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NZZ Folio 06/09 - Thema: Am Schwarzen Meer Inhaltsverzeichnis
Das Experiment -- Das Rätsel der gähnenden Hunde
© BrandX/Jupiterimages
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| Hat nichts mit Müdigkeit zu tun: Hunde gähnen, wenn Menschen gähnen. |
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Kürzlich entdeckte der Autismusforscher Atsushi Senju eine ganz besondere Eigenart von Hunden: Sie lassen sich vom Gähnen der Menschen anstecken. Die Frage ist bloss: Warum?
Von Reto U. Schneider
Von allen Alltagsphänomenen dürfte das Gähnen den Wissenschaftern am meisten Rätsel aufgeben. Trotz so bemerkenswerten Studien wie «Gähnen und Verhaltensstadien bei Frühgeborenen» oder «Altersabhängige Veränderungen der serotonischen Modulation beim Gähnen von Ratten» wissen wir noch immer nicht, welchen Zweck es hat, den Mund reflexartig mit einem tiefen Atemzug weit zu öffnen und ihn dann – manchmal mit einem langen Ahhh – wieder zu schliessen. Alle paar Jahre tauchen neue Theorien auf, doch bisher wurde keine bewiesen und kaum eine widerlegt. Als gesichert gilt nur, dass Gähnen nicht, wie lange behauptet, durch Sauerstoffmangel ausgelöst wird. Leute mit weniger Sauerstoff im Blut gähnen nämlich nicht häufiger. Die neueste Idee lautet übrigens: Gähnen kühlt das Gehirn.
Zu den wenigen Gewissheiten über das Gähnen gehört, dass es ansteckend ist. Wenn in einer Runde einer zu gähnen beginnt, gähnen bald alle. Das brachte einige Wissenschafter auf die Idee, dem Gähnen eine soziale Funktion zuzuschreiben. Regelte das Gähnen früher den Schlaf-Wach-Rhythmus von Jägern und Sammlern? Oder führte es zu höherer Aufmerksamkeit der Gruppe? Ist das Gähnen für die Menschen, was das Heulen für die Wölfe ist: eine Art Vorbereitung auf die Jagd? Wenn das alles nach wilden Spekulationen klingt, dann aus dem einfachen Grund, weil sie es sind.
Eine dieser Spekulationen fand der Psychologe Atsushi Senju von der University of London besonders interessant: Gähnen könne seine ansteckende Wirkung nur entfalten, weil Menschen die Fähigkeit besässen, sich in andere zu versetzen und einzufühlen. Oder andersherum: Wer nicht mit der intuitiven Gewissheit lebt, andere Menschen seien Wesen mit Erwartungen und Meinungen, Gefühlen und Absichten wie er selbst, sollte gegen das ansteckende Gähnen immun sein.
Zu den wenigen Menschen, denen dieses Einfühlungsvermögen fehlt, gehören die Autisten. Es wird vermutet, dass ihre grossen Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen genau von dieser Gefühlsblindheit herrühren. Senju spielte also 49 Kindern, darunter 24 Autisten, Videobänder mit 6 gähnenden Gesichtern vor und beobachtete sie dabei. Und tatsächlich gähnten die Autisten dreimal weniger häufig als die anderen Kinder.
Nachdem Senju dieses Ergebnis 2007 veröffentlicht hatte, erhielt er ungewöhnliche Post: Hundebesitzer meldeten sich bei ihm und behaupteten, ihre Tiere liessen sich vom Gähnen eines Menschen anstecken. Das überraschte Senju, denn eigentlich erfüllten Hunde die Voraussetzung nicht, sich in jemand anderen versetzen zu können. Laut der gängigen Theorie waren dazu komplexes Denken und die Fähigkeit, sich selbst zu erkennen, erforderlich. Beides konnten Hunde nicht vorweisen. Senju beschloss, der Sache nachzugehen, und rekrutierte 29 Hunde.
Hunde einfühlsamer als Menschen?
Der erste Versuch misslang kläglich. Die Hunde taten das einzig Vernünftige, als man ihnen den Film mit den gähnenden Gesichtern zeigte: Sie schauten weg. Dass die Kinder in der ersten Studie nicht das Gleiche getan hatten, lag einzig daran, dass Senju ihnen den Auftrag gegeben hatte, die Anzahl Männer- und Frauengesichter in der Filmsequenz zu zählen. Weil das bei den Hunden nicht ging, kam Senjus Mitarbeiter Ramiro M. Joly-Mascheroni zum Einsatz. Er hatte die reichlich bizarre Aufgabe, sich vor den jeweiligen Hund zu setzen, zu warten, bis er ihn anschaute, und dann während der nächsten 5 Minuten 10 bis 20 Mal zu gähnen. Prompt begannen 21 der 29 Hunde auch zu gähnen – durchschnittlich nach 1 Minute und 39 Sekunden.
Um sicherzugehen, dass die Hunde nicht einfach das Öffnen des Mundes imitierten, setzte sich Joly-Mascheroni ein zweites Mal vor sie hin und öffnete und schloss mehrmals seinen Mund, ohne jedoch zu gähnen. Die Hunde zeigten keine Reaktion.
Dieses Resultat ist doppelt erstaunlich – einerseits weil die ansteckende Wirkung des Gähnens vom Menschen zum Hund über eine Artengrenze hinweg erfolgt, andererseits weil der Anteil der gähnenden Hunde sehr hoch ist: 21 von 29 Hunden, das sind 72 Prozent – mehr als bei Menschen untereinander (45 bis 50 Prozent) oder Schimpansen (33 Prozent)! Sollten diese Zahlen tatsächlich etwas über das Mitgefühl der Hunde für den Menschen aussagen, dann könnten sie bedeuten, dass die Hunde die Menschen besser verstehen als die Menschen einander. Aber das haben Hundebesitzer ja schon immer gewusst.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
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Leserbriefe:
Zu Das Experiment -- Das Rätsel der gähnenden Hunde - NZZ-Folio Am Schwarzen Meer (06/09)
Zum Gähnen
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ein Paradox: dieser anregende Text brachte mich zum Gähnen. Dominic van der Zypen, Küsnacht ZH
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