NZZ Folio 06/99 - Thema: Krieg um Kosovo   Inhaltsverzeichnis

Entkorkt -- Priorat - der neue Stern am spanischen Weinhimmel

Von Philipp Schwander

Dank einem kräftigen Modernisierungsschub in den letzten Jahren ist auch Spanien nicht mehr bloss ein Land günstiger Massenweine. Auch auf der Iberischen Halbinsel werden mehr und mehr Gewächse erzeugt, die sich an höchsten Massstäben orientieren und diese zum Teil auch erfüllen. Als erste Region machte neben dem Rioja das Ribera del Duero von sich reden. Nun rückt eine weitere Gegend ins Blickfeld, die zweifellos zu den Anwärtern auf eine künftige Spitzenstellung gehört: das rund 150 Kilometer südwestlich von Barcelona gelegene Priorat.

Die Anbaufläche in diesem Gebiet beträgt zurzeit lediglich etwa 1800 Hektaren. Aber bereits im 12. Jahrhundert pflegten hier Mönche den Weinbau. Die Böden, häufig karger Schiefer, ergeben nur kleine Erträge, und die steilen Lagen erfordern viel Handarbeit. Die typischen Traubensorten sind Garnacha (Grenache) und Cariñena (Carignan).

Der Pionier des Priorat ist René Barbier, in dessen Keller immer noch einige sehr berühmte Weine - etwa der Clos Erasmus von Daphne Glorian - hergestellt werden. Als berühmtester Exponent gilt jedoch der in der Presse hochgelobte Álvaro Palacios. Der erst 34jährige stammt aus dem Rioja und liess sich in Bordeaux und Kalifornien zum Önologen ausbilden, wo er die grossen Weine der Welt kennenlernte. Ende der achtziger Jahre verschlug es ihn dann ins Priorat.

Von Anfang an wollte Palacios Weine erzeugen, die höchsten qualitativen Ansprüchen genügen sollten. Und der Erfolg liess nicht lange auf sich warten: Sein erstmals 1993 produzierter L'Ermita sorgte auf Anhieb für Furore und wurde von einer nach neuen Kultweinen dürstenden Klientel begeistert aufgenommen. Dann brachten die euphorischen Kommentare des Weingurus Robert Parker und die winzige Produktion von rund 600 Kisten jährlich die Preisspirale in Schwung. Die zu «Jahrhundertereignissen» hochstilisierten Gewächse dürfen indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Priorat erst am Anfang einer vielversprechenden Entwicklung steht.

Wir haben kürzlich den 96er L'Ermita verkostet und folgende Eindrücke notiert: tiefes, intensives Purpur; im Bouquet noch verschlossen, aber mit deutlichen Aromen von schwarzen Beeren und neuem Eichenholz. Am Gaumen ein viriler, ziemlich wuchtiger Wein, mit reifen Tanninen und dichter Frucht. In seiner Art ein höchst erfreuliches Gewächs, das trotz seiner Kraft über die nötige Komplexität verfügt.


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