NZZ Folio 11/05 - Thema: Schweizer Qualität   Inhaltsverzeichnis

Schweizer Macher

Schraubenzieher, Kopftücher, Drahtseile, Banknotenfarben, Vorhangschienen, Teefilter, Espressomaschinen: Nischenplayer mit weltweitem Erfolg.

Von Andreas Heller

Ascolite, Zürich. Hat sich des Problems angenommen, dass Knöpfe an Mänteln, Jacken und Hemden oft schlecht angenäht sind und, kaum ist das Kleidungsstück gekauft, abfallen. Die Lösung: eine spezielle Umwicklung des Knopfstiels, die thermisch fixiert wird. Dazu entwickelte die Firma Geräte, die das schon zu Grossmutters Zeiten bekannte «Hälseln» des Knopfstiels imitieren, und einen Elastanfaden, der sich verschweissen lässt. Unzählige Mode- und Bekleidungshersteller verwenden das vor zehn Jahren eingeführte System, zum Beispiel Strellson, Akris, Gerry Weber, Burberry, van Laak, GAP.

Cilander, Herisau. Textilien, die Schmutz und Wasser abweisen, Feuchtigkeit nach aussen abtransportieren oder Gerüche neutralisieren, sind das klassische Geschäft des Appenzeller Textilveredelungsbetriebs. Eine weitere Spezialität sind arabische Kopftücher (Gutras und Yashmaghs) aus hochwertigem Baumwoll-Voile. In Herisau werden die in der Schweiz, Tschechien oder Indien gewobenen Stoffe gesengt, geglänzt, gebleicht und anschliessend vertrieben. Zu den Kunden gehören Königsfamilien sowie exklusive Warenhäuser und Boutiquen im Mittleren Osten.

Closomat, Embrach. Getrieben vom Willen, einen Beitrag zur Verbesserung der Hygiene zu leisten, pröbelte der Maschinenzeichner Hans Maurer zuerst mit Gartenschläuchen und Haartrocknern; 1957 entwickelte er schliesslich das erste WC mit integrierter Dusche. Die Erfindung legte den Grundstein für die Firma Closomat, heute europaweit ein führender Anbieter von Dusch-WCs.

Elfo, Sachseln. Produziert unter anderem Tee- und Kaffeefilter aus einer mit 23 Karat Gold beschichteten und galvanisierten Metallfolie. Für Tee- und Filterkaffeeliebhaber in aller Welt sind die unter der Marke «Swissgold» verkauften Filter das Nonplusultra. Die Öffnungen der Membran sind so klein und fein, dass selbst bei feinstem Roibusch-Tee keine Partikeln in den Krug oder in die Tasse gelangen. Ausserdem sind die Filter pflegeleicht und abwaschmaschinentauglich. Exportanteil: 98 Prozent.

Fast Video Security, Hünenberg. Sorgte dafür, dass Mohamed Atta und der London-Attentäter Hasib Hussein identifiziert werden konnten. Die Firma stellt digitale Videoaufzeichnungs- und Überwachungsgeräte her und hat sich auf die Objekterkennung sowie auf die Analyse zurückliegender Vorgänge spezialisiert. Ihre Technologie kommt vor allem im Ausland zum Einsatz, auf Flughäfen, in Bahnhöfen und auf Formel-1-Rennstrecken.

Fatzer, Romanshorn. Produziert die stärksten Drahtseile der Welt. Der Flughafen-Shuttle von Toronto, die Tiroler Zugspitzenbahn, die Pendelbahn auf den Kapstadter Tafelberg sind damit ebenso ausgerüstet wie viele Schweizer Schwebebahnen. 60 Prozent der in Romanshorn gefertigten, bis zu 115 Millimeter dicken Seile gehen ins Ausland.

Haag-Streit, Köniz. Als feinmechanische Werkstatt bereits 1958 gegründet, ist Haag-Streit heute der weltweit führende Hersteller von Diagnosegeräten für Augenärzte, Optometristen und Optiker. Wenn festgestellt werden soll, weshalb man nicht mehr so gut sieht, kommt fast immer ein Gerät der Berner Firma zum Einsatz: Applanationstonometer, Spaltlampen, Ophthalmometer, Hornhaut-Topographiemessgeräte. Das Unternehmen beschäftigt am Hauptsitz rund 240 Mitarbeiter, weltweit über 800.

Jura, Niederbuchsiten. Die einstige Erfinderin des Dampfbügeleisens ist heute die Nummer eins der Hersteller von Kaffeevollautomaten im Premium-Segment. Während der Heimmarkt ziemlich gesättigt ist, läuft das Auslandgeschäft auf Hochtouren, der Exportanteil beträgt mittlerweile über 80 Prozent. Grösster Absatzmarkt ist Deutschland, wo das Flaggschiff Z 5 zum Prestigeobjekt für den gestylten Haushalt geworden ist. Ein Renner in den USA ist die goldene Jura für 4000 Dollar. Auch Clint Eastwood und Elton John haben eine.

Lantal, Langenthal. Seit rund 50 Jahren fabriziert die Lantal Textiles Stoffe für Flugzeugsitze und Teppiche für die Airline-Branche. Zum Kundennetz des Marktleaders gehören gekrönte Häupter, die ihre Privatjets mit den edlen Geweben ausstaffieren lassen, und rund 250 Fluggesellschaften. Im Airbus A 380 werden die Passagiere ebenfalls auf Lantal-Stoffen sitzen. Und vielleicht bald auch auf Luftkissen, die sich nach individuellen Wünschen aufpumpen lassen – dem jüngsten Projekt der innovativen Langenthaler.

Maxon Motor, Sachseln. Hersteller von Gleichstrommotoren und -motörchen, die nicht nur auf der ganzen Welt in Insulinpumpen, Robotern und Überwachungssystemen zum Einsatz kommen, sondern auch auf dem Planeten Mars. Nachdem das Obwaldner Hightechunternehmen bereits 1997 die Antriebsmotoren für das Marsmobil «Sojourner» geliefert hatte, stattete es 2004 auch die Mars-Rover «Spirit» und «Opportunity» aus. Bei beiden Fahrzeugen stammen jeweils 39 der 43 Motoren aus dem Hause Maxon, dem grössten Arbeitgeber im Kanton Obwalden. Angesichts der extremen Temperaturwechsel von bis zu 145 Grad Celsius war eine Lebensdauer der Motoren von drei Monaten erwartet worden. Doch sie laufen und laufen.

Nüssli, Hüttwilen. Wo immer sportliche oder kulturelle Grossanlässe anstehen, sind Teams des Thurgauer Messe- und Tribünenbauers im Einsatz. Für die Olympischen Sommerspiele in Athen lieferte das einst als Zimmereibetrieb gegründete Unternehmen elf temporäre Stadien mit 42 000 Sitzplätzen, es errichtete die temporären Infrastrukturen für das Jugendtreffen mit dem Papstbesuch 2004 und an Welt- und Landesausstellungen unzählige Pavillons, Bühnen und Tribünen. Die 200 festangestellten Mitarbeiter produzieren und montieren Bauten vor Ort und sind weltbekannt für ihre Effizienz und Schnelligkeit.

Oblamatik, Chur. Entwickelte eine neuartige Sensortechnologie für Waschbecken, dank der sich der Wasserstrahl und die Wassertemperatur ohne Einsatz von Infrarot berührungslos oder durch leichtes Antippen der Armatur regeln lassen. Kunden der Oblamatik sind Grohe oder Villeroy & Boch und weitere Firmen in den USA und in Japan. Exportanteil des jungen Kleinbetriebs: 100 Prozent.

Prionics, Schlieren. Ein Spin-off der Universität Zürich. Entwickelte den ersten BSE-Schnelltest weiter und gilt als führendes Kompetenzzentrum für Prionenerkrankungen. Ein Börsengang ist geplant.

PB Baumann, Wasen bei Sumiswald. Jeder Handwerker und jeder Bastler kennt sie: die Schraubenzieher mit dem durchsichtigen roten Griff. Die Werkzeuge von PB Baumann gelten als Muster helvetischer Wertarbeit. Über die Hälfte der im Emmental hergestellten Werkzeuge – Schraubenzieher, Hämmer, Meissel, Körner, Splintentreiber, Ahlen, Inbusschlüssel – werden im Ausland abgesetzt, der Marktanteil in der Schweiz beträgt 95 Prozent. Um neue Marktsegmente zu erschliessen, ist soeben eine bunte Werkzeuglinie für Frauen lanciert worden.

Sicpa, Prilly. «Société industrielle et commerciale de produits pour l’agriculture» hiess das Unternehmen bei der Gründung 1927, und das wichtigste Produkt war Melkfett. Vor über 30 Jahren hat das Waadtländer Unternehmen jedoch ganz auf die Produktion von Druckfarben umgestellt – Sicherheitsfarben für Banknoten. Heute sind mehr als 80 Prozent der weltweiten Währungen mit Sicpa-Tinte bedruckt. Die Spezialität des äusserst verschwiegenen und von der Familie Amon kontrollierten Betriebs sind ausgeklügelte molekulare Spezifikationen der Farbe, dank denen die Noten identifiziert und Fälschungen nachgewiesen werden können. Sicpa beschäftigt weltweit in vierzig Fabriken rund 3800 Angestellte.

Silent Gliss, Gümligen. Erfinder der leisesten Gardinenschienen und heute der führende Anbieter im qualitativ hochstehenden Segment von Vorhang- und Beschattungssystemen für Büros, Privathäuser und Nobelhotels wie das «Burj al-Arab» in Dubai. Über 800 Mitarbeiter sind für den Familienbetrieb in 16 Tochtergesellschaften und Joint Ventures tätig, geforscht und entwickelt wird ausschliesslich am Hauptsitz in der Schweiz.

Schurter, Luzern. Hersteller von Elektronikprodukten für Handys oder Computer. Bei den Gerätesteckern ist das Luzerner Unternehmen, das am Hauptsitz 330 Mitarbeiter beschäftigt, Weltmarktführer: zu den Kunden zählen IBM, Nokia und Hewlett-Packard; bei den Eingabesystemen – beispielsweise vandalensicheren Tastaturen bei Bancomaten – nimmt Schurter in Europa eine Vorreiterrolle ein.

Thermoplan, Weggis. Was Jura für den Privathaushalt, ist Thermoplan für die Gastronomie. Die Innerschweizer Firma stellt professionelle Espressovollautomaten her, die vor allem im Ausland abgesetzt werden. Hauptabnehmer ist Starbucks mit seinen 9000 Betrieben, der seinen Kaffee seit 1999 auschliesslich in Thermoplan-Maschinen braut. Insgesamt werden rund 70 Prozent der professionellen Espressovollautomaten auf der ganzen Welt von Schweizer Firmen hergestellt. Ein anderer wichtiger Anbieter in diesem Segment ist Schaerer in Moosseedorf.

Andreas Heller ist NZZ-Folio-Redaktor.




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