Was machen zwei Zürcherinnen am Samstagabend bloss in Olten? Vier ungläubige Augen schauen uns an, als ob eben zwei westafrikanische Stumpfkrokodile aus der Aare gestiegen wären und sich höflich erkundigten, wo man hier so richtig abtanzen könne. Leider haben die beiden Jungs keine Ahnung, wo heute die grosse Party steigt, denn sie sind auch nicht von hier. Sie kommen aus Liestal und aus Bern und treffen sich gut schweizerisch in der Mitte, in Olten, genau gesagt in der Kino-Bar «Magazin». Gerne würden sie mit uns ziehen, aber nein danke. Wir haben schon in Zürich die Clique abgewimmelt, die geahnt hat, dass diese Nacht in Olten eine lustige Nacht werden würde, und jetzt wohl neidisch im «Acapulco» hockt.
Der Abend begann vielversprechend. Auf dem Weg vom Bahnhof zur Altstadt liessen wir das Blaskonzert des Jugendorchesters rechts liegen, folgten den akustischen Fetzen eines inbrünstigen «Bella ciao, bella ciao, bella ciao ciao ciao» und standen um halb elf vor dem «Löwen»: Bierverzückte Männerstimmen schallten aus dem Gasthaus, hinter den halbdurchsichtigen Vorhängen hob der Wirt die Humpen hoch über die Köpfe. Dieser Vorsprung im Alkoholpegel war nicht mehr aufzuholen, so dass wir uns zur Altstadt hinaus zum «Magazin» treiben liessen, wo wir gerade rechtzeitig kamen zu einer Tanzeinlage. Ein Polterabend in Skimontur und mit Töffhelmen hievte schwitzend den Glücklichen auf die Bühne, und nachdem die Ski entknotet waren, ging es los: «Dance the Warm-up», ein paar Frauen gingen mit in die Hocke und brachten das Pisten-Aufwärmtraining in Schwung. «Geil!», jauchzte meine Begleiterin, «das lief früher immer am Skilift.»
Neben dem «Magazin» müsse man unbedingt in die «Bodega», hat man uns gesagt, und ins «Nagy’s», aber um Gottes willen nicht in die «Bar 97» (die man aber auch gar nicht von allein findet), zum Tanzen ins «Terminus» oder ins «Metro», das aber zu ist heute. Den «Vario Club», der zuletzt unser Liebling wurde, haben wir dann eher zufällig noch entdeckt.
Was die alle am «Nagy’s» finden, ist uns ein Rätsel: Fast wären wir dran vorbeigegangen, an den Schaufenstern des kleinen Lokals, das von weitem wie eine deutsche Eisdiele aussieht. Wie wir ins Untergeschoss steigen, lungern ein paar Verstreute zwischen den paar Tischchen und der Theke herum, die harte Partymusik macht den Ort nicht besser, mittendrin ein verzweifelter Hund, der sich die Ohren nicht zuhalten kann. Dafür drehen sich alle Köpfe zu den Neuankömmlingen, denn in Olten kennt man sich, man weiss, welche Leute man in welcher Bar treffen wird. Uns kennt man nicht. Wir flüchten in die «Bodega».
Die «Bodega» ist mit Keramikplättchen verziert (gemäss einer Plakette eine der «hundert schönsten Bars»), gemütlich und fast leer. Der Barmann kann es auch nicht erklären: «Manchmal ist es total voll, dann wieder fast leer. Es ist unberechenbar hier.» Vielleicht liegt es heute am Baregg-Einweihungsfest, das die ganze Region temporär entvölkert. Dafür ist der Wein gut und das Bier auch, aber am meisten freue ich mich über die spanischen Fischchen, die boquerones .
Kurz nach Mitternacht, kurz bevor die Stühle hochgestellt werden, gehen wir, vorbei am «Nagy’s», wo unterdessen der Polterabend eingetrudelt ist, vorbei am «Löwen», wo die Fenster jetzt dunkel sind, bis zum «Nirvana», der orientalisch verkleideten Lounge beim «Terminus». Dort werden exotische Häppchen mit starkem europäischem Einschlag serviert, denn man darf den Schweizer nicht verwirren, sagt Kayhan Sabo, der Boss. Im «Terminus» ist «Saturday Nite Fever» angesagt, Siebziger-, Achtziger-Musik, «Halli-Galli», wie Sabo es nennt. Ein Phänomen: Seit Jahren ist «Saturday Nite Fever» immer ausverkauft. Wie die Lounge sind auch die Leute gestylt hier, die Jungs in betont unauffälligen Hemden, die Mädels in knappen Oberteilen und engen Jeans. Sie saugen lässig an einer Wasserpfeife, unterbrochen von kurzen, aber heftigen Hustenanfällen, nach denen sie sich in die Kissen zurücksinken lassen.
Wir folgen dem Strom nackter Rücken nach hinten in den Club, und die Masse verschluckt uns. Wie wir auftauchen, sind wir sechzehn, voller Erwartungen an einem Schulabschlussfest, es ist «La boum», nur besser. Auf einer kleinen Bühne tanzen die Mutigen, zwei Typen ziehen eine Show ab, die sind süss. «Da, mein allererstes Lieblingslied!» Meins auch, schnell tanzen, schnell. Tropfende Leiber überall, ein Kaiserreich für ein rückenfreies Top, oder nein, für einen Bikini.
In der Ecke hockt einer im Polo-Shirt, der jetzt aufsteht und sich mittenhinein stellt, hin und her wankt, rechts ein Bier, links die Zigarette, ein Schluck, ein Zug, aus zwei Höhlen starren zwei Augäpfel, dann drückt sich der Leib an einen im YB-Trikot, sie wanken zu zweit. Auf der Bühne baggert eine im schwarzen Rock den einen Süssen heftig an, der darauf fluchtartig verschwindet. Schade eigentlich. In der Toilette wird ungeniert mit Haarbürste und Lippenstift hantiert, klimabedingte Verwüstungen werden notdürftig behoben, dazwischen ein verstohlener Spritzer Mundspray. Auf der Tanzfläche hat sich das Polo-Shirt unterdessen vom YB-Trikot gelöst, der schwarze Rock einen anderen gefunden, nicht so süss wie der Tänzer, dafür wehrt er sich nicht, wie sie, wir sehen es beide, ihm direkt zwischen die Beine greift.
Um drei spuckt uns das «Terminus», in dem die Sofas von selig Schlafenden okkupiert sind, wieder aus. Es regnet in Olten. Ein gutmeinender Kumpel im «Nirvana» hat uns dringend abgeraten vom «Vario Club», da sei garantiert nichts mehr los. Und mit einem verlegenen Lächeln hinzugefügt, da seien «mehr so die Alternativen». Das Taxi hält vor der Tür eines versteckten Industriegebäudes. Hier? Im Gang ist es schummrig und ganz still, eine Tür, dann weiter, vorbei an einer offenen Klotür, vorbei an einem Männerrücken, noch eine Tür, und wir sind drin. An den Wänden psychedelische lila-pink-farbene Kringel im Siebziger-Jahre-Stil, die Stehtische sind schwach leuchtende Riesenscheinwerfer, hinter der Bar, die ist chic, einer mit Kappe, einer mit rasierter Glatze, eine mit knallroten Haaren und eine mit «Trasher»-Schriftzug auf dem T-Shirt. Kein Birkenstock oder Jutesack weit und breit.
«Olten ist ein Dreckskaff», sagt Roman, der mit dem Käppi, und grinst. Er hat vor knapp einem Jahr zusammen mit Simone «Trasher» Meyer den Club in der alten Berna-Lastwagenfabrik eröffnet, weil es in Olten keinen Ort gab, wohin er ausgehen mochte. Im Hinterraum des «Vario Club» spielt man Tischfussball, im Saal tanzt noch einer versunken, und auf der kleinen Terrasse mit Aussicht auf die alten Industriegleise und Kohlespeicher gibt es die letzten afrikanischen Teigtaschen. Es ist spät, und hier ist tatsächlich nicht mehr viel los. Doch es ist auf eine absolut einladende Weise nichts los.
Nach vier Uhr ist die «Bar 97» unsere zweitletzte Hoffnung. Nach den diversen Beschreibungen erwarte ich da Folgendes: bärtige Männer mit Schnapsflaschen, einer klimpert auf der Gitarre, Drogenleichen, eine glitzernd-verruchte Unterwelt, in der Frauen als Sexsklavinnen verschleppt werden. Wir steigen die Treppe zur Aare hinunter, und da ist sie, die «Bar 97»: eine kleine, in die Unterführung gepresste Wabe, weinrot eingefasste Fenster, die bis auf die letzte Ritze mit dicken Vorhängen abgedichtet sind. Ein Imbiss-Café, vertrauensvoll gewöhnlich. Ein barmherziger Hafen, der heimatlose Schiffe aufnimmt, wenn sonst überall geschlossen ist. Ausser heute. Heute will Kurt früher Schluss machen, erscheint trotz dem «Feierabend»-Zettel aber an der Tür, wie ihn zwei krummbeinige Töfffahrer herausklingeln. He Kurt, was isch los? Sorry, ist nichts mehr los.
Es ist nass, unmaihaft kalt, und der erste Zug Richtung Zürich fährt um 5.21 Uhr. In 43 Minuten. Das Einzige, was uns jetzt fehlt, ist ein Kaffee mit Gipfeli.
Also auf in die SBB-Kantine im Bahnhof, die rund um die Uhr offen ist, wie wir gehört haben. Tja, Olten, der Eisenbahnknotenpunkt, die Stadt, die niemals schläft. In so einer kultigen Kantine würden wir sogar den ersten Zug sausen lassen und warten, bis es hell wird in Olten. Da ist sie, zwischen Gleis vier und Gleis sieben, die hier seltsamerweise aufeinanderfolgen, und heisst «Pendolino». Öffnungszeiten: Montag 3.15 bis Samstag 20 Uhr. Sonntagmorgen 5 Uhr liegt exakt in der wöchentlichen Lücke von einunddreissigeinviertel Stunden, während deren die Kantine geschlossen ist.