NZZ Folio 01/05 - Thema: Bomben   Inhaltsverzeichnis

Der Entscharfmacher

Im Stress ist sein Puls niedriger als bei gewöhnlichen Menschen. Das rettet ihm und anderen das Leben. Aus dem Alltag eines Kampfmittelbeseitigers.

Von Anja Jardine

Am Strassenrand einer grossen Kreuzung in Kabul lag etwas Seltsames. Nur auf den ersten Blick sah es aus wie ein Spielzeug. Passanten stutzten, aber schnell mischte sich in ihre Neugier diffuse Angst. Ein Militärpolizist wurde herbeigerufen, und der alarmierte EOD (Explosive Ordnance Disposal), die Kampfmittelbeseitigung.

Als die drei deutschen EOD-Spezialisten eintrafen, begleitet von Schutzsoldaten der deutschen Infanterie, einem Übersetzer und einem Arzt, bot sich ihnen folgender Arbeitsplatz: ein belebter Strassenzug, Autos und Menschen überall, das Gelände insgesamt gross, aber unübersichtlich und eng, da die Wohnhäuser direkt an die Gehwege angrenzten. Und mittendrin das dubiose Objekt. Markus Hiemer bemerkte es sofort: eine Plastictüte auf einem kleinen Fahrgestell. «Kurios», sagt er rückblickend, «sehr kurios.» Und fügt hinzu: «Vor einem solchen Ding habe ich mehr Angst als vor jeder konventionellen 500-Kilo-Bombe.» Hiemer ist Hauptfeldwebel in der Kampfmittelbeseitigungskompanie 21 in Stetten am Kalten Markt in Baden-Württemberg und war zuletzt im Sommer 2004 für zehn Wochen in Afghanistan.

Das Unschädlichmachen einer terroristischen Bastelarbeit – «behelfsmässige Spreng- und Brandvorrichtung» im Fachjargon – ist die Königsdisziplin der Kampfmittelbeseitigung. Denn anders als bei den konventionellen Waffen lassen sich bei den unkonventionellen kaum Standardverfahren erlernen, da Bauteile und Konstruktion nicht bekannt sind. In ihrer Identifikation liegt die Kunst. Nur drei Komponenten sind dabei wichtig: das Wirkelement, das Auslöseelement und das Gehäuse. «Ich muss wissen: Wo ist der Sprengstoff? An welcher Stelle wird die Zündung ausgelöst? Und wie komm ich ran, um die beiden zu trennen? Dazu muss ich das Material des Gehäuses kennen.»

Die Grösse der Tüte in Kabul liess auf maximal zwei Kilo Sprengstoff schliessen, was im Fall einer Explosion zahlreichen Menschen das Leben gekostet hätte. (Zwei bis drei Kilo sind etwa die Menge, mit der Selbstmordattentäter sich aufrüsten.) Bevor Markus Hiemer und seine Kollegen sich überhaupt dem Objekt näherten, veranlassten sie die Sperrung und Evakuierung des Geländes im Umkreis von 800 Metern. Doch die Anwohner wollten ihre Häuser nicht verlassen, sie huschten durch die Hintertüren wieder hinein und placierten sich an den Fenstern wie in Theaterlogen. «Meine Frau ist im Wohnzimmer, und da bleibt sie!» rief ein Mann. «Die kriegt ihr nicht zu sehen!» Als hätten die Kampfmittelbeseitiger keine dringlicheren Wünsche. «Diese Phase ist nervenaufreibend», sagt Hiemer. «Das Adrenalin steigt bis zur Hutschnur.» Es dauerte gut zwei Stunden, bis das Areal sicher war.

Während die Kollegen das eigene Fahrzeug als Kontrollpunkt hinter einer Häuserecke in Stellung brachten, versuchte Hiemer bereits, die Welt auszublenden und sich auf das Objekt zu konzentrieren. Da in einer solchen Situation weder klar ist, ob es sich überhaupt um eine Bombe handelt, geschweige denn, wie sie gezündet wird, kann jede Annäherung tödlich sein. Auch die Tatsache, dass kurz zuvor Hunderte von Menschen darum herumgelaufen sind, ohne eine Explosion auszulösen, besagt nichts. Vielleicht wird per Handy über Funk gezündet, und irgendwo lauert jemand in seinem Versteck? Oder es gibt eine Zeitschaltung. Oder Photozellen, die auf Licht reagieren. Vielleicht ist es ein mechanischer Auslöser, vielleicht ein elektrischer.

Hiemer untersuchte das Objekt zunächst durch ein Fernglas. «Mit dem kann man jede Falte, jeden Schriftzug auf der Tüte sehen.» Worauf lässt die Form der Tüte schliessen? Könnte eine Batterie drin sein? Hängt irgendwo ein Draht oder ein Kabel heraus? Doch diesmal waren die Erkenntnisse unbefriedigend, und Hiemer beschloss, Teodor ins Feld zu schicken. Teodor ist ein Roboter und sieht aus wie ein Spielzeugpanzer. «Der Teo kann greifen, sich um 180 Grad drehen und nach oben langen», sagt Hiemer beinahe liebevoll, und vor allem kann Teo digitale Bilder machen, die zeitgleich auf einem Bildschirm im Kontrollpunkt betrachtet und mit einer Datenbank abgeglichen werden. Sollte ein solch abstruses Vehikel schon mal aufgetaucht sein, wäre sein Geheimnis mit einem Mausklick gelüftet. Doch auch die Bilder gaben keinen Aufschluss über die drei wesentlichen Elemente. Was nun?

Das Objekt musste genauer erkundet werden. Dazu gab es zwei Möglichkeiten: Hiemer hätte seinen Splitterschutzanzug anziehen, hingehen und einen Röntgenapparat aufstellen können. Doch handelte es sich zum Beispiel um eine Zeitbombe, hätte es jede Sekunde «hell und laut» werden können. Und ob der Anzug in jedem Fall Leben rette, sei ungewiss. Erst unlängst wurde einem russischen Kampfmittelbeseitiger beim Öffnen eines verdächtigen Rucksacks trotz Schutzanzug der Kopf weggerissen. Zweitens konnte man noch einmal den Teo schicken, diesmal zum Anpacken. Teo kann zwar nicht röntgen, aber er kann Tüten öffnen und hineingucken. Im schlimmsten Fall wäre es dann um Teo geschehen.

Eine solche Entscheidung hängt nicht von Hiemer allein ab, sondern auch von der Risikostufe, die ihm mit dem Auftrag von der Leitstelle vorgegeben wird. Abhängig davon, welcher Schaden entstehen kann, wird das Risiko eingestuft, das Hiemer eingehen darf und soll. Bei Stufe D darf er sein Leben auf keinen Fall riskieren, weil im schlimmsten Fall bloss Sachschaden entsteht. Bei Stufe A hingegen darf er im Zweifel keine Rücksicht auf sein Leben nehmen. Dieser schlimmste Fall könnte etwa dann eintreten, wenn eine Sprengfalle neben einer Gasleitung deponiert wäre und die Detonation einen ganzen Stadtteil in die Luft jagen würde. Dann müsste Hiemer notfalls selbst Hand anlegen. «Das sind die Grundfesten des Soldatentums», sagt er schmunzelnd, «das muss man sich vorher gut überlegen.»

Diesmal war es Kategorie C, und deswegen musste Teo los. Der machte also mit seinem Greifer die Tüte auf und spähte hinein, dann kippte er das Ding auf den Kopf. Hiemer und seine Kollegen steuerten jeden Schritt am Bildschirm und sahen, dass unter dem Fahrgestell eine Platine befestigt und in der Tüte eine Mine war. Nur liess die Konstruktion nicht erkennen, an welcher Stelle die Trennung vom Zünder hätte erfolgen müssen.

Getrennt wird in der Regel mit einem Schiessbolzengerät. Als Munition dienen ein Stahl- oder Holzbolzen oder auch Wasser, Öl, Sand, Kieselsteine. Durch die Geschwindigkeit von 280 Metern pro Sekunde wird die Sprengfalle zerrissen und der Zünder vom Sprengstoff getrennt, bevor er reagieren kann. Zwar liegt auch dessen Zündgeschwindigkeit im Millisekundenbereich, aber die Munition aus dem Schiessbolzengerät hat einen kleinen Zeitvorsprung. Die Bombe wird im Überraschungsangriff erledigt.

Da bei dieser Plastictüte jedoch nicht klar war, wohin genau man hätte zielen müssen, musste man die Bombe «gezielt kommen lassen». Zu diesem Zweck erhielt Teo den Auftrag, obendrauf eine verkabelte Sprengkapsel zu legen. Danach schleifte er Sandsäcke zum Objekt und baute sie rundherum auf, um Hitze- und Druckwelle zu minimieren. Als Teo wieder in Sicherheit war, schloss Hiemer am Kontrollpunkt das Kabel an die Zündmaschine an und zündete. «Die spannende Frage ist dann immer: War sie scharf oder nicht?» Sie war scharf. Es gab einen Knall und dann eine Art Sandsturm, und als die Luft wieder klar wurde, lagen da keine Sandsäcke mehr. In der Umgebung waren ein paar Scheiben zu Bruch gegangen, insgesamt entstand ein Schaden von 250 Euro, die Menschen konnten in ihre Häuser zurückkehren. Ein Routinefall.

Markus Hiemer ist gross und kräftig. Ein ruhiger Mann. Kampfmittelbeseitiger, das hat eine Untersuchung der Polizei gezeigt, haben in Stresssituationen einen weit niedrigeren Puls als gewöhnliche Menschen, und wer Hiemer erlebt, glaubt das sofort. «Todesangst?» Er überlegt. «Ehrlich gesagt, die kenne ich nicht.» Nach einer Weile fügt er hinzu: «Der Tod ist natürlich ein Thema, schon weil ich mich formal vor jedem Einsatz mit ihm auseinandersetzen muss: Testament schreiben, finanzielle Absicherung meiner Frau und der vier Kinder, solche Sachen.» Doch sein Leben sei nicht wie das von James Bond. «Von wegen in der allerletzten Sekunde den roten Draht mit der Zange durch knipsen. Das ist Unsinn.» Überhaupt komme es kaum noch vor, dass Kampfmittelbeseitiger selbst Hand anlegten.

Ein Ausnahmefall wäre eine menschliche Bombe: wenn Terroristen eine Geisel mit einer Bombe verdrahten. «Da kannst du nicht mal im Schutzanzug hingehen», sagt Hiemer, «weil dein Anblick die Geisel in Panik versetzen und veranlassen könnte, sich zu bewegen.» Der Splitterschutzanzug, genannt 7 B, polstert seinen Träger und verleiht ihm mit dem rückwärtig am Helm wippenden Rüssel, der die Panzerplexiglasscheibe belüftet, und dem Stahlvisier mit den sternförmigen Sehschlitzen ein martialisches Aussehen. «Wenn ich mich darin der Geisel nähere, gebe ich zu verstehen: Ich versuche dir zwar zu helfen, aber ich glaub nicht dran.» In Südamerika seien solche Fälle vorgekommen. Hiemer hat so etwas Gott sei Dank noch nie erlebt.

Der Anzug allerdings kommt oft zum Einsatz. Grundsätzlich, wenn geröntgt werden muss. Und wenn Teo sich dem Objekt nicht nähern kann wie einmal in Afghanistan. Da lag eine Rakete in einer Regenrinne, und Hiemer musste aufs Dach. Er wollte sie mit einem Seilzug auf den Erdboden befördern, wo man sie hätte entschärfen können. Dazu musste er Haken, Ösen und Seil an der Rakete befestigen – bäuchlings in seinem Anzug auf dem Flachdach liegend, die Sonne brannte bei 36 Grad. Allein das Hochhalten des Kopfes ist im 40 Kilo schweren 7 B ein Kraftakt. Als Hiemer unten war, erschöpft und klatschnass, und den Seilzug vorbereitete, erschien plötzlich ein Einheimischer auf dem Dach. «Der sagt: ‹Kein Problem›, nimmt das Ding und schmeisst es runter», erzählt Hiemer. In solchen Momenten müsse er schon sehr an sich halten. Aber Erfahrungen dieser Art machten sie immer wieder. Nach 23 Jahren Krieg hätten die Menschen in Afghanistan ein respektloses Verhältnis zu Waffen und Munition.

Schrott und Blindgänger liegen überall im Land herum, ihre Beseitigung machte den Löwenanteil von Hiemers Job aus. «Wenn du dein Handwerk sorgfältig ausübst, ist das Risiko kaum grösser als im Strassenverkehr.» Für Granaten, Geschosse, Streubomben und Minen gibt es Standardverfahren der Beseitigung, die Bausteine sind bekannt.

In der Munitionshalle in der Kaserne auf der Schwäbischen Alb steht eine 500-Kilo-Bombe zur Demonstration. Markus Hiemer stützt sich mit dem Ellenbogen auf das mannshohe Ding wie auf die Schulter eines guten Freundes und strahlt. «Das macht so richtig Spass, weil man alle Verfahren einsetzen und genau aufeinander abstimmen muss.» Überhaupt wolle er keinen anderen Beruf. Der Einsatz in Afghanistan habe ihm das wieder klargemacht. «Da geht es täglich um Existentielles.»

Über seinem Schreibtisch hängt ein Foto von einem afghanischen Jungen, der lachend rückwärts auf einem Esel sitzt. «Zu meiner ältesten Tochter habe ich gesagt: ‹Guck mal, da fahr ich hin und räum den Mist weg, damit die wieder spielen können.›»

Anja Jardine ist freie Journalistin; sie lebt in Bremen.




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