WO IMMER ER HINKOMMT, da waren sie schon. Zwar haben sie, die uns vor zehntausend Jahren besuchten, nicht einen Hosenknopf zurückgelassen; spurlos verschwunden sind sie aber keineswegs. Zeugnisse der Visite Extraterrestrischer, denen wir unsere Existenz und Intelligenz verdanken, findet Erich von Däniken zuhauf. Waren sie es doch, die unseren barbarischen Vorfahren «die einfachsten zivilisatorischen Lebensformen und einige Moralbegriffe» beibrachten, nachdem sie «wenige ausgesuchte Frauen befruchtet» und «misslungene Exemplare vernichtet» hatten, um zu verhindern, «dass sie sich zurückentwickelten und wieder mit Tieren paarten».
So schrieb es EvD, wie man ihn kurz nennt, 1968 in «Erinnerungen an die Zukunft. Ungelöste Rätsel der Vergangenheit». Das Buch, das der Gerant des Sporthotels Rosenhügel Davos in Nachtschichten schrieb, verhalf ihm, im Vorjahr der ersten bemannten Mondlandung, zu Weltruhm. In 28 Sprachen übersetzt, war es das erste einer mittlerweile auf 20 Bände (Weltauflage 51 Millionen) angewachsenen Bibliothek, deren Charme die Wiederholung des Immergleichen ist. Das hat den einst - Folge seines Reisedranges - schwer verschuldeten und wegen Veruntreuung, Betrug und Urkundenfälschung zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilten Sohn eines Kleiderfabrikanten zum wohlhabenden Mann gemacht. Und es hat ihm den Traum erfüllt, den er seit seinem 15. Lebensjahr hegte: zu all den Stätten zu reisen, wo einst die Götter niederkamen.
Ob in der «verlorenen Stadt» Buritaca im kolumbischen Dschungel oder zwischen den Menhiren in der französischen Bretagne, ob unter den ägyptischen Pyramiden oder neben den Riesenstatuen der Osterinseln - allüberall ergreift den Mann, der sich aussersinnlicher Wahrnehmung rühmt, das nämliche Gefühl der Gewissheit: die Zukunft ist in der Vergangenheit gegenwärtig, die Lösung der Rätsel des Universums und der Menschwerdung offenkundig - für den jedenfalls, der «mit Weltraumaugen» zu sehen und zu lesen versteht, was etwa die Schriften der biblischen Propheten, die Bücher tibetischer Lamas, das Gilgamesch-Epos oder die Artefakte der Archäologie sagen. So wird aus dem Untergang von Sodom und Gomorrha eine Atomexplosion und aus der Vision des Propheten Hesekiel die Reportage über die Landung eines Raumschiffs samt Mannschaft. Der Bibeltext - ein «Schmuckstück meiner Beweismittel» - hat den Nasa-Ingenieur Josef F. Blumrich seinerseits inspiriert, das darin beschriebene Ufo zu entwerfen: eine Art fliegender Pilz mit einer Rotorantriebsleistung von 70 000 PS. Nie gebaut, versprach die Konstruktion mindestens ebensoviel Donner und Doria zu verbreiten, wie Hesekiel wahrnahm, als sich «der Himmel auftat».
Als steinernes Krondokument gelten dem «Globetrotter und Tramp zwischen den Wissenschaften» (EvD-Eigenwerbung) die pistenartigen Linien und Scharrbilder von Tieren und Menschen in der Ebene von Nazca in der peruanischen Pampa. Sie sind nur aus der Luft zu erkennen und haben zu mannigfachen Theorien Anlass gegeben - Erklärungen, die allesamt obsolet werden, erkennt man darin Landebahnen für das Zubringerraumschiff einer Weltraumstadt, die unseren Planeten umkreiste, sowie Orientierungshilfen der Indios für die hernach abgerauschten Götterastronauten. Was Wunder, dass von Däniken das, was er in Nazca gesehen hat, nun allerorten sieht - von Chile bis in die USA, von England bis Saudiarabien. Die Bilanz des Forschungsreisenden in Flugkilometern ist beträchtlich.
Keine geflügelte Sphinx, kein Pegasus und kein Genius, der nicht extraterrestrischen Ursprungs wäre - und keine Frage, der EvD die Antwort schuldig bliebe. Dass Höhlensysteme wie die Kavernen im türkischen Derinkuyu Fluchtburgen einer ausserirdischen Rasse in einem Raumkrieg zwischen zwei Sonnensystemen waren, scheint dem Schweizer mit dem Verweis auf unsere Armee, die ja die Berge der Heimat auch durchlöchert hat, nicht weiter erstaunlich.
Rund 5000 Mitglieder zählt die Ancient Astronaut Society (AAS), die Erich von Däniken 1973 mitbegründet hat; Anfang August dieses Jahres findet in Las Vegas ihr Jubiläumskongress statt. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, Indizien zusammenzutragen, die die Theorie vom Besuch aus dem Weltall in prähistorischen Zeiten stützen. Ausser Papier hat auch sie nichts vorzuweisen. Weshalb die hochtechnisierte Kultur, die uns in grauer Vorzeit heimsuchte, nicht durch Ausgrabungen zu belegen ist, scheint von Däniken und seinesgleichen nicht verwunderlich: je höher die Entwicklungsstufe einer Zivilisation, um so radikaler ihre Vernichtung. Das Missverhältnis zwischen der Anzahl von Fingerzeigen einerseits, die der Jäger des verlorenen Schatzes rund um den Globus sammelt, und der Schlichtheit der sich nie differenzierenden Hypothese andererseits zeigt, wie sehend die Leidenschaft den machen kann, der sich blind stellt.
Dass mittlerweile von Dänikens Ausserirdische, vor einem Vierteljahrhundert einem staunenden Publikum präsentiert, selbst etwas in die Jahre gekommen sind, berührt doch merkwürdig: Der technische und ganz und gar irdische Fortschritt seither steht in eigenartigem Kontrast zu den unförmigen Gestalten und Geräten, in denen der Forscherlaie Darstellungen einer uns weit überlegenen Zivilisation gesehen haben will.
Doch ihrer Wiederkunft, an die er glaubt, harrt EvD unverdrossen. Und keinen Moment würde er zögern, mit jemandem wie E.T. zu verschwinden - um dann ein Buch darüber zu schreiben.