NZZ Folio 01/94 - Thema: Pleiten   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Nach fetten Jahren

Von Daniel Weber

Das eine sind die grossen Pleitiers: Oft schillernde Figuren, deren Karrieren nicht nur im Wirtschaftsteil der Zeitungen Schlagzeilen machen. Finanzgenies oder auch bloss -akrobaten, bewegen sie sich gern im Dunstkreis der Macht und sonnen sich im Glanz, der käuflich zu erwerben ist. Und wenn sie geschickt genug vorgehen, ist ihr Fall weich gepolstert.

Der legendäre Bernie Cornfeld beispielsweise, bei dem seinerzeit Werner K. Rey in die Lehre ging, hat unter dem Debakel seines Anlagefonds IOS nicht übermässig gelitten. Ein Schloss bei Genf und ein Haus in London nennt der Amerikaner, der 1979 gegen eine Kaution von fünf Millionen Franken freigelassen wurde, unter anderem sein eigen. Unlängst konnte man lesen, dass der inzwischen 66jährige wohlauf sei und mit dem Gedanken spiele, im grossen Stil ins Filmgeschäft einzusteigen.

Das andere sind die gewöhnlichen Pleiten: In der Schweiz, die in dieser Hinsicht auch im westeuropäischen Vergleich schlecht dasteht, gab es im vergangenen Jahr einen neuen Rekord. «Epidemische Ausmasse» haben die Konkurse laut Thomas Kast vom Schweizerischen Verband Creditreform angenommen. Die Zahlen dokumentieren eine in der Tat dramatische Entwicklung: 9 648 Konkurse wurden bis Ende November 1993 eröffnet, bis zum Jahresende, so wird geschätzt, sollen es 10 500 sein. Rund 6 000 davon sind Firmenkonkurse - fast doppelt so viele wie zwei Jahre zuvor. Und immer häufiger fallieren alteingesessene Unternehmen, deren Substanz in der Rezession aufgezehrt worden ist. Der betriebs- und volkswirtschaftliche Schaden, der aus dieser Pleitewelle erwächst, geht in die Milliarden.

Längst ist klargeworden, dass die desolate Lage nicht nur konjunkturelle, sondern strukturelle Gründe hat. Es liegt in der Logik des wirtschaftlichen Wettbewerbs, dass es Verlierer gibt; und aus genügender Distanz können Pleiten als Selbstreinigung des Systems betrachtet werden: sie zeigen falsche Wege auf und eröffnen neue. Aber die Flurbereinigung hat ihren Preis. Bezahlt wird er unter anderem von jenen, die ihre Arbeit verlieren. Wem ist es ein Trost, dass Pleiten eine kathartische Wirkung haben?




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