NZZ Folio 01/10 - Thema: Der Tod   Inhaltsverzeichnis

Nur im Internet: Ein veröffentlichter Tod

In seinem Buch «Ausgang» (Edition Epoca, 2009) hat Ueli Oswald publik gemacht, dass sein 90jähriger Vater, der bekannte Manager Heinrich Oswald, mit Hilfe einer Sterbehilfeorganisation aus dem Leben schied. Hier schreibt Ueli Oswald darüber, was sein Buch ausgelöst hat, welche Reaktionen er in Lesungen und Diskussionen bekam.

Von Ueli Oswald

Mein Vater war fast 91, als er, seines erfüllten Lebens satt, fand, es sei an der Zeit zu sterben. Die meisten Menschen warten, bis der Tod zu ihnen kommt; mein Vater beschloss, dem Tod entgegenzugehen, und wandte sich an eine Sterbehilfeorganisation. Seine Entscheidung traf er nicht von heute auf morgen, sondern in einem monatelangen Prozess – im Ringen mit sich selbst, in langen Gesprächen mit Vertrauten und Auseinandersetzungen mit Eingeweihten. Darüber habe ich ein Buch geschrieben.

Die „Neue Zürcher Zeitung“ und „Das Magazin“ haben darüber grössere Berichte gebracht, auch das Schweizer Fernsehen brachte einen 5-Minuten-Beitrag. In der Schweiz stand das Buch nach Erscheinen schnell in den Charts. Was veranlasst die Menschen, das Buch zu kaufen? Geht es ihnen um die Person meines Vaters, der zu Lebzeiten häufig in der Öffentlichkeit stand? Oder ist es die Tatsache, dass die Entscheidungsfindung und der Ablauf eines selbstbestimmten Todes dokumentiert wird – bis zum letzten Atemzug? Den Medien, da bin ich mir sicher, hat das Zusammentreffen der zwei Komponenten gefallen, so nach dem Motto „Bekannte Persönlichkeit nimmt sich das Leben“.

„Ausgang“, so habe ich das Buch betitelt, fand eine Gesellschaft vor, die sich gerade intensiv mit dem Tabuthema Sterbehilfe auseinandersetzen musste. Dignitas, die eine Schweizer Sterbehilfeorganisation, kämpfte einmal mehr mit einer Schweizer Gemeinde um das Recht, in einer Wohnung eines bestimmten Siedlungsgebiets Sterbehilfe leisten zu können; Exit, die zweite Sterbehilfeorganisation, hatte soeben mit dem Kanton Zürich eine Vereinbarung ausgearbeitet, unter welchen Bedingungen Sterbehilfe rechtlich straffrei bleibe. Die Öffentlichkeit reagierte erleichtert oder empört, der Bundesrat geriet in Zugzwang, gültige Richtlinien für die ganze Schweiz zu formulieren. Dem einen oder anderen mag meine detaillierte Schilderung eines angekündigten Todes gerade recht gekommen sein, um seinen Standpunkt zu untermauern. Ich werde zu Talkshows und Interviews eingeladen, um als Betroffener meine Sichtweise zu äussern. Es gäbe viele andere, die aus der gleichen Betroffenheit heraus genau so viel zu sagen hätten, aber die schweigen eben.

Die wirklichen Berührungen mit Leserinnen und Lesern finden aber in der direkten Auseinandersetzung, in Briefen, Mails oder Telefongesprächen, statt. Ich habe die Leserschaft sehr persönlich an meinen Erlebnissen, Erinnerungen und Gefühlen teilhaben lassen, das danken sie mir in den meisten Fällen mit ebensolcher Offenheit. Erst jetzt erfahre ich, dass sich die Mutter meiner Nachbarin auch mit einer Sterbehilfeorganisation von ihrer unheilbaren Krankheit befreit habe. Und erst heute, nach zwanzigjähriger Beziehung zu meinem Hausarzt, mag er mir erzählen, dass sein Vater sich mit etwas über vierzig Jahren wortlos das Leben genommen habe. Damit will er mir trostspendend sagen, dass es die bessere Lösung sei, wenn man sich von seinen Lieben verabschieden könne.

Über den Tod zu sprechen, auch oder gerade wenn er bewusst gesucht und gefunden worden ist, scheint vielen Menschen ein Bedürfnis zu sein, so zumindest muss ich die Zusendungen interpretieren, die mich erreicht haben. Meistens sind die Absender Menschen, bei denen der Tod schon in nächster Nähe vorbeigekommen ist. Es gibt keine einschneidenderen Ereignisse im Leben eines Menschen als die Geburt und den Tod. Warum also soll gerade über letzteres geschwiegen werden?

Eine Mutter und Fachhochschuldozentin hat in einer Mail ihren Dank für die feinfühlige Schilderung einer Vater-Sohn-Beziehung ausgedrückt. Seither rätseln wir per Mail hin und her, wie wir es mit unseren eigenen Kindern halten und ob sterben vielleicht aufwachen bedeutet, aufwachen in einem anderen, grösseren Leben. Und ein Professor aus Basel bedankt sich ganz besonders für die kleine Szene in meinem Buch, wo der Vater uns Söhne lehrt, aus Föhrenrinde Holzboote zu schnitzen. Er revanchiert sich mit einem Buch über seine Jugenderinnerungen, die wiederum in mir viel Schlummerndes wecken. Überhaupt erstaunt mich, wie viele Menschen, die in Kontakt mit mir getreten sind, nicht den Freitod in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen stellen, sondern die Frage, wie sie zu ihren Eltern, vielmehr noch aber zu ihren Kindern stehen. Sind sie gegenüber ihren Kindern offen, würden sie die Nachkommen in eine solche Entscheidungsfindung einbeziehen wollen? Das sind meistens Männer und Frauen zwischen vierzig und sechzig, die im Stammbaum nach oben und unten verbunden sind.

Wer veröffentlicht – und das hat wenig mit dem Inhalt zu tun –, wird von neuen Unbekannten, aber auch von alten Bekannten entdeckt. So fand mich ein Arbeitskollege aus Hamburger Zeiten, die dreissig Jahre zurückliegen, wieder. Und meine erste Jugendliebe, mit der ich seit vierzig Jahren keinen Kontakt mehr hatte, schrieb mir auf mein Buch hin. Das ist eine Bereicherung.

Wo aber bleiben die Kritiker? Sie melden sich leider kaum bei mir. Und wenn, dann meistens sehr zurückhaltend. Was wohl der Vater zu diesem Buch gesagt hätte? Warum es denn habe sein müssen, dass diese Geschichte veröffentlicht werde. Die Beziehungen zwischen den Eltern und zu den Kindern, der Hirntumor der Mutter und ganz besonders der Freitod des Vaters, das seien doch Familienangelegenheiten und hätten weder zwischen Buchdeckeln noch in der Öffentlichkeit etwas verloren. Wohlwollende mutmassen ein „Sich-von-der-Seele-Schreiben“, Verärgerte unterstellen mir eine Abrechnung mit dem Übervater. Schreiben hilft, schwierige Lebensphasen besser verarbeiten zu können, das gebe ich unumwunden zu. Aber dazu reicht das Tagebuch. Und wenn zwischen Vater und mir noch Rechnungen offengestanden hätten, so hätte uns gerade Vaters Offenlegung seiner Absichten genügend Zeit geschenkt, diese rechtzeitig begleichen zu können. Wir sind in Frieden voneinander geschieden.

Kritik höre ich meistens aus zweiter Hand, über Bekannte. In den meisten Fällen nahmen die Verärgerten nur die Medienberichte zu sich, verkürzte Versionen, die offenbar schwer verdaulich waren. Über Tote schreibe man nicht schlecht. Diese Menschen müssen den Freitod im hohen Alter für etwas Verwerfliches halten oder meine Schilderung der Vater-Sohn-Beziehung als unangebrachte Kritik interpretieren. Vielleicht halten sie mich für einen schlechten, undankbaren Sohn. So oder so, ihre Äusserungen sagen viel über ihr eigenes Denken aus. Möglicherweise bleiben diese Menschen zu meinem Bedauern gerade deshalb im Verborgenen. Würden sie sich mir gegenüber so öffnen wie jene, die mir aus Betroffenheit heraus schreiben, dann könnte ich Vermutungen durch Fakten ersetzen.

Geschwiegen wird auch in Deutschland. Nur vereinzelt wollen deutsche Redaktionen das Buch rezensieren. Darüber habe man in letzter Zeit genug geschrieben. Was sie meinen, ist Literatur über das hautnah erlebte Sterben an Krebs, das langsame Erlöschen durch Alzheimer oder den Verlust durch einen plötzlichen Tod. Vielleicht war mein Vater in Deutschland einfach zu wenig prominent, als dass die Journalisten sich mit meinem Buch auseinandersetzen mögen. Wird darauf hingewiesen, dass es sich bei „Ausgang“ um eine Geschichte rund um Sterbehilfe handle, ist es zwar nicht mehr „déjà vu“, dafür aber besonders heikel. Deutschland mit seiner 3.-Reich-Vergangenheit und dem zum Glück stark vorhandenen kritischen Bewusstsein gegenüber Euthanasie geht mit Sterbehilfe anders um. Man schweigt und treibt die Sterbewilligen zum selbstbestimmten Tod über die Grenze in die liberalere Schweiz. Da mutet der Kommentar zum Buch in einer deutschen Regionalzeitung schon sehr provokativ an: „Die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, wann es Zeit ist zu gehen, erscheint als eine befreiende Perspektive. Die vergreisende Gesellschaft wird sich dieser Problematik stellen müssen.“

Kritische Ethiker und Moralisten halten sich aber auch in der Schweiz dezent zurück. Biete ich keine Angriffsfläche, oder ist Schweigen der beste Angriff, wenn es darum geht, ein Tabu aufrechtzuerhalten? Vermutungen, nichts als Vermutungen. Wären Anfang und Ende des Lebens ein Mysterium, über das zu sprechen uns Menschen nicht zusteht, so müssten wir auch über Empfängnis und Geburt schweigen. „Tod bereitet Trauer“, hat mir ein Redaktor erklärt, „da redet man nicht gerne darüber.“ Wenn dem so wäre, dann gäbe es in anderen kulturellen Räumen keine Klageweiber, und die Medien wären nicht voll von traurigen Geschichten. Warum tabuisieren wir in unserer Gesellschaft den Tod? Warum wird er vom Leben getrennt, obwohl er untrennbar mit dem Leben verbunden ist? Ich habe noch keine Antwort gefunden. Genau das ist der Grund, warum ich meine Erfahrungen veröffentlicht habe. Vielleicht ist da draussen jemand, der es besser weiss als ich. Sie oder er soll mir schreiben. Ich wäre dafür unendlich dankbar.

Ueli Oswald ist Publizist und Mediator; er lebt in Zürich. 
ueli.oswald@solve-mediation.ch


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.