AM 12. DEZEMBER 1924 bemerkte Bruno Bloch, Professor für Dermatologie in Zürich, an seinem rechten Vorderarm die ersten Anzeichen einer Entzündung. Zwei Tage später notierte er «heftigen, krisenartigen Juckreiz (besonders am Abend), zahlreiche Knötchen und Bläschen», nach weiteren 24 Stunden «Stelle nässt diffus» und am 17. Dezember «Juckreiz quälend, im Schlafe intensives Kratzen». Erst am Weihnachtstag vermeldet das Protokoll eine «allmähliche Rückbildung unter starker Krusten- und Schuppenbildung».
Bruno Bloch freute sich über die Reaktion seines Körpers. Einige Tage zuvor hatte er intensiven Kontakt mit Becherprimeln gesucht. Jetzt trug er gewissermassen den Beweis für die umstrittene These am Arm, dass Ekzeme auch durch äusserlichen Kontakt mit allergenen Substanzen entstehen können. Das Resultat seines Selbstversuchs liess er von der Moulageuse der Dermatologischen Universitätsklinik festhalten. Heute hängt Professor Bruno Blochs Vorderarm in der Moulagensammlung des Universitätsspitals und der Universität Zürich, auf ein schwarzes Brett montiert und mit einem weissen Tuch umrandet, als Moulage.
Moulagen nennt man naturgetreue Wachsmodelle von krankhaft veränderten Körperpartien, ihre Herstellung ist vielleicht eine Kunst, auf jeden Fall ein seltenes, schwieriges Handwerk: Die Moulageuse nahm einen Gipsabdruck von Bruno Blochs Vorderarm, den sie anschliessend mit einer Wachsmischung ausgoss. Dann bemalte sie diese Kopie im Anblick von Blochs Ekzem. Mit vier Farben (Blau, Gelb, Rot, Braun) erzielte sie einen erstaunlichen Grad von Echtheit. Zur Nachbildung von Schuppen, Krusten, Blasen, Glanz und Feuchtigkeit setzte sie Leime, Harze, Lacke, Glas- und Metallteilchen ein. Wäre das Ekzem in Blochs Gesicht entstanden, hätte sie in ihrer Sammlung von Kopf- und Tierhaaren nach dem geeigneten Material gesucht, um Brauen und Wimpern nachzuahmen.
«Moulagen haben auch heute noch einen didaktischen Wert», sagt Michael Geiges, Dermatologe und seit eineinhalb Jahren Konservator der Zürcher Moulagensammlung. «Sie sind dreidimensional, die Farben stimmen genauer als auf einem Foto in einem medizinischen Lehrbuch, und sie zu sehen ist ein eindrücklicheres Erlebnis.»
Allerdings. Die braun gemaserte, fussballgrosse Geschwulst am Gesäss eines Mannes mit Recklinghausen'scher Krankheit, die starkstromverstümmelte und -angekohlte Hand eines Elektrikerlehrlings, die pilzbefallenen Köpfe, der Säugling, dessen Haut sich von Kopf bis Fuss in mehreren Schichten abschält, die syphilitischen Genitalien, die blutunterlaufenen Furunkel, eitrigen Karzinome, schwarzen Melanome, in die Tiefe wachsenden Basaliome - all das prägt sich tief in die Erinnerung ein.
Ein Kribbeln in der Magengegend muss man in der Moulagensammlung also aushalten. Hartnäckig meldet die Nase einen leichten Leichengeruch, obwohl das Hirn weiss, dass die Präparate aus Wachs sind. Auch die schiere Menge macht einem zu schaffen. 600 Moulagen sind in 58 Vitrinen ausgestellt. 700 weitere ruhen im Lager.
Die entstellten Körperteile häufen sich nicht in anatomischer Richtigkeit, sondern nach Krankheiten: Hier eine Augenpartie, eine Brust, eine Schulter und zwei Hände und eine Nase mit Hautkrebs, da zwei Hälse, drei Gesichter, ein Arm und ein Finger mit einer Tropenkrankheit. Schriftliche Erklärungen in Museen liest man ja meistens nur flüchtig. Nicht so hier: Dankbar ruhen sich die Augen auf den gelegentlichen Texten zwischen den Moulagen aus.
Grosse Moulagensammlungen gibt es noch in Paris und Wien, doch die Zürcher Kollektion ist wegen ihres guten Zustandes einzigartig. «Das ist das Verdienst von Elsbeth Stoiber, der letzten Moulageuse der Dermatologischen Klinik Zürich», sagt Geiges. Sie hat in den siebziger Jahren, als das Interesse an Moulagen vorübergehend schwand, nicht nur den Auftrag ignoriert, die ganze Sammlung einzuschmelzen, sie hat auch zahlreiche Stücke restauriert.
1998 wurde Michael Geiges von ihr in die Kunst des Moulagierens eingeweiht, worauf er ein Jahr lang geübt und seine ganze Familie moulagiert hat. Gelegentlich will er nun die Moulagensammlung erweitern, denn es entstehen ja auch heute noch neue Krankheitsbilder, zum Beispiel im Zusammenhang mit Aids. Auch die anfallenden Restaurationsarbeiten führt jetzt Geiges aus. Doch Moulagen erhalten sich extrem gut, wenn man sie richtig aufbewahrt. «Nach Jahrzehnten lohnt es sich, das Rot ein wenig aufzufrischen, das ist alles.»
Warum stellt man so etwas überhaupt aus? Da gibt es viele Gründe. «Wer Dermatologie studiert, sieht hier sehr genau, was ihn in der Klinik erwartet», sagt Geiges. Manche Moulagen seien wertvoll, weil sie ausgerottete oder seltene Krankheiten zeigen, andere dokumentieren eine Epoche der Medizingeschichte. «Professor Blochs Arm zum Beispiel steht für eine Zeit, als Selbstversuche noch üblich waren. Heute sind sie verpönt.»
Die Moulagensammlung erzählt medizinhistorische Heldengeschichten, sie illustriert aber auch Sackgassen, und zwar in aller Deutlichkeit, wie etwa die 1908 von Professor W. Rindfleisch empfohlene Spiralschnittmethode zur Behandlung von Krampfadern. Die Moulagen zeigen nicht nur die Operationsnarben, die sich spiralförmig die Wade hinabziehen, sondern auch die Spätfolgen der Behandlung: dunkelbraunes Gewebe, offene Beine.
«Moulagen von Geschlechtskrankheiten», erzählt Geiges, «wurden früher der breiten Bevölkerung gezeigt, wegen der abschreckenden Wirkung, wie es hiess.» Diese Schauen waren gut besucht, besonders wenn das Plakat mit dem Hinweis «Nur für Erwachsene» warb. Heute lockt man mit wächsernen Genitalien niemanden mehr ins Museum. Aber kranke und verletzte Körper wecken immer noch die Schaulust. «Das gehört dazu und ist legitim», sagt Geiges. «Im Tram muss man wegschauen, hier nicht.»
So kommt man als Laie aus Neugierde in die Ausstellung, bewegt sich mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu hindurch und verlässt sie zuletzt erleichtert, mit einem starken Gefühl für die eigene Gesundheit (die man sonst ja nur bemerkt, wenn sie fehlt) und mit einer dunklen Ahnung, was dem Körper alles widerfahren kann.