Der Anblick ist erbärmlich. Die dünnen Arme mit Schnüren hinter den Rücken gebunden, liegen die drei Fellbündel in einer Schmutzlache auf dem Boden des Einbaums. Mühsam hebt eines der Opfer den Kopf und wendet das Gesicht langsam zur Sonne. Wir glauben in die Augen von E. T. zu schauen. Denn was mit dunklem Blick hilflos ins Licht blinzelt, scheint die natürliche Vorlage jenes von Hollywood kreierten Ausserirdischen, der vor einigen Jahren als unglücklich auf die Erde verschupftes Wesen unsere Herzen rührte. Das struppige Fell hat einen moosgrünen Schimmer; der kleine Kopf am Ende des langen Halses trägt kindliche Züge. Es wäre durchaus passend, wenn das Wesen nun die Lippen bewegte und sehnsüchtig «home, home!» flüsterte.
Die Heimat der Gefangenen liegt indes nicht auf einem fernen Gestirn, sondern auf einem der Bäume, welche die Wasserlandschaft am Rio Atrato, dem mächtigen Strom im tropischen Regenwald von Kolumbien, säumen. Und der Fischerbub, der stolz lachend neben seiner Beute hockt, hat die Tiere vermutlich bei einer Flussdurchquerung überrascht und am Schopf aus dem Wasser gezogen. «Perezoso» sagt einer aus der Schar der Dorfbewohner, was soviel wie «Faulenzer» heisst. Ein durchaus passender Volksname für die in der Fachsprache Pilosa oder Faultier genannten Urwaldbewohner.
Die unverhoffte Begegnung mit dem Faultier macht neugierig und lässt in Fachbüchern blättern. Die Faultiere sind in der Tat höchst merkwürdige Gesellen. Nur in Südamerika heimisch, gehören sie zu den stammesgeschichtlich ältesten Säugetieren. So hat Darwin in Patagonien Knochen ausgegraben, die in der Rekonstruktion ein drei Meter hohes Riesenfaultier ergaben. Diese Urwesen haben vor Jahrmillionen in den eiszeitlichen Savannen Südamerikas als elefantenähnliche Steppentiere gegrast. Als dann das Klima wärmer wurde und sich die Savanne zum tropischen Regenwald wandelte, legte sich das Faultier bescheidenere Körpermasse zu und entfloh dem sumpfig werdenden Boden auf die Bäume. In steter Anpassung entstanden die beiden heutigen Faultiergattungen: das Dreifinger-Faultier und das Zweifinger-Faultier, entsprechend der Zahl der sichelförmigen Krallen an den Vordergliedern.
Ausser den mächtigen Krallen zum Festhalten am Baum zeigen die Tiere eine ganze Reihe weiterer sinnreicher Anpassungen. Da sie mit triefendem Fell tagelang an einem Ast mit dem Rücken nach unten hängen, verläuft der Scheitel des Felles nicht, wie bei Säugetieren üblich, entlang der Wirbelsäule, sondern auf der Mittellinie von Brust und Bauch. Der Haarstrich zeigt deshalb in Richtung Rücken, wodurch der Regen gut nach beiden Seiten am Körper abfliessen kann. Und was wir im Fell als grünen Schimmer wahrnehmen, sind nichts anderes als Algen, denen das feuchte Fellklima zu behagen scheint. Als Gegenleistung bietet der grünliche Farbton im graubraunen Kleid den Faultieren eine hervorragende Tarnung gegen ihre Todfeinde Jaguar, Riesenschlange und Harpyie, einen grossen Greifvogel.
Die wohl beste Tarnung ist jedoch die Langsamkeit. Denn während sich viele Säuger im Laufe der Evolution durch ein Steigern der Fortbewegungsgeschwindigkeit einen Vorteil im Überlebenskampf schufen, verlegte sich das Faultier auf die umgekehrte Strategie. Es wurde langsamer und langsamer - bis es durch seine Lebensweise in Zeitlupe für das suchende Raubtierauge praktisch unsichtbar geworden war. Eine wissenschaftliche Tabelle vergleicht die Maximalgeschwindigkeiten verschiedener Tierarten: Gepard 120 Kilometer pro Stunde, Faultier 0,146 (wobei man sich über die Zahlengenauigkeit wundern darf). Physiologischer Ausdruck der Langsamkeit ist auch eine lediglich fünf Quadratmeter grosse innere Lungenoberfläche, während ein gleich grosser Hund für sein Sprinterleben das Zwanzigfache braucht. Und da selbst die Verdauung in Zeitlupe funktioniert, muss sich ein Faultier nur einmal wöchentlich entleeren.
So hängt das Faultier schlafend als Fellkugel im Durchschnitt fünfzehn Stunden im Geäst. Ist es wach, sammelt es überaus gemächlich mit den stark verhornten Lippen Blätter, junge Triebe und Früchte von den Zweigen und hangelt nur weiter, wenn Mund und lange Arme das Fressbare nicht mehr erreichen können. Das Faultier ist für seine Umwelt eine derart ruhige Angelegenheit, dass in seinem dichten Fell sogar eine kleine Schmetterlingsart übernachtet und dort Eier legt. Schlüpfen dann die Raupen, dient ihnen die Pelzlandschaft mit dem reichlichen Algenangebot als ideale Kinderstube.
Ist das Nahrungsangebot auf dem Baum erschöpft, wechselt das Faultier über einen ausladenden Ast zum Nachbarbaum. Zum Boden hinunter klettert das Tier höchst ungern. Denn während sich das Faultier sehr greifsicher im Geäst bewegt, kann es sich am Boden nur auf dem Bauch liegend und äusserst unbeholfen vorwärtsschleppen. Im Wasser dagegen zeigt sich das Tier als recht behender Schwimmer - wohl eine weitere Anpassung an den Regenwald mit seinen zahlreichen Flüssen. Langsamkeit und hervorragende Körpertarnung haben dem Faultier im Existenzkampf Erfolg gebracht; es bildet heute in weiten Teilen Süd- und Mittelamerikas bis ein Viertel der Säugetierbiomasse, also des Gesamtgewichts der dort lebenden Säuger. In neuerer Zeit ist jedoch als ärgster Feind der Mensch zur Bedrohung geworden. Zwar hat das Faultier vom jagenden Indianer nichts zu befürchten: Als Beute ist es nutzlos, weil ein todsicherer Greifreflex das Tier sich am Baum festkrallen lässt, bis sein Körper verwest ist. Axt und Motorsäge aber, zu denen der Mensch immer häufiger greift, lassen das Faultier samt seinem Lebensraum erbarmungslos auf den Waldboden donnern.
Das Kuriosum im Regenwald hat schon die frühen Südamerikabesucher irritiert. 1526 schrieb der Spanier Gonzalo de Oviedo: «Das Faultier braucht den ganzen Tag für fünfzig Schritt. Am liebsten klettert es auf einen Baum und bleibt dort bis zu zwanzig Tagen auf dem höchsten Ast. Niemand weiss, was es isst, und ich bin überzeugt, dass es allein von Luft lebt. Etwas Hässlicheres und Nutzloseres als das Faultier habe ich bisher nicht gesehen.» Brehm dagegen schilderte in seinem «Tierleben» Physiologie und Lebensweise der verschiedenen Faultierarten sehr präzis. So beeindruckte ihn die erstaunliche Beweglichkeit der Glieder und der Halswirbelsäule, was es dem Faultier ermöglicht, den Kopf um die Längsachse zu drehen, bis das Gesicht nach hinten schaut. Aber auch Brehm konnte sich despektierliche Bemerkungen nicht verkneifen: «Die Faultiere machen als sehr stumpfe und träge Geschöpfe einen wahrhaft kläglichen Eindruck. Das Auge ist blöde und ausdruckslos wie kein zweites Säugetierauge.»
Wenigstens hat die moderne Zoologie erkannt, dass die scheinbar apathische Lebensweise das Resultat einer sehr weitgehenden Optimierung ist. Heute werden in verschiedenen Zoos Faultiere gehalten und studiert. So besitzt auch der Zürcher Zoo seit 1967 Zweifinger-Faultiere; die Gruppe umfasst zurzeit ein Männchen und drei Weibchen. Am 29. Dezember 1990 erblickte ein erstes Schweizer Faultier das Licht der Welt. Faultiere können in Zoos über dreissig Jahre alt werden. Bisher gediehen in menschlicher Obhut allerdings nur die sowohl Blätter wie Früchte fressenden Zweifinger-Faultiere, während die Dreifinger-Faultiere als sehr spezialisierte Blattesser in den zoologischen Gärten jeweils nur kurze Zeit überlebten.
Unsere Geschichte im kolumbischen Regenwald hat ein Happy-End. José, ein junger einheimischer Botaniker, zeigt uns auf der Reise nicht nur die Vielfalt der Tropenpflanzen, sondern ist auch ein engagierter Anwalt der gesamten Natur. Der Fischerjunge will die drei Faultiere im Dorf verkaufen, wo sie im Kochtopf landen würden. Nach kurzem Verhandeln zückt José den Geldbeutel und zahlt 5000 Pesos - etwa zehn Franken. Verbunden mit dem Geschäft ist jedoch die sanfte Belehrung, dass Faultiere zu den bedrohten Tierarten gehören und deshalb nicht gejagt werden sollten. Im Vorderteil unseres Einbaums nehmen wir schliesslich die freigekauften Kreaturen mit.
José ist nicht naiv. Viele Stunden lang bleiben die Tiere im Boot, bis wir auf einem engen Nebenfluss des Atrato das Reservat der Salado-Indianer erreichen. In einer Flussbiegung machen wir am steilen Ufer fest, kraxeln mit den Faultieren über eine Lehmhalde zu einer Lichtung inmitten der feuchtwarmen Tropenpracht. Hier wird nicht sobald wieder ein Mensch auftauchen. Sachte löst José dem ersten Tier die Fesseln und hält es am Schopf gegen einen Baumstamm. Wie es sich für ein Faultier gehört, lässt sich das Kerlchen recht lange Zeit, bevor es seine Sichelkrallen in die Rinde gräbt. Dann aber nimmt es den Baum mit weit ausholendem Griff in Besitz. Bald schon zeugt von der abenteuerlichen Begegnung nur noch ein leises Rascheln im Blätterwerk.