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NZZ Folio 12/05 - Thema: Was macht eigentlich...? Inhaltsverzeichnis
Von Semikolon bis Telefonkabinen
Semikolon Vom Aussterben bedrohtes Satzzeichen. Sieben Satzzeichen haben wir, sieben Scharniere für unsere Sätze, sieben Einladungen, den Text ein bisschen melodiös zu machen - wenig genug. Sechs könnten es bald nur noch sein: Das Semikolon (der Strichpunkt) liegt im Sterben; junge Leute verwenden es fast nie. «Was das Glockenläuten zur Ruhe der Verstorbenen beitragen mag, will ich nicht entscheiden; den Lebenden ist es abscheulich» (Lichtenberg). Das Semikolon lädt den Leser ein: Erstens, mach hier eine etwas längere Pause als beim Komma davor; zweitens, glaube aber nicht, dass mein Gedanke zu Ende wäre, wie ein Punkt dies signalisieren würde - so langweilig schreibe ich nicht, ich trage dich durch meinen Text; einen Punkt setze ich erst, wenn du geschmunzelt hast! Ja, so sollte man schreiben - immer noch. Wolf Schneider
Sexuelle Revolution Bewegung mit dem Leitspruch: «Wer zweimal mit dem gleichen pennt, gehört schon zum Establishment.»
Frau Hite, Sie haben in den 1970er Jahren die berühmten «Hite Reports» verfasst, die die Sexualität von Mann und Frau behandelten. Heute sind Sie Professorin für klinische Sexologie an der Maimonides-Universität. Wie steht es um die sexuelle Revolution?
Zunächst möchte ich sagen, dass das vollkommen unterschiedliche Sachen sind. In den Köpfen der Leute vermischen sich Feminismus und die sexuelle Revolution, dazu kommen noch die Hippies, Bob Dylan und die amerikanische Bürgerrechtsbewegung. Dabei sind das alles verschiedene Dinge.
Vielleicht erst mal zur weiblichen Sexualität: Sie schreiben, dass diese in den Medien völlig unrealistisch dargestellt wird.
Kennen Sie die Fernsehserie «Sex and the City»? Angeblich wurde darin gezeigt, wie Frauen mit Sexualität umgehen. Aber die Drehbuchautoren waren hauptsächlich Männer. Gezeigt wurde also, wie Männer sich vorstellen, dass moderne Frauen heutzutage ihre Sexualität leben. In den Medien wird die weibliche Sexualität viel zu ergebnisorientiert dargestellt. Dabei geht es in ihr um viel mehr als um den tatsächlichen Geschlechtsakt. Doch der allein steht immer im Fokus des Interesses. Da wird dann über den G-Punkt geschrieben und über multiple Orgasmen. Das hat wenig mit den tatsächlichen Erfahrungen und Wünschen von Frauen zu tun.
In Musikvideos, Zeitschriften, am TV - wo man auch hinguckt: nackte Frauen. Eine Errungenschaft der sexuellen Revolution? In den 1960er Jahren wurden Frauenkörper benutzt, um alle möglichen Produkte zu verkaufen. Dagegen hat die feministische Bewegung versucht anzugehen. Und man muss sagen, da hat sie nicht viel erreicht. Ich habe damals als Model gearbeitet und eine Fernsehwerbung für Olivetti-Schreibmaschinen gemacht. Ich dachte, sie hätten mich ausgesucht, weil ich sehr gut tippen konnte. Aber man sagte mir, nein, nein, darum gehe es nicht: «So smart, she doesn’t have to be - die Schreibmaschine ist so klug, dass die Frau es nicht sein muss.» Das war der Slogan. Daraufhin bin ich einer Gruppe von Frauen beigetreten, die sich gegen die Ausbeutung des weiblichen Körpers in den Medien wandte. So kam ich überhaupt zum Feminismus.
Ist unsere Gesellschaft übersexualisiert?
Ja, aber das bedeutet nicht, dass wir uns jetzt zurück zu einer früheren Vorstellung von «Moral» flüchten sollten. Die sogenannte sexuelle Revolution hat die Klischees auf den Kopf gestellt - es wurde mit einer Befreiung verwechselt, all das, was man vorher nicht tun sollte, auf einmal möglichst oft zu tun. Heute gibt es sehr viel Propaganda für leistungsorientierten Sex. In den Medien wird es so dargestellt, als wäre es das Ziel eines jeden Mannes, noch eine grössere und noch eine längere Erektion zu haben; wir werden bombardiert mit Junkmails, in denen Potenzmittel wie Viagra angeboten werden; von Frauen wird erwartet, auf Abruf zum Orgasmus zu kommen - es gibt einen unheimlichen Druck, was die Sexualität betrifft, auf Männer und Frauen. Da entsteht ein Zerrbild.
Hat die sexuelle Revolution also versagt?
Das kann man nicht mit einem Wort beantworten. Es gibt einen fundamentalen Paradigmenwandel, indem Menschen versuchen, mit ihren körperlichen Bedürfnissen anders, ehrlicher, umzugehen. Vor allem Frauen wollen den Fokus von Erektion und Orgasmus weglenken und einen Weg finden, ihre individuelle Vorstellung von Spass am Sex auszuleben und dabei ihren Partner einzubeziehen. Es sollte keinen erotischen Kampf miteinander geben, sondern einen erotischen Tanz. Johanna Adorján
Shakarchi, Mohammed Gold- und Devisenhändler, löste 1988 die Kopp-Affäre aus. Ein Drogenfahnder der Bundesanwaltschaft verdächtigte Mohammed Shakarchi, Inhaber einer auf Devisen- und Goldhandel spezialisierten Firma in Zürich, der Geldwäscherei; und als Elisabeth Kopp, damals Vorsteherin des Justizdepartements, davon hörte, griff sie zum Telefon, um ihren Gatten Hans W., umtriebiger Advokat und Verwaltungsrat in der Firma des Verdächtigten, zu warnen.
Die Geldgeschäfte Mohammed Shakarchis standen am Anfang des grössten Politskandals der Schweizer Nachkriegszeit, der sogenannten Kopp-Affäre. Das heimliche Telefonat kostete im Dezember 1988 der ersten Bundesrätin der Eidgenossenschaft Amt und Würde.
Der Verdacht gegen Shakarchi erhärtete sich zwar nicht, das Verfahren gegen den Iraker wurde 1991 ergebnislos eingestellt. Aber sein Ruf war ruiniert. Als sich der mit einer Schweizerin verheiratete Geschäftsmann einbürgern lassen wollte, beschied ihm das Bundesamt für Polizeiwesen: «Ihre Einbürgerung würde in weiten Kreisen der Bevölkerung nicht verstanden.» 1992 musste er seinen Betrieb stilllegen, drei Jahre später erhielt er den Schweizer Pass doch noch. Da hatte er allerdings bereits beschlossen, mit seiner Familie nach Dubai auszuwandern.
«Ich hatte alles verloren», sagt Shakarchi. «Ich musste nochmals von vorn beginnen.» Heute geht es ihm besser denn je, finanziell zumindest. Er hat eine Firma aufgebaut, Emirates Gold, die grösste Edelmetallraffinerie und -schmelze im Mittleren Osten.
150 Tonnen Gold raffiniert das Unternehmen im Jahr, und im nächsten halben Jahr soll die Produktion verdoppelt werden. Denn seit November hat Dubai eine neue Gold- und Rohstoffbörse, und die Emirates Gold ist das einzige lokale Unternehmen, das den Dubai Good Delivery Standard erhalten hat. Diese Zertifizierung bedeutet, dass die Goldbarren aus Shakarchis Produktion im Clearing-System akzeptiert sind, was den Zutritt zum globalen Goldmarkt eröffnet. «It will create a tremendous business», Shakarchi verspricht sich eine goldene Zukunft.
Die Vergangenheit braucht den erfolgreichen Geschäftsmann nicht mehr zu kümmern. Mit der Schweiz hat er sich längst wieder versöhnt. «Dieses Land ist stets in meinem Herzen», lässt er ausrichten. «In diesem Land zu leben und meine Kinder grosszuziehen, war für mich wie der Himmel auf Erden.» Andreas Heller
Skinner, Deborah Totgeglaubte Tochter des berühmten Psychologen B. F. Skinner. Der Psychologe B. F. Skinner wurde durch seine Skinner-Box genannte Experimentierkiste bekannt, in der er das Lernverhalten von Ratten und Tauben erforschte. Als 1944 seine Tochter Deborah geboren wurde, baute er für sie eine schallgedämpfte beheizte Kinderkrippe hinter Glas, deren Vorzüge er in einem Artikel im «Ladies’ Home Journal» beschrieb. Der Säugling brauche zum Beispiel keine Kleider zu tragen, was seine Bewegungsfreiheit vergrössere und weniger Dreckwäsche zur Folge habe.
Unglücklicherweise lautete der Titel des Artikels «Baby in a Box». Daraus schlossen Leute, die den Text nicht genau lasen, dass er seine Tochter in einer Skinner-Box aufwachsen lasse und mit ihr experimentiere wie mit seinen Tieren. Später machte das Gerücht die Runde, Deborah Skinner sei als Folge davon in einer psychiatrischen Anstalt gelandet und habe sich schliesslich in einer Bowling-Bahn in Billings, Montana, erschossen. Selbst in Psychologievorlesungen wurde diese Legende unüberprüft weitergegeben.
Deborah Skinner ist verheiratet und lebt heute als Künstlerin in London. In unregelmässigen Abständen lässt sie in den Medien verlauten, dass sie noch nie in Billings war. Reto U. Schneider
Socks die Präsidentenkatze «Democat» oder «First Cat», die Katze von Ex-Präsident Bill Clinton. Bill Clinton war ein aussergewöhnlicher Präsident. Als einer der ganz wenigen erwirtschaftete er einen Haushaltsüberschuss, und als erster Präsident überhaupt zog er nicht mit einem Hund ins Weisse Haus, sondern mit einer Katze. Socks, so benannt nach den weissen Pfötchen, ist bis heute die berühmteste Katze der USA. Der «Socks The Cat Fan Club» zählte 1998 über 6000 Mitglieder.
Auf dem Höhepunkt der Lewinsky-Affäre wurde Socks zum Spielball Clintonscher PR: Um seine Verbundenheit mit traditionellen Werten zu beweisen, legte sich Clinton im Stil seiner Vorgänger einen «First Dog» zu, den schokoladefarbenen Labrador-Retriever Buddy.
Das erste tierische Gipfeltreffen fand auf dem Rasen vor dem Weissen Haus statt: Socks war schon auf der Wiese, als Clinton mit Buddy in einer Limousine vorfuhr. Der Hund wollte sofort auf den Kater losgehen, Clinton musste ihn zurückhalten. «Socks zitterte am ganzen Leib, sein Fell sträubte sich, aber er blieb mannhaft stehen», erzählt mit Pathos in der Stimme Jay Jacob Wind, der frühere Präsident des Socks-Fanclubs. Buddy und Socks seien «wie Hund und Katz», sagte später ein Sprecher des Weissen Hauses. Als die Clintons 2001 nach New York zogen, war Bill die tierischen Streitereien leid, Socks musste gehen.
Heute wohnt Socks an der Ostküste Marylands in Obhut der treuen Bettie Currie, einer früheren Assistentin Clintons. Currie gibt am Telefon resigniert Auskunft: «Wir leben hier unter falschem Namen, um nicht gestört zu werden.» - «Wie heisst denn Socks heute?» - «. . . ».
Socks ist 16 und erfreut sich bester Gesundheit. Katzen können bis zu 25 Jahre alt werden. Mikael Krogerus
Spitz, Mark Gewann siebenmal Gold an der Olympiade 1972 in München. Den einstigen Spitzenathleten sieht man ihm auch heute noch an. Mag der dichte Haarschopf von Mark Spitz inzwischen ergraut sein, seine kräftige Gestalt zeigt keine Abnützungserscheinungen, und sein Mundwerk ist nach wie vor bestens geschliffen. Öffentlich Gebrauch davon macht der siebenfache Schwimmolympiasieger von 1972 alle vier Jahre - dann nämlich, wenn wieder Olympische Spiele anstehen und irgendjemand es wagt, seinen Rekord herauszufordern.
Vergangenes Jahr war die Herausforderung von Michael Phelps gekommen, aber dem kecken US-Teenager reichte die Kraft in Athen «nur» zu sechs Goldmedaillen. Worauf Spitz ein weiteres Mal lachen durfte, war sein Ruhm doch für weitere vier Jahre gerettet. Anders als einst der Boxweltmeister Muhammad Ali prahlt der Mittfünfziger zwar nie direkt damit, «der Grösste aller Zeiten» zu sein, herauszuhören ist es zwischen seinen Sätzen jedoch allemal.
Die unverhohlene Selbstgefälligkeit des ausgerechnet in Modesto (Kalifornien) im Sternzeichen des Wassermanns Geborenen ist seinen Landsleuten stets unangenehm aufgefallen. Vielleicht setzte das US-Fachmagazin «Sports Illustrated» Spitz in der Top-100-Liste der Athleten des 20. Jahrhunderts deshalb nur auf den 33. Rang. Solche Nasenstüber kann der mit der Tochter eines steinreichen Grundstückmaklers aus Los Angeles verheiratete Ex-Schwimmer und Hobby-Segler lächelnd verkraften.
Vergessen ist das missglückte Comeback von 1991, als er vorgab, sich noch einmal für eine Teilnahme an Olympischen Spielen qualifizieren zu wollen, in Tat und Wahrheit aber nur seinen Teil des Werbevertrags mit einer Kosmetikfirma erfüllte. Längst hat Spitz, Vater zweier erwachsener Kinder ohne schwimmerische Ambitionen, sein Leben komfortabel eingerichtet. Und wenn er immer noch das Bedürfnis nach ein wenig Rampenlicht hat, so befriedigt er es wie im vergangenen Juli als Chef der US-Delegation an den Maccabiah Games, den Weltspielen der jüdischen Sportler in Israel. Rod Ackermann
Stanek, Bruno Kommentierte 1969 im Schweizer Fernsehen die erste Mondlandung. Bruno Stanek trägt Schwarz, dazu ein helles Jackett mit einem goldenen Spaceshuttle im Knopfloch, als er mich in Arth-Goldau am Bahnhof abholt. «Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass man diese Hosen nicht kaufen kann, die sind von der Schneiderin des Musicals <Space Dream>.» - «Gehen Sie so auch im Dorf einkaufen?» Er antwortet nicht. Dann hält er mir die Tür seines dunkelroten Cadillacs auf. Mit dem Finger würden sie auf sein Auto zeigen und schimpfen: zwanzig Liter! «Dabei verbraucht der elf Liter, wenn man so fährt wie ich.»
Bruno Stanek war 25 Jahre alt, als er 1969 im Schweizer Fernsehen die Mondlandung kommentierte. Heute ist er 62 und Verleger eigener DVD-Lexika zur Raumfahrt. «Können Sie davon leben?» - «Ich habe eine Siebentagewoche! Ich bin Autor, Programmierer, manage meinen Verlag und halte Vorträge in der ganzen Schweiz.» Stanek ist seit über dreissig Jahren verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.
«Wieso wurden Sie berühmt? Lag es an Ihnen oder am Ereignis?» - «In anderen Ländern waren die Kommentare teils unbrauchbar. Ich konnte es so erklären, dass es jeder verstand.» Er sagt, er habe damals erkannt, dass die Mondlandung ein Jahrtausendereignis sei. - «Weshalb nur Sie?» - «Weil ich kein typischer Schweizer bin, der sofort alles Mist findet, was die anderen machen.»
Dann ärgert er sich über die Schweiz und preist Amerika, ungefähr eine Stunde lang. Frustriert sei er aber «sicher nicht». - «Wären Sie gerne erfolgreicher?» - «Ich hätte in meinem Leben viel erfolgreicher sein können. Aber ich bin ein Idealist und kann es mir zum Glück leisten, einer zu sein.»
Wie schon 1969 im Fernsehen steckt seine linke Hand in der Jackentasche. «Mit 15 hatten Sie einen Unfall.» - «Wir hantierten mit allem, ausser mit Uran. Und dann musste ich halt einmal meine Finger von der Decke kratzen.» - «2018 will die Nasa wieder Astronauten auf den Mond schicken. Sie könnten das kommentieren?» - «Ich hoffe nicht, dass es die anderen so schlecht machen, dass ich das wieder tun muss.» Gudrun Sachse
Stenographie Kurzschrift, ermöglicht ebenso schnell zu schreiben wie zu sprechen. Schon die alten Römer kannten das Problem: Schreiben ist drei- bis viermal langsamer als Sprechen. Um die Reden im Senat zu dokumentieren, erfand Marcus Tullius Tiro eine Kurzschrift (Stenographie). Im 19. Jahrhundert erlebten ähnliche Akten- und Kanzleischriften in Europa eine neue Blüte, wobei jede Sprachregion gemäss ihren linguistischen Eigenheiten spezifische Kurzschriften erfand. In Deutschland setzte sich 1924 die deutsche Einheitskurzschrift durch; die Deutschschweiz und das Tessin entschieden sich für das System Stolze-Schrey. Bei diesem werden nur die Konsonanten ausgeschrieben und die Vokale durch Höher- oder Tieferstellen der Konsonanten sowie durch verstärkten Schreibdruck angezeigt. Häufige Vor- und Nachsilben und die gängigsten Wörter haben eigene Kürzungen.
Steno war von 1940 bis in die 1970er Jahre an den kaufmännischen Berufsschulen Pflichtfach. Heute wird aufs Tonband diktiert, oder der Chef schreibt seine Briefe gleich selber auf dem PC.
In der Schweiz gab es in den eidgenössischen Räten und in einigen Kantonsparlamenten insgesamt 18 Berufsstenographen. Mit Bernhard Luyten ging 1987 der letzte unter ihnen in Pension. Heute dokumentieren in den Parlamenten und an den Gerichten Tonbandredaktoren das Gesprochene.
Zählte der Schweizerische Stenographenverband in den besten Zeiten um die 4000 Mitglieder, sind es heute noch knapp 700. Und von den Hunderttausenden, die früher Steno in der täglichen Berufsarbeit wie im privaten Alltag brauchten, bleiben heute nur ein paar tausend. Die besten unter ihnen messen sich an den jährlichen Schweizerischen Stenographentagen. Einsame Spitze ist die 15fache Schweizer Meisterin Rosmarie Koller. Mit fast fehlerfreier Wiedergabe von Diktaten in acht Sprachen gewann sie am Intersteno-Kongress 2005 in Wien die Bronzemedaille. Herbert Cerutti
Stückelberger, Christine Dressurreiterin, erfolgreichste Schweizer Olympia-Teilnehmerin aller Zeiten. Die Deckhengste und Frau Stückelberger haben sich auf dem Hasenberg eingestallt. Der liegt oberhalb von Kirchberg im Kanton St. Gallen. Dort gehört der ehemaligen Dressurreiterin so ziemlich alles, was man zur erfolgreichen Zucht braucht: ihre Hengste Diamond, Ramiros Bube und Bollino. Wie ehedem ist sie mit ihrem Ehemann, Herrn Georg Wahl, einst Oberbereiter der Spanischen Reitschule, per Sie.
Die Deckbedingungen für ihre Pferde sind Gesetz: Die Gefriersamen liegen im Nationalgestüt in Avenches, und einmal Lieben kostet bei Diamond 1000 Franken. Das ist vergleichsweise billig: dasselbe bei Ramiros Bube kostet 1500 Franken. Immerhin war sein Vater der Sportpferdmacher schlechthin und einer der einflussreichsten Hengste Europas. Christine Stückelberger verkauft auch leichtrittige Dressurpferde mit Namen wie Donnerhall, von Rosenkavalier oder Fantastico KPW. Ihre Kunden sind von Welt, selbst der Aga Khan reitet ein Stückelbergisches Ross. Daniele Muscionico
Summerhill Hochburg der antiautoritären Erziehung. Leiston, Grafschaft Suffolk. Vierzig Minuten klapprige Bahnfahrt nördlich von Ipswich liegt Summerhill, die «älteste Kinderdemokratie der Welt». Die Schule, in der die Schüler selber bestimmen, welche Lektionen sie besuchen wollen. Die Bücher ihres Gründers, Alexander S. Neill, waren weltweite Bestseller. Der schottische Pädagoge - ein Freund von Bertrand Russell, Wilhelm Reich, Henry Miller - hatte seine erste antiautoritäre Schule 1921 bei Dresden eingerichtet. 1927 zog man nach Leiston. Aber erst in den 1960er Jahren passte die Vision zum Zeitgeist.
Aus dem Zeitgeist ist ein Randphänomen geworden, kein einziges englisches Buch von A. S. Neill ist mehr erhältlich. Das soll sich ändern. Im Januar erscheint bei der Open University Press ein neuer Sammelband mit Summerhill-Schriften. Ein Drittel davon stammt von Zoe Readhead, der Tochter von A. S. Neill, die die Schule heute führt. «Man interessiert sich wieder mehr für die Prinzipien von Summerhill», behauptet sie. Dabei hat Tony Blair dem britischen Schulwesen immer rigorosere Bestimmungen auferlegt.
Die widrigen Umstände scheinen Summerhill aber geholfen zu haben. 1999 verlangte das Erziehungsministerium von der Schule gravierende Veränderungen. Die Bedingungen verstiessen allerdings gegen die Gesetze der Europäischen Kommission für Menschenrechte. Ein Rekurs führte dazu, dass man es jetzt schwarz auf ministerialem Weiss hat: die Inspektoren müssen sich künftig den Statuten der Schule beugen. Die Publizität hat mehr Schüler denn je angelockt. Summerhill ist ein dunkel getäfertes Landhaus mitten in einem Park mit steinalten Bäumen. Verstreut stehen Baracken und Wohnwagen, in denen die in drei Altersgruppen aufgeteilten Schüler und das Personal wohnen. Auf einem Stundenplan tragen die Schüler ihre Namen ein, wenn sie Lektionen besuchen wollen.
Das mit einer Unzahl von Instrumenten versehene Musikstudio, ein bunter «Art Room» und ein mit halbfertigen Arbeiten verstellter Holzwerkraum zeigen, wo die Stärken des Systems liegen. «Wer will, kann sich ganz auf eine Sache konzentrieren», sagt Readhead. Im «Science»-Zimmer der jüngsten Schülergruppe ist ein halbes Dutzend Kids emsig mit Experimenten beschäftigt. Auch die Computer sind gut besetzt, aber ein Lehrer ist nirgends zu sehen: «Er musste aus familiären Gründen verreisen. Die Kinder führen die Arbeit auf eigene Faust weiter.»
Es gebe Schüler, die sehe man den ganzen Tag nie, weil sie lieber in den Bäumen herumkletterten. «Wichtig ist, dass man lernt, sich in die Gemeinschaft zu fügen.» Asoziales Verhalten wird beim School-Meeting, wo die Stimmen von allen, Erwachsenen und Kindern, gleich viel zählen, diskutiert und allenfalls mit Bussen geahndet.
Erfolgreiche Absolventen gebe es viele, sagt Readhead. Am bekanntesten ist wohl Gus Dudgeon, der Musikproduzent, der Elton John zum Erfolg führte - von ihm hängt eine goldene Schallplatte im Büro. Weitere Stars: die Schauspieler Rebecca De Mornay und Jake Weber sowie der Balletttänzer Michael Boulton. Dazu einige Professoren. «Es liegt in der Natur der Schule», sagt Readhead, «dass die Schüler das Selbstvertrauen haben, ihrer eigenen Nase zu folgen. Sie haben Erfolg - aber nicht unbedingt Erfolg, der mit den Kriterien der konventionellen Leistungsgesellschaft gemessen werden kann. Wenn sie Musiker sind, machen sie eher originelle Musik als Pop-Hits.» Hans-Peter Künzler
Telefonkabinen Öffentliche Häuschen mit Telefon. 1990 waren in der Schweiz 49 000 Publifone, wie die öffentlichen Fernsprechstellen heute amtlich heissen, in Betrieb. Dazu zählen Telefonkabinen auf öffentlichem Grund und private Publifone in Restaurants oder Geschäftshäusern. Bis 1997 erhöhte sich ihre Zahl auf 61 000. Just in diesem Jahr durchbrach die Zahl der Mobiltelefonbesitzer die Schallgrenze von einer Million - und die Kurve der Publifone begann rasch zu sinken. Im Jahr 2000 gab es 45 000, im Jahr 2004 noch 30 000 Publifone.
Wie geht es weiter? Sepp Frey von der Swisscom bestätigt, dass mit einer weiteren Abnahme der Publifone zu rechnen sei. Man evaluiere laufend die heutigen Standorte hinsichtlich ihrer «Bedürfnisrelevanz» und «Kostensituation». Das habe zur Folge, dass weitere Standorte geschlossen werden. Man erschliesse aber auch attraktive Orte mit neuen Telefonkabinen und rüste gewisse Publifone mit zusätzlichen Diensten wie SMS, E-Mail oder Fax aus.
Eine ganz und gar telefonkabinenlose Schweiz wird es schon von Amtes wegen nicht geben. Das Fernmeldegesetz regelt die Grundversorgung und verlangt pro politische Gemeinde mindestens einen öffentlichen Anschluss. Herbert Cerutti
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