NZZ Folio 03/97 - Thema: Die Briten   Inhaltsverzeichnis

Eurowahn und Rindersinn

Britanniens «Krieg gegen Europa».

Von Daniel Litvin

BEI EINEM BESUCH im Livestock Centre von York im Norden Englands schössen einem Kontinentaleuropäer vermutlich zwei Gedanken durch den Kopf. Erstens: die britischen Kühe sind wahnsinnig. Zweitens: die Briten ebenfalls. Im Livestock Centre, einem niedrigen, übelriechenden Gebäude ausserhalb der Stadt, findet regelmässig ein Viehmarkt statt. Kühe und Stiere werden in einen kleinen Ring gelassen und von den Käufern begutachtet. Der enge Raum und das mit einem lauten Knall hinter ihnen zuschlagende Metalltor muss die Tiere verängstigen. Jedenfalls rennen sie blindlings hin und her, viele mit Schaum vor dem Maul.

Die Bauern, die hier ihr Vieh verkaufen wollen, geraten ebenso ausser Rand und Band wie die Tiere, sobald man auf Europa und den Rinderwahnsinn zu sprechen kommt. Das im letzten Jahr von Brüssel über britisches Rindfleisch verhängte Exportverbot finden sie fürchterlich ungerecht. «Wir hätten den Ausländern sagen sollen, sie sollen uns den Buckel runterrutschen», lautete der wütende Kommentar eines Bauern.

Man ist versucht, die leidige Geschichte um den Rinderwahnsinn als Bestätigung für die unüberbrückbare Kluft zwischen Grossbritannien und dem Rest Europas zu interpretieren. Kurz nachdem Brüssel das Exportverbot für britisches Rindfleisch in Kraft gesetzt hatte, erklärte Premierminister John Major den «Krieg gegen Europa». Er drohte, alle EU-Geschäfte so lange zu blockieren, bis man sich in Brüssel darum bemühe, das Verbot aufzuheben.

Majors Schachzug wurde von vielen britischen Boulevardzeitungen freudig begrüsst. Die Tageszeitung «The Sun», von der täglich vier Millionen Exemplare verkauft werden, huldigte dem wiedergefundenen Kampfgeist Grossbritanniens und veröffentlichte eine Liste mit anti-europäischen Taktiken, die sie ihren Lesern empfahl. Ein Vorschlag lautete: «Lernen Sie die besten Passagen aus Winston Churchills Kriegsreden auswendig. Schreien Sie jedesmal, wenn sich ein deutscher Tourist nähert, laut heraus: <We shall fight them on the beaches!>» Sogar manche Parlamentsmitglieder wurden plötzlich zu Hurrapatrioten. «Wir sollten den Europäern sagen, sie können uns mal», meinte die Tory-Politikerin Teresa Gorman.

Solche Zustände liessen viele Briten an die Fernsehserie «Fawlty Towers» denken. Besonders eine Folge hatte den nationalen Gemütszustand getroffen: Ein britischer Hotelier mittleren Alters (gespielt von John Cleese) will einige junge deutsche Touristen in seinem Hotel willkommen heissen. Doch er redet unaufhörlich von Goebbels und anderen Nazis, und die absolut zivilisierten und vernünftigen Deutschen sind am Ende wutentbrannt und in Tränen aufgelöst.

Stecken die Briten noch immer im Zweiten Weltkrieg? Bohrt man etwas tiefer, liefert die Rinderwahnsinn-Krise ein differenzierteres Bild vom Verhältnis Grossbritanniens zu Europa.

Die Einstellung der britischen Bevölkerung gegenüber der europäischen Integration ist pragmatisch. Viele Briten waren zwar der Meinung, Brüssel habe sich falsch verhalten, doch ihre Wut richtete sich noch stärker gegen die eigene Regierung. Wenn die Krise etwas bewiesen hat, dann, dass beide, Briten und Kontinentaleuropäer, mit ihren Politikern schlecht beraten sind.

Laut einer Meinungsumfrage, die kurz vor Ausbruch des «Krieges gegen Europa» im Mai 1996 gemacht wurde, gaben 51 Prozent der Briten ihrer Regierung die Schuld an der Rindfleisch-Krise, während nur 18 Prozent die Europäische Union verantwortlich machten. Einige waren sogar der Meinung, die Regierung habe die BSE-Epidemie eigentlich erst ausgelöst, zumal der Ursprung der Krankheit undurchsichtig geblieben ist. Die meisten Wissenschafter nehmen an, dass sie durch infiziertes Tiermehl verbreitet worden ist. Britische Futtermittelhersteller sollen das Tiermehl nicht stark genug erhitzt und die BSE-Erreger somit nicht abgetötet haben. Grossbritanniens regierende Tory-Partei war nie besonders versessen darauf, den Unternehmen allzu viele Gesundheits- und Sicherheitsauflagen zu machen. Manche Leute sahen im Rinderwahnsinn die Strafe für den Deregulierungs-Eifer der Regierung.

Auch wenn diese Kritik unfair war, bestreitet niemand, dass die Regierung sich das Vertrauen der britischen Bevölkerung verspielt hat. Jahrelang proklamierten ihre Minister, der Verzehr von britischem Rindfleisch sei absolut ungefährlich - als wäre dies ein gesichertes Faktum. Der damalige Landwirtschaftsminister John Gummer veranstaltete einen riesigen Medienrummel, als er seine vier Jahre alte Tochter vor laufenden Fernsehkameras einen Hamburger verzehren liess. Nicht die Gesundheitsrisiken von britischem Rindfleisch waren das Problem - die Wissenschafter waren schon immer der Meinung, das Risiko beim Verzehr von Rindfleisch sei vermutlich gering. Der grosse Fehler der Regierung war, zu behaupten, das Risiko sei genau bestimmbar.

Als die Forscher im März vergangenen Jahres Hinweise dafür fanden, dass BSE möglicherweise auf den Menschen übertragbar ist, zogen viele Leute den Schluss, die Regierung habe die Wahrheit die ganze Zeit über vertuscht. Die Minister konnten lange versichern, dass auch nach den neusten Erkenntnissen die Risiken winzig blieben, und ihre Aussagen mochten diesmal tatsächlich der Wahrheit entsprechen - sie stiessen jetzt auf taube Ohren. Die Konsumenten hatten jegliches Vertrauen in die Regierung verloren und gerieten in Panik.

Sogar im «Krieg gegen Europa» versagte die britische Regierung. An einer EU-Versammlung in Florenz im letzten Juni schlug John Major vor: Grossbritannien würde seine unkooperative Haltung gegenüber Europa aufgeben und die 120 000 Rinder mit dem höchsten BSE-Risiko schlachten (der Schlachtung von älterem Vieh hatte die Regierung bereits vorher zugestimmt). Im Gegenzug sollte Brüssel das Exportverbot aufheben.

Doch im September befand die Regierung diese neue Schlachtung für überflüssig. Eine wissenschaftliche Studie hatte ergeben, dass BSE beim einheimischen Vieh im Jahr 2001 ausgerottet sein würde. (Die Epidemie habe, hiess es, ihren Höhepunkt bereits 1988 erreicht.) Weitere Schlachtungen würden die Sache nicht beschleunigen. Bauern und EU-Gegner im Parlament hatten zudem wütend gegen die Schlachtung protestiert.

Schon im Dezember war die Zeit wieder reif für einen Kurswechsel. Der Landwirtschaftsminister, Douglas Hogg, kündigte an, Grossbritannien werde die Tiere nun doch schlachten. Nicht weil es vom wissenschaftlichen Standpunkt her empfehlenswert erschien, sondern als politische Geste. Nun müsste die EU diese Geste nur noch annehmen: Bis heute ist das Exportverbot nicht aufgehoben worden.

In den letzten Jahren haben sich die Briten an den wankelmütigen aussenpolitischen Kurs ihrer Regierung gewöhnt. John Major wird als eine Art Clown auf der internationalen Bühne betrachtet. Im Januar machte er eine Asienreise, um, wie es hiess, den britischen Handel und Einfluss in dieser Weltgegend zu fördern. Aber das Medienecho war am grössten, als er sich einen bunten Turban aufsetzte. Sein Bild prangte von den Titelseiten: die Karikatur eines Engländers in der Fremde.

Die Briten haben wenig Respekt vor ihrer Regierung; der Idee eines vereinten Europas stehen sie aber überraschend offen gegenüber. Als man sie 1995 über Grossbritanniens Beziehung zur Europäischen Union befragte, waren zwei Drittel entweder der Meinung, die Beziehung sei gut so oder sollte noch enger sein. Lediglich ein Viertel wünschte sich ein distanzierteres Verhältnis. Immer wieder ist die Rede von Grossbritanniens «besonderem Verhältnis» zu Amerika. Die gemeinsame Sprache und dieselben diplomatischen Interessen, heisst es, verbänden die beiden Länder. Umfragen zeigen aber, dass eine nähere Beziehung zu Europa doppelt so oft gewünscht wird wie ein engeres Verhältnis zu Amerika.

Eine weitere Umfrage ergab, dass jüngere Briten eher proeuropäisch eingestellt sind als die ältere Generation. Die anti-europäischen Gefühle mancher Briten scheinen in der Erinnerung an die Vergangenheit - als England eine Weltmacht war - zu wurzeln. Grossbritannien hat grosse Teile seines Imperiums, unter anderem Indien und Rhodesien, erst nach dem Zweiten Weltkrieg verloren. Auf ihren Nationalstolz angesprochen, besinnen sich die Briten eher auf ihre Geschichte und Kultur als auf den gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Einfluss ihres Landes.

Die emotionale Rhetorik, in der die Europadebatte heute schwelgt, widerspiegelt den Machtkampf innerhalb der Tory-Partei; die Haltung der meisten Briten gegenüber Europa ist wohlwollend. Margaret Thatcher verlor die Macht unter anderem wegen ihrer Auseinandersetzungen mit ihren Parteikollegen in der Europafrage. Und John Major schlägt sich täglich damit herum, die pro- und die anti-europäischen Minister im eigenen Kabinett zu versöhnen.

Seit 1945 hat sowohl die Tory- als auch die Labour-Partei ihre Position in bezug auf die europäische Integration regelmässig gewechselt - obwohl sie sich damit nie zuverlässig die Gunst der Wähler sichern konnten. Brian Harrison, Historiker an der Universität von Oxford, formulierte es so: «Die Briten können sich zwar nicht dazu durchringen, der Europäischen Union Enthusiasmus entgegenzubringen - sie erwärmen sich aber ebensowenig für die Gegner der Union.»

Und was die Minderheit angeht, die Brüssel für die Rinderwahnsinn-Krise verantwortlich machte: Nicht alle waren einfach dumpfe Fremdenhasser, wie man bei der Lektüre der britischen Boulevardpresse annehmen musste. Brüssel und verschiedene Regierungen des europäischen Kontinents verhielten sich alles andere als mustergültig. Einige europäische Politiker rechtfertigen das Exportverbot etwa mit der Notwendigkeit, das «Vertrauen der Konsumenten» zu erhalten - ungeachtet der Forschungsergebnisse über die Sicherheit von britischem Rindfleisch.

Britische Bauern warfen den europäischen Regierungen vor, die gesundheitlichen Bedenken lediglich als Vorwand zu benutzen, die eigenen Bauern vor der harten Konkurrenz der britischen Exporte zu schützen. Was immer der Grund war, es stellte sich heraus, dass das britische Exportverbot mitnichten half, den Vertrauensverlust bei den europäischen Konsumenten zu verhindern. Interessanterweise ist laut Zahlen, die von der irischen Regierung erhoben wurden, der Konsum von Rindfleisch in Deutschland seit 1995 stärker zurückgegangen als in Grossbritannien - obwohl die Anzahl der verzeichneten BSE-Fälle in Deutschland verschwindend ist im Vergleich zu Grossbritannien.

Möglicherweise haben die europäischen Regierungen die Zweifel der Konsumenten an der Sicherheit von Rindfleisch jeglicher Herkunft selbst heraufbeschworen - gerade weil sie in der Exportfrage derart drakonische Massnahmen durchsetzten. Schon die britische Regierung hatte genau das nicht begriffen: Konsumenten neigen zur Überreaktion, wenn sie nicht ehrlich über den Forschungsstand informiert werden und sich eine eigene Meinung bilden können.

Nicht nur die britische Regierung, auch Brüssel unternahm zu wenig, um die Ausbreitung von BSE zu stoppen und klare Richtlinien für Tierfutter aufzustellen. Zu diesem Schluss gelangte eine Untersuchung des Europaparlaments. Die im Januar publizierten provisorischen Untersuchungsergebnisse zeigten, dass sowohl die britische Regierung als auch die Europäische Kommission die Interessen der Rindfleisch-Produzenten über die öffentliche Gesundheit gestellt hatten.

Der Streit zwischen Grossbritannien und dem Rest Europas um die wahnsinnigen Kühe übertönte eine Reihe wichtiger Fragen. Wie zum Beispiel sollen Regierungen der Furcht der Konsumenten begegnen, dass intensive Bewirtschaftung von Boden und Vieh die Umwelt zerstört und die Gesundheit der Leute ruiniert? BSE ist nur eines der zahlreichen gefürchteten Gesundheitsrisiken, die mit moderner Landwirtschaft in Verbindung gebracht werden. In der ganzen reichen Welt sorgen sich die Konsumenten wegen Konservierungsstoffen, verstrahlten Nahrungsmitteln und der Verwendung von Hormonen zur Wachstumsförderung des Schlachtviehs. Kürzlich haben europäische Umweltschützer gegen den Import von genetisch verändertem Saatgut aus Amerika protestiert. In einigen Jahrzehnten wird vielleicht das meiste, das wir essen, eine von Wissenschaftern manipulierte DNA haben.

Angesichts der Rinderwahnsinn-Krise riefen viele Briten nach mehr staatlicher Unterstützung für die biologische Landwirtschaft. Auch Prinz Charles verurteilte die «unnatürlichen Praktiken» der Bauern. Der Ausbruch von BSE zeige, «wie die Natur zurückschlägt, wenn wir ihre Gesetze missachten». Doch so einfach wegwünschen lässt sich die intensive Bewirtschaftung nicht. Seit 1945 hat die Verwendung von Pestiziden, Düngern und anderen landwirtschaftlichen Technologien weltweit zu einer unerhörten Steigerung der Nahrungsmittelproduktion geführt - und zu fallenden Preisen.

Der Lärm um Grossbritanniens Ringen mit Europa hat noch von einem anderen Thema abgelenkt: Europas subventionierter Landwirtschaft. Viele Kommentatoren zogen aus der BSE-Krise den Schluss, dass die europäischen Regierungen dermassen damit beschäftigt sind, die Interessen der Bauern zu schützen, dass sie die Anliegen der Konsumenten darüber vergessen. Denn es ist kaum wahrgenommen worden, was die staatliche Prioritätenliste eigentlich bestätigt: Bei allem Gerede um Subventionskürzungen und freie Marktwirtschaft stecken die europäischen Regierungen wohl mehr in die Landwirtschaft als in jede andere Industrie.

Subventionen, intensive Bewirtschaftung, Umweltrisiken sind die wahren Probleme hinter der Krise um den Rinderwahnsinn. Sie sind nicht einfach zu lösen. Im letzten Jahr zogen es die Politiker in Grossbritannien wie auf dem europäischen Kontinent vor, von ihren Schwierigkeiten abzulenken, indem sie eine rüde Kampagne gegen die ausländische Konkurrenz führten. Doch wenn weiter geschlachtet werden soll, dann wohl am ehesten in ihren Reihen. In die Enge getrieben, gleichen die Politiker auf frappante Weise den Rindern vom Yorker Viehmarkt: Mit schaumigen Mäulern rennen sie rastlos hin und her auf der Suche nach einem Ausweg.

Daniel Litvin ist Redaktor des «Economist»; er lebt in London.


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