Wo wir gehen und stehen, sind wir von Piktogrammen umgeben. Sie sagen uns, wo wir Geld wechseln, den Koffer einstellen, nach dem verlorenen Schirm fragen können, sie zeigen uns den Weg zum WC und zum Notausgang (wobei dessen Emblem, das rennende Männchen, eigentlich besser zum WC passen würde), sie bringen uns zum Lift, in den Ruhewagen und um die Raucherecke herum: Die Sprache der Bilder ist die Lingua franca der modernen Welt.
Neuerdings aber breiten sich die Icons, wie sie nun gern heissen, auch in den Gazetten wieder aus und erobern die Domäne des geschriebenen Wortes zurück. In einer Übersicht des aktuellen Kinoprogramms etwa werden die Filme nicht nur anhand einer Punkteskala bewertet, sondern mit nicht weniger als 32 verschiedenen Bildsymbolen charakterisiert. Ein Blitz bedeutet Action, eine Lupe Krimi, eine Kamera mit Schwarzweissrolle und Stativ Klassiker. Natürlich steht das lachende Gesicht für Komödie und sein Zwänzgabachti-Pendant für Drama (verstanden als «ernste Sache»). Kaktus ist gleich Western, Mickymaus gleich Trickfilm. Die Maus besteht übrigens nur aus drei Kreisen. Der grosse leere ist der Kopf, die kleinen ausgemalten sind die Ohren. Minimal Art, und jeder versteht's. Abenteuerlich wird es da, wo ein stilisierter Ching-Chang-Chinaman mit Strohhut für Asien steht, ein Schild mit gekreuzten Lanzen für Afrika. Tanga und Ballonbusen weisen natürlich auf Sex; Brille, Mütze und Pfeife auf den Intellektuellen: So geht es fast endlos fort. 32 Wörter fänden wir wenig, 32 Bildchen finden wir viel. Putzig ist, dass ein einzelnes Mannsgöggelein mit Herz auf einen von der Kritik gepriesenen Film verweist, sechs Mannsgöggelein mit Herz dagegen auf einen Publikumsliebling: Kulturkritik ist ein einsames Geschäft.
Aber helfen uns die Piktogramme, wenn wir sie uns einmal gemerkt haben, wirklich weiter? Was wissen wir über «Everybody Famous» dank den Icons für Komödie und Europa, was über Emir Kusturicas furiose musikalische Dokumentation seines «No Smoking Orchestra» dank den Symbolen für Drama und Liebe? So gut wie nichts. Nun mögen Redaktoren eine mehr oder weniger glückliche Hand beim Griff in die Icons-Kiste haben. Doch das Problem liegt tiefer.
Die Piktogramme atomisieren die Sprache. An die Stelle des Lebens und Webens der Wörter setzen sie Bauklötze. Sie kleben Etiketten auf etwas, das fliesst. Drama. Horror. Asien. So einfach wird nun alles. Demgegenüber bewegen sich schon schlichte verbale Gattungsbegriffe wie Verwechslungskomödie, Politthriller, Kostümfilm, die man auch nicht langsamer liest als ein Bildchen, auf einem ganz anderen Argumentationsniveau, zu schweigen von so hübschen Wendungen wie «Horse Opera» für Western.
Es war ein weiter Weg von den Piktogrammen der Steinzeit bis zu den schimmernden Nuancen von Proust und Joyce. Auf dem Weg zurück gibt es offenbar mancherlei Abkürzungen.