ZU DEN DRÄNGENDSTEN Problemen der Gegenwart gehört die Infragestellung der Reduktion göttlicher Kundgaben allein auf das Wort. So muss man es jedenfalls befürchten, wenn man den Begleittext zum gemeinsamen Gesangbuch der katholischen und der reformierten Kirche liest, das seit November in der Deutschschweiz angeboten wird. «Stellt die Tatsache», fragt der Autor, «dass es Musik gibt», fährt er fort (und bis hierher können wir ihm folgen, aber nun kommt es:) «die Reduktion göttlicher Kundgaben allein auf das Wort nicht in Frage?» Bewundernswert, wie Stil und Sprachniveau von Kirchenliedern hier getroffen sind! Wir ahnen die Antwort. «Gott spricht nicht im Wort allein», hatte der Autor sagen wollen.
Da sollten wir uns erholen in der evangelischen Familienzeitschrift «Leben & Glauben» aus Baden im Aargau. Sie lässt einen Theologen und eine Erwachsenenbildnerin vier Seiten lang über das Thema «Kirche und Alte» diskutieren - und da wird sie doch wiederzuerkennen sein, die schlichte Sprache von Kirchenlied und Bibel? Welcher Wechsel zum Beispiel ist in der Praxis noch nicht vollzogen worden? «Der entscheidende Paradigmawechsel von einer Defizitorientierung zu einer Ressourcenorientierung.» Ja, so sprechen sie in der evangelischen Familie, die Alten zumal, und der Paradigmawechsel steht wie ein Ofen in der Stube, zum Ankuscheln.
Auch die Defizitorientierung muss den Gesprächspartnern als fliegender Bote zu den Herzen der Leser erschienen sein, denn dreimal kommt sie vor, beim viertenmal abgewandelt zu der Forderung, man solle ältere Leute «nicht defizitorientiert betrachten». Schande über uns! Hatten wir nicht eben dies bisher getan? Die Altersarbeit hatten wir «zu wenig reflektiert», das wird es sein. «Reflektieren wir!» rufen die Partner einander zu. Nur in der Fürbitte komme die Not der Alten vor, «nicht in der theologisch-sozialethischen Reflexion über eine Bevölkerungsgruppe, derentwegen es einiges zu reflektieren gäbe».
Leute, ihr habt ja so recht, dass man mit dem Nicken gar nicht nachkommt. Nachdenken also, wie der Duden das Reflektieren übersetzt - wunderbar! Wer wollte das nicht? Und zur Krönung fordert ihr, die Kirche müsse «die älteren Leute vermehrt auf ihre Agenda setzen». Da grübeln auch wir: Sitzen sie nicht schon lange auf derselben, und zwar ganz wohlgemut, einem Wechsel so wenig zugeneigt wie bei den Paradigmata, die wir doch dauernd wechseln sollen wie angeschmutzte Hemden?
So also schreibt man für Gesangbücher und evangelische Familien. Dies also haben Psalmisten und Evangelisten versäumt und damit bekanntlich alle Chancen ihrer Religion verspielt. «Der Herr ist mein Hirte», schrieben sie, «mir wird nichts mangeln» (Psalm 23, 1) - besser natürlich: «Das sollte mich zur Ressourcenorientiertheit ermutigen.» Und dann: «Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan» (Matthäus 7, 7). Kein Wort mehr: Das ist genau die Sprache, mit der Luther vor aller Welt gescheitert ist.
Wie kommen sie zu ihrem Imponierjargon, die Theologen, die Pädagogen, die Erklärer von Kirchenliedern? Sie haben das eine gelernt und das andere dabei vergessen. Gelernt haben sie, einen Wortschatz einzuüben, der zu einem Teil gewiss nützlich und horizonterweiternd ist - zum anderen Teil aber eine blosse Investition: Da dieselben Professoren, die ihnen dieses Vokabular aufgenötigt haben, ihnen auch die Noten und die Diplome geben, muss man ihrer Erwartung wohl entsprechen.
Vergessen haben sie, sogleich nach dem Examen darüber nachzudenken, wie sie nun verfahren sollen mit solchem Wortgepränge. Es putzen, natürlich - falls sie nämlich ihrerseits eine Professur anstreben. Vielleicht auch sich dort in ihm sonnen, wo es geeignet ist, die Dürftigkeit einer Aussage mit pompösen Begriffen zu kaschieren, in der Politik zum Beispiel oder im Marketing: «Die Erarbeitung eines Gestaltungskonzepts steht im Spannungsfeld dreier Themenkreise» oder «Der Quantensprung des innovativen Herstellerpotentials ist durch Basisarbeit zu begleiten».
Wie aber, wenn man zu Bürgern, Wählern, Kunden spricht oder gar zu Leuten, die einfach singen, beten oder in ihren kleinen Sorgen ernst genommen werden wollen? Welcher Teufel reitet die Autoren, welcher Beelzebub hat ihnen die Augen verschlossen und die Ohren verstopft, dass sie auch solchen Menschen gegenüber in ihrem Jargon verharren? Die meisten derer, zu denen sie doch reden wollen, verstehen sie nicht, und unter der Minderheit derer, die sie verstehen, überwiegt das Urteil: welche Hochnäsigkeit, welcher Mangel an Selbstkritik, an Stilgefühl, an Kraft!
Da loben wir uns Björn Engholm, ehemaliger Vorsitzender der SPD. Vor dem zweiten Untersuchungsausschuss in der Barschel-Affäre hatte er sich für eine bestimmte Unterlassung damit entschuldigt, dass er sich «in einer existentiellen Grenzsituation» befunden habe. Auf Nachfrage räumte er ein: «Na ja, ich war voll.» Aber da sieht man, wohin man kommt mit klarem Deutsch: Kurz danach wurde Engholm schmählich gestürzt. Wegen seiner Verstrickung in die Barschel-Affäre, hiess es. Voll daneben! Die Sprache war's.