NZZ Folio 07/96 - Thema: Versichert   Inhaltsverzeichnis

E-Mail -- Marc und Bill oder das Gift der guten Gaben

Von Franz Zauner

WEM GOTT einen Computer schenkt, dem gibt er auch ein Programm. Die Branche ist unerhört freigiebig, manchmal geradezu edelmütig. Die Stonesoup-Group zum Beispiel, die eines der besten Retracing-Programme der Welt verschenkt, sagt von sich: «Geld haben wir genug. Was wir wollen, ist Bewunderung.»

Was aus der olympischen Idee des Schenkens wird, exerzieren gegenwärtig Microsoft und Netscape vor. Millionen von Festplatten kommen nicht mehr zur Ruhe, seit Bill Gates und Marc Andreessen mit guten Gaben um die Weltherrschaft rittern. An jeder Ecke («Netscape now!», «Microsoft Explorer!») locken ihre Internet-Browser. Kaum ist der eine heruntergeladen, ist der andere schon wieder verbessert. Man braucht schon ein ordentliches Modem, um mit diesen Verlockungen fertig zu werden.

Wie es halt bei Verführern so üblich ist, halten sich Marc und Bill nicht an Standards, sondern setzen sie. Schon früh verwandelte Netscape Wörter in Blinklichter, auf dass unsere Aufmerksamkeit nicht nachlasse. Aber das war nur ein Vorgeschmack.

Frames heisst das Zauberwort, bei dem nun Designerherzen höher schlagen. Frames machen es möglich, das Labyrinth des Minotaurus in zeitgenössischer Plattenbauweise nachzubilden. Sie haben dem World Wide Web einen Reichtum an Facetten gebracht, wie man ihn sonst nur in Insektenaugen findet, und Sites geschaffen, aus denen man nicht mehr herausfindet. Gut für Marc, denn er ist der ärmere Milliardär. Bill setzt mehr auf Reife. Wer sich beim Surfen von ihm verwöhnen lässt, hört immer öfter liebliche Warenhausmusik, und so manche Textzeile rotiert gemächlich in sich selbst.

So verschieden Microsoft und Netscape auch sind, eines verbindet sie doch in ihrem edlen Wettstreit: die Obsession, das Internet in ein Mausoleum der Nuancen zu verwandeln. Man wird der Köstlichkeiten hochgerüsteter Feature-Festungen kaum mehr habhaft, wenn man sie nicht mit zwei Browsern gleichzeitig belagert. Aber das ist ziemlich schwierig, denn die Browser beherrschen in der 32-bit-Version auch die Kunst der höfischen Intrige: Er habe feststellen müssen, jammerte kürzlich mein Netscape-Browser im ungünstigsten Moment, dass er nicht länger mein Favorit sei. Ich möge ihn wieder in Gnaden aufnehmen, flehte er sinngemäss in einer Dialogbox. Ich entsprach der Bitte, was den ein Verzeichnis weiter siedelnden Internet-Explorer von Microsoft auf den Plan rief. Er meldete sich ziemlich gekränkt zu Wort, und das Spiel begann von vorne.

Immerhin ist es noch nicht so weit gekommen, dass sie sich gegenseitig von der Festplatte löschen.


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