NZZ Folio 10/09 - Thema: Die Zeitung   Inhaltsverzeichnis

Wer wohnt da? -- Kantige Italianità

© Heinz Unger
Einladung zum Eintreten. Auf die Durchsicht folgen tiefere Einblicke. Linktext
Ein Sesshafter ohne Patina? Ein reformierter Geigenbauer? Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.

Aufgezeichnet von Gudrun Sachse

Die Psychologin

Eine interessante Wohnung, mit ausgesuchten und speziellen Objekten bestückt; originell und geprägt vom Willen und vom Geschmack des Bewohners, lässt sie auf einen ebenso eigenwilligen Charakter schliessen.

Viel Platz braucht er, legt Wert auf freien Raum, er will sich ausbreiten und Auslauf haben in seiner Behausung. Trotz viel Leerfläche wirkt das Ganze warm und bewohnt, der Kaminsims ist für Kunst, darunter wird gefeuert.

Alles ist hier wohldurchdacht, überlegt und geordnet, Kante auf Kante, nichts Zufälliges, über das sich stolpern liesse. Etwas viel Konzept steckt in diesen Räumen – macht der Bewohner vielleicht auch beruflich Konzepte für Gebäude, Dinge oder Ideen? Oder ist bei so viel Ordentlichkeit und Aufgeräumtheit doch eine Frauenhand im Spiel? Ein Paar in guter Harmonie?

Der Bewohner hat Selbstvertrauen, er weiss, was und wie er es haben will. Jeder Stuhl hat seinen Platz und seine Bestimmung: zum Lesen, zum Telefonieren, für den Blick ins Cheminéefeuer oder nur fürs Auge. Unser Bewohner scheint angekommen und gewissermassen sesshaft zu sein, aber kein Gesetzter, dafür hat das Ganze noch zu wenig Patina. Die geschmackvoll eingerichteten Räume würden fast ein wenig langweilig und brav wirken, wäre da nicht dieses Riesenviech hinter dem Tisch. Ist das so etwas wie ein fülliger Mitbewohner oder gar – man verzeihe den Psychojargon – eine Art Selbstbildnis? Nashörner leben bevorzugt als Einzelgänger… Jedenfalls ist dieser Dauergast wirklich eine Wucht.

Ob andere Gäste manchmal die Thonet-Stühle aus der geometrischen Linie rücken dürfen? Hier wohnt man lebensfroh und menschenfreundlich, ist aber auch sehr gerne allein.

Ingrid Feigl


Der Innenarchitekt

Die Räume wurden leise und unauffällig inszeniert. Die Bewohner scheinen sich in der gekonnten Komposition von Gegenständen auszukennen. Viel zu ausgewählt sind die Stücke auf diesen Bildern, als dass der Zufall mitgespielt haben könnte. Mehrheitlich wird eine Person zu Hause sein.

Die Wohnungseinrichtung reiht sich einer einzigen stilistischen Linie entlang. Glanzverchromtes Stahlrohr, schwarzes Leder, Stahlblech und ein Telefonapparat weisen den Weg in die Wohnung. Das Telefon stammt aus einer Zeit, als noch ordentliche Telefongespräche geführt wurden. Man nahm sich Zeit, das Telefon hatte einen Ort und keine SIM-Karte.

In dieser Wohnung stehen ein paar Glücksfälle aus der Designgeschichte. Produkte, die nicht nur einen Designernamen tragen, sondern hochwertig angefertigt wurden. Lifestyle hat keinen Platz. Der hier lebenden Person sind alte Werte wichtig, das ist aber auch schon ­alles, was auf einen Geigenbauer oder Schuhmacher als Bewohner schliessen liesse.

In diesen Räumen muss ein reformierter Geist wohnen, Ulrich Zwingli kann nicht weit weg sein. Und doch scheinen hier Schalk und Lebensgenuss ebenfalls zu Hause zu sein.

Achille Castiglionis Leuchten über dem Tisch, die er ursprünglich für die damalige Splügen-Bar in Mailand entworfen hat, strahlen Italianità aus. Da, wo sie herkommen, wurde gut gegessen, gut getrunken und viel geplaudert. Das Italien der 1960er Jahre strahlt wortwörtlich über die Wohnung. Versteckt sich hier doch vielleicht Anita Ekberg?

Jörg Boner


Stefan Zwicky und Judith Raeber, Innenarchitekt und Architektin

«Müsste ich meine Wohnung beurteilen, wie ich die anderer Leute zwei Jahre lang fürs Folio beurteilt habe, tippte ich auf einen Bewohner, der mit Gestaltung zu tun hat. Zudem verstand der Erbauer des Hauses, Otto Salvisberg, etwas vom Wohnen, was heute nicht mehr oft der Fall ist. Seine Idee war es, Wohnungen als Villen im Kleinformat zu erschaffen.

Meine Wohnung, mitten in Zürich, hat nur 80 m², wirkt aber durch den Eingangsbereich in der Art einer kleinen Halle recht geräumig. Eine Glastür trennt den Eingang vom grössten Raum, dem Wohnzimmer.

Der Wohnblock hat drei Hausein­gänge. Wir Mieter haben untereinander kaum Kontakt, nach Eiern oder Milch frage ich selten. Bevor ich vor 14 Jahren hier einzog, lebte ich in Albisrieden in einem 300 Jahre alten Haus ohne Badezimmer. Ich wusch mich all die Jahre im Waschbecken oder ging in die Badi Enge. Das ging gut.

Judith und ich sind seit acht Jahren zusammen. Sie hat eine Wohnung in Luzern. Wir leben halb hier, halb dort.

Aus Albisrieden nahm ich einzig den Sessel von Le Corbusier und das alte Telefon mit. Mit so einem Apparat bekommt das Telefongespräch ein ganz anderes Gewicht; im Streitfall lässt sich der Hörer theatralisch auf die Gabel knallen. Natürlich besitze ich auch ein Handy, aber kein I-Phone. Meines Erachtens ist das meiste in diesen Geräten überflüssig. Mein nächstes Handy wird ein grosses sein, mit einfach zu drückenden Knöpfen.

Ich bin ein Morgenmensch, abends kann ich plötzlich nicht mehr. Bei schönem Wetter gehe ich nach dem Aufstehen in den Zürichsee. Ich schwimme eine halbe Stunde, bin alleine unter Enten und Ruderern. Ich versuche ausserdem, einmal wöchentlich in den Wald zu kommen, zu wandern oder zu saunieren. Uniformierte, institutionalisierte Sportarten liegen mir nicht.

Ob es für einen Innenarchitekten wichtig ist, gewisse Möbel zu besitzen? Ein Sofa, mein erstes Sofa überhaupt, leistete ich mir, als ich in diese Wohnung einzog. Ich denke, dass sich jeder das aussucht, was ihm am besten gefällt. Oft hat man Vorbilder, deren Einrichtung man nacheifert, man sieht die unterschiedlichsten Dinge, verbringt Zeit an den unterschiedlichsten Orten, das prägt den Stil und die Lebensgeschichte.

Ich kenne Leute, die ständig ihre Möbel wechseln. Zu denen gehöre ich nicht. Ich bin eher der Typ Maulwurf, der beständig Ware in seinen Bau hineinträgt. Menschen sind Raffer. Ende Jahr ist bei mir immer mehr hinein- als hinausgewandert.

Ich bin ein ordentlicher Mensch, ich wasche selbst, leiste mir aber eine Putzfrau, die auch bügelt. Es fällt ja doch so einiges an: einkaufen, Müll rausbringen, das braucht alles Zeit.

Ob man mich einladen darf oder Gefahr läuft, dass ich Kritik an der Einrichtung übe? Gute oder schlechte Einrichtung gibt es nicht. Dass sich jeder nach seinem Gusto einrichtet, macht es spannend. Ganz abgesehen davon: wenn es etwas Gutes zu Essen gibt, lasse ich mich überall nieder.

Abends bin ich gegen sieben Uhr daheim. Mein Büro ist nur zehn Minuten entfernt. Ich gehe meist zu Fuss, habe aber auch einen Parkplatz hinterm Haus – an bester Lage. Den leistete ich mir, weil ich abends keine Nerven mehr habe, stundenlang einen Parkplatz zu suchen. Früher sah ich aus meinem Wohnzimmer das Kongresshaus. Heute steht in Sichtweite das Hotel Park Hyatt. Die Etage, in die ich blicke, ist nicht bewohnt und insofern unspektakulär.

Meine Wohnung beurteilen zu lassen, ist mir nicht unangenehm. Wenn wir Gäste einladen, sehen die auch, wie ich lebe. Zudem ist ein Mensch, der mit einer sieben Meter langen Fensterfront lebt, ein offener Typ.

Wir haben sehr gerne Gäste, leider weniger oft, als wir möchten. Mit dem Kochen beginnen wir dann meist drei Stunden im voraus. Judith und ich kochen auch gerne gemeinsam. Das Nashorn hinter dem Esstisch ist eine Fotografie von Balthasar Burkhard. Ich konnte das Kunstwerk damals günstig erwerben, manchmal gibt es solche Glücksfälle. Es gab auch noch das Bild eines Esels, aber das Nashorn passt – ich muss mich auch oft durchsetzen und brauche eine dicke Haut.»

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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