich am Himmel. Um 9 Uhr flattern viele Gebetsfahnen in der Luft. Unser Sirdar hat einen ganzen Stoss Gebetszettel auf einem roten Tuch ausgebreitet. Daneben steht eine Schale mit rohem Reis, dekoriert mit Blumen und Tannenzweigen. Auf dem Altar brennt Reisig und entwickelt einen blauen Rauch mit einem seltsamen Geruch. Der Sirdar beginnt mit dem Gebet, und unser Sherpa-Freund Tukten, der gut Deutsch spricht, hilft ihm. Nach langem Gebet werfen wir rohen Reis gegen den Berg auf und rufen «Chorgelo»: Der Berg soll uns schützend aufnehmen und Glück bringen.

6. April. Um 3 Uhr 45, unter klarem Sternenhimmel, haben wir unser Base Camp verlassen, viereinhalb Stunden später sind wir im Camp I. Am Mittag stach der Sonne erbarmungslos herunter, jetzt beginnt es wieder zu schneien. Krähen fliegen herum. Es ist erstaunlich, wie hoch diese Vögel fliegen können.

7. April. Heute sind wir bei schlechtem Wetter zum Nike Cole auf ca. 7500 m aufgestiegen. Unser Materiallager dort war mit Schnee zwei Meter tief zugedeckt, wir mussten es mit einer Sonde suchen. In einem Gletscherschrund haben wir Platz für zwei kleine Zelte geschaufelt. Hier drin ist es sehr eng, ich muss zum Schreiben auf dem Bauch liegen, und Lori hat sein ganzes Material auf meinem Rücken ausgebreitet.

8. April. Die ganze Nacht hat es gestürmt, dreimal mussten wir das Zelt freischaufeln. Um 6 Uhr 30 standen wir auf und schälten uns wie Ratten aus den mit Schnee zugedeckten Zelten.

9. April. Zum Basislager abgestiegen. Oben haben wir keine Chance gehabt: über einen Meter Pulverschnee.

10. April. Es schneit pausenlos. Das grosse Zelt ist auch nicht dicht, und so ziehen wir uns nach dem Essen, wo noch hie und da faule Sprüche fallen, in unsere kleinen Privatgemächer oder Gefängnisse zurück. Alles ist feucht. Meine Wäsche von gestern hängt tief verschneit an der Leine. Auf der Deutschen Welle im Funk hören wir, dass am Everest vier Bergsteiger ihr Leben verloren haben.

11. April. Zweistündiger Marsch nach Samdo, zehn Kilometer vor der chinesischen Grenze. Ich bin froh, dass wir heute wenigstens aus unseren Hundehütten heraus konnten und vom Base Camp weg waren.

12. April. Wenn das Wetter hält, wollen wir morgen um 4 Uhr zum Camp I aufbrechen. Unter unserem Base Camp ist ein Gletschersee, und der Manaslu-Gletscher bricht mit riesigen Eistürmen in ihm ab. Ein richtiges Schauspiel. Der See ist nur gerade beim Eisfall aufgetaut, sonst ist er mit blauem Eis bedeckt. In drei bis vier Tagen muss der Postläufer kommen. Ich glaube, jetzt warten wir alle auf Nachrichten von zu Hause.

13. April. Wir haben um 3 Uhr 30 bei Sternenhimmel das Basislager verlassen und sind über 2300 Meter gestiegen. Die Rucksäcke waren unsinnig schwer. Um 15 Uhr biwakierten wir neben einer Spalte.

14. April. Wir sind nicht viel höher gekommen. Ein Schneerutsch löst sich, als Noppa eine Flanke traversiert. Tukten fährt zehn Meter mit. Unser Zelt kommt durch denselben Schneerutsch zu Schaden. Einer muss immer ohne Rucksack spuren und nachher den Rucksack holen, wir haben zu schwer geladen. Wir kommen nur ganz langsam weiter. Es ist Knochenarbeit.

15. April. In Spurarbeit zum Nike Cole. In fünf Stunden sind wir oben und deponieren ein Zelt, Kocher und Material auf rund 7000 m Höhe. Jetzt haben wir alles oben, aber auch 1000 Höhenmeter in einem Tag in den Beinen. Nachdem wir das Zelt aufgestellt haben, kommt ein fürchterlicher Wind auf. In unserer Spalte sammelt sich der Flugschnee dermassen, dass ich um Mitternacht das Zelt freischaufeln muss. Es ist eine mühselige Arbeit, aus dem warmen Schlafsack zu kriechen und im Sturm Schnee zu schaufeln. Der Wind behält die ganze Nacht Oberhand.

16. April. Wir versuchten, weiter aufzusteigen. Aber nach einer halben Stunde brachen wir unseren Versuch wieder ab. Es war zu kalt, und der Wind fegte gewaltig über den Sattel. Wir stellten unser Zelt wieder auf, aber nicht mehr in der Spalte, vom Flugschneeschaufeln hatten wir genug. Den ganzen Tag verbrachten wir im Zelt, und der Wind rüttelte an unserem kleinen Zuhause. Zermürbend.

17. April. Wir wollten schon absteigen, als der Wind nachgab und wir endlich weiter hinauf konnten, über ein grosses Schneefeld zu einem weiteren Gletscherabbruch. Von alten Expeditionen fanden wir noch Fixseile, die uns bis auf die Schultern auf rund 7400 m führten. Kochen, viel trinken ist jetzt die Devise, es fehlen nur noch 600 Meter bis zum Gipfel.

18. April. In der Nacht zum Mittwoch kommt der grausame Wind wieder auf - und das bei schönstem Wetter. Wie lange wird er anhalten? Einen Tag oder zwei, eine Woche? Schweren Mutes entschliessen wir uns kurz vor dem Gipfel abzusteigen. Zuerst die Gesundheit und dann der Berg. Vom Basislager her hat man uns, wie wir später erfahren, mit dem Fernglas zugesehen. Sie sahen an der grossen Schneefahne, dass der Sturm uns zum Rückzug zwang. Mit den Skiern ging es schnell nach unten, obwohl das Skifahren in dieser Höhe anstrengend ist.

19. April. Im Camp II sind mittlerweile alle unsere Kollegen angekommen - drei Zelte -, und die Sherpas haben bis hier herauf gespurt. Nach einer guten Suppe, Tee und - das allerwichtigste - mit einem Brief von zu Hause sind wir ins Basislager abgestiegen. Wir waren schon etwas niedergeschlagen, dass wir so kurz vor dem Ziel hatten umkehren müssen. Der Mensch denkt, Gott lenkt, es musste so sein. Wenigstens haben wir uns nach fast einer Woche wieder einmal waschen können.

20. April. Karfreitag. Die Sherpas haben den Tisch sehr schön dekoriert. Bemalte Ostereier, Käse und vor jedem Teller ein Legföhrenzweiglein, das im Blühen ist.

21. April. Immer noch alle im Basislager, schlechtes Wetter. Und zu Hause müsst Ihr hart arbeiten. Heute hänge ich mit meinen Gedanken bei Euch. Es ist mir nicht wohl in meiner Haut. Wenn ich doch am Berg etwas arbeiten könnte.

22. April. Ostern. Das Essen ist jetzt eintönig. Unser Koch gibt sich alle Mühe, unsere drei Standardgerichte Kartoffeln, Reis und Dal anders zu würzen und in anderer Reihenfolge zu servieren, aber es bleibt immer dasselbe: Reis, Kartoffeln und Dal.

24. April. Die Sonne drückt durch die Wolken. Wir haben wieder erst um 9 Uhr gefrühstückt. Es hat über Nacht im Camp I 60 cm Schnee gegeben. Eigentlich wollen sie weiterspuren bis zum Camp II, und wir sollten direkt vom Basislager folgen. Aber die Lawinengefahr ist zu gross.

25. April. Soeben haben wir über die Deutsche Welle erfahren, dass zu Hause schönes und warmes Wetter war. Bald wird der Postläufer wieder kommen, dann werden wir Näheres von zu Hause erfahren.

26. April. Das Wetter bessert sich, glaube ich. Gestern haben wir Stühle aus grossen Steinen gebaut mit richtigen Rückenlehnen. Heute haben wir an der Morgensonne wie die Paschas gefrühstückt. Wie immer den gekochten Haferbrei mit Nüssen. An den Kleister gewöhnt man sich.

27. April. Wir haben unser Base Camp vor 4 Uhr verlassen. Der Aufstieg zu Camp I und Camp II dauerte wegen des Schnees länger als sonst.

28. April. Wir haben um 14 Uhr Camp III erreicht, ohne Skier wären wir im Schnee buchstäblich ersoffen. Den Platz für das Lager müssen wir auch hier erst ausschaufeln. Aber hier waren wenigstens die Zeltstangen ganz, nicht wie im Lager II, wo wir die Zelte, die im Schneerutsch Schaden genommen hatten, erst flicken mussten.

29. April. Wir haben Glück, dass wir auf einer Grosslawine aufsteigen können: der Lawinenschnee ist griffig. Beim Abbruch nehmen wir die Ski auf die Schultern und erreichen mit den Fixseilen früherer Expeditionen um 14 Uhr Camp IV. Die Nacht verbringen wir zu viert in zwei Zelten, Lori und ich sind wie immer zusammen.

30. April. Wir verlassen unser Zelt um 7 Uhr 30. Wir konnten nichts kochen, der Sturm drückt fast die Zelte zusammen, es wäre zu gefährlich gewesen, den Kocher in Betrieb zu setzen. Nach einem Aufschwung sehen wir Noppa und Werner nicht mehr. Nur Lori und ich steigen weiter. Der Wind ist jetzt unheimlich kalt. Wir beide müssen immer wieder stehenbleiben und uns die Hände massieren, damit sie nicht erfrieren trotz den zwei Paar Fausthandschuhen, die jeder von uns trägt. Aber langsam kommt der Gipfel näher. Nach gut vier Stunden sind wir auf dem Vorgipfel, wir haben jetzt in eisiger Kälte die 8000-Meter-Grenze erreicht. Noch 250 Meter liegen vor uns. Die letzten 30 Meter sind die technisch schwierigsten. Wir haben für diese letzten Meter ein Seil mitgenommen. Der Sturm brüllt bei schönstem Wetter, eine riesige Schneefahne in den blauen Himmel blasend. Wir können uns in dem Tosen nur mit Zeichen verständigen, und die eisgepanzerte Brille lässt fast den Blick nicht mehr durch. Um 14 Uhr sind wir auf dem nur von wenigen Expeditionen erreichten Gipfel. Unser Aufenthalt hier oben dauert höchstens fünf Minuten. Wir sehen aber den ganzen westlichen Teil des Himalaja ganz deutlich. Um 16 Uhr erreichen wir wieder Camp IV. Der Sturm ist jetzt so stark, dass wir uns nicht mehr in den Wind drehen können.

Zurück im Lager, verankere ich den Rucksack im Eis. Nur mit dem Schlafsack krieche ich gegen den Sturm zum Zelt zurück. Ich sehe fast nichts mehr, krieche zu Noppa und Werner ins Zelt und denke, ich sei schneeblind, dabei haben mir nur die Eiskristalle die Augen verklebt.

1. Mai. Nach einer stürmischen Nacht zu dritt im Zelt. Ich esse noch Honig und gehe schon den anderen voraus. Weil ich keinen Eispickel habe, wird es für Noppa und Werner ein leichtes sein, mich einzuholen. Um 8 Uhr 30 bin ich bereits unter dem Eisabbruch, aber Noppa und Werner kommen nicht. Erst eine halbe Stunde später erscheint Noppa, Werner kommt nicht. Wir beschliessen, das Firnfeld abzufahren bis vor Camp III, um nach ihm Ausschau zu halten. Um 13 Uhr bekommen wir, als wir Werner immer noch nicht sehen, vom Basislager die Anweisung abzusteigen. Wir könnten jetzt nichts mehr ausrichten, für eine Hilfeleistung an Werner fehlt uns einfach die Kraft. Noppa und ich kommen erst um 17 Uhr 30 im Basislager an.

2. Mai. Wenn man nicht weiss, was mit einem Kollegen los ist, kann man die ganze Nacht nicht schlafen. Chapal, unser Sirdar und vielleicht der konditionsstärkste und versierteste Sherpa Nepals, führt die Vierergruppe auf die Manaslu-Schulter, um nach Werner zu sehen. Ist Werner vielleicht an einer Stelle ohne Fixseil ausgerutscht? Wir verfolgen die Suchmannschaft mit dem Feldstecher, wie sie langsam höher kommt. Etwas kommt über die Schulter zurück. Ein Punkt, zwei Punkte, drei, vier. - Nein. - Ja! Wir sehen Werner! Er kann selbständig gehen. Bei Lori und mir beginnt erst jetzt die Freude über den verrückten Manaslu-Gipfel. Die Spannung im Lager löst sich schlagartig.

3. Mai. Heute, wenn ich zum Gipfel sehe, lacht er mich wie zum Hohn aus. Gott sei Dank, dass Werner jetzt unterwegs zum Base Camp ist. Wir wollen bis zur Schneegrenze aufsteigen und ihm und der Suchmannschaft die Rucksäcke abnehmen. Wir sind alle glücklich, Werner wiederzuhaben. Auch er freut sich. Mit jedem Meter, den wir absteigen, geht es ihm besser.

4. Mai. Heute beginnt schon das Packen. Lori und ich wollen schon morgen das Basislager verlassen. Werner geht es auffallend gut, er macht schon wieder Spass. Peter liest mir gerade ein Gedicht vor, das meine Gedanken an Dich zu Hause vertieft: «Es ist immer ein Abschied, aber niemals ein Verlassen. Es ist immer ein Wiedersehen, aber niemals ein Zurückkommen.»

5. Mai. Wir sind unterwegs auf dem Heimweg vom Manaslu weg. Die Träger von Samagon waren pünktlich im Lager. Als grosse Überraschung haben unser Officier und die Hilfsmannschaft uns verabschiedet: Lori und ich erhielten einen aus blauen Orchideen geknüpften Blumenring um den Hals. Es war richtig feierlich, und ich musste mir Mühe geben, dass mir nicht die Tränen hinunterrollten. Mit der Trommel unseres Küchenjungen und Nepalliedern ging es vom Basislager hinunter Richtung Samagon. Ich habe noch nie so ergreifend von einem Achttausender Abschied genommen.

Im Augenblick sitze ich an der Sonne an einem grossen Stein. Wir haben beim Anmarsch an dieser Stelle übernachtet. Um mich blühen wilde violette Orchideen mitten auf einer Waldwiese. Wenn die Wolken nicht den Manasul umhüllten, wäre das Paradies perfekt. Die Träger bleiben aus. Wenn sie nicht kommen, gibt es kein Nachtessen, und das Mittagessen ist auch schon ausgefallen, weil wir nur unser persönliches Material bei uns haben. Ich sehe hier von dem Buddha-Tempel sehr weit ins Tal hinunter, aber Träger mit blauen Fässern sind keine in Sicht.

6. Mai. Die Träger sind gestern doch noch gekommen. Lori und ich haben uns zum Warten in einen Schlafsack gelegt, denn der Wind wurde kalt. Wir sind dann von der tibetischen Bevölkerung von Lo freundlich aufgenommen worden. Im Haus eines Bauern haben wir uns am Feuer aufgewärmt und Kartoffeln mit Chili gegessen. Ich glaube, jeder von uns hat zwei Kilo gegessen. Heute morgen scheint die Sonne in den tibetischen Hofplatz. In unserem Rücken leuchtet der Manaslu in seiner ganzen Pracht. Manaslu - Berg der Weisheit. Nach den stürmischen Gipfeltagen lacht er uns jetzt lieblich nach. Wir werden jeden Moment aufbrechen. In ein paar Stunden wird das Tal enger, und bald werden wir den Berg nicht mehr sehen. So wie er auf dem Anmarsch plötzlich vor uns war.


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